Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 15. Mai 2026, 14:05
Vorschlag 1
Jede Fiktion ist eine Realität, da Fiktionen, Imaginationen und Einbildungen offensichtlicher Teil der Gesamtheit des Seienden sind.
Daraus, dass
fiktionale (= nichts Reales repräsentierende) Repräsentationen fiktiver Objekte/Personen existieren, folgt nicht, dass
fiktive Objekte/Personen existieren.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 15. Mai 2026, 14:05
(Wichtig: Man kann dabei nicht – wie hier wiederholt geschehen – sinnvoll behaupten, es gäbe zwar die Artefakte (Imaginationen/Einbildungen/…), aber nicht deren Inhalte – also beispielsweise Holmes. Da Artefakt und Inhalt ontologisch aufeinander verweisen. Das Artefakt existiert, indem seine Inhalte existieren, und umgekehrt. Das heißt, wer zugesteht, dass das Artefakt existiert, hat den Inhalt notwendig mitgekauft, denn ohne ihn existiert das Artefakt nicht. Das Artefakt ist keine Dose, die man leeren kann und die unabhängig vom Inhalt existiert. Wichtig: Das Artefakt ist dabei nicht einfach identisch mit seinem Werkkörper (Papier, Druck, Datei …), auch wenn dieser seine notwendigen materiellen Bedingungen bildet. Wer die Existenz der Inhalte leugnen will, muss leugnen, dass es Artefakte überhaupt gibt!)
Vorstellungsakte und ihre subjektiven Inhalte sind keine Artefakte (Kunstwerke), sondern natürliche psychische Phänomene; und sie existieren unabhängig davon, ob ihre intentionalen Gegenstände existieren oder nicht.
Es gibt Philosoph/inn/en wie Amie Thomasson, die an fiktive Entitäten glauben und sie für
abstrakte Artefakte halten. Doch da taucht gleich ein großes Problem auf:
"Man muss räumlich anwesend sein, um Pfeife zu rauchen. Wenn Sherlock Holmes ein abstraktes Artefakt ist, ist er kein räumlich anwesender Mensch und hat daher keine Pfeife geraucht. Dennoch behaupten die Geschichten das Gegenteil. Wie viele Geschichten erzählen sie die Unwahrheit, und das sollte uns nicht überraschen, denn Wahrheit, oder zumindest die banale, alltägliche Wahrheit, ist kein Ziel der Fiktion. Hier stoßen wir auf die erste Schwäche der Theorie abstrakter Artefakte: Fiktive Figuren sind abstrakt, werden aber so beschrieben, als wären sie konkret. Ihnen werden Eigenschaften zugeschrieben, die konkreten Dingen angemessen sind, nicht abstrakten." [übersetzt von Google]
(Sainsbury, R. M. Fiction and Fictionalism. Abingdon: Routledge, 2010. p. 93)
"Wenn wir an fiktive Entitäten denken, betrachten wir sie nicht als abstrakt. Autoren, die es eigentlich wissen müssten, würden sich vehement gegen die Annahme wehren, sie seien abstrakt. Die Theorie abstrakter Artefakte impliziert, dass Produzenten und Konsumenten fiktionaler Kunst einem Irrtum unterliegen. Fiktive Charaktere besitzen keine der Eigenschaften, die ihnen bei ihrer Erschaffung zugeschrieben werden. Das ist rätselhaft: Conan Doyle legt fest, dass Holmes einen Deerstalker [eine Jagdmütze aus Tweed] trägt; es gibt also eine Figur namens Holmes, doch diese Figur besitzt letztendlich nicht die Eigenschaft, einen Deerstalker zu tragen (d. h. sie exemplifiziert diese Eigenschaft nicht)." [übersetzt von Google]
(Sainsbury, R. M. Fiction and Fictionalism. Abingdon: Routledge, 2010. p. 111)
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 15. Mai 2026, 14:05
Vorschlag 2
„Es gibt einfach nichts, was es nicht gibt.“ Denn sobald wir über etwas sprechen, nachdenken oder es imaginieren, ist es bereits als existent gesetzt.
Das ist schlicht und ergreifend falsch!
Es gibt zwar nichts, was es nicht gibt; aber
vieles, worüber wir sprechen, nachdenken oder Vorstellungen bilden,
gibt es nicht.
"Wir unterscheiden unter den Dingen, die wir denken, jene, die sind, von denen, die nicht sind."
(Brentano, Franz. Kategorienlehre. 1933. Hrsg. v. Alfred Kastil. Nachdruck, Hamburg: Meiner, 1985. S. 58)
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 15. Mai 2026, 14:05
Vorschlag 3
Sherlock Holmes existiert objektiv, da man über ihn wahre und falsche Aussagen machen kann; jedes x, worin man sich irren kann, existiert objektiv, weil dieses x das Maß dessen ist, was die Aussage wahr oder falsch macht.
"Sherlock Holmes existiert nicht" ist (meines Erachtens) eine wahre Aussage, deren Wahrheit natürlich nicht Holmes' Existenz impliziert.
Wenn es andere, insbesondere positive Wahrheiten über Holmes gäbe, dann wäre Holmes
als inexistente Person nicht Teil ihrer Wahrmacher. Wenn es wahr wäre, dass Holmes ein Detektiv ist, dann wäre der Wahrmacher dieser Wahrheit die Tatsache, dass der Holmes-Erdenker Arthur Conan Doyle ihm die Eigenschaft des Detektivseins zugeschrieben hat, und dass wir diese Zuschreibung in unseren Holmes-Gedanken und -Gesprächen übernommen haben.
