Multiple Realisierung

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt sich in der Philosophie der Zweig der analytischen Philosophie, deren Grundlagen u.a. auch die Philosophie des Geistes (mind) betreffen
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AufDerSonne
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Do 4. Jan 2024, 10:24

Michael7Nigl hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 00:54
AufDerSonne hat geschrieben :
Mi 3. Jan 2024, 12:52
Ich würde sagen, die Menschen sind in ihren Handlungen frei. Die Komplexität des Gehirns lässt so viel Spielraum zu, dass man die Naturgesetze vernachlässigen kann. Wie so ein neuronales Netzwerk genau funktioniert ist möglicherweise eher eine Frage der Kombinatorik, also eine mathematische, als eine physikalische.
Wie wollen sie in einem physikalischen System die Naturgesetze "vernachlässigen"? Alles, was geschieht, geschieht doch nur aufgrund von Naturgesetzen. Jeder Zustand, jede Bewegung ist ein Resultat von Naturgesetzen und Anfangsbedingungen.
Das müssen Sie näher erklären, wie Sie das meinen.
Denken wir doch einmal an das Schach. Natürlich spielen die physikalischen Gesetze eine Rolle beim Ziehen der Figuren. Aber haben sie eine Bedeutung für das Spiel? Für die Überlegungen, die man machen muss?



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Do 4. Jan 2024, 10:29

Michael7Nigl hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 00:54
Man kann also noch einen Schritt weiter gehen und annehmen, dass überhaupt alles nur eine Illusion des Geistes ist, es demnach gar keine physische Realität gibt, sondern nur subjektive Vorstellungen.
Da verlasse ich mich auf mein Gefühl, dass die Welt, in der ich lebe, wirklich ist. Der Gedanke, dass alles eine Illusion ist, fühlt sich für mich falsch an.



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Jörn Budesheim
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Do 4. Jan 2024, 10:42

»Wenn das Hirn so einfach wäre, dass wir es verstehen könnten, dann wären wir so einfach, dass wir es nicht könnten.« EMERSON PUGH




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Do 4. Jan 2024, 10:55

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 10:42
»Wenn das Hirn so einfach wäre, dass wir es verstehen könnten, dann wären wir so einfach, dass wir es nicht könnten.« EMERSON PUGH
Geht für mich logisch nicht auf. Wenn das Hirn so einfach wäre, dass wir es verstehen könnten, dann könnten wir es verstehen. Der zweit Teil des Satzes widerspricht dem ersten, also der Teil, dann wären wir so einfach, dass wir es nicht könnten.
Aber vielleicht bin ich zu spitzfindig.



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Jörn Budesheim
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Do 4. Jan 2024, 11:01

Oh, Mann. 😫




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Jörn Budesheim
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Do 4. Jan 2024, 12:11

Leib-Seele-Problem
Psychophysisches Problem
Mensch-Maschine-Problem
Problem des Bewusstseins
Problem der Subjektivität
Problem der Intentionalität
Problem der Qualia

Das Problem, um das es hier geht, wird unter verschiedenen Überschriften verhandelt, die zum Teil unterschiedliche Aspekte betonen.

Im Laufe des Fadens wurde geleugnet, dass es eigentlich ein Problem gibt. Worin besteht es? Im Video mit Koch heißt es sogar, dass das Bewusstsein im Vergleich zu den anderen Entitäten des Universums bizarr ist. Mit ein paar Schlagworten (offenen Listen) möchte ich die Unterschiede skizzieren:

Die Gegenstände der Naturwissenschaften sind anonym, messbar/quantifizierbar, objektiv, raum-zeitlich, naturgesetzlich. Erleben, Geist, Bewusstsein oder wie auch immer man es nennen will, ist dagegen (vermutlich nicht nur bei Wesen wie uns) sinnhaft, qualitativ, subjektiv, intentional... Angesichts dieser großen Unterschiede stellt sich natürlich die Frage wie der Geist in die Natur passt.

