- Rudolf: PHYSIKALISCHE WELT: Es existieren Ursachen-Wirkungsgefüge (Kausalität), die in Raum und Zeit bestimmbar sind. Die Bestimmungsgrößen sind Masse, Geschwindigkeit, Richtung, Energie. Es handelt sich um Konkreta. Multikausalität: es wird zwischen auslösende und strukturierende Ursachen unterschieden (Kausalgeflecht). Auf der ultimativen Nullebene (Quanten-Physik) sind die Zusammenhänge statistisch, darüber deterministisch bzw. quasi-deterministisch. Auch statistische bzw. quasideterministische Zusammenhänge werden als kausal beschrieben, es gibt keine kausale Lücke, die Welt der Physik ist kausal geschlossen. Dritte Person Sichtweise; Gesetze beschreiben die Zusammenhänge.
MENTALE WELT: Ermöglicht handeln oder reagieren; ist nicht in Raum und Zeit bestimmbar; findet im Hier und Jetzt statt; ist auf die Zukunft bezogen; Inhalte sind Information, Plan, Zahl, Ganzheit, Gefühl, Zweck; sind Abstrakta; erste Person Sichtweise; zusätzlich zum Beschreiben kann es ein subjektives Gefühl geben, wie sich etwas anfühlt. Abstrakta sind Symbole, und können nicht interagieren.
Handlungsgründe als Erklärungen
- Jörn P Budesheim
- Beiträge: 3220
- Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
- Wohnort: Kassel
- Kontaktdaten:
Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“
-
Rudolf Pirnbacher
- Beiträge: 68
- Registriert: Do 21. Mai 2026, 12:49
- Wohnort: Land Salzburg
- Kontaktdaten:
Es ist nun nun mal ein entscheidender Unterschied, ob die Welt der Materie und der Energiefelder betrachtet werden, oder ob die Welt des Lebendigen, des Mentalen und des Abstrakten betrachtet wird. Die Welt der Materie wird durch Kausalitäten beschrieben, während man in der Welt des Lebendigen, des Mentalen und des Abstrakten von Zweck, Sinn und Gründen spricht. Man kann sie auch durch 3. Person Sichtweise und 1. Person Sichtweise unterscheiden; einige unterscheiden sie auch durch Empirismus und Idealismus.
Die Sache wird insofern komplex, als bei allem Lebendigen beide Sichtweisen von Bedeutung sind. Darum kann man bei allem Lebendigen auch zwischen Kausalursache und Zweckursache unterscheiden. Bereits Aristoteles hat dies erkannt indem er zwischen Kausalursache, Zweckursache und zusätzlich noch Materialursache und Formursache unterscheidet. Die biologische, soziale, kulturelle Welt bewegt sich in beiden Welten, allerdings in der Reihenfolge zunehmend von der Materiellen in die Mentale.
Dies sei hier nur deshalb erwähnt, um Missverständnisse in der Definition von Begriffen zu vermeiden und keine Kategorienfehler zu begehen, was leider sehr oft geschieht. Dieses Thema hier handelt von Handelsgründen und Erklärungen, und bewegt sich somit überwiegend auf der mentalen Ebene.
Die Sache wird insofern komplex, als bei allem Lebendigen beide Sichtweisen von Bedeutung sind. Darum kann man bei allem Lebendigen auch zwischen Kausalursache und Zweckursache unterscheiden. Bereits Aristoteles hat dies erkannt indem er zwischen Kausalursache, Zweckursache und zusätzlich noch Materialursache und Formursache unterscheidet. Die biologische, soziale, kulturelle Welt bewegt sich in beiden Welten, allerdings in der Reihenfolge zunehmend von der Materiellen in die Mentale.
Dies sei hier nur deshalb erwähnt, um Missverständnisse in der Definition von Begriffen zu vermeiden und keine Kategorienfehler zu begehen, was leider sehr oft geschieht. Dieses Thema hier handelt von Handelsgründen und Erklärungen, und bewegt sich somit überwiegend auf der mentalen Ebene.
- Jörn P Budesheim
- Beiträge: 3220
- Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
- Wohnort: Kassel
- Kontaktdaten:
- Rudolf Pirnbacher: Es ist nun nun mal ein entscheidender Unterschied, ob die Welt der Materie und der Energiefelder betrachtet werden, oder ob die Welt des Lebendigen, des Mentalen und des Abstrakten betrachtet wird.
Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“
-
Rudolf Pirnbacher
- Beiträge: 68
- Registriert: Do 21. Mai 2026, 12:49
- Wohnort: Land Salzburg
- Kontaktdaten:
Zweifelsohne gibt beim erkennen, erklären und verstehen der Welt viele Zugänge.
-
Rudolf Pirnbacher
- Beiträge: 68
- Registriert: Do 21. Mai 2026, 12:49
- Wohnort: Land Salzburg
- Kontaktdaten:
„Es kann aber auch sein, dass der Neffe durchaus andere Gründe dafür hat, warum er unbedingt an Geld herankommen möchte“.
Zustimmung! Nachdem man keinen direkten Zugang zu den Gründen der Handlung einer anderen Person hat, bleibt es immer eine Herausforderung diese Gründe zu erkennen. Sofern man von der betroffenen Person keine direkten Aussagen zu seinen Gründen für die Handlung bekommt kann man sich nur auf Indizien berufen und darauf hoffen dass man die richtigen Schlüsse zieht.
Okay, es wird Zeit die Zitierfunktion zu testen!
Frage: Wie ist das Rümelin-Zitat Nr. 1 zu verstehen?
Ich glaube, da haben wir keinen wirklichen Dissens, auch wenn du behauptest, da wäre einer.
Du hast völlig Recht: Ein Lehrer muss nichts mit motivierender Kraft austatten. Gerade damit begründest du, dass sich das Rümelin-Zitat nicht auf die Situation mit dem Lehrer anwenden lässt. Das ist voll nett von dir, dass du in diesem Falle mir die Begründungsarbeit abnimmst und meine Position bestätigst!
