Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 28. Nov 2025, 07:20
Consul hat geschrieben : ↑ Fr 28. Nov 2025, 01:47
das (phänomenale) Bewusstsein =def das unmittelbar erlebte Innenleben
Consul hat geschrieben : ↑ Fr 28. Nov 2025, 02:13
Wenn subjektive Erfahrungen aus Nervenvorgängen im Gehirn bestehen, dann ...
Ist das nicht ein direkter innerer Widerspruch? Wenn du Bewusstsein als „das unmittelbar erlebte Innenleben“ definierst, hast du dich meines Erachtens bereits auf eine bestimmte Kategorisierung festgelegt: Innenwelt ist das subjektiv Erlebte, Außenwelt ist die bewusstseinsunabhängige Welt. Wenn subjektive Erfahrungen nun aber aus Nervenvorgängen im Gehirn bestehen sollen, identifizierst du etwas aus der Innenwelt mit etwas aus der Außenwelt. Das ist innerhalb dieses terminologischen Rahmens ungereimt. Nervenvorgänge gehören gemäß der verwendeten Terminologie zur Außenwelt und nicht etwa zum „Innenleben“. Falls du dich auf eine Form von Identitätstheorie festlegst, verliert die Ausgangsdefinition für meinen Geschmack jeden Witz.
Nicht für
meinen Geschmack; denn es ist nicht ungereimt zu behaupten, dass bestimmte
außenweltlich-objektive Ereignisse/Vorgänge in Gehirnen zugleich
innenweltlich-subjektive Ereignisse/Vorgänge bilden. Der materialistischen Identitätstheorie zufolge sind die Elemente der konstitutiven Mechanismen des subjektiven Innenlebens Neuronen und der (Inter-)Aktionen.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 28. Nov 2025, 07:20
Was Bewusstsein ist, wissen wir bisher nicht. Dem sollten Definitionen Rechnung tragen und entsprechend keine Optionen vorschnell ausschließen. Selbst wenn subjektive Erfahrungen bei Wesen wie uns aus Nervenvorgängen im Gehirn bestünden, heißt das ja nicht, dass sie notwendig daraus bestehen müssen. Andere Wesen mit anderer Architektur könnten ebenfalls bewusst sein. Wir wissen es schlicht nicht, und man sollte das nicht definitorisch eliminieren.
Ich bekenne mich schamlos zum "Neurochauvinismus"!
Eine Definition des (phänomenalen) Bewusstseins sollte insofern so neutral wie möglich sein, als sie keine bestimmte philosophische oder wissenschaftliche
Theorie des Bewusstseins beinhalten sollte, insbesondere das Leib-Seele-Verhältnis betreffend.
Was Bewusstsein
allgemein in phänomenologischer Hinsicht ist, wissen wir sehr wohl durch unsere introspektive Selbstwahrnehmung, die zwar unvermeidlicherweise anthropozentrisch ist, uns aber nichtsdestoweniger ein allgemeines Grundverständnis des phänomenalen Bewusstseins und seiner Hauptarten von Inhalten ermöglicht, welches sich auf bewusste nichtmenschliche Lebewesen übertragen lässt. (Damit will ich keineswegs sagen, dass das Bewusstsein von Nichtmenschen demjenigen von Menschen in jeder Hinsicht gleicht.)
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 28. Nov 2025, 07:20
Consul hat geschrieben : ↑ Fr 28. Nov 2025, 02:13
Wenn subjektive Erfahrungen aus Nervenvorgängen im Gehirn bestehen, dann ...
Wenn das stimmen würde, hätten wir damit auch schon eine Antwort auf Frage 6: Sind Tiere und Pflanzen bewusst? Dann müssten wir diese Lebewesen nur scannen, um herauszufinden, ob sie bewusst sind. Man denke dazu auch an Nagels Gedankenexperiment mit der Fledermaus.
Solange die Neurowissenschaftler nicht ganz genau,
en détail wissen, welche besonderen Muster von Nervenaktivitäten beim Menschen und anderen Arten von Gehirntieren
sowohl notwendige als auch hinreichende Bedingungen für das Vorhandensein von (phänomenalem) Bewusstsein sind, können sie auch nicht anhand von Gehirnscans entscheiden, ob der untersuchte Organismus Bewusstsein besitzt oder nicht.
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Fr 28. Nov 2025, 07:20
Consul hat geschrieben : ↑ Fr 28. Nov 2025, 01:47
…das (phänomenale) Bewusstsein =def das unmittelbar erlebte Innenleben
Das ist für mich ein definitorischer GAU. Erstens aufgrund der Innen/Außen-Unterscheidung. Und zweitens, weil die Definition sich auf das phänomenale Bewusstsein beschränkt.
Genau darum geht es doch! Das
hard problem of consciousness ist das
hard problem of phenomenal consciousness (aka
subjective experience).