Doch, wie gesagt, meiner Auffassung nach ist die Aussage
"Sherlock Holmes ist ein Detektiv" nicht wahr, sondern
falsch, eben weil Holmes daseinslos und somit auch soseinslos ist. Aber ich nenne diese Aussage trotz ihrer Falschheit
gültig (im Sinn von "gesellschaftlich geltend durch willkürliche Satzungen, Festlegungen, Bestimmungen, Vereinbarungen", "allgemeine Anerkennung, Geltung besitzend").
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 15. Mai 2026, 14:05
Vorschlag 4
Fiktive Erzählungen besitzen eine Autonomie und strukturelle Eigenlogik, die echte Zwänge erzeugt und über die rein subjektive Vorstellung des Autors hinausgeht. Holmes ist also keineswegs bloß abhängig von der Phantasie des Autors.
Die "Eigenlogik" fiktionaler Texte impliziert keine realistische Ontologie fiktiver Objekte/Personen.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 15. Mai 2026, 14:05
Vorschlag 5
„Realität“ und Fiktion sind strukturell verknüpft durch Werkkörper, Erfahrung, Recherche und objektive Möglichkeiten. Eine scharfe Trennung ist gar nicht möglich.
Doch, sie ist sowohl möglich als auch notwendig!
"A robust sense of reality is very necessary in framing a correct analysis of propositions about unicorns, golden mountains, round squares, and other such pseudo-objects."
————————————
"Ein robuster Realitätssinn ist für eine korrekte Analyse von Aussagen über Einhörner, goldene Berge, runde Quadrate und andere derartige Pseudoobjekte unerlässlich." [übersetzt von Consul]
(Russell, Bertrand. Introduction to Mathematical Philosophy. 1919. Reprint, Abingdon: Routledge, 2023. p. 162)
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 15. Mai 2026, 14:05
Vorschlag 6
Etwas, das von sozialen Konventionen abhängt, wie hier behauptet wurde, muss existieren, da Nichtexistentes ontologisch von nichts abhängen könnte. Gerade die Tatsache, dass vieles in unserer Lebenswelt durch soziale Praktiken entsteht, deren Realität wir nicht anzweifeln würden – etwa Tische und Ampeln – spricht ebenfalls dafür, die Realität von Artefakten und deren Inhalten wie Holmes zu akzeptieren.
Dass die (Un-)Gültigkeit von Aussagen über Fiktives von sozialen Konventionen abhängt, bedeutet nicht, dass das Fiktive, worüber etwas ausgesagt wird, davon
seinsabhängig ist—was in der Tat die Existenz des betreffenden Fiktums implizieren würde. Fikta sind jedoch von nichts seinsabhängig, weil sie seinslos sind:
Was nicht ist, ist von nichts abhängig (und auch von nichts unabhängig).
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 15. Mai 2026, 14:05
Vorschlag 7
Zu existieren heißt, ein Muster in einem Muster (in einem Muster) zu sein. Das ist gut gedeckt durch naturwissenschaftlich inspirierte Sichtweisen, die Substanzen letztlich verabschiedet haben. Gemäß diesem Vorschlag gehört Sherlock Holmes als Muster in einem Muster ebenso zur objektiven Wirklichkeit wie der Eiffelturm oder Elektronen.
Der antisubstanzialistische Strukturalismus ist nur eine ontologische Sichtweise unter mehreren; und die Substanzontologie ist auch im Zeitalter der Quantenphysik weiterhin konsistent vertretbar.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 15. Mai 2026, 14:05
Vorschlag 8
Geistabhängigkeit ist kein Indiz für Inexistenz, da der Geist selbst existiert und reale Muster hervorbringt.
Jedwede Art von Abhängigkeit von etwas von etwas anderem setzt die Existenz
beider Relata der Abhängigkeitsbeziehung voraus. Zwischen dem inexistenten Sherlock Holmes und dem existenten (Denken und Schreiben von) Arthur Conan Doyle hat folglich niemals eine Abbhängigkeitsbeziehung bestanden.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 15. Mai 2026, 14:05
Vorschlag 9
In gewisser Hinsicht ist auch Holmes "unabhängig". Holmes ist durch spezifische Merkmale eindeutig identifizierbar (z. B. Detektiv, 19. Jahrhundert, Doyle). Diese intersubjektive Zugänglichkeit – die Tatsache, dass viele Menschen unabhängig voneinander denselben Holmes in Büchern und Filmen erkennen – ist ein Hinweis auf eine Form von unabhängiger Existenz.
Sowohl Abhängigkeit als auch Unabhängigkeit setzt das Dasein des Abhängigen oder Unabhängigen voraus, welches im Fall von Holmes nicht gegeben ist.
Die fiktive Person Sherlock Holmes hat eine "offizielle" fiktive Identität, die konventionell festgelegt worden ist, und deren "intersubjektive Zugänglichkeit" eine Sache kollektiver Intentionalität sowie öffentlich verfügbarer und geteilter kultureller Information ist.
Holmes' Existenz lässt sich daraus nicht ableiten, geschweige denn "eine Form von unabhängiger Existenz".