Handlungsgründe als Erklärungen

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt sich in der Philosophie der Zweig der analytischen Philosophie, deren Grundlagen u.a. auch die Philosophie des Geistes (mind) betreffen
Dynamis
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Fr 5. Jun 2026, 18:43

Timberlake hat geschrieben :
Fr 5. Jun 2026, 14:52
Die Entscheidung für eine Kapitulation scheint mir jedenfalls keine Option zu sein, wenn man von einem Raubtier angegriffen wird. Zumal, im Vergleich zum Krieg, in der Regel der Angegriffene über eine Armee verfügt, um eben nicht kapitulieren zu müssen.
In der Tat, wenn man von einem Raubtier angegriffen wird und dann flieht, ist das wohl eine Reflexhandlung. Und meinetwegen gestehe ich den Politikern der verteidigenden Partei zu, dass sie im ersten Moment so geschockt von dem Angriff sind, dass sie reflexartig Verteidigungshandlungen veranlassen, da will ich mich gar nicht mit dir darüber streiten. Andererseits sind Politiker nicht bloß von Reflexen und Instinkten gesteuert, sondern sie verfolgen eine politische Agenda. Und gerade bei Kriegen, die sich in die Länge ziehen, wie z.B. der ukrainischen Verteidigung gegen den russischen Angriff, spielen Reflexe und Impulse keine Rolle mehr, da kommt es dann wirklich nur noch auf die Frage an, welche Agenda die verantwortlichen Politiker mit ihrem Handeln verfolgen.
Timberlake hat geschrieben : Weil mE. gegen solche Standardeinstellungen verstoßend und demzufolge dazu passend, noch eine Anmerkung von Stefanie bzw. Wallace
Stefanie hat geschrieben :
Sa 9. Dez 2017, 14:11

Wir leben nach Wallace in Standardeinstellungen, das ist die Art, wie wir die Welt heute quasi automatisch sehen und erleben, ohne weiter nach zu denken.
Natürlich, eine politische Agenda ist häufig eine "Standardeinstellung". Ich schließe nicht aus, dass solche Standardeinstellungen angeführt werden können, wenn man "Handlungsgründe als Erklärungen" anführt. Häufig ist diese "Standardeinstellung" mit einer Feindbildkonstruktion verbunden, die vorausgesetzt und nicht weiter hinterfragt wird. Dieser Umstand ist von Anscombe problematisiert worden:
Anscombe hat geschrieben : Man kann Menschen zum Kampf bewegen, indem man sie dazu bringt, die Taten ihrer Feinde zu hassen, aber ein Krieg wird nicht dadurch gerecht, dass die Taten der Feinde hassenswert sind. Deshalb ist es unsere Pflicht, der Leidenschaft zu widerstehen und sorgfältig zu prüfen, ob in diesem Krieg alle Bedingungen eines gerechten Krieges erfüllt sind, damit wir uns nicht gegen das Naturrecht versündigen, indem wir an ihm teilnehmen. ("The Justice of the Present War Examined", Ethics, Religion and Politics, The Collected Philosophical Papers of G.E.M. Anscombe, Vol. 3, S. 73.)
Anscombe verweist zugleich darauf, dass es trotzdem möglich ist kritisch über seine Standardeinstellungen zu reflektieren. Wenn ich von einer "Entscheidung" spreche, dann meine ich dies: Man muss bei der ganzen Kriegstreiberei nicht mitmachen. Nichts hält uns davon ab diese "Standardeinstellungen" auf eine Nicht-Standard-Einstellung umzustellen.




Timberlake
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Fr 5. Jun 2026, 21:17

Dynamis hat geschrieben :
Fr 5. Jun 2026, 18:43


Natürlich, eine politische Agenda ist häufig eine "Standardeinstellung". Ich schließe nicht aus, dass solche Standardeinstellungen angeführt werden können, wenn man "Handlungsgründe als Erklärungen" anführt. Häufig ist diese "Standardeinstellung" mit einer Feindbildkonstruktion verbunden, die vorausgesetzt und nicht weiter hinterfragt wird. Dieser Umstand ist von Anscombe problematisiert worden:
Anscombe hat geschrieben : Man kann Menschen zum Kampf bewegen, indem man sie dazu bringt, die Taten ihrer Feinde zu hassen, aber ein Krieg wird nicht dadurch gerecht, dass die Taten der Feinde hassenswert sind. Deshalb ist es unsere Pflicht, der Leidenschaft zu widerstehen und sorgfältig zu prüfen, ob in diesem Krieg alle Bedingungen eines gerechten Krieges erfüllt sind, damit wir uns nicht gegen das Naturrecht versündigen, indem wir an ihm teilnehmen. ("The Justice of the Present War Examined", Ethics, Religion and Politics, The Collected Philosophical Papers of G.E.M. Anscombe, Vol. 3, S. 73.)
Anscombe verweist zugleich darauf, dass es trotzdem möglich ist kritisch über seine Standardeinstellungen zu reflektieren. Wenn ich von einer "Entscheidung" spreche, dann meine ich dies: Man muss bei der ganzen Kriegstreiberei nicht mitmachen. Nichts hält uns davon ab diese "Standardeinstellungen" auf eine Nicht-Standard-Einstellung umzustellen.
Sicherlich kritisch über seine Standardeinstellungen zu reflektieren, sollte eigentlich immer möglich sein
Dynamis hat geschrieben :
Sa 25. Apr 2026, 15:15
Alleine die einfache Beschreibung einer Bewegung als "Flucht" erklärt diese Bewegung, indem sie einen Grund angibt.
So wie die einfache Beschreibung einer Bewegung als "Flucht" diese Bewegung erklärt, indem sie einen Grund angibt.


Russische Deserteure in Deutschland

Flucht vor dem Töten

Leeres Versprechen auf Asyl

6.300 Asylanträge haben russische Männer im wehrfähigen Alter zwischen 18 und 30 Jahren seit Beginn des Kriegs gestellt. Nur 349 von ihnen haben bislang Asyl erhalten.
Die Folge: Tausende von ihnen leben teilweise seit Jahren in Deutschland. Ihre Zukunft ist ungewiss und sie leben in Angst vor einer möglichen Abschiebung.
und tatsächlich geben diese russischen Männer einem solchen Grund vor.

Furcht vor schnellem Tod im Ukraine-Krieg – Millionen mögliche Verstöße gegen Wehrpflicht

Die Personalprobleme des ukrainischen Militärs sind laut Kuzan wesentlich für die schwierige Lage an vielen Frontabschnitten verantwortlich. Manche Stellungen würden nur von einer Handvoll Soldaten gehalten. Wie groß das Ausmaß ist, zeigen auch Zahlen des Verteidigungsministeriums in Kiew aus dem Januar. Das Ministerium schätzt, dass rund 200.000 Soldaten unerlaubt abwesend sind und gegen etwa zwei Millionen Ukrainer wegen Verstößen gegen die Wehrpflicht ermittelt wird.
Übrigens auch diese Ukrainern, in dem gegen sie, wegen Verstößen gegen die Wehrpflicht ermittelt wird. Diese Russen und Ukrainer machen ganz sicher nicht bei der ganzen Kriegstreiberei mit. Nur ist es eine Sache, ob man über die Möglichkeit verfügt, als solches kritisch über seine Standardeinstellungen zu reflektieren, aber eine völlig andere Sache, ob man über die Möglichkeit verfügt, diese Möglichkeit auch zu realisieren. So wie wiederum auf dieser anderen Seite eine einfache Beschreibung einer Bewegung als "Ablehnung von Asylanträgen" oder als "Ermittlung wegen Verstöße gegen die Wehrpflicht" , diese Bewegung erklärt, indem sie ihrerseits einen Grund angibt. Wohlgemerkt ein Grund von völlig gegensätzlicher Natur, was man dazu als russischer oder ukrainischer Mann im wehrfähigen Alter kritisch reflektiert hat . Wenngleich mir allerdings eben das, bei der Ablehnung von Asylanträgen von russische Männer in Deutschland doch schon sehr zweifelhaft erscheint.

Fazit
"Handlungsgründe als Erklärungen" müssen stets im Spannungsfeld von anderen, möglicherweise sogar, wie in diesem Fall, von gegensätzlichen "Handlungsgründe als Erklärungen" betrachtet werden.

Dieses Spannungsfeld uns Deutsche selbst betreffend, dazu nur mal zur Erinnerung ...

Für die mutigsten Feiglinge der deutschen Geschichte...

„Ein Denkmal für die mutigsten Feiglinge der deutschen Geschichte – die Deserteure aus dem Zweiten Weltkrieg“ – mit diesen scheinbar widersprüchlichen Worten umschreibt ein Bericht des „Hamburg-Journals“ im NDR-Fernsehen die Personengruppe, der in Hamburg ein neues Denkmal gewidmet ist. Widersprüchlich deshalb, weil die Deserteure der Wehrmacht tatsächlich jahrzehntelang von der deutschen Gesellschaft als „Feiglinge“ und „Verräter“ wahrgenommen und häufig konkret beschimpft wurden. Im gleichen Atemzug werden diese Deserteure nunmehr als „mutig“ bezeichnet. Die Widersprüchlichkeit der Begriffswahl verdeutlicht also auch den Wandel in der Wahrnehmung der Wehrmachtsdeserteure.




Dynamis
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Sa 6. Jun 2026, 11:52

Timberlake hat geschrieben :
Fr 5. Jun 2026, 21:17
So wie wiederum auf dieser anderen Seite eine einfache Beschreibung einer Bewegung als "Ablehnung von Asylanträgen" oder als "Ermittlung wegen Verstöße gegen die Wehrpflicht" , diese Bewegung erklärt, indem sie ihrerseits einen Grund angibt.
Das sind tatsächlich spannende Fälle. Zunächst einmal hat die Beschreibung eines Behördenbriefs als "Ablehnung von Asylanträgen" nur einen relativ geringen erklärenden Charakter. Man erfährt aus dieser Beschreibung noch nichts über die Gründe der Ablehnung, man erfährt nur etwas über die Gründe, warum der Brief geschickt wurde oder warum auf einmal die Polizisten vor der Tür stehen und die abzuschiebende Person in einen Flughafen verschleppen und dort in ein Flugzeug Richtung Moskau setzen.

Das heißt, Handlungsbeschreibungen erklären das Geschehen häufig nur auf eine sehr rudimentäre Weise. Häufig erzeugt die Beschreibung mehr Verwirrung als Klarheit und regt zur Frage nach den weiteren Gründen an.

Der Fall der "Ablehnung von Asylanträgen" ist aber auch in der Hinsicht interessant, dass man sich auch ohne Hintergrundinformationen viele Dinge zusammenreimen kann. Man braucht nur ein grundsätzliches Verständnis staatlicher Interessen. Darauf bist du selbst aufmerksam geworden:
Timberlake hat geschrieben : Wohlgemerkt ein Grund von völlig gegensätzlicher Natur, was man dazu als russischer oder ukrainischer Mann im wehrfähigen Alter kritisch reflektiert hat.
In der Tat, da machst du einen ausgezeichneten Punkt. In meinem ersten Entwurf meiner Antwort auf deinen Diskussionsbeitrag habe ich zu diesem Punkt meinen Zweifel formuliert. Ich dachte eher, dass es sich bei den Beamten um reine Bürokraten handelt und deren Gründe sich zu den Gründen der Deserteure nicht in einem Gegensatzverhältnis, sondern eher in einem Verhältnis der Gleichgültigkeit befinden.

Aber beim näheren Nachdenken muss ich sagen: Ja, du hast völlig Recht.

Man kann das sowohl historisch als auch hinsichtlich der grundsätzlichen Interessen des Staates begründen:
  1. Historisch:
    Es ist eben so, dass das Asylrecht bei seiner Einführung nicht als humanitäre Großtat gedacht war. Im ersten Entwurf war sogar vorgesehen, dass nur Deutsche (also DDR-Bürger) Nutznießer des Asylrechts sein sollten:
    Michael Mayer hat geschrieben : Zwar ist das Grundrecht auf Asyl bis heute eine besondere Errungenschaft der westdeutschen Demokratie, aber es war seinerzeit weniger eine Lehre aus der NS-Zeit als eine Reaktion auf die Herausforderungen der Nachkriegsjahre. Dem Parlamentarischen Rat ging es daher nicht vorrangig um ausländische Verfolgte – sondern um deutsche.

    "Die Gewährung des Asylrechts für politisch verfolgte Ausländer erscheint als zu weitgehend", betonte am 16. November 1948 der Redaktionsausschuss des Rates und legte stattdessen folgenden Entwurf für einen Asylartikel vor: "Jeder Deutsche, der wegen seines Eintretens für Freiheit, Demokratie, soziale Gerechtigkeit oder Weltfrieden verfolgt wird, genießt im Bundesgebiet Asylrecht." (Quelle: Die Zeit, https://www.zeit.de/2024/23/grundgesetz ... ettansicht)
    Das Asylrecht war also von Anfang an eine nationalistische Angelegenheit. Es wurde nicht an Notleidende und Verfolgte in anderen Ländern gedacht, sondern zunächst einmal nur an die Geschwister, die von den bösen Russen gekidnappt worden sind.

    Und ausgerechnet die Nachkommen dieser bösen Russen, die früher unsere Geschwister in ihren Klauen hatten, kommen jetzt auf einmal zu uns und wollen vom deutschen Staat anerkannt werden? Kein Wunder, dass die Behörden sich schwer damit tun!
  2. Interesse des Staates:
    Natürlich hat auch der deutsche Staat ein Interesse daran, dass die Leute der Kriegstreiberei nicht völlig abgeneigt sind. Irgendwer muss ja bei der Aufrüstung mitmachen. Sonst tritt die Situation ein, die in dem Satz "Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin" ausgedrückt wird. Deswegen kann der deutsche Staat Kriegsdienstverweigerung nicht grundsätzlich billigen. Wenn russische Soldaten also nicht aus den "richtigen" Gründen verfolgt werden - also, weil sie sich für Freiheit und Demokratie und gegen den bösen Putin einsetzen - sondern einfach nur deswegen, weil sie ihr Leben nicht verlieren wollen, dann kann der deutsche Staat deren Gründe nicht gutheißen. Denn schließlich braucht er ja für die Aufrüstung selbst viele junge deutsche Menschen, die prinzipiell nichts dagegen haben sich von Drohnen in die Luft sprengen zu lassen. Deswegen hat er wenig Verständnis für junge russische Männer, die keine Lust darauf haben sich von Drohnen in die Luft sprengen zu lassen.




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