Christoph Koch macht einen Aspekt der Unterschiede an folgendem Beispiel deutlich: "Das Bewusstsein unterscheidet sich so sehr von seinem physischen Substrat. Wenn ich blau sehe, ist das etwas völlig anderes als der Zustand, in dem sich mein Gehirn befindet, wenn ich blau erlebe. Es sind einfach zwei grundverschiedene Dinge. Auf der einen Seite feuern Neuronen und Synapsen, die Neurotransmitter freisetzen. Auf der anderen Seite hat man dieses bewusste Erleben."

Aber ich denke, man sollte sich nicht nur auf das subjektive Erleben fokussieren, so fantastisch das auch ist, ein anderer Aspekt ist der der Intentionalität. Unsere Bewußtseinserfahrungen beziehen sich in der Regel auf etwas, sie haben einen Gegenstand. Mit anderen Worten, sie können wahr oder falsch sein, und damit sind wir schon bei den Gesetzen der Wahrheit: der Logik.

Manchmal werden die Unterschiede als Unterschiede in den Perspektiven erläutert: die Naturwissenschaften betrachten ihre Objekte von der Seite, in der anonymen Perspektive der dritten Person. Das ist eine Perspektive, die wir einnehmen können, aber unser Leben besteht aus mehr: Ich-, Du-, Wir-Perspektive sind für uns essentiell. Mit Perspektive ist hier natürlich nicht irgendeine Form von Billig-Relativismus gemeint.




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Do 4. Jan 2024, 12:32

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 12:11
Die Gegenstände der Naturwissenschaften sind anonym, messbar/quantifizierbar, objektiv, raum-zeitlich, naturgesetzlich. Erleben, Geist, Bewusstsein oder wie auch immer man es nennen will, ist dagegen (vermutlich nicht nur bei Wesen wie uns) sinnhaft, qualitativ, subjektiv, intentional...
Ja, und das Problem ist doch dieser Übergang vom Naturwissenschaftlichen zum "Geistmässigen". Wieso ist das ein Problem? Ich habe versucht mit dem Beispiel des Schachs das zu erklären.
Ich denke dabei an die Kombinatorik (Mathematik). Wenn wir eine Menge mit 1000 Elementen haben. Wie viele Möglichkeiten gibt es, sagen wir, vier auszuwählen. Dazu gibt es eine Formel: n tief k, ich kann es hier nicht schreiben. N tief k = n!/k!(n-k)! Das Ausrufezeichen bedeutet Fakultät. Ich rechne es aus. Es gibt ungefähr 41 Milliarden Möglichkeiten.

Das hat doch nichts mit Physik zu tun! Das ist reine Mathematik. Die Physik gibt das Gerüst vor (Hirn), aber die praktisch unendliche Anzahl an Kombinationsmöglichkeiten der Neuronen (Hirnzellen), das ist Mathematik.
Und das Beispiel, vier Elemente aus 1000, also ein einfaches Problem für so ein Hirn, soll demonstrieren, dass so etwas wie Geist möglich wird.



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Jörn Budesheim
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Do 4. Jan 2024, 12:43

AufDerSonne hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 12:32
(Mathematik)
Mathematik ist sicherlich selbst ein Teil des Problems.

Insgesamt verstehe ich dein Argument nicht. Es scheint mir wie folgt zu lauten: es gibt Geist, also gibt es kein Körper-Geist-Problem.




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Do 4. Jan 2024, 13:20

In diesem Faden geht es um eine bestimmte Kritik an der Identitätstheorie in der Philosophie des Geistes. In diesem Video geht es um den logischen Ort der fraglichen Theorie.



Text zum Video: "DIE WIRKLICHKEIT DES GEISTES

Schon die Denker der Antike fragten sich, ob die Seele vom Körper verschieden sei, vielleicht sogar den Tod des Körpers überleben könnte. Wie kommt es, dass unser Gehirn etwas erlebt und fühlt? Hat der menschliche Geist eigenständige kausale Kräfte oder ist er nur ein wirkungsloses Nebenprodukt des Gehirns? Können die Gesetze der Physik vom Geist außer Kraft gesetzt werden? Drei klassische Positionen werden dargestellt und kritisch hinterfragt: Dualismus, Identitätstheorie und der Materialismus, der die Existenz des Geistes leugnet.

