Was Nietzsche hier vorschlägt, läuft ja letztlich auf eine Art Personenkult hinaus. Es soll nicht Jesus oder Buddha, sondern Zarathustra verehrt werden. Nun, Personenkult als politische Strategie gibt es, das hatten wir schon ausprobiert, mit Hitler, Stalin, Kim Jong Un usw. Auch unsere Demokratie enthält noch Elemente des Personenkults. Im Wahlkampf sieht man auf den Wahlplakaten keine Inhalte, sondern Gesichter.Timberlake hat geschrieben : ↑Mo 18. Mai 2026, 15:44"Dieses Werk steht durchaus für sich. Lassen wir die Dichter beiseite: es ist vielleicht überhaupt nie etwas aus einem gleichen Überfluß von Kraft heraus getan worden. Mein Begriff »dionysisch« wurde hier höchste Tat; an ihr gemessen erscheint der ganze Rest von menschlichem Tun als arm und bedingt. Daß ein Goethe, ein Shakespeare nicht einen Augenblick in dieser ungeheuren Leidenschaft und Höhe zu atmen wissen würde, daß Dante, gegen Zarathustra gehalten, bloß ein Gläubiger ist und nicht einer, der die Wahrheit erst schafft, ein weltregierender Geist, ein Schicksal –, daß die Dichter des Veda Priester sind und nicht einmal würdig, die Schuhsohlen eines Zarathustra zu lösen, das ist alles das wenigste und gibt keinen Begriff von der Distanz, von der azurnen Einsamkeit, in der dies Werk lebt. Zarathustra hat ein ewiges Recht zu sagen: »ich schließe Kreise um mich und heilige Grenzen; immer wenigere steigen mit mir auf immer höhere Berge – ich baue ein Gebirge aus immer heiligeren Bergen.« Man rechne den Geist und die Güte aller großen Seelen in eins: alle zusammen wären nicht imstande, eine Rede Zarathustras hervorzubringen. Die Leiter ist ungeheuer, auf der er auf und nieder steigt; er hat weiter gesehn, weiter gewollt, weiter gekonnt, als irgendein Mensch."
Nietzsche .. Ecce Homo
Nur scheint mir diese Leiter, wie es hier heißt, auf der er, also Zarathustra auf und nieder steigt und auf der er weiter gesehen, gewollt und gekonnt hat, als irgendein Mensch, nicht für jeden gemacht. Aber was könnte von seiner Dimension her, wenn wir von der Abschaffung des Geldes und somit des ganzen Geldsystems nicht geeignete sein, als eben diese Leiter?
Ich würde es gerne mal zur Abwechslung ohne Personenkult versuchen. Für mich ist politischer Aktivismus eine kollektive Anstrengung, die nicht auf Personenkult, sondern auf Organisation und Inhalte angewiesen ist.
Die Formulierung "Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft" finde ich teilweise passend, teilweise aber auch irreführend. Irreführend ist diese Formulierung deswegen, weil unsere "Frühgeburten" nicht "unbewiesen" sind. Nach meiner Ansicht muss es bei solchen gravierenden Themen unser Anspruch sein Beweise oder zumindest Argumente zu liefern. Was dabei herauskommt, ist tatsächlich neu und namenlos, aber es kommt nicht aus dem Nichts, sondern aus begründeter Kritik an dem, was gerade im aktuellen System schiefläuft.Timberlake hat geschrieben : "Um diesen Typus zu verstehn, muß man sich zuerst seine physiologische Voraussetzung klarmachen: sie ist das, was ich die große Gesundheit nenne. Ich weiß diesen Begriff nicht besser, nicht persönlicher zu erläutern, als ich es schon getan habe, in einem der Schlußabschnitte des fünften Buchs der »gaya scienza«. »Wir Neuen, Namenlosen, Schlechtverständlichen« – heißt es daselbst –, »wir Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft, wir bedürfen zu einem neuen Zwecke auch eines neuen Mittels, nämlich einer neuen Gesundheit, einer stärkeren gewitzteren zäheren verwegneren lustigeren, als alle Gesundheiten bisher waren"
Nietzsche .. Ecce Homo
Denn zu dieser große Gesundheit, der Neuen, Namenlosen, Schlechtverständlichen« ,der Frühgeburten einer noch unbewiesenen Zukunft, was zweifelohne eine Zukunft ohne Geld und somit ohne Geldsystem tatsächlich ist, zählen diese Erfahrungen bei BlackRock ganz sicher nicht. Wie von dir richtig erkannt , ganz im Gegenteil ...
Das Problem ist, dass Nietzsche hier eine Art Körperlichkeitskult betreibt, indem er eine "physiologische Voraussetzung" verwendet und von einer "neuen Gesundheit" spricht. Mag sein, dass er das alles nur metaphorisch und nicht wörtlich meint, aber trotzdem möchte ich mich davon distanzieren. Es gibt ja ausreichend Argumente, um das System zu kritisieren. Du selbst lieferst gerade welche, indem du dir von Pispers das Scheitern der Riester-Rente vorrechnen lässt. Wozu braucht es dann so einen heroischen Personen- und Körperlichkeitskult? Warum erklären wir den Leuten nicht einfach, was da alles schlecht läuft? Und zwar bitteschön mit soliden Fakten, davon gibt es genug.
Nietzsche neigt dazu den Außenseiter zu zelebrieren und deswegen verstehe ich deine Assoziation ein Stück weit. Wir sollten aber nicht vergessen, dass wir nicht von dem "Schlechtverständlichen" ausgehen müssen, sondern eigentlich sehr klare Argumente haben, um den Kapitalismus zu kritisieren. Bei aller Wertschätzung für Nietzsche - wir müssen nicht in unverständliche Poesie verfallen,.