Teamwork / kollektive Intentionalität

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt sich in der Philosophie der Zweig der analytischen Philosophie, deren Grundlagen u.a. auch die Philosophie des Geistes (mind) betreffen
Hermeneuticus
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Di 4. Jun 2019, 10:21

Friederike hat geschrieben :
Di 4. Jun 2019, 08:34
Hermeneuticus hat geschrieben :
Mo 3. Jun 2019, 22:04
Aber was die Rangfolge betrifft, bleibe ich eisern: Ontisch und kognitiv primär sind die konkreten individuellen Handlungen; die allgemeinen Handlungsschemata sind von ihnen abgeleitet, daher sekundär.
Bild Ich hoffe inständigst, daß diese Schlußfolgerung nicht glasklar und für jeden Menschen mit Verstand aus Deinen Anmerkungen zu Aristoteles einsichtig wird :oops: ... denn ich bin sehr überrascht, dies am Ende Deiner Einlassungen zu lesen. Ich verstehe die Aussage schlichtweg nicht. Die Handlungsschemata, inwiefern sind die dann primär? In der individualgeschichtlichen Entwicklung, oder dienen sie nur heuristischen Zwecken? Bzw. kannst Du kurz erklären, was "ontisch" und "kognitiv" in diesem Zusammenhang meint?!
In welcher Weise existieren Handlungsschemata? Gibt es z.B. das Fahrradfahren "als solches"? - Irgendwie schon, nämlich in unseren Vorstellungen, Beschreibungen, Begriffen. Wir können im Allgemeinen über DAS Fahrradfahren sprechen und darüber auch wahre Behauptungen aufstellen.
Aber Fahrrad fahren kann jeder von uns nur, indem er es selbst tut, indem er sich aufs Rad setzt. Und zwar setzen wir uns dann immer auf ein ganz bestimmtes, individuelles Rad und immer in einer ganz bestimmten, individuellen Situation.

Nach einiger Übung - möglichst auf verschiedenen Fahrrädern - haben wir die Fähigkeit des Radfahrens erworben. Diese Fähigkeit, dieses Vermögen (Aristoteles spricht von "dynamis", lat. "potentia") tragen wir irgendwie mit uns herum. Sie ist ebenfalls etwas Allgemeines, denn wir können ja immer wieder und auf ganz verschiedenen Rädern und in ganz verschiedenen Situationen Rad fahren. Auch wenn wir aktuell nicht auf dem Rad sitzen, existiert diese Fähigkeit in uns - irgendwie. Sie ist jedenfalls nicht nichts. Bewähren muss dieses Potential sich allerdings immer im konkreten Fall, in der konkreten Handlung, im "Vollzug" (bei Aristoteles "energeia", lat. actus).
Ob andere Menschen Rad fahren können, erkennen wir nur, wenn und indem sie es wirklich tun. Es mag Menschen geben, die können über das Radfahren ganze Bücher schreiben. Aber daraus lässt sich nicht ableiten, dass sie das Radfahren selbst beherrschen. Das praktische Können zeigt und bewährt sich immer in der wirklichen Tat (actus).

Die "ontische" Frage nach der Seinsweise von Handlungsschemata würde ich nach dieser kurzen Erläuterung so beantworten: Sicherlich gibt es Handlungsschemata im Allgemeinen - so, wie es ja auch Handlungsfähigkeiten im Allgemeinen gibt. Sie sind jedenfalls nicht nichts. Aber sie existieren anders als die konkreten, einzelnen Handlungen, in denen Handlungsschemata aktualisiert werden. Und mir scheint klar, dass die konkrete Handlung hier den "ontologischen" Vorrang hat. Wenn ich Kaffee trinken will, nützt mir meine Verfügung über das Handlungsschema des Kaffeekochens nur dann etwas, wenn ich sie hier und jetzt praktisch ausübe und mir wirklich Kaffee koche. Allgemeine gesagt: Das Wirkliche hat Vorrang vor dem Möglichen. Das Konkrete hat Vorrang vor dem Allgemeinen.