Eine Vorlesungsreihe in Zusammenarbeit mit der Hochschule für Philosophie, München.

Prof. Godehard Brüntrup SJ ist Professor für Metaphysik sowie Philosophie der Sprache und des Geistes an der Hochschule für Philosophie, München."




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Do 4. Jan 2024, 13:39

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 12:43
AufDerSonne hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 12:32
(Mathematik)
Mathematik ist sicherlich selbst ein Teil des Problems.

Insgesamt verstehe ich dein Argument nicht. Es scheint mir wie folgt zu lauten: es gibt Geist, also gibt es kein Körper-Geist-Problem.
Ich werde mir das Video noch anschauen. Aber soviel schon vorweg. Meine Meinung ist so: Es gibt Geist, weil es ein Gehirn gibt. Das ist die Prämisse, von der ich ausgehe.



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Do 4. Jan 2024, 14:05

Ich hatte weiter oben schon von der integrierten Informationstheorie geschrieben, hier ein Ausschnitt aus der Einleitung des Buchs von Christof Koch, Bewusstsein, Warum es weit verbreitet ist, aber nicht digitalisiert werden kann, 1. Aufl. 2020

"Angesichts der ungeheuren Komplexität der Gehirne von „einfachen“ Tieren unterstellt die IIT Erleben bei Papageien, Rabenvögeln, Oktopussen und Bienen. Bei Quallen ist das Nervensystem noch ein einfaches Nervennetz, daher ist ihr Erleben wohl entsprechend weniger ausgeprägt. Doch selbst einzellige Mikroorganismen bergen in ihrer Hülle eine enorme molekulare Komplexität, daher fühlen auch sie sich vermutlich ein klitzekleines bisschen wie 'etwas'."

Wenn Koch und Tononi Recht haben, dann ist Bewusstsein viel weiter verbreitet, als man für gemeinhin denkt.




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Do 4. Jan 2024, 14:15

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 13:20
Drei klassische Positionen werden dargestellt und kritisch hinterfragt: Dualismus, Identitätstheorie und der Materialismus, der die Existenz des Geistes leugnet.
Uff, das Video ist harte Kost. Um es besser zu verstehen, müsste ich es noch einmal anschauen.
Ich glaube, dass für mich am ersten richtig ist, dass Materie und der durch sie ermöglichte Geist, weitgehend verschieden sind. Aber die Materie (das Physische) ist grundlegender als der Geist. Ohne Materie kein Geist. So könnte ich mich kurz fassen.

Auch glaube ich, dass der Mensch mit seinem Körper (der Geist :) ) die Welt kausal verändern kann. Der Mensch kann Sachen machen, die es ohne den Menschen nicht gäbe.

Ich denke, dann wäre für mich die zweite These im Video zu verneinen. Die war doch: Der Gehirn erzeugt kausal den Geist, der aber selbst nichts tun kann.



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Do 4. Jan 2024, 14:52

AufDerSonne hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 13:39
Es gibt Geist, weil es ein Gehirn gibt.
Woher weißt du, dass es nicht der Zeitgeist ist, der dein Gehirn so geformt hat, dass du zufällig das glaubst? Wärst du zu einer anderen Zeit oder in einer anderen Region geboren, würdest du wahrscheinlich auf etwas anderem beharren.




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Do 4. Jan 2024, 16:47

Wolfgang Detel, Grundkurs Philosophie, Philosophie des Geistes und der Sprache hat geschrieben : Typen-Identitätstheorie (Typen-Physikalismus)
  1. Mentale Typen (Eigenschaften) sind nichts weiter als bestimmte physikalische Typen (Eigenschaften).
  2. Das mentale Vokabular kann in ein synonymes physikalistisches Vokabular übersetzt werden.
Die Typen-Identitätstheorie behauptet etwa: Die Eigenschaft als Typus, Furcht zu empfinden, ist nichts weiter als die Eigenschaft, in der Amygdala des Gehirns einen Typus bestimmter neuronaler Aktivitäten aufzuweisen. Akzeptiert man den Typen-Physikalismus, so gibt es kein eigenständiges mentales Vokabular. Der Typen-Physikalismus ist eine robuste materialistische und reduktionistische Theorie.




