Was ist eigentlich ein Gesicht?

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt sich in der Philosophie der Zweig der analytischen Philosophie, deren Grundlagen u.a. auch die Philosophie des Geistes (mind) betreffen
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Jörn Budesheim
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Jörn Budesheim
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Innerhalb welcher Ordnung gibt es so etwas wie Gesichter? Und welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit man Gesichter erkennt? (Automatisierte Gesichtserkennungen z.b. erkennen ganz sicher keine Gesichter!)



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Stefanie
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Do 9. Mai 2019, 22:32

Beim Versuch, sich dieser Frage zu nähern, bin ich darauf gestoßen, dass mittlerweile Computer Gesichter erstellen können, von Menschen, die es gar nicht gibt. So gut, dass es Schwierigkeiten macht, dies zu erkennen.

https://www.heise.de/tp/features/Umgeke ... 18456.html

Hier gibt es einen Test, bei dem man herausfinden soll, welches Gesicht ist echt und welches nicht.

http://www.whichfaceisreal.com/results. ... 40227.jpeg

Das ist schwierig, wie ich feststellte. Man meint, das Gesicht, was man sieht, gehört zu meinem Menschen, der existiert, mit einer Geschichte und dann, nee doch nicht. Das ist schon ....irritierend.



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.
(Unbekannt)


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Fr 10. Mai 2019, 07:08

Das Wichtigste in Kürze

Stand: 19.09.2017
  • Bei der Erkennung von Gesichtern ist das Gehirn besonders gut. Bereits Neugeborene wenden sich bevorzugt Gesichtern zu.
  • Wenn diese Fähigkeit gestört ist, spricht man von Gesichtsblindheit oder Prosopagnosie.
  • Bei der Erkennung von Gesichtern ist der Gyrus fusiformis im Schläfen- und Hinterhauptslappen besonders aktiv –das ist er aber auch bei anderen Formen.
  • Die genaue Verarbeitung von Gesichtern und die Art, wie wir sie unterscheiden, ist noch nicht hinreichend geklärt. Es gibt unterschiedliche Theorien.
https://www.dasgehirn.info/wahrnehmen/sehen/wer-ist-das



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Fr 10. Mai 2019, 14:01

Ein paar erste vorläufige Versuche: Gesichter sind etwas auf Gegenseitigkeit. Gesichter lesen können wohl nur Gesichterwesen. Das heißt, ein Gesicht gibt es, weil es viele andere Gesichter gibt. Unser Gesicht macht uns auch zum einmaligen Mitglied der Gruppe.

Das Netz der Blicke gehört zu unserem Welt- und Orientierungswissen.

Ein Gesicht kann immer auch sagen, ich bin deinesgleichen. Gesichter konstituieren Gemeinschaft, weil wir uns stets auch in den Anderen spiegeln. Uns selbst sehen wir nie direkt, die anderen schon.



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Fr 10. Mai 2019, 14:23

In ein Gesicht blicken und es verstehen, ist die direkteste und einfachste Widerlegung des Naturalismus, also der Idee, das alles was es gibt sich mit Mitteln der Naturwissenschaften erklären und beschreiben lässt.



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Friederike
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Fr 10. Mai 2019, 15:29

Ich weiß nicht, ob ich es mit einer anderen Redewendung verwechsle ... auf die ich partout nicht komme; aber sagt man nicht "jemand bliebe gesichtslos" ("jemand sei farblos", das ist allerdings nicht die von mir evtl. vergeblich gesuchte Redewendung).

Vorausgesetzt, ich irre mich nicht und die Redewendung existiert, dann heißt sie soviel wie, jemand zeige keine Kontur, in Meinung, Verhalten, Habitus. Man weiß nicht so recht, welche Überzeugungen diese derart gekennzeichnete Person vertritt, was sie will und was sie nicht will, welchen Geschmack sie hat. Man kriegt die Person nicht zu greifen, zu fassen. Sie entzieht sich allen Festlegungen. Sie ist also, so würde ich es zusammenfassen, nicht identifizierbar.




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Jörn Budesheim
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Fr 10. Mai 2019, 15:46

Ich vermute, Gesicht, Blick und aufrechter Gang gehören zusammen. Erst als wir aufgestanden sind und unser Blick dauerhaft Richtung Horizont und den gestirnten Himmel über uns gehen konnte, war unser Gesicht frei für die Blicke der anderen.