Die Innen-/Außen-Unterscheidung ergibt Sinn, wobei ein zusätzlicher begrifflicher Unterschied besteht zwischen dem
objektiven, physiologischen/neurologischen Innenleben eines bewussten Organismus und dessen
subjektivem, psychologischem/phänomenologischem Innenleben.
Nur Letzteres wird von einem bewussten Lebewesen in der inneren (
introspektiven) Wahrnehmung
unmittelbar erlebt, sodass die Gleichsetzung des phänomenalen Bewusstseins mit
dem unmittelbar erlebten Innenleben zutreffend ist.
Die
interozeptive Selbstwahrnehmung
als Leibeswahrnehmung findet wohlgemerkt im Gegensatz zur
introspektiven Selbstwahrnehmung als
Seelenwahrnehmung nicht unmittelbar statt, weil sie ihre Gegenstände dem Subjekt
nicht direkt präsentiert, sondern nur
indirekt durch Empfindungen, die Körpervorgänge/-zustände
repräsentieren. Die introspektive Wahrnehmung einer Empfindung
präsentiert diese dem Subjekt hingegen
direkt, weil darin keine zweite Empfindung
als Erscheinung der ersten Empfindung einbezogen ist.
Übrigens, Wilhelm Wundt (1832–1920), einer der Väter der modernen Psychologie, hat die Psychologie als
"Wissenschaft der unmittelbaren Erfahrung" definiert. Man kann sie äquivalent als
"Wissenschaft des unmittelbar erfahrenen/erlebten Innenlebens" oder als
"Wissenschaft der unmittelbar erfahrenen/erlebten Bewusstseinsinhalte" (keine Wundt-Zitate!) definieren. Damit wird die Psychologie zwar auf eine Wissenschaft
des Bewussten reduziert, aber das stört mich eigentlich nicht; denn mir ist überhaupt nicht klar, was das
distinktiv Psychische an einem sogenannten
unbewussten Geistes-/Seelenzustand ist.
Ein Selbstzitat:
Consul hat geschrieben : ↑ Mo 7. Okt 2024, 02:22
Die innere Wahrnehmung eigener Bewusstseinsinhalte nennen Psychologen
Introspektion.
Es gibt eine zweite Art innerer Wahrnehmung, die
Interozeption genannt wird. Introspektion ist die innere Wahrnehmung
psychologischer Vorkommnisse in dir, d.i.
innere Geistes-/Seelenwahrnehmung, wohingegen Interozeption die innere Wahrnehmung
physiologischer Vorkommnisse in dir ist, d.i.
innere Körper-/Leibeswahrnehmung.
Zum Begriff der
Interozeption, siehe die Zitate
in diesem Beitrag von mir!
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Do 27. Nov 2025, 07:47
Bewusstseinszustände handeln in der Regel von etwas – das ist ein weiterer wichtiger Aspekt. Vergammeltes Fleisch zu riechen „ist zwar irgendwie“, es fühlt sich irgendwie an, nämlich ekelig, aber der Geruch ist ja gleichzeitig intentional, er sagt uns etwas: „Dieses Fleisch ist für dich gefährlich.“ Ich will nicht unterstellen, dass diese beiden Aspekte schon hinreichen.
Wir sind uns aber in der Regel
etwas bewusst. Das sind zwei Aspekte, die wir zwar begrifflich unterscheiden können, die aber zusammengehören: Ich erlebe die Musik, ich sehe das Auto vorbeifahren. Dieser Aspekt ist bei Paulsen (wenn auch etwas widersprüchlich formuliert) noch zu finden: „...das eigene im Selbstbewusstsein unmittelbar erlebte Innenleben der Wirklichkeit...“, bei dir fehlt er jedoch völlig.
Es mag sein, dass alle Inhalte des unmittelbar erlebten Innenlebens einen
intentionalen/repräsentationalen Aspekt oder Charakter haben; aber es geht bei der besagten Grunddefinition zunächst nur um den
"experientialen", phänomenalen "Stoff" des Bewusstseins, der den Inhalt des unmittelbar erlebten Innenlebens bildet. (Empfindungen sind für mich der Grundstoff des bewussten Innenlebens.)
Mir ist gerade ein Gegenbeispiel zur Annahme eingefallen, dass alle Empfindungen oder Sinneseindrücke einen intentionalen Aspekt haben, d.h.
etwas repräsentieren. Es gibt ein visuelles Phänomen namens
Phosphen(e). Solche nicht von äußeren Lichtreizen verursachten Farbeindrücke repräsentieren
nichts und erwecken nicht einmal den Anschein, etwas zu repräsentieren. Sie haben keinen intentionalen Gegenstand – im Gegensatz zu visuellen Halluzinationen, die in phänomenologischer Hinsicht wahrhaften visuellen Wahrnehmungen von Gegenständen gleichen können.