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Do 4. Jan 2024, 17:15

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 14:52
AufDerSonne hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 13:39
Es gibt Geist, weil es ein Gehirn gibt.
Woher weißt du, dass es nicht der Zeitgeist ist, der dein Gehirn so geformt hat, dass du zufällig das glaubst?
Weil wir heute wissen, dass das Gehirn aus Milliarden von Neuronen besteht.
Und diese funktionieren deutlich anders als die anderen Zellen im Körper.



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Jörn Budesheim
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Do 4. Jan 2024, 17:46

MATTHIAS ECKOLDT
​Die Theorie integrierter Information ist sicher ein Ausnahmeprodukt innerhalb der Hirnforschung. Wie ist es Ihrer Erfahrung nach um die deutsche Neurowissenschaft bestellt? Man erinnert sich ja noch an das Manifest führender Neurowissenschaftler, an dem ja auch Christof Koch mitgeschrieben hat.

Da gab es einiges an Erkenntnispessimismus, der teilweise bis in eine geradezu depressive Stimmungslage reichte. Ich erinnere mich an Formulierungen, dass die Neurowissenschaft noch auf dem Stand von »Jägern und Sammlern« sei. Zugleich gab es aber auch die großen Debatten über den freien Willen, die von den Neurowissenschaftlern angestoßen wurden.

MARKUS GABRIEL​
Das Manifest führender Hirnforscher wurde hier in Bonn u. a. vom Neurowissenschaftler Christian Elger auf einer Tagung angestoßen. Elger ist einer der weltweit am meisten zitierten Epileptologen, also eine richtige Koryphäe in seinem Fach. Auf einem Podium hat er mir jüngst bestätigt, dass dasjenige, was sie über den freien Willen und das Bewusstsein damals so gesagt haben, nicht aufgegangen ist, das zieht er alles zurück.

Auch die sehr technisch orientierten Neurowissenschaftler, mit denen ich hier in Bonn zusammenarbeite, sagen mir: Du kannst von uns etwas über Neurone lernen, aber auf Fragen nach Bewusstsein und freiem Willen können wir fürs Erste – und auf sehr lange Sicht – einfach gar nichts sagen. Da ist in der Tat so eine Depression in die deutsche Neurowissenschaft gekommen. Nach Gerhard Roth und Wolf Singer sind die jetzt alle handzahm.




Timberlake
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Do 4. Jan 2024, 18:16

Michael7Nigl hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 08:15
Timberlake hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 03:55
Wenn Du Dir einen Fingernagel einreißt, dann ist das zunächst einmal dein Schmerz, empfunden von deinem neuronalen Muster. "Dieselben neuronalen Muster" sind als solches eine Illusion. Eine Illusion, die Niklas Luhmann, wie ich finde, sehr schön mit seiner These der operationalen Geschlossenheit der Systeme auf den Punkt gebracht hat. Von mir, hier im Forum, übrigens erst vor kurzem im Dialog mit @Auf DerSonne unter "Leben und Psyche" in den Beiträgen 72156, 72168 und 72173 thematisiert.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Text über Luhmanns Systemtheorie und den Bezug von Putnams Argument zu eurem Dialog richtig verstehe. Zunächst habe ich jedoch ein semantisches Problem: Meiner Meinung nach kann man nicht sagen, dass ein Schmerz 'von einem neuronalen Muster' empfunden wird.
Semantisch gesehen wäre die Formulierung , dass ein Schmerz 'von einem neuronalen Muster' realisiert wird sicherlich zutreffender. Somit wir zu zweitens kommen ..
Michael7Nigl hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 08:15