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Friederike
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Fr 10. Mai 2019, 16:46

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 10. Mai 2019, 15:46
Ich vermute, Gesicht, Blick und aufrechter Gang gehören zusammen. Erst als wir aufgestanden sind und unser Blick dauerhaft Richtung Horizont und den gestirnten Himmel über uns gehen konnte, war unser Gesicht frei für die Blicke der anderen.
Aus dem Klappentext des bei Suhrkamp erschienenen Buches von Hans Blumenberg "Beschreibung des Menschen":

Hans Blumenbergs Anthropologie ist eine philosophische Entdeckung ersten Ranges. Sie setzt ein mit einer einfachen, aber überaus folgenreichen These: Weil der Mensch als einziger unter den Primaten dauerhaft aufrecht steht und geht, kann er zwei Dinge besonders gut: sehen – und gesehen werden. Die Optimierung der visuellen Wahrnehmung geht einher mit dem Risiko erhöhter Visibilität. So exponiert zu sein, formt sein Weltverhältnis und macht ihn zum Virtuosen der Selbstinszenierung, aber auch der Selbstverstellung und Selbstverhüllung. Sichtbarkeit bedeutet deshalb auch: Der Mensch ist undurchsichtig – für andere wie für sich selbst.

Warum die Undurchsichtigkeit aus der Sichtbarkeit folgt, das ist auf den ersten "Blick nicht einleuchtend" (ich glaube, die visuelle Metaphorik ist die am verbreitetste in der dt., nur der deutschen? Sprache). Übrigens nicht nur auf den ersten Blick nicht, aber man soll das Buch ja kaufen und lesen. Wenn sich der Sinn sofort erschlösse, bräuchte es das Buch nicht.




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Jörn Budesheim
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Sa 11. Mai 2019, 06:37

Wenden wir das auf Gesichter daran, Gesichter sind ebenfalls durchsichtig und undurchsichtig. In dem Moment, wo wir wissen, dass unsere Gesichter lesbar sind, können wir eine bewusste Haltung dazu einnehmen. Wir können unser Gesicht selbst inszenieren. Wir sind in jeder einzelnen Situation das Tier, das sich und anderen ein Bild von sich selbst macht und zeigt. Wir können ein Gesicht machen ... auch wenn es nicht uns oder unserer Gefühlslage oder unseren Ansichten entspricht. Dabei entsteht immer die Frage, was ist echt, was ist bloß aufgesetzt. Irgendwann natürlich auch für uns selbst. (Auch die bloß aufgesetzten Gesichter können gegen uns selbst eine eigene Macht entwickeln!)

Auch viele der anderen entwickelteren Tiere haben eine sogenannte theory of mind. Das heißt, sie haben eine Vorstellung davon, dass andere ebenfalls geistige Zustände - so wie sie selbst - haben. Das ist also in der Welt des Lebens nicht einzigartig. Wenn man jedoch darüber hinaus (als Wesen, welches die Evolution aufgerichtet hat) seinesgleichen dauerhaft die eigene verletztliche Front zuwendet, dann potenziert sich dieses Spiel, meine ich. Unentwegt (s)ein Gesicht und so viele Gesichtsausdrücke zu präsentieren, verstärkt dieses verletzliche, sensible Spiel seinerseits. So haben wir um uns herum unentwegt einen Dunst aus Gefühl und Geist, der für selbst oft auch eine Art Nebel ist ... Gut, dass wir Kleider tragen :)



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So 19. Mai 2019, 06:12

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Gestern ist mir bei Facebook zufälligerweise das Wort Vorgesicht über den Weg gelaufen. ich hatte das nie gehört und eine kurze Google-Suche hat mich zu ästhetischen Chirurgie gebracht. Diese Zeichnung ist davon inspiriert.

Für Leute mit kleinem Display: oben sehen wir von links nach rechts > ein gerades Vorgesicht, ein gerades vertikales Gesicht, und ein gerades Rückgesicht.



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So 19. Mai 2019, 06:25

Viele Wörter mit Sicht: Ansicht, Umsicht, Übersicht, Aufsicht, Untersicht, Absicht, Gesicht ...



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So 19. Mai 2019, 06:38

Kann es ein richtiges Leben im falschen geben? ;) Das klingt vielleicht alberner als es ist. Bekanntlich gibt es einen statistischen Zusammenhang zwischen guten Aussehen und Erfolg. https://www.sueddeutsche.de/karriere/er ... -1.1239201



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Fr 24. Mai 2019, 20:57

NATUR UND MENSCH
FAKTEN ÜBER DAS GESICHT - WUSSTEN SIE EIGENTLICH...?