Die kognitive Frage ist ähnlich differenziert zu beantworten. - Handlungsschemata lassen sich durchaus im Allgemeinen erkennen, d.h. wir können wahre allgemeine Aussagen über ein Handlungsschema (wie das Radfahren) machen. Das ist dann allerdings ein "bloß theoretisches" Wissen (knowing-that). Das praktische Wissen (knowing-how) ist davon zu unterscheiden. Das erwerben wir nur durchs konkrete Tun, durch wiederholtes Üben. Zwar entwickelt sich mit der Übung auch eine allgemeine Fähigkeit, eine allgemeine Beherrschung des betreffenden Handlungsschemas, aber sie ist klarer Weise sekundär gegenüber der konkreten Handlung, in der wir eine Fähigkeit ausüben bzw. das Handlungsschema "aktualisieren".




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Friederike
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Mi 5. Jun 2019, 10:40

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 3. Jun 2019, 15:08
Dass Wir-Absichten und Wir-Handlungen real sind, kann man nicht ernsthaft bestreiten. Darüber hinaus zeigen die Beispiele, dass Wir-Absichten und Wir-Handlungen logisch primitiv sind, weil sie nicht von Einzelhandlungen abgeleitet und ableitbar sind.
Wenn man Handlungsschemata zur Grundlage einer Handlungstheorie macht (Handlungsschemata, so wie Du @Hermeneuticus den Begriff erläutert hast), dann sind doch alle Probleme gelöst. Es gibt Gemeinschaftshandeln und Einzelhandel und beide Formen sind "primitiv" (ein nettes Wort für die Nicht-Rückführbarkeit auf anderes). Weder müssen wir individuelle Absichten von "wir"-Absichten ableiten noch umgekehrt.

Ich schreibe deswegen so einfältig, weil ich mir von Euren Einsprüchen erhoffe, daß sie die anscheinend oder nur scheinbar unvereinbaren Positionen wie an einer Angel emporzieht (die Einfältigkeit).




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Jörn Budesheim
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Mi 5. Jun 2019, 11:17

Terminologische Frage: Was verstehst du (mit Bezug auf Hermeneuticus) unter "Handlungsschema"?

Ich sehe es so: Wir müssen ja verschiedene Handlungen verschieden ansprechen können. "Schwimmen gehen" ist was anderes als "ein Auto anschieben" und das ist wiederum was anderes als "Kaffeekochen". Man kann das verschiedene "Handlungsschema(ta)" nennen. Aber ich mag den Ausdruck nicht, da er diverses suggeriert, was gar nicht passt, Handeln nach Schema X zum Beispiel.

Ich würde dazu eher einfach "Handlung" sagen, wenn sich aus dem Zusammenhang ergibt, was gemeint ist. Ansonsten: ggf. Handlungsarten. Jetzt brauchen wir noch den Unterschied zwischen der Art und der "konkreten Handlung". Das wurde hier im Thread gelegentlich "Handlungsvollzug" genannt. Auch kein Begriff mit dem ich mich anfreunden kann. Auch hierzu sage ich Handlung, wenn der Kontext klar macht, was gemeint ist. Wenn nicht, kann man auf folgendes Begriffspaar zurückgreifen: Type/Token. Das ist kurz, eindeutig und bündig. Bei Unklarheiten werde ich also diese Begriffe nutzen.

Außerdem werde ich nicht "Absicht" durch "Zweck" ersetzen, wie vorgeschlagen wurde, das ist nicht wirklich synonym und gleichwertig, finde ich. Der Begriff "Absicht" ist einfach zu grundlegend für die Handlungstheorie, sowie auch in der Alltagssprache.