Zweitens würde ich nicht zustimmen, dass 'dieselben neuronalen Muster' (als solches) eine Illusion seien - die Beschreibung von neuronalen Mustern geschieht ja innerhalb von Wissenschaft, die durchaus objektiv mehrere neuronale Muster miteinander vergleichen kann.
Wenn von einem neuronalen Muster' (als solches) ein Schmerz realisiert wird, so mag diese Realisierung tatsächlich bei allen menschlichen Gehirnen "multiple" in etwa in den gleichen Gehirnrealen stattfinden. Womöglich sogar mit in etwa den gleichen gemessenen elektrischen "Mustern" . Gleichwohl sich aus einem neuronalem Netzwerk , bestehend .. "aus 10.000 Synapsen auf einer Nervenzelle, 100 Billionen sind es insgesamt" .. ganz sicher kein Muster ableiten lässt. Dieses Muster ist bei jedem Menschen nicht nur bloß einzigartig , es befindet sich zudem auch in steter Veränderung.
  • "Die verschiedenen Akte der Vorstellungskraft in mir
    zu beobachten, wenn ich sie herbeirufe, ist des Nach-
    denkens wohl wert, für Logik und Metaphysik nötig und
    nützlich. — Aber sich belauschen zu wollen, so wie sie
    auch ungerufen von selbst ins Gemüt kommen (das ge-

    a) ,, studierten“, „inneren“, „wer weiß woher“ fehlt ."

    Kant ..."Anthropologie in pragmatischer Hinsicht"

Einer steten Veränderung, von dessen woher man übrigens genauso wenig weiß, wie die verschiedenen Akte der Vorstellungskraft.
Michael7Nigl hat geschrieben :
Mi 3. Jan 2024, 07:27

Die Identitätstheorie besagt nach meinem Verständnis, dass mentale Verfassungen mit körperlichen Zuständen (z.B. neuronale Aktivitätsmuster) identisch sind. Der Geist wäre demnach also nicht, wie bei Descartes, etwas Übersinnliches, das mit der körperlichen Welt wechselwirkt, sondern Teil dieser physischen Realität und mit sinnlich wahrnehmbaren Objekten unmittelbar gesetzmäßig verknüpft, etwa im Sinne eines Epiphänomenalismus.
Wenn die Identitätstheorie nach deinem Verständnis besagt , dass mentale Verfassungen mit körperlichen Zuständen (z.B. neuronale Aktivitätsmuster) identisch sind und man von beidem das „wer weiß woher“ fehlt. (Kant) , dann scheint mir diese Theorie nur wenig geeignet Descartes zu widerlegen.




Michael7Nigl
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Do 4. Jan 2024, 21:52

