Timberlake hat geschrieben : ↑ Fr 5. Jun 2026, 02:42
Das Perfide daran ist, dass nicht derjenige, der diesen Krieg angezettelt, selbst tötet.
Doch. Natürlich tötet auch derjenige, der diesen Krieg anzettelt.
Ob gewollt oder nicht, du sprichst hier gerade einen sehr wichtigen Punkt in der Arbeit der Philosophin Anscombe an. Ich hatte ja eingangs einen Ausschnitt aus ihrer Handlungstheorie besprochen. Warum hat sie sich überhaupt für Handlungstheorie interessiert? Eines ihrer Ziele war zu erläutern, wie es möglich ist korrekte Handlungsbeschreibungen zu entwickeln, um auch diejenigen auf der Führungsebene, deren Hände vermeintlich "sauber" bleiben, für ihr Handeln und für ihr Töten verantwortlich zu machen. Die Schreibtischtäter, die Tötungsaufträge erteilen, töten genauso wie diejenigen, die diese Aufträge ausführen. Anscombe war eine fromme Katholikin, als solche hat sie den moralischen Kodex der katholischen Kirche sehr ernst genommen und in Anlehnung an diesen Kodex eine Theorie des gerechten Krieges entwickelt. Anscombe war ganz sicher keine Pazifistin, sie würde eine pauschalisierende Gleichsetzung von Krieg und Mord ganz sicher ablehnen. Aber sie hat die Grenzen dafür, wann ein Krieg als zulässig gilt, so eng gezogen, dass der überwiegende Teil aller Kriege, die ausgefochten werden oder je ausgefochten wurden, ihrer Ansicht nach wohl als ungerecht, als Mord gelten können.
Anscombe hat geschrieben :
Es gibt sieben Bedingungen, die alle erfüllt sein müssen, damit ein Krieg gerecht ist:
(1) Es muss einen gerechten Anlass geben, das heißt, es muss eine Verletzung oder ein Angriff auf strikte Rechte vorliegen.
(2) Der Krieg muss von einer rechtmäßigen Autorität geführt werden, das heißt, wenn es keine höhere Autorität gibt, von einem souveränen Staat.
(3) Der kriegführende Staat muss eine rechtschaffene Absicht haben: Er darf den Krieg nicht erklären, um etwas Unrechtes zu erlangen oder zuzufügen.
(4) Bei der Führung des Krieges dürfen nur rechte Mittel eingesetzt werden.
(5) Der Krieg muss das einzig mögliche Mittel sein, um das begangene Unrecht zu beseitigen.
(6) Es muss eine begründete Hoffnung auf einen Sieg bestehen.
(7) Das wahrscheinliche Gute muss die wahrscheinlichen schlechten Auswirkungen des Krieges überwiegen. ("The Justice of the Present War Examined", Ethics, Religion and Politics, The Collected Philosophical Papers of G.E.M. Anscombe, Vol. 3, S. 73, übersetzt mit DeepL)
Auf der Grundlage dieser Kriterien hat sie beispielsweise die Kriegsführung der Alliierten im zweiten Weltkrieg als unzulässig kritisiert. Aus ihrer Sicht gab es keinerlei Rechtfertigung dafür, dass die Alliiierten im Kampf gegen die Nazis mit Flächenbombardements gearbeitet haben, da unschuldige Zivilisten getötet werden, wenn man Städte flächendeckend bombardiert. Sie hat also die Alliierten dafür kritisiert, dass sie grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln getötet haben.
Als der Ex-Präsident Truman an ihrer Uni einen Ehren-Doktortitel bekommen sollte, hat sie dagegen protestiert mit der Begründung er sei ein Mörder und Mörder haben keine solche Auszeichnung verdient. Konkret hat sie ihm vorgeworfen, dass er verantwortlich für die Atomwaffeneinsätze auf Hiroshima und Nagasaki gewesen ist.
Timberlake hat geschrieben :
Könnte es vielleicht daran liegen, dass sie, die politische Ebene mit einbeziehend, sich deshalb tatsächlich nicht als Mörder verstehen. Sie es sogar von daher als ihre Ehre und Pflicht ansehen, Menschen einer anderen politische Ebene zu töten.
Richtig, das ist auch eine wichtige Dimension. Welche Handlungsbeschreibung du bevorzugst, hängt von deinem Erkenntnisinteresse ab. Wenn man ein Interesse an moralischer Beurteilung hat, kann man wahlweise eine pazifistische Position oder eine Theorie des gerechten Krieges einnehmen und dabei Kriterien zur Beurteilung entwickeln, ob und wann man einen Krieg als verwerflich beurteilen kann. Auf dieser Grundlage kann man sich in politische Debatten stürzen und die jeweils verfochtenen Kriege legitimieren bzw. delegitimieren, also den Standpunkt eines politisch interessierten Bürgers einnehmen, der über das Weltgeschehen die Nase rümpft.
Wenn man hingegen die Ursachen des Krieges verstehen will, ist man nicht an der moralischen Bewertung interessiert, sondern daran, was die Handlungsgründe der politischen Akteure sind. Und da ist die politische Ebene tatsächlich unverzichtbar. Kriege werden geführt, um staatliche Interessen durchzusetzen. Dadurch wird unermessliches Leid verursacht. Wenn man den verständlichen Wunsch hat, dass das aufhört, und nicht einfach nur Moralpredigten halten möchte, muss man die Politik ändern anstatt sie einfach nur zu delegitimieren.