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Friederike
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Mi 5. Jun 2019, 13:00

@Jörn, weil ich heute sehtechnisch etwas lädiert bin, möchte ich den Aufsatz verlinken, aus dem ich "schöpfe":

F. Kannetzky, "Die kooperative Struktur individuellen Handelns und Intendierens", S. 5f. erläutert er den Begriff "Handlungs-Form", von dem ich meine, daß er dem Begriff "Handlungs-Schema" entspricht. Übrigens greift Kannetzky zur Unterscheidung von allgemeiner Handlung, d.i. die Form und konkreter Handlung auch auf die Begriffe "type"/"token" zurück. Wenn Du gestattest, dann suche ich die Seite, die ich nicht parat habe, nicht heraus. Im späteren Verlauf des Aufsatzes jedenfalls.




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Do 6. Jun 2019, 16:48

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mi 5. Jun 2019, 11:17
Terminologische Frage: Was verstehst du (mit Bezug auf Hermeneuticus) unter "Handlungsschema"?

Ich sehe es so: Wir müssen ja verschiedene Handlungen verschieden ansprechen können. "Schwimmen gehen" ist was anderes als "ein Auto anschieben" und das ist wiederum was anderes als "Kaffeekochen". Man kann das verschiedene "Handlungsschema(ta)" nennen. Aber ich mag den Ausdruck nicht, da er diverses suggeriert, was gar nicht passt, Handeln nach Schema X zum Beispiel.
Du kannst ja auch "Handlungsform" oder "-typ" sagen, wenn Du Dich gegen das Wort "Schema" sträubst. (Siehe Kannetzky. Das ist ein sehr guter Aufsatz. Danke @Friederike!)

Der Sache nach geht es jedenfalls um relativ gleichbleibende Handlungsabläufe, die sich einüben und somit tradieren lassen. Sie unterliegen gewissen Normen (man kann sie falsch oder richtig vollziehen) und sind sozial vermittelt. Meist sind sie auch mit einem bestimmten, standardisierten Zweck verbunden, aber nicht allein durch diesen Zweck definiert. Um an Kannetzky anzuknüpfen: Von einem Handlungsschema sprechen wir, wenn wir sagen bzw. danach fragen, WAS wir tun, getan haben oder tun werden. "Ich koch' uns mal schnell einen Kaffee." - "Gestern habe ich den Rasen gemäht." - "Morgen fahre ich mit dem Rad zur Arbeit."

Jetzt brauchen wir noch den Unterschied zwischen der Art und der "konkreten Handlung". Das wurde hier im Thread gelegentlich "Handlungsvollzug" genannt. Auch kein Begriff mit dem ich mich anfreunden kann. Auch hierzu sage ich Handlung, wenn der Kontext klar macht, was gemeint ist. Wenn nicht, kann man auf folgendes Begriffspaar zurückgreifen: Type/Token. Das ist kurz, eindeutig und bündig.

Nur kann man "Token" nicht als Verb verwenden. "Ich toke Handlung X"?? :)
Außerdem werde ich nicht "Absicht" durch "Zweck" ersetzen, wie vorgeschlagen wurde, das ist nicht wirklich synonym und gleichwertig, finde ich. Der Begriff "Absicht" ist einfach zu grundlegend für die Handlungstheorie, sowie auch in der Alltagssprache.
Stimmt, die Begriffe sind nicht synonym. "Absichten" gehören eher zu Personen, "Zwecke" gehören eher zu Handlungsformen. Eine Handlungsform ist gewöhnlich mit einem bestimmten Zweck verbunden - unabhängig davon, welche Person die Handlung vollzieht. Über Zwecke lässt sich sprechen, ohne dabei auf die mentalen Zustände (Wünsche, Begierden, Vorstellungen...) bestimmter Personen Bezug zu nehmen. "Absicht" wird in der Regel personenbezogen gebraucht (heutzutage jedenfalls).