Antwort auf die Frage "Wie ist das Rümelin-Zitat Nr. 1 zu verstehen?":
Es gibt Fälle, in denen zusätzlich zur Handlung ein zusätzlicher Akt stattfindet, in der Gründe mit motivierender Kraft ausgestattet werden. Diesen zusätzliche Akt bezeichne ich als Reflexion. Und es gibt andere Fälle, in denen kein zusätzlicher Akt erforderlich ist. Das Rümelin-Zitat Nr. 1 lässt sich also nur auf die Fälle anwenden, in diesen dieser zusätzliche Akt, d.h. eine Reflexion über die Gründe des Handelns stattfindet.
Wie lässt sich erklären, dass der Lehrer ohne Reflexion, also ohne den zusätzlichen Akt des Ausstattens auskommt? Nun, wenn ich das so frage, dann ist diese Frage eigentlich verkehrt. Denn in dieser Frage mache ich eine Voraussetzung, die vielleicht falsch ist. Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, dass der Lehrer zu einem früheren Zeitpunkt über seinen Unterrichtsstil reflektiert hat. Dabei ist er zu dem Ergebnis gekommen, dass er gute Bedingungen für den Unterricht herstellen möchte. Gute Bedingungen heißt: a) Für ausreichende Lüftung sorgen. b) Lärm auf ein tolerables Niveau senken. Durch diese Reflexion werden Lüftung und Lärmreduktion zu Gründen, die er mit motivierender Kraft ausgestattet hat. Ab diesem Zeitpunkt wird sein Verhalten zur Routine (der Akt, dass er die Gründe mit motivierender Kraft ausgestattet hat, zeigt also seine Wirkung). Sobald sich diese Routine eingestellt hat, lässt sich deine Erklärung anwenden, nämlich dass "man in solchen Fällen auch auf erprobte Handlungsmuster (Types) zurückgreifen kann, so dass man beim konkreten Fall (Token) keinen expliziten und bewussten Entscheidungsprozess mehr durchlaufen muss".
Frage: Wie ist das Rümelin-Zitat Nr. 2 zu verstehen?
Heute habe ich angefangen mir den Text "Gründe und Lebenswelt" durchzulesen. Ich muss zugeben, dass mir noch nicht vollständig klar ist, welche Funktion das zitierte Beispiel im Text erfüllt.
Du sagst:
Antwort auf die Frage "Wie ist das Rümelin-Zitat Nr. 2 zu verstehen?"
Deine Antwort scheint zu sein:
Frage: Wie ist das Rümelin-Zitat Nr. 1 zu verstehen?
Ich glaube, da haben wir keinen wirklichen Dissens, auch wenn du behauptest, da wäre einer.
Naja, so, wie du den Regress herleitest, stellt sich heraus, dass die Formulierung von Rümelin nicht einfach nur "etwas überkandidelt" ist:Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Do 28. Mai 2026, 07:43Die Formulierung von Rümelin ist meines Erachtens zwar etwas überkandidelt, aber passt meines Erachtens auch auf diese Situation.
Eben, das Rümelin-Zitat lässt sich durchaus so lesen, als ob da ein zusätzliches Ausstatten nötig sei. Das ist nicht einfach nur eine überkandidelte Formulierung, sondern eine, die durchaus zu dieser Lesart einlädt.Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Do 28. Mai 2026, 07:57Eigentlich nicht. "Einen Grund akzeptieren heißt, ihn mit motivierender Kraft auszustatten." (Nida-Rümelin) Das Problem ist meines Erachtens das "Ausstatten". Der Lehrer muss nichts "mit motivierender Kraft ausstatten". Dass der Lärm den Unterricht stört, spricht dafür, etwas dagegen zu tun. Dieser Grund liefert bereits die nötige motivierende Kraft. Nur wenn Ausstatten noch zusätzlich nötig wäre, dann könnte man doch fragen: Aber wie ist die Motivation denn begründet? Und dann käme man in einen Regress!
- Dynamis: Der von Jörn angesprochene Regress ergibt sich dann dadurch, dass man weiter fragen kann.
Du hast völlig Recht: Ein Lehrer muss nichts mit motivierender Kraft austatten. Gerade damit begründest du, dass sich das Rümelin-Zitat nicht auf die Situation mit dem Lehrer anwenden lässt. Das ist voll nett von dir, dass du in diesem Falle mir die Begründungsarbeit abnimmst und meine Position bestätigst!
Antwort auf die Frage "Wie ist das Rümelin-Zitat Nr. 1 zu verstehen?":
Es gibt Fälle, in denen zusätzlich zur Handlung ein zusätzlicher Akt stattfindet, in der Gründe mit motivierender Kraft ausgestattet werden. Diesen zusätzliche Akt bezeichne ich als Reflexion. Und es gibt andere Fälle, in denen kein zusätzlicher Akt erforderlich ist. Das Rümelin-Zitat Nr. 1 lässt sich also nur auf die Fälle anwenden, in diesen dieser zusätzliche Akt, d.h. eine Reflexion über die Gründe des Handelns stattfindet.
Wie lässt sich erklären, dass der Lehrer ohne Reflexion, also ohne den zusätzlichen Akt des Ausstattens auskommt? Nun, wenn ich das so frage, dann ist diese Frage eigentlich verkehrt. Denn in dieser Frage mache ich eine Voraussetzung, die vielleicht falsch ist. Es ist nämlich nicht ausgeschlossen, dass der Lehrer zu einem früheren Zeitpunkt über seinen Unterrichtsstil reflektiert hat. Dabei ist er zu dem Ergebnis gekommen, dass er gute Bedingungen für den Unterricht herstellen möchte. Gute Bedingungen heißt: a) Für ausreichende Lüftung sorgen. b) Lärm auf ein tolerables Niveau senken. Durch diese Reflexion werden Lüftung und Lärmreduktion zu Gründen, die er mit motivierender Kraft ausgestattet hat. Ab diesem Zeitpunkt wird sein Verhalten zur Routine (der Akt, dass er die Gründe mit motivierender Kraft ausgestattet hat, zeigt also seine Wirkung). Sobald sich diese Routine eingestellt hat, lässt sich deine Erklärung anwenden, nämlich dass "man in solchen Fällen auch auf erprobte Handlungsmuster (Types) zurückgreifen kann, so dass man beim konkreten Fall (Token) keinen expliziten und bewussten Entscheidungsprozess mehr durchlaufen muss".