Timberlake hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 03:55
Semantisch gesehen wäre die Formulierung , dass ein Schmerz 'von einem neuronalen Muster' realisiert wird sicherlich zutreffender. Somit wir zu zweitens kommen ..
Von der These, dass ein Schmerz von einem neuronalen Muster realisiert werde, gehe ich auch aus. Damit positioniert man sich bereits innerhalb der Philosophie des Geistes. Andere würden evtl. lediglich der These zustimmen, dass ein Schmerz mit bestimmten neuronalen Mustern zugleich auftritt (vgl. bspw. Wilhelm Vossenkuhl (Hg.), Mentale Verursachung, Alber 2014, S.17: "Auch neigen wir unvernünftiger Weise dazu, allein die neurophysiologischen Symptome schon als vollständiges Korrelat einer seelischen oder mentalen Verfassung anzusehen. Doch ist das wohl kaum zu rechtfertigen. [...] Die Symptome sind und bleiben Begleiterscheinung und sind nicht selbst der ganze Tatbestand seelischen Lebens. Seelische Verfassungen können deshalb niemals identifiziert werden mit irgendwelchen somatischen Zuständen und Vorgängen, die an Körperteilen festzustellen sind und aus ihnen zu bestimmten regionalen Aktivitätsmustern aufsummiert werden." Diese Sichtweise des Philosophen Thomas Buchheim möchte ich hier nicht zur Diskussion stellen, sondern lediglich als Beispiel anführen, wie man den Sachverhalt auch anders betrachten kann.).
Timberlake hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 03:55
Wenn von einem neuronalen Muster' (als solches) ein Schmerz realisiert wird, so mag diese Realisierung tatsächlich bei allen menschlichen Gehirnen "multiple" in etwa in den gleichen Gehirnrealen stattfinden. Womöglich sogar mit in etwa den gleichen gemessenen elektrischen "Mustern" . Gleichwohl sich aus einem neuronalem Netzwerk [...] ganz sicher kein Muster ableiten lässt. Dieses Muster ist bei jedem Menschen nicht nur bloß einzigartig , es befindet sich zudem auch in steter Veränderung.
Das Argument der multiplen Realisierung geht in die andere Richtung: Der gleiche Schmerz (geistige Verfassung, subjektive Empfindung) wird durch unterschiedliche neuronale Muster (körperlicher Zustand) realisiert. Gestehen wir zugunsten des Arguments einmal zu, dass es sowas wie "den gleichen Schmerz" wirklich gibt, dann wäre bspw. durch eine Positronen-Emissions-Tomografie festzustellen, mit welchen neuronalen Aktivitätsmustern dieser Schmerz einherging. Dabei können durchaus Unterschiede in den Aktivitätsmustern festgestellt werden, ohne dabei jedes einzelne feuernde Neuron im Detail abbilden zu müssen. Somit wären die Voraussetzungen des Arguments erfüllt und man könnte, wenn man Putnams Meinung teilt, die Identitätstheorie zurückweisen.
Timberlake hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 03:55
Wenn die Identitätstheorie nach deinem Verständnis besagt , dass mentale Verfassungen mit körperlichen Zuständen (z.B. neuronale Aktivitätsmuster) identisch sind und man von beidem das „wer weiß woher“ fehlt. (Kant) , dann scheint mir diese Theorie nur wenig geeignet Descartes zu widerlegen.
Ich glaube es geht nicht darum, mit der Identitätstheorie Descartes zu widerlegen, sondern einen anderen Lösungsansatz für das Leib-Seele-Problem bereitzustellen.




Michael7Nigl
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Do 4. Jan 2024, 22:14

AufDerSonne hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 10:24
Denken wir doch einmal an das Schach. Natürlich spielen die physikalischen Gesetze eine Rolle beim Ziehen der Figuren. Aber haben sie eine Bedeutung für das Spiel? Für die Überlegungen, die man machen muss?
Die Komplexität eines Systems spielt hinsichtlich der Ursachen seiner Dynamik keine Rolle - es ist egal, ob man ein Planetensystem betrachtet oder ein Schachspiel, wenn man sich darauf verständigt, dass beide Situationen ein physikalisches System darstellen.

Wenn Menschen nichts weiter als Materie sind - und diese Meinung scheinen Sie zu vertreten (s.o.) -, dann ist jede Bewegung, jede Handlung des Menschen nur ein Ergebnis der miteinander wechselwirkenden Elementarteilchen, aus denen die Menschen bestehen. Die Dynamik eines physikalischen Systems ergibt sich allein aus den Anfangsbedingungen und den fundamentalen Kräften zwischen den Elementarteilchen. Dies ist das Prinzip der kausalen Geschlossenheit des Physischen.

Wenn Sie der Meinung sind, dass Gedanken und deren Bedeutung sich nicht allein in einer Konfiguration aus Elementarteilchen erschöpfen, dann müssen Sie auch die These aufgeben, dass Menschen nichts weiter als Materie sind.
AufDerSonne hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 10:24
Da verlasse ich mich auf mein Gefühl, dass die Welt, in der ich lebe, wirklich ist. Der Gedanke, dass alles eine Illusion ist, fühlt sich für mich falsch an.
Dieses Gefühl kann man schon haben. Das ist aber etwas ganz Anderes als Gewissheit, sondern mehr ein Glaube.




Michael7Nigl
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Do 4. Jan 2024, 23:44

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 4. Jan 2024, 09:03
Ich finde das Argument von Putnam, so wie ich es bisher verstanden habe, plausibel. Dein Gegenargument kann ich leider nicht so ganz verstehen. "Aber warum sollte die Erzeugung eine injektive (linkseindeutige) Zuordnung sein?" Was soll das heißen? Und wofür oder wogegen soll das sprechen?
Das freut mich und gibt mir Hoffnung, Putnams Argument mit Ihrer Hilfe vielleicht doch noch besser verstehen zu können. Zur Erklärung der von mir angesprochenen Injektivität müssen wir nochmal darauf zurückkommen, was die Identitätstheorie eigentlich aussagen soll.

Das Leib-Seele-Problem besteht für mich im Grunde darin, dass wir zwei Perspektiven der Wahrnehmung haben: innen und außen. Während wir äußerlich eine körperliche Welt sinnlich wahrnehmen, leben wir innerlich in einer Welt der Vorstellungen und Empfindungen. Wir sind also sowohl körperliche Wesen (Menschen aus Fleisch und Blut) als auch geistige Wesen.

Diese Tatsache kann man ontologisch unterschiedlich auffassen:

1) Dualistisch - Körper und Geist sind zwei voneinander getrennte Entitäten, die miteinander irgendwie interagieren. Prominent vertreten ist dieser Ansatz durch Descartes. Sein Problem ist es zu erklären, wie diese Interaktion funktioniert. (Descartes Vermutung, dass die Interaktion über die Hirnanhangdrüse (Epiphyse) stattfindet, dürfte inhaltlich aus heutiger Sicht geradezu lächerlich wirken.)

2) Materialistisch - Die körperliche Welt ist das eigentlich Seiende, der Geist ist nur ein Aspekt von Materie. Dazu gibt es den Ansatz des Epiphänomenalismus, wonach geistige Verfassungen ein Nebenprodukt materieller Vorgänge sind (die Identitätstheorie ist nach meinem Verständnis eine Spielart davon). Eine zweite Möglichkeit ist die Emergenztheorie, welche besagt, dass der Geist aus Materie hervorgeht und möglicherweise ein unabhängiges Eigenleben besitzt.

3) Idealistisch - Der Geist ist das eigentlich Seiende, die körperliche Welt ist nur eine Vorstellung oder Illusion. Besonders markant wurde diese Position vertreten von Berkeley (Solipsismus).

In diesem Rahmen ist nach meinem Verständnis die Identitätstheorie einzuordnen. Ihr größtes Problem ist wohl, zu erklären, wie seelische Verfassungen aus Materie hervorgehen könnten. Eine Möglichkeit wäre eine Art Panpsychismus, wonach jedes Materieteilchen auch einen geistigen Aspekt (z.B. Bewusstseinskomponente) beinhaltet (diese Idee verfolgt z.B. der zeitgenössische Philosoph David Chalmers).

Charakterisieren lässt sich die Identitätstheorie so, dass alle wirklichen Vorgänge in der Welt rein physikalischer Natur sind und entsprechend der darin geltenden Gesetze ablaufen. Bewusstsein, Gedanken, Empfindungen gehen daraus hervor, ohne sich selber auf die Welt auszuwirken - wir erleben subjektiv nur das, was durch die objektiven Geschehnisse vorgegeben wird. Freiheit und Handeln sind nur eine Illusion.
Hier soll es nun nicht darum gehen, die Plausibilität dieser Theorie zu bewerten, sondern alleine ihr Verhältnis zur "multiplen Realisierung".

Egal wie nun das subjektive Erleben aus den materiellen Prozessen hervorgeht, müsste es dafür wohl einen gesetzmäßigen Mechanismus geben, wie also der Geist aus Materie erzeugt wird. Diese Erzeugung müsste sich als Funktion darstellen lassen in der Form: Wenn A (körperlicher Zustand) geschieht, dann entsteht dadurch B (seelische Verfassung).
Putnams Argument impliziert nun die Behauptung, dass diese Funktion linkseindeutig (injektiv) sein müsse, dass also eine seelische Verfassung B nur durch einen einzigen körperlichen Zustand A realisiert werden können müsste. Gibt es einen von A verschiedenen körperlichen Zustand A', der ebenfalls mit der seelische Verfassung B einhergeht, dann müsse die Identitätstheorie falsch sein.
Wie lässt sich eine solche Behauptung begründen? Das ist meine Frage.




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