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Jörn Budesheim
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Fr 7. Jun 2019, 12:26

Hermeneuticus hat geschrieben :
Do 6. Jun 2019, 16:48
Der Sache nach geht es jedenfalls um relativ gleichbleibende Handlungsabläufe, die sich einüben und somit tradieren lassen. Sie unterliegen gewissen Normen (man kann sie falsch oder richtig vollziehen) und sind sozial vermittelt.
Hermeneuticus hat geschrieben :
Do 6. Jun 2019, 16:48
"Ich koch' uns mal schnell einen Kaffee."
Man kann man auf viele verschiedene Arten und Weisen Kaffee kochen. Einen Filterkaffee zu kochen ist eine ziemlich andere Prozedur als einen Kaffee mit einer Kapsel zu machen. Und es kommen auch noch ganz unterschiedliche Arten von Kaffee dabei heraus. Und wenn man sich überlegt, wie viele verschiedene, sogar extrem verschiedene Arten und Weisen es gibt, zu zeichnen... Von einem Schema zu sprechen finde ich hier ganz und gar unangemessen.

Auch das mit dem "sozial vermittelt" finde ich problematisch. In einer Vorlesung über Anthropologie wurde von einem Affen-Weibchen gehandelt, dass am Meeressaum das Waschen der Kartoffel erfunden hat - eine Handlung die später tatsächlich tradiert wurde, sie wurde von vielen anderen Affen der Gruppe übernommen, von den Jungen übrigens eher als von den Älteren. Aber die Handlung war nicht sozial vermittelt, weil es sich dabei halt um eine Erfindung handelte, den Handlungs-Typ Kartoffel-waschen gab es zuvor nicht. Es mag vielleicht ähnliche Handlungstypen gegeben haben, aus denen sich diese Handlungen schließlich entwickelte, aber das Neue der Handlung zu eliminieren scheint mir nicht angemessen. Es scheint zu Handlungen zu gehören, dass man neue Typen erfinden kann.



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Fr 7. Jun 2019, 13:03

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 7. Jun 2019, 12:26
Man kann man auf viele verschiedene Arten und Weisen Kaffee kochen. Einen Filterkaffee zu kochen ist eine ziemlich andere Prozedur als einen Kaffee mit einer Kapsel zu machen. Und es kommen auch noch ganz unterschiedliche Arten von Kaffee dabei heraus. Und wenn man sich überlegt, wie viele verschiedene, sogar extrem verschiedene Arten und Weisen es gibt, zu zeichnen ... Von einem Schema zu sprechen finde ich hier ganz und gar unangemessen.
Jörn hat geschrieben : Ich sehe es so: Wir müssen ja verschiedene Handlungen verschieden ansprechen können. "Schwimmen gehen" ist was anderes als "ein Auto anschieben" und das ist wiederum was anderes als "Kaffeekochen". Man kann das verschiedene "Handlungsschema(ta)" nennen. Aber ich mag den Ausdruck nicht, da er diverses suggeriert, was gar nicht passt, Handeln nach Schema X zum Beispiel.
Ich möchte nachfragen, weil Du Dich vorgestern noch zurückhaltender ausgedrückt hattest, ob Du grundsätzlich unterscheiden würdest. Und zwar einmal in die verschiedenen Handlungen, wie Du sie im unteren Zitat beispielhaft anführst (Handlungstyp oder Handlungsart oder auch Handlungsform, wenn Du eine Abneigung gegen "Schema" hast. Also in Handlungs-Typ Kaffeekochen, Handlungs-Art Autofahren, Handlungs-Form Schwimmengehen etc.) und zum anderen dann die einzelnen Handlungsarten wie Kaffeekochen, Zeichnen o.ä. nochmals unter einem Begriff erfassen würdest?

Die erste Unterteilung von Handlungen wäre also die in Arten oder Typen und eine Unterordnung davon wäre die weitere Unterteilung der Arten oder Typen in ... dafür weiß ich jetzt keinen Ausdruck. So wie man in der Zoologie oder Botanik z.B. systematisiert wird (Art, Gattung, Familie usw.).




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Jörn Budesheim
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Fr 7. Jun 2019, 13:26

Nur kurz, später vielleicht mehr: meine Antipathie geht im Wesentlichen dem Begriff Schema, weil er das kreative Moment, das jeder Handlung innewohnen kann, unterschlägt.