Ein genaues Rezept für das schönste Gesicht gibt es nicht, aber Forscher haben hierzu bereits Erstaunliches herausgefunden. So beeinflussen Proportionen und Mimik unsere Wirkung auf andere Menschen. ...

https://www.kabeleinsdoku.de/themen/nat ... tlich-clip



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Jörn Budesheim
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Sa 1. Jun 2019, 14:22

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Caduveo Frau nach Claude Levi-Strauss (betrachtet den Horizont)

Die Zeichnung auf dem Gesicht ist nicht allein eine Form von Dekor, sondern gibt den Ort der Person in der Struktur, in der sie lebt, wieder. Sie "umfasste nicht nur die soziale Struktur des Stammes mit seinem Wechselbeziehungen, Rechten und Pflichten, sondern auf das Verhältnis zur Natur zur Götterwelt und zum Kosmos im Allgemeinen"*, wie Claude Lévi-Strauss meinte.

*Ger Groot

Hier treffen sich, wenn man so möchte, der Gesichts und der Masken-Thread :)



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Stefanie
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Sa 1. Jun 2019, 19:03

Beim informieren über dieses Volk habe ich bei Wiki folgendes gelesen:

"Die Kadiweu stammen von den Mbaya ab, die ein Kastensystem hatten. An der Spitze stehen die Adligen, die dies entweder aufgrund von Geburt oder Verdienst sind. Danach kommen die Krieger. Die untere Kaste bilden die Sklaven, die in der Regel anderen Völkern angehören. (Traurige Tropen, S. 169). Missionare, die im Jahre 1995 bei den Kadiweu gelebt haben, berichten von einer "Herren-Linie, Krieger-Linie und Sklaven-Linie".[5] „Die Gesellschaft zeigte sich allen Gefühlen abhold, die sie für natürlich halten; so empfanden sie einen tiefen Abscheu vor dem Zeugen von Kindern. Abtreibung und Kindsmord waren an der Tagesordnung..“ ( (Traurige Tropen, S. 169)) Kinder wurden stattdessen von anderen Stämmen geraubt. Die gleiche Abneigung gegen das Natürliche zeigt sich auch darin, dass sie sich zu besonderen Anlässen immer bemalen. Nur Tiere bemalten sich nicht. „In der Gesichtsmalerei wie in der Abtreibung und im Kindsmord brachten die Mbaya ihren Abscheu vor der Natur zum Ausdruck.“ ( (ebd., S. 179))"

Nur Tiere bemalen sich nicht. Auch ein interessanter Aspekt bzgl. ist der Mensch ein Tier.
.....
Die Skizze mit dem Zitat irritiert mich. Es hat was gedauert, bis ich in etwa sagen kann, warum. Die Frau sieht so eingezwängt aus, so gezeichnet. So dominiert von den Strukturen der Welt, in der sie lebt. Sie wirkt so unfrei. Eine erzwungene Maske?



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Jörn Budesheim
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Sa 1. Jun 2019, 19:55

Stefanie hat geschrieben :
Sa 1. Jun 2019, 19:03
So dominiert von den Strukturen der Welt, in der sie lebt. Sie wirkt so unfrei.
Das scheint mir doch die Idee von Claude Lévi-Strauss zu sein?! Oder?



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Stefanie
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Sa 1. Jun 2019, 22:30

Bin ich mir nicht sicher.
Die Beschreibung
Sie "umfasste nicht nur die soziale Struktur des Stammes mit seinem Wechselbeziehungen, Rechten und Pflichten, sondern auf das Verhältnis zur Natur zur Götterwelt und zum Kosmos im Allgemeinen", wie Claude Lévi-Strauss meinte." ist doch erstmal nicht negativ. Es werden auch Rechte erwähnt. In anderen Kulturen gibt es auch Gesichtsschmuck, Farben, Tattoos bis hin zu geritzer Haut. Man findet dazu oft Bilder, wo dies mit Stolz getragen und gezeigt wird. Dann ist das keine einengende Maske, sondern Gesicht, Maske und Mensch sind eins.
Hier kann ich in der Skizze keinen Stolz erkennen. Es sind, wenn ich das richtig erkenne, Häuser zu sehen und sie schaut den Horizont entlang. Der Horizont ist weit, offen, im Gegensatz zu der Welt, in der sie lebt. Sie wirkt eben eingeengt.
Ob da alle so empfinden, die diesem Volk angehören, weiß ich nicht.



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Jörn Budesheim
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So 2. Jun 2019, 07:11

Es geht in diesen strukturalistischen Denkmodell wohl weniger um diese bestimmte Caduveo Frau, sondern um den Mensch generell, der als bloßer Effekt symbolischer Ordnungen verstanden wird.



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Stefanie
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So 2. Jun 2019, 21:26

Aha. Ich frag einfach mal...
Wie kann denn der Mensch lediglich bloßer Effekt von ihm selbst erschaffenen symbolischen Ordnungen sein?



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