Frage: Wie ist das Rümelin-Zitat Nr. 2 zu verstehen?
Heute habe ich angefangen mir den Text "Gründe und Lebenswelt" durchzulesen. Ich muss zugeben, dass mir noch nicht vollständig klar ist, welche Funktion das zitierte Beispiel im Text erfüllt.
Du sagst:
Aber gucken wir uns doch mal den Satz unmittelbar vor dem Beispiel mit dem mordlüstigen Neffen an:Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Do 28. Mai 2026, 08:48Nida-Rümelin unterscheidet daher – zu Recht! – klar zwischen (normativen) Gründen und Wünschen/Motiven, weil das grundlegend verschiedene Dinge sind.
Also, wir haben hier drei Entitäten:Julian Nida-Rümelin hat geschrieben : Aber auch für Wünsche dieser Art gilt in jedem Falle, dass sie Ergebnis der Abwägung von Gründen sind, also die Handlung nicht selbst begründen können.
- Wünsche
- Gründe
- Handlungen
Antwort auf die Frage "Wie ist das Rümelin-Zitat Nr. 2 zu verstehen?"
Deine Antwort scheint zu sein:
Und da ist es überhaupt nicht klar, wie sich der erste Teil dieser Aussage ("hat er aus objektiver Sicht keinen Grund") aus dem Beispiel selbst ergibt. Aus objektiver Sicht gibt es Gründe für den Tötungsversuch: Wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, in der Geld die Autonomie erhöht und somit zu höherer Lebensqualität führt. Das ist nun einmal eine objektive Tatsache und damit ein objektiver Grund. Soweit ich das Beispiel verstehe, dient es dazu an dieser Stelle vor folgendem non sequitur zu warnen: Es wäre falsch alleine aus dem Bestehen dieses objektiven Grundes (viel Geld haben erhöht Autonomie und Lebensqualität) herzuleiten, dass die Handlung rational sei. Aber in einem Wirtschaftssystem, welches als Tauschsystem mit Geld als zentralem Tauschmittel organisiert ist, ist der Wunsch nach Geldvermehrung objektiv in den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen begründet und somit ein objektiver Grund, auch wenn dieser Grund für sich genommen noch keine Handlung begründet oder rechtfertigt.Jörn hat geschrieben : Wenn jemand aus einem vermeintlichen Grund handelt – etwa Hans, der seine Tante tötet –, dann hat er aus objektiver Sicht keinen Grund, sondern handelt irrational und moralisch verwerflich.
- Jörn P Budesheim
- Beiträge: 3220
- Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
- Wohnort: Kassel
- Kontaktdaten:
Dynamis hat geschrieben : Aus meiner Sicht betrifft dieses Zitat den Spezialfall eines besonders reflektierten Akteurs.
Das Argument, was darauf folgt, bezieht sich auf deinen Ausdruck "Spezialfall eines besonders reflektierten Akteurs". Das scheint irgendwie nicht klar geworden zu sein.Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Do 28. Mai 2026, 07:43
Das sehe ich anders.
Nehmen wir ein Beispiel. Der Unterricht im Klassenzimmer wird durch den Lärm draußen gestört. Also entschließt sich der Lehrer, das Fenster wieder zu schließen, das er fünf Minuten zuvor geöffnet hatte, um das Klassenzimmer zu lüften.
Die Formulierung von Rümelin [von der du glaubst, sie bezöge sich nur auf den Spezialfall eines besonders reflektierten Akteurs] ist meines Erachtens zwar etwas überkandidelt, aber passt meines Erachtens auch auf diese Situation ...
Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“
- Jörn P Budesheim
- Beiträge: 3220
- Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
- Wohnort: Kassel
- Kontaktdaten:
Das ist ein klassischer Sein-Sollen-Fehlschluss. Die Aussage „Geld erhöht Autonomie und Lebensqualität“ beschreibt zunächst nur einen Sachverhalt - wenn es denn einer ist. Daraus ergibt sich noch kein normativer Grund, eine Tante zu töten, um an Geld zu kommen. Dafür bräuchte man zusätzliche normative Prämissen.Dynamis hat geschrieben : ↑Do 28. Mai 2026, 18:11Und da ist es überhaupt nicht klar, wie sich der erste Teil dieser Aussage ("hat er aus objektiver Sicht keinen Grund") aus dem Beispiel selbst ergibt. Aus objektiver Sicht gibt es Gründe für den Tötungsversuch: Wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, in der Geld die Autonomie erhöht und somit zu höherer Lebensqualität führt. Das ist nun einmal eine objektive Tatsache und damit ein objektiver Grund.
Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“
Der Text von Anscombe, den ich im ersten Beitrag zu diesem Faden zur Einleitung des Themas benutzt habe, thematisiert genau diese Dichotomie. Anscombe thematisiert Kausalität, indem sie die verschiedenen Bewegungen beschreibt: Der Wind bewegt die Blätter, die Hand die Kreide. Wir haben es mit wortgleichen Beschreibungen zu tun. Dennoch rechnen wir die Handbewegung der mentalen Welt zu, die Bewegung der Blätter jedoch nicht. Es ist meine hier aufgestellte These, dass sich der Unterschied gerade dadurch charakterisieren lässt, wie wir die jeweilige Bewegung erklären können. Diese Erklärungen erscheinen uns so natürlich, so geläufig, dass sie in unser Alltagsvokabular eingebaut sind. Der Satz "Frau Anscombe schreibt einen Satz an die Tafel" ist eine erweiterte Beschreibung der Handbewegung, die zusätzliche Informationen liefert wie z.B. die, dass es sich um eine mit Absicht ausgeführte Bewegung handelt.Rudolf Pirnbacher hat geschrieben : ↑Mi 27. Mai 2026, 17:49PHYSIKALISCHE WELT: Es existieren Ursachen-Wirkungsgefüge (Kausalität), die in Raum und Zeit bestimmbar sind. Die Bestimmungsgrößen sind Masse, Geschwindigkeit, Richtung, Energie. Es handelt sich um Konkreta. Multikausalität: es wird zwischen auslösende und strukturierende Ursachen unterschieden (Kausalgeflecht). Auf der ultimativen Nullebene (Quanten-Physik) sind die Zusammenhänge statistisch, darüber deterministisch bzw. quasi-deterministisch. Auch statistische bzw. quasideterministische Zusammenhänge werden als kausal beschrieben, es gibt keine kausale Lücke, die Welt der Physik ist kausal geschlossen. Dritte Person Sichtweise; Gesetze beschreiben die Zusammenhänge.
MENTALE WELT: Ermöglicht handeln oder reagieren; ist nicht in Raum und Zeit bestimmbar; findet im Hier und Jetzt statt; ist auf die Zukunft bezogen; Inhalte sind Information, Plan, Zahl, Ganzheit, Gefühl, Zweck; sind Abstrakta; erste Person Sichtweise; zusätzlich zum Beschreiben kann es ein subjektives Gefühl geben, wie sich etwas anfühlt. Abstrakta sind Symbole, und können nicht interagieren.
Du hast unter dem Abschnitt "mentale Welt" ein paar Stichworte genannt wie "ist auf die Zukunft bezogen". Später hast du auch von "Zweckursache" gesprochen. Die Zukunftsbezogenheit scheint ein wichtiges Unterscheidungskriterium zu sein. Handlungen lassen sich durch ihre Zukunftsbezogenheit erklären: Warum bewegt die Hand die Kreide? Weil der Lehrer einen Satz an die Tafel schreiben möchte. Mir fallen keine vergleichbaren naturwissenschaftlich beschreibbaren Ereignisse ein, die sich durch ihre Zukunftsbezogenheit erklären lassen. Nehmen wir an, jemand würde folgende Erklärung abliefern: Warum sind die Dinosaurier ausgestorben? Um den Platz für die Säugetiere freizumachen. Das wäre keine seriöse wissenschaftliche Erklärung, sondern ginge eher in Richtung von Theorien des Intelligent Design. Warum tötet das Virus Menschen? Weil es Mordabsichten hat. Das wäre ein falscher Anthropomorphismus.
"erste Person Sichtweise" ist auch ein wichtiger Stichpunkt. Später spricht du auch von einer Unterscheidung "durch 3. Person Sichtweise und 1. Person Sichtweise". Ich hatte schon vorhin ein Zitat von Anscombe gebracht, die Handlungsbeschreibungen direkt im persönlichen Wissen der handelnden Person verankert:
Anscombe hat geschrieben : Außerdem ist es das Wissen des Handelnden um sein Tun, das denjenigen Beschreibungen zugrunde liegt, wonach das, was geschieht, die Ausführung einer Absicht ist. (Übersetzt mit Hilfe von DeepL)
Englisch:
Further, it is the agent's knowledge of what he is doing that gives the descriptions under which what is going an is the execution of an intention. (§48, Intention)
Es ist sonnenklar geworden.Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Do 28. Mai 2026, 19:07Dynamis hat geschrieben : Aus meiner Sicht betrifft dieses Zitat den Spezialfall eines besonders reflektierten Akteurs.Das Argument, was darauf folgt, bezieht sich auf deinen Ausdruck "Spezialfall eines besonders reflektierten Akteurs". Das scheint irgendwie nicht klar geworden zu sein.Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Do 28. Mai 2026, 07:43
Das sehe ich anders.
Nehmen wir ein Beispiel. Der Unterricht im Klassenzimmer wird durch den Lärm draußen gestört. Also entschließt sich der Lehrer, das Fenster wieder zu schließen, das er fünf Minuten zuvor geöffnet hatte, um das Klassenzimmer zu lüften.
Die Formulierung von Rümelin [von der du glaubst, sie bezöge sich nur auf den Spezialfall eines besonders reflektierten Akteurs] ist meines Erachtens zwar etwas überkandidelt, aber passt meines Erachtens auch auf diese Situation ...
Inzwischen habe ich herausgefunden, dass es eine bemerkenswerte Kritik von Johannes Fischer gibt, die an dieser Stelle sehr gut passt. Fischer bezieht sich auf einen ähnlichen Text von Nida-Rümelin mit dem Titel "Gründe und Lebenswelt" (nicht auf den mit demselben Titel, der unter information-philosophie.de abrufbar ist, doch nehme ich an, dass Nida-Rümelin in beiden Texten mit dem Titel "Gründe und Lebenswelt" die weitgehend selbe Position vertritt):
Wenn Fischers Kritik stimmt, gibt es zumindest eine Lücke, die in Rümelins Theorie, die in dem Text "Gründe und Lebenswelt" präsentiert wird, besteht, dass von ihr spontanes Handeln nicht thematisiert wird. Dein Beispiel mit dem Lehrer im Klassenzimmer, der spontan das Fenster schließt, fällt also nicht in den Anwendungsbereich von Rümelins Theorie.Johannes Fischer hat geschrieben : Spontanes Handeln gibt es hiernach nicht, da allem Handeln eine „beurteilende, bewertende Stellungnahme“ vorausgeht. Auf unser erstes Beispiel bezogen ist hiernach das, was zum Regenschirm greifen lässt, nicht der Regen, der beim Öffnen der Haustür vor Augen ist, sondern das bewertende Urteil, dass in einer solchen Situation die Mitnahme des Schirms richtig ist. Was den Vater des erkrankten Kindes daran hindert, bei der Arbeit zu Erscheinen, ist nicht die Erkrankung seines Kindes, sondern das Urteil, dass es in einer solchen Situation richtig ist, bei dem eigenen Kind zu bleiben. (Quelle: Johannes Fischer, "Gründe und Lebenswelt. Bemerkungen zu einem Text von Julian Nida-Rümelin", https://profjohannesfischer.de/wp-conte ... welt-6.pdf)
Aus meiner Ansicht ist das noch kein Anlass für einen Vorwurf. Wenn Rümelins Theorie wenigstens für reflektierte Handlungen stimmt, dann wäre das schon eine für unsere Diskussion relevante Erkenntnis.
In meinem Text steht "Das ist nun einmal eine objektive Tatsache und damit ein objektiver Grund." Da steht nicht: "Das ist nun einmal eine objektive Tatsache und damit ein normativer Grund." Also, nein, kein Sein-Sollen-Fehlschluss.Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Fr 29. Mai 2026, 07:51Das ist ein klassischer Sein-Sollen-Fehlschluss. Die Aussage „Geld erhöht Autonomie und Lebensqualität“ beschreibt zunächst nur einen Sachverhalt - wenn es denn einer ist. Daraus ergibt sich noch kein normativer Grund, eine Tante zu töten, um an Geld zu kommen. Dafür bräuchte man zusätzliche normative Prämissen.Dynamis hat geschrieben : ↑Do 28. Mai 2026, 18:11Und da ist es überhaupt nicht klar, wie sich der erste Teil dieser Aussage ("hat er aus objektiver Sicht keinen Grund") aus dem Beispiel selbst ergibt. Aus objektiver Sicht gibt es Gründe für den Tötungsversuch: Wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, in der Geld die Autonomie erhöht und somit zu höherer Lebensqualität führt. Das ist nun einmal eine objektive Tatsache und damit ein objektiver Grund.
- Jörn P Budesheim
- Beiträge: 3220
- Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
- Wohnort: Kassel
- Kontaktdaten:
Ich lese deinen Text anders. Aber wenn es nicht so gemeint war, okay. Dann weißt ich aber nicht, wie und wofür du an der fraglichen Stelle überhaupt argumentiert hast.
Ich hab zwei Dinge getan. (1) Ich hab eine etwas "überkandidelte" Formulierung von Nida-Rümelin gegen den Vorwurf verteidigt, sie bezöge sich nur auf nur auf reflektierte Handlungen oder wie auch immer du es ausgedückt hast. (2) Ich hab eine Formulierung von Nida-Rümelin, die Rudolf ins Spiel gebracht hat, kritisiert: "Einen Grund akzeptieren heißt, ihn mit motivierender Kraft auszustatten." Das halte ich für fragwürdig.
Weder zu (1) noch zu (2) ist mir deine Position überhaupt klar geworden.
Nida-Rümelin hat ein Beispiel gebracht. Wenn man solche Beispiele einfach mit neuen Zutaten anreichert, dann hat man das Argument, das damit verknüpft hat, einfach verändert. Es mag Fälle geben, wo das eine angemessene Möglichkeit ist, aber das muss gut begündet sein. In diesem Fall geht es einfach am Argument von Nida-Rümelin vorbei finde ich.
Ich hab zwei Dinge getan. (1) Ich hab eine etwas "überkandidelte" Formulierung von Nida-Rümelin gegen den Vorwurf verteidigt, sie bezöge sich nur auf nur auf reflektierte Handlungen oder wie auch immer du es ausgedückt hast. (2) Ich hab eine Formulierung von Nida-Rümelin, die Rudolf ins Spiel gebracht hat, kritisiert: "Einen Grund akzeptieren heißt, ihn mit motivierender Kraft auszustatten." Das halte ich für fragwürdig.
Weder zu (1) noch zu (2) ist mir deine Position überhaupt klar geworden.
Nida-Rümelin hat ein Beispiel gebracht. Wenn man solche Beispiele einfach mit neuen Zutaten anreichert, dann hat man das Argument, das damit verknüpft hat, einfach verändert. Es mag Fälle geben, wo das eine angemessene Möglichkeit ist, aber das muss gut begündet sein. In diesem Fall geht es einfach am Argument von Nida-Rümelin vorbei finde ich.
Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“
- Jörn P Budesheim
- Beiträge: 3220
- Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
- Wohnort: Kassel
- Kontaktdaten:
Diesen Unterschied verwischst du durchgängig, Dynamis.Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Do 28. Mai 2026, 08:48Aber man sollte klar zwischen beiden Ebenen unterscheiden:
- Normative Gründe: rechtfertigen Handlungen objektiv
- Erklärende Gründe/Motivating reasons: Machen Handlungen aus Sicht des Handelnden verständlich.*
*Ich bin allerings der Ansicht, dass man auf die Kategorie der erklärenden Gründe als eigenständigen Grundtyp verzichten kann – ja sogar sollte. Sie ist keine separate Ebene neben den normativen Gründen, sondern wird von diesen "absorbiert": Handlungen lassen sich erklären, indem man angibt, an welchen vermeintlichen oder tatsächlichen normativen Gründen sich die Person orientiert hat. Wer eine Handlung erklärt, beschreibt damit durchaus auch die epistemische Situation des Akteurs – was er für einen Grund hielt –, aber nicht eine eigene Klasse von Entitäten ("die erklärenden Gründe"). Die Objektivität der Gründe bleibt dabei unangetastet: Dass Hans die Aussicht auf Erbschaft für einen Grund hält, erklärt, warum er so gehandelt hat – und macht zugleich sichtbar, wo er sich irrt. Gerade weil Gründe objektiv sind, ist Kritik möglich: Man kann geltend machen, dass das, was Hans für einen Grund hielt, keiner war.
Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“
Meine Position zu (1) lautet:Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Fr 29. Mai 2026, 10:33Ich lese deinen Text anders. Aber wenn es nicht so gemeint war, okay. Dann weißt ich aber nicht, wie und wofür du an der fraglichen Stelle überhaupt argumentiert hast.
Ich hab zwei Dinge getan. (1) Ich hab eine etwas "überkandidelte" Formulierung von Nida-Rümelin gegen den Vorwurf verteidigt, sie bezöge sich nur auf nur auf reflektierte Handlungen oder wie auch immer du es ausgedückt hast. (2) Ich hab eine Formulierung von Nida-Rümelin, die Rudolf ins Spiel gebracht hat, kritisiert: "Einen Grund akzeptieren heißt, ihn mit motivierender Kraft auszustatten." Das halte ich für fragwürdig.
Weder zu (1) noch zu (2) ist mir deine Position überhaupt klar geworden.
Meine Position zu (2) lautet:
Ich habe also mit meiner Aussage auf beide Äußerungen von dir gleichzeitig reagiert. Du hältst die Formulierung für Nida-Rümelin bloß für etwas "überkandidelt". Dem habe ich widersprochen. Und du hast in deiner Kritik darauf hingewiesen, dass das Ausstatten ein zusätzlicher Akt sei, der zur eigentlichen Handlung noch hinzukommt. Deine Kritik war: "Es legt nahe, dass Gründe motivational inert sind und erst durch einen Akt der Akzeptanz aufgeladen werden." Dieser Lesart habe ich zugestimmt.
Mir ist bewusst, dass du mit dem Beispiel des Lehrers veranschaulichen möchtest, dass es auch so etwas wie eine implizite Akzeptanz von Gründen gibt, die ohne Reflexion auskommt. Du interpretierst die Handlung des Lehrers so, dass "man in solchen Fällen auch auf erprobte Handlungsmuster (Types) zurückgreifen kann, so dass man beim konkreten Fall (Token) keinen expliziten und bewussten Entscheidungsprozess mehr durchlaufen muss." Ich stimme dir völlig zu, dass der Lehrer viele Situationen im Unterricht durch reine Routine bewältigt. Das sind dann diejenigen Fälle, die Johannes Fischer als "spontane Handlungen" klassifiziert hat und die ohne zusätzlichen Austattungsakt auskommen. Das sind diejenigen Fälle, auf die sich Rüdelins Beschreibung von motivierenden Absichten also nicht unmittelbar anwenden lässt. (Es ist aber möglich, dass es einen Ausstattungsakt gab, bevor sich diese Routine entwickelt hat, darauf habe ich schon hingewiesen.)
Wo habe ich das Beispiel mit neuen Zutaten angereichert? Mir ist zwar nicht ganz klar, wofür das Beispiel mit dem Neffen und seiner Erbtante im Text "Lebenswelt und Gründe" verwendet wird, aber sie wird nun einmal nicht benutzt, um normative Gründe und erklärende Gründe zu unterscheiden. Rüdelin zieht daraus eine andere Schlussfolgerung: "aber der Übergang von dieser deskriptiv wahren Feststellung zu derjenigen, dass eine solche Handlungsweise rational wohl begründet oder gerechtfertigt sei, ist offenkundig unzulässig." Hier werden also nicht normative und erklärende Gründe unterschieden, vielmehr geht es darum den "Übergang von dieser deskriptiv wahren Feststellung" zu rational begründenden Feststellungen als non sequitur zu kritisieren. Das ist das, was da steht. Darauf beziehe ich mich, da habe ich nichts hinzu gedichtet.Jörn hat geschrieben : Nida-Rümelin hat ein Beispiel gebracht. Wenn man solche Beispiele einfach mit neuen Zutaten anreichert, dann hat man das Argument, das damit verknüpft hat, einfach verändert. Es mag Fälle geben, wo das eine angemessene Möglichkeit ist, aber das muss gut begündet sein. In diesem Fall geht es einfach am Argument von Nida-Rümelin vorbei finde ich.
Ich bekenne mich schuldig im Sinne der Anklage. Nur lässt sich aus dem Beispiel von Rümelin nicht herleiten, dass das ein Fehler ist.Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Fr 29. Mai 2026, 10:43Diesen Unterschied verwischst du durchgängig, Dynamis.
Aber Hans hat sich ja nicht geirrt. Es ist nun einmal eine objektive Tatsache, dass man sich mit ausreichend Geld keine Sorgen um Wohnungsnot, medizinische Versorgung, Altersversorgung usw. machen muss. Wenn Hans diese objektive Tatsache zum Anlass nimmt, um einen Plan zu schmieden, der ihm im Erfolgsfall ein sorgenfreies Leben beschert, kann man ihm keinen Irrtum vorwerfen. Man kann ihm höchstens eine besondere Verwerflichkeit seines Tuns vorwerfen, indem er einen anderen Menschen als Mittel für seine Zwecke instrumentalisiert und dessen Rechte missachtet. Wenn dem Hans aber bewusst ist, dass sein Tun verwerflich ist, und er es trotzdem macht, wo irrt er sich da?Jörn hat geschrieben : Ich bin allerings der Ansicht, dass man auf die Kategorie der erklärenden Gründe als eigenständigen Grundtyp verzichten kann – ja sogar sollte. Sie ist keine separate Ebene neben den normativen Gründen, sondern wird von diesen "absorbiert": Handlungen lassen sich erklären, indem man angibt, an welchen vermeintlichen oder tatsächlichen normativen Gründen sich die Person orientiert hat. Wer eine Handlung erklärt, beschreibt damit durchaus auch die epistemische Situation des Akteurs – was er für einen Grund hielt –, aber nicht eine eigene Klasse von Entitäten ("die erklärenden Gründe"). Die Objektivität der Gründe bleibt dabei unangetastet: Dass Hans die Aussicht auf Erbschaft für einen Grund hält, erklärt, warum er so gehandelt hat – und macht zugleich sichtbar, wo er sich irrt. Gerade weil Gründe objektiv sind, ist Kritik möglich: Man kann geltend machen, dass das, was Hans für einen Grund hielt, keiner war.
- Jörn P Budesheim
- Beiträge: 3220
- Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
- Wohnort: Kassel
- Kontaktdaten:
Nein, der Schluss von "Hans hat sich ja nicht geirrt." auf "die Tante aus Geldgier zu ermorden, ist okay." ist genau der Sein-Sollen-Fehlschluss, der von Rümelin kritisiert wird. Hans weiß ja, dass es nicht okay ist die Tante aus Geldgier zu ermorden. Wenn er es dann trotzdem macht, unterliegt er keinem Irrtum, sondern handelt einfach nur auf verwerfliche Weise.Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Fr 29. Mai 2026, 17:00Na dann. Dann halten wir fest: die Tante aus Geldgier zu ermorden, ist okay.
- Jörn P Budesheim
- Beiträge: 3220
- Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
- Wohnort: Kassel
- Kontaktdaten:
@Dynamis: meines Erachtens verfehlen deine Auslegungen dieses Textes einfach seinen Sinn.... Ein Beispiel: Hans hat den überragenden Wunsch, zu Geld zu kommen, aber weder die Begabung noch die Willenskraft, um diesem Ziel auf legalem Wege näherzukommen. Dagegen ist er, was die Lebensdauer einer alten und kränkelnden Erbtante betrifft, weitgehend indifferent. Ob die nun noch ein paar Jahre länger lebt oder nicht, ändert an seiner Lebenssituation wenig, und da er nur selten mit ihr in Kontakt war, hat er keine emotionale Bindung zu ihr aufgebaut. Begründet all dies eine geschickt gewählte Handlungsweise, die zum vorzeitigen Ableben der Erbtante führt, ohne dass dies dem Neffen als Straftat zugeschrieben werden kann? Offenkundig nicht: Man könnte bestenfalls sagen, dass es für den Neffen nur eine Möglichkeit gibt, seinen überragenden Wunsch, an viel Geld zu kommen, zu erfüllen, nämlich das Ableben der Erbtante unauffällig zu beschleunigen – aber der Übergang von dieser deskriptiv wahren Feststellung zu derjenigen, dass eine solche Handlungsweise rational wohl begründet oder gerechtfertigt sei, ist offenkundig unzulässig.
Wenn das Prädikat „rational“ in praktischen Kontexten nichts anderes bedeutete als „ist für die je vorgegebenen Zwecke ein geeignetes Mittel“ (oder stärker: „es gibt kein geeigneteres“), dann würde Rationalität ihre normative Bedeutung verlieren. Mit der Auszeichnung einer Handlung als „rational“ wäre dann kein Empfehlungscharakter mehr verbunden, sondern das Prädikat „ist rational“ würde in praktischen Kontexten lediglich einen deskriptiven (probabilistischen oder kausalen) Zusammenhang behaupten. Aber als normatives Prädikat ist es bestimmten Formen des Begründens unterworfen. Die Begründung, dass eine Handlung rational sei, kann zwar auf subjektive Merkmale wie Wünsche oder Interessen der handelnden Person Bezug nehmen, sie ist aber selbst nur objektiv – wie jede Begründung – zu verstehen: Sie zeichnet diese Handlung als die richtige Handlung aus. Dabei kann es durchaus wesentlich sein, wer diese Handlung vollzieht. Denn mit dieser Handlung ist der konkrete Handlungstoken gemeint, also die konkrete, von einer Person zu einem gegebenen Zeitpunkt vollzogene Handlung. Dass die entsprechenden Kriterien immer nur auf Types Bezug nehmen können, um formulierbar zu sein, tut dem keinen Abbruch. …
(aus: Nida-Rümelin, Nida: Gründe und Lebenswelt, www.information-philosophie.de)
Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“
Damit dein "meines Erachtens" keine bloße Meinungsäußerung bleibt und eine kritische Bemerkung wird, müsstest du deine Behauptung am Text begründen. Wenn du der Ansicht bist, dass diejenige Schlussfolgerung daraus gezogen werden soll, die du daraus ziehen möchtest, begründe das bitte am Text. Ich habe meine Hausaufgaben bereits gemacht:Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑So 31. Mai 2026, 10:51@Dynamis: meines Erachtens verfehlen deine Auslegungen dieses Textes einfach seinen Sinn.... Ein Beispiel: Hans hat den überragenden Wunsch, zu Geld zu kommen, aber weder die Begabung noch die Willenskraft, um diesem Ziel auf legalem Wege näherzukommen. Dagegen ist er, was die Lebensdauer einer alten und kränkelnden Erbtante betrifft, weitgehend indifferent. Ob die nun noch ein paar Jahre länger lebt oder nicht, ändert an seiner Lebenssituation wenig, und da er nur selten mit ihr in Kontakt war, hat er keine emotionale Bindung zu ihr aufgebaut. Begründet all dies eine geschickt gewählte Handlungsweise, die zum vorzeitigen Ableben der Erbtante führt, ohne dass dies dem Neffen als Straftat zugeschrieben werden kann? Offenkundig nicht: Man könnte bestenfalls sagen, dass es für den Neffen nur eine Möglichkeit gibt, seinen überragenden Wunsch, an viel Geld zu kommen, zu erfüllen, nämlich das Ableben der Erbtante unauffällig zu beschleunigen – aber der Übergang von dieser deskriptiv wahren Feststellung zu derjenigen, dass eine solche Handlungsweise rational wohl begründet oder gerechtfertigt sei, ist offenkundig unzulässig.
Wenn das Prädikat „rational“ in praktischen Kontexten nichts anderes bedeutete als „ist für die je vorgegebenen Zwecke ein geeignetes Mittel“ (oder stärker: „es gibt kein geeigneteres“), dann würde Rationalität ihre normative Bedeutung verlieren. Mit der Auszeichnung einer Handlung als „rational“ wäre dann kein Empfehlungscharakter mehr verbunden, sondern das Prädikat „ist rational“ würde in praktischen Kontexten lediglich einen deskriptiven (probabilistischen oder kausalen) Zusammenhang behaupten. Aber als normatives Prädikat ist es bestimmten Formen des Begründens unterworfen. Die Begründung, dass eine Handlung rational sei, kann zwar auf subjektive Merkmale wie Wünsche oder Interessen der handelnden Person Bezug nehmen, sie ist aber selbst nur objektiv – wie jede Begründung – zu verstehen: Sie zeichnet diese Handlung als die richtige Handlung aus. Dabei kann es durchaus wesentlich sein, wer diese Handlung vollzieht. Denn mit dieser Handlung ist der konkrete Handlungstoken gemeint, also die konkrete, von einer Person zu einem gegebenen Zeitpunkt vollzogene Handlung. Dass die entsprechenden Kriterien immer nur auf Types Bezug nehmen können, um formulierbar zu sein, tut dem keinen Abbruch. …
(aus: Nida-Rümelin, Nida: Gründe und Lebenswelt, www.information-philosophie.de)
Dynamis hat geschrieben : ↑Do 28. Mai 2026, 18:11Frage: Wie ist das Rümelin-Zitat Nr. 2 zu verstehen?
Heute habe ich angefangen mir den Text "Gründe und Lebenswelt" durchzulesen. Ich muss zugeben, dass mir noch nicht vollständig klar ist, welche Funktion das zitierte Beispiel im Text erfüllt.
Du sagst:
Aber gucken wir uns doch mal den Satz unmittelbar vor dem Beispiel mit dem mordlüstigen Neffen an:Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑Do 28. Mai 2026, 08:48Nida-Rümelin unterscheidet daher – zu Recht! – klar zwischen (normativen) Gründen und Wünschen/Motiven, weil das grundlegend verschiedene Dinge sind.
Also, wir haben hier drei Entitäten:Julian Nida-Rümelin hat geschrieben : Aber auch für Wünsche dieser Art gilt in jedem Falle, dass sie Ergebnis der Abwägung von Gründen sind, also die Handlung nicht selbst begründen können.Jede dieser Entitäten könnte man von den anderen Entitäten unterscheiden: Wünsche von Gründen, Gründe von Handlungen, Handlungen von Wünschen etc. Wenn man das Verb "begründen" substantiviert, haben wir eine vierte Entität, nämlich Begründungen, die man wiederum von allen anderen Entitäten unterscheiden könnte. Welche Unterscheidung soll also durch das Beispiel aufgezeigt werden?
- Wünsche
- Gründe
- Handlungen
Antwort auf die Frage "Wie ist das Rümelin-Zitat Nr. 2 zu verstehen?"
Deine Antwort scheint zu sein:
Und da ist es überhaupt nicht klar, wie sich der erste Teil dieser Aussage ("hat er aus objektiver Sicht keinen Grund") aus dem Beispiel selbst ergibt. Aus objektiver Sicht gibt es Gründe für den Tötungsversuch: Wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, in der Geld die Autonomie erhöht und somit zu höherer Lebensqualität führt. Das ist nun einmal eine objektive Tatsache und damit ein objektiver Grund. Soweit ich das Beispiel verstehe, dient es dazu an dieser Stelle vor folgendem non sequitur zu warnen: Es wäre falsch alleine aus dem Bestehen dieses objektiven Grundes (viel Geld haben erhöht Autonomie und Lebensqualität) herzuleiten, dass die Handlung rational sei. Aber in einem Wirtschaftssystem, welches als Tauschsystem mit Geld als zentralem Tauschmittel organisiert ist, ist der Wunsch nach Geldvermehrung objektiv in den bestehenden gesellschaftlichen Verhältnissen begründet und somit ein objektiver Grund, auch wenn dieser Grund für sich genommen noch keine Handlung begründet oder rechtfertigt.Jörn hat geschrieben : Wenn jemand aus einem vermeintlichen Grund handelt – etwa Hans, der seine Tante tötet –, dann hat er aus objektiver Sicht keinen Grund, sondern handelt irrational und moralisch verwerflich.
Dynamis hat geschrieben : ↑Fr 29. Mai 2026, 16:14Wo habe ich das Beispiel mit neuen Zutaten angereichert? Mir ist zwar nicht ganz klar, wofür das Beispiel mit dem Neffen und seiner Erbtante im Text "Lebenswelt und Gründe" verwendet wird, aber sie wird nun einmal nicht benutzt, um normative Gründe und erklärende Gründe zu unterscheiden. Rüdelin zieht daraus eine andere Schlussfolgerung: "aber der Übergang von dieser deskriptiv wahren Feststellung zu derjenigen, dass eine solche Handlungsweise rational wohl begründet oder gerechtfertigt sei, ist offenkundig unzulässig." Hier werden also nicht normative und erklärende Gründe unterschieden, vielmehr geht es darum den "Übergang von dieser deskriptiv wahren Feststellung" zu rational begründenden Feststellungen als non sequitur zu kritisieren. Das ist das, was da steht. Darauf beziehe ich mich, da habe ich nichts hinzu gedichtet.
-
Rudolf Pirnbacher
- Beiträge: 68
- Registriert: Do 21. Mai 2026, 12:49
- Wohnort: Land Salzburg
- Kontaktdaten:
Nachdem hier schon öfters Aussagen von Julian Nida-Rümelin zur Debatte standen, möchte ich euch auf zwei Essays verweisen, die ich im Rahmen eines Seminars der LMU-München geschrieben habe. Sie beinhalten Zitate mit Definitionen und Erläuterungen von Julian Nida-Rümelin zum Thema.
https://www.researchgate.net/publicatio ... da-Rumelin
https://www.researchgate.net/publicatio ... da-Rumelin
https://www.researchgate.net/publicatio ... da-Rumelin
https://www.researchgate.net/publicatio ... da-Rumelin
- Jörn P Budesheim
- Beiträge: 3220
- Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
- Wohnort: Kassel
- Kontaktdaten:
Zustimmung? Zur Erinnerung: Hans ist keine empirische Person! Es ist ja nicht so, dass Nida-Rümelin einen konkreten Fall ggf. falsch darstellt und man ihn dafür kritisieren könnte. Es gibt daher auch keine Herausforderung, diese Gründe zu erkennen. Es ist verfehlt, Nida-Rümelins Beispiel wie eine kriminalpsychologische Fallstudie über eine reale Person zu verstehen, anstatt es als ein philosophisches Gedankenexperiment zur Begriffsanalyse von „Rationalität“ bzw. „Gründen“ zu begreifen. Die relevanten Aspekte liegen in dem Argument auf dem Tisch. (Wer anderes hinzufügt, ändert ggf. einfach das Argument!)Rudolf Pirnbacher hat geschrieben : ↑Do 28. Mai 2026, 14:13Bezüglich Dynamis:
„Es kann aber auch sein, dass der Neffe durchaus andere Gründe dafür hat, warum er unbedingt an Geld herankommen möchte“.
Zustimmung! Nachdem man keinen direkten Zugang zu den Gründen der Handlung einer anderen Person hat, bleibt es immer eine Herausforderung diese Gründe zu erkennen. Sofern man von der betroffenen Person keine direkten Aussagen zu seinen Gründen für die Handlung bekommt kann man sich nur auf Indizien berufen und darauf hoffen dass man die richtigen Schlüsse zieht.
Im Text von Nida-Rümelin heißt es dann vollkommen zu Recht: "Man könnte bestenfalls sagen, dass es für den Neffen nur eine Möglichkeit gibt, seinen überragenden Wunsch, an viel Geld zu kommen, zu erfüllen, nämlich das Ableben der Erbtante unauffällig zu beschleunigen – aber der Übergang von dieser deskriptiv wahren Feststellung zu derjenigen, dass eine solche Handlungsweise rational wohl begründet oder gerechtfertigt sei, ist offenkundig unzulässig."
Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“