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Fr 7. Jun 2019, 13:54

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 7. Jun 2019, 12:26
Es scheint zu Handlungen zu gehören, dass man neue Typen erfinden kann.
Die Aussage finde ich festhaltenswert.
----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------
Was Anderes:

Was tun wir hier in diesem Thread?
Über ein Thema ein Gespräch führen? So würde ich das Handlungsschema, den relativ "geichbleibenden Handlungsablauf" (Deine Umschreibung @Hermeneuticus) dessen, was wir tun, kennzeichnen. "Gespräch" kommt mir zu verallgemeinernd vor.

Egal, ob ich jetzt "Zweck" oder "Absicht" einsetze, ich habe Schwierigkeiten damit, hier das ""wozu" der Gemeinschaftshandlung auszumachen. Unzweifelhaft scheint mir, daß es sich bei einem Gespräch über ein Thema um eine gemeinschaftliche Handlung handelt. Hm, vielleicht bin ich zu gebunden an den Gedanken des Einzel-Akteurs, aber mir fällt als einziger gemeinschaftlicher Zweck bzw. Absicht -ich gebrauche die Wörter an dieser Stelle synonym- nur der ein, daß sich mehrere Personen/Akteure zusammenfinden, um über ein Thema zu sprechen. Das ist sozusagen der "wir"-Aspekt. Nur ist dies als Zweck oder Absicht festzustellen natürlich, wie nennt man das?, "banal", es ist aussageleer, weil der Zweck bzw. die Absicht dann nichts wären, was zu der Handlungsform/dem Schema noch hinzukommt.

Edit: Vielleicht ist in der Handlungs-Form die Absicht bzw. der Zweck bereits enthalten. Mit Gespräch ist nur im Ausnahmefall ein Selbst-Gespräch gemeint, in der Regel handelt es sich um mindestens 2 beteiligte Personen. Und über ein bestimmtes Thema zu sprechen, als Eingrenzung des allgemeinen "Gesprächs", das könnte man Diskussion nennen. Wenn wir diese Handlungs-Form vorliegen haben, dann konkretisieren wir diese Handlungs-Form hier. Eigentlich müßte ich, Deine Darlegung berücksichtigend @Hermeneuticus, andersherum schreiben. Konkret tun wir :lol: über ein Thema sprechen und in der konkreten Handlung aktualisieren wir die Handlungs-Form. Und nur für das Konkrete existieren Absichten bzw. Zwecke, die hinzuzufügen wären.




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Sa 8. Jun 2019, 10:14

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 7. Jun 2019, 12:26
Man kann man auf viele verschiedene Arten und Weisen Kaffee kochen. (...) Von einem Schema zu sprechen finde ich hier ganz und gar unangemessen.
Und warum gebrauchst Du trotzdem eine allgemeine Bezeichnung für alle diese verschiedenen Tätigkeiten? Warum gebrauchst Du überhaupt noch allgemeine Bezeichnungen? Sind denn nicht z.B. die Wesen, die man "Menschen" nennt, nicht alle ganz verschieden?
Auch das mit dem "sozial vermittelt" finde ich problematisch.
Ähm, ich dachte bis jetzt, Du wolltest das Konzept der "kollektiven Intentionalität" verteidigen?
:roll:




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Sa 8. Jun 2019, 10:37

Handlungen können auch viele verschiedene Arten und Weisen so sein, dass man sie sinnvoll unter einem Typen fassen kann. Dazu müssen Sie nicht nach Schema X laufen. Der Begriff des Schemas suggeriert meines Erachtens fälschlicherweise einen gleichförmigen Handlungsablauf, was jedoch nicht nötig ist, um von einem bestimmten Handlungstyp reden zu können.

Handlung müssen nicht grundsätzlich sozial vermittelt vermittelt sein, damit es kollektive Handlungen geben kann. Warum sollte nicht auch ein Team einen neuen Handlungsstyp erfinden können?



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Sa 8. Jun 2019, 10:50

Der Begriff Handlungsschema müssen wir meines Erachtens nicht gesondert diskutieren. Du sagst weiterhin Handlungsschema, ich sage Handlungstyp - ganz einfach. Ich habe nur erläutern wollen, warum ich den Begriff nicht nutze und auch nicht nutzen werde.



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Sa 8. Jun 2019, 13:04

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 8. Jun 2019, 10:37
Handlung müssen nicht grundsätzlich sozial vermittelt vermittelt sein, damit es kollektive Handlungen geben kann.
Wie schon früher angedeutet, verstehe ich "Handlung" grundsätzlich als sozial vermittelt. Unser Handeln findet nämlich statt im geteilten "Raum der Gründe", d.h. es ist eingebettet in die soziale Praxis des Gründegebens und -verlangens. Das macht seine spezifische Rationalität aus. Wir handeln nicht einfach aus individuellen Motiven oder organischen Antrieben, sondern aus Gründen. Gründe sind nichts Individuelles oder Privates, sondern etwas "Allgemeines" im doppelten Sinne: Sie haben eine allgemeine ("logische") Form und sind daher auch nachvollziehbar für jedermann (für jeden, der sich auf das Sprachspiel des Gründegebens versteht).

Ich weiß nicht, ob ich das hier näher ausführen muss. Vielleicht zitiere ich einfachheitshalber aus dem Aufsatz von Kannetzky:
Kannetzky S.10 hat geschrieben : "...gehören Absichten zum Reich der praktischen Vernunft, deren Material oder auch Ressource Wünsche, Neigungen, Begierden etc. sind, die in ihrer Identität aber wesentlich durch Gründe und Motive bestimmt sind. Absichten sind dabei als das subjektive Korrelat gemeinsamer Handlungsformen aufzufassen, als der ‚Teil', Aspekt oder Stadium ihrer Aktualisierung, der Handlungen als Handlungen und nicht als Widerfahrnisse kennzeichnet, indem sie eine Manifestation und Ausübung personaler Kompetenzen darstellen. Die Möglichkeit, Absichten und Überzeugungen zu "haben", d.h. auf Nachfrage Gründe für sein Tun nennen zu können, beruht – im kategorialen Gegensatz zum animalischen Begehren und Diskriminationsverhalten – allgemein auf der Existenz einer Kultur, d.h. auf der Entwicklung eines gemeinsamen Wissens und Könnens und der Teilhabe des Akteurs an diesem Wissen und Können, d.h. auf der Teilnahme an normativen Praxen, einschließlich gemeinsamer Kontroll-, Bewertungs- und schließlich auch Explikationspraxen."


Der Autor fasst also bereits den Begriff der Absicht als etwas grundlegend Soziales auf. Mag auch die Absicht, die mit einer Handlung verknüpft ist, allein die Absicht einer singulären Person sein: ihre Struktur ist dennoch nichts völlig Privates und Individuelles. Denn im Unterschied zu blinden, vorrationalen Antrieben sind Absichten eingebunden in die praktische Rationalität und Normativität einer Handlungs- und Verantwortungsgemeinschaft.




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Sa 8. Jun 2019, 13:22

Leider habe ich heute keine Zeit, das zu vertiefen. Nur vorweg: Absichten sind auch nach meiner Ansicht nicht einfach etwas Privates oder Individuelles, das Gleiche gilt für Gründe.



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Sa 8. Jun 2019, 18:44

Ich zitiere noch die Passage, die Deinem Zitat unmittelbar vorangeht @Hermeneuticus, weil ich wichtig finde, daß nicht auch wir konfundieren ... oder konfusionieren. :lol: Womit ich nicht sage, einer von Euch hätte dies getan. Nur, rein vorsorglich und auch für mich selbstverständlich.
Kannetzky hat geschrieben : Ein Grund für diese Konfusion ist, dass zwei Fragen durcheinandergeworfen werden: Zum einen die nach dem Träger von Absichten – und das ist das Individuum, welches einer psychologischen Analyse zugänglich erscheint, zum anderen die nach dem Gehalt möglicher Absichten – und dieser ist durch sozial konstituierte und geteilte, das individuelle Intendieren transzendierende Handlungsformen bestimmt und legt den Raum möglicher, rein psychologisch nicht beschreibbarer Gehalte fest. Unterscheidet man diese Fragen nicht, dann ist weder der normative Gehalt von Handlungen zu erfassen (bspw. gibt es dann keinen Anhaltspunkt für die Verbindlichkeit von "Richtig" und "Falsch"), noch das Faktum normativer Verhaltenserwartungen zu erklären (etwa wäre das Phänomen der Enttäuschung von Erwartungen im Unterschied zu einem Irrtum hinsichtlich der Existenz bestimmter natürlicher Regelmäßigkeiten oder zu fehlerhaften Prognosen nicht begreiflich zu machen). Aus diesem Grund führt der deskriptiv-psychologische Zugang des belief-desire-Modells in eine "Sackgasse der Triebe, Einstellungen und Intuitionen". Deshalb werden Intentionen und Absichten im Folgenden auch terminologisch unterschieden [...]




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So 9. Jun 2019, 09:48

Hermeneuticus hat geschrieben :
Sa 8. Jun 2019, 10:14
Ähm, ich dachte bis jetzt, Du wolltest das Konzept der "kollektiven Intentionalität" verteidigen? :roll:
Als Erinnerungsknoten ins Taschentuch -für später- wir sollten nochmal eine oder die These für diesen Thread formulieren.




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So 9. Jun 2019, 09:52

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 8. Jun 2019, 10:37
Handlung müssen nicht grundsätzlich sozial vermittelt vermittelt sein, damit es kollektive Handlungen geben kann. Warum sollte nicht auch ein Team einen neuen Handlungsstyp erfinden können?
??? Ja, schon, aber der Startpunkt, also der Punkt, an dem das Team sich als Team trifft, der ist doch auch schon ein Handlungstyp, mithin sozial vermittelt?




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So 9. Jun 2019, 10:46

Dann stellt sich jetzt die Frage, was du unter "sozial vermittelt" verstehst.



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So 9. Jun 2019, 12:45

Was "sozial vermittelt" ist, hat das Zusammenleben Vieler in einer Gesellschaft oder Gemeinschaft a) zur Voraussetzung und b) hängt auch in seinem So-und-nicht-anders-sein von den konkreten Verhältnissen zwischen den Personen in einer konkreten Gemeinschaft ab.

Beispiel: Wenn ich morgens aufwache, brauche ich erst mal einen Kaffee. Das ist ein echtes, tief empfundenes persönliches Bedürfnis, das plötzlich da ist. Es scheint wie aus dem Nichts zu kommen - "von selbst", "automatisch". Aber obwohl sich dieses Bedürfnis ähnlich "natürlich" einstellt wie Harndrang, ist es in seinem So-und-nicht-anders-sein doch vielfältig "sozial vermittelt". Ich glaube, ich muss die vielfältigen gesellschaftlichen Voraussetzungen und Verstrickungen meines ganz individuellen und authentischen Kaffeedurstes nicht aufdröseln; sie sind offensichtlich. Ich habe das Kaffeetrinken nicht erfunden noch habe ich "meinen" Kaffee selbst angebaut, geerntet und geröstet noch die dafür erforderlichen Gerätschaften hergestellt noch die dafür nötige Energie erzeugt. - Auch mein individueller Kaffeegeschmack konnte sich nur in einer ganz bestimmten Kultur entwickeln.

Trotz seiner unabsehbar vielen Abhängigkeiten von gesellschaftlichen Bedingungen und Einflüssen ist mein Kaffeedurst doch ein individuelles Bedürfnis. Auch sind die Handlungen, die ich zu seiner Befriedigung vollziehe, und die Entscheidungen, die ich im Zusammenhang damit treffe, unzweifelhaft meine persönlichen, von mir zu verantwortenden Handlungen und Entscheidungen.

Einen Kaffeedurst der Gesellschaft gibt es nur in übertragener, verallgemeinernder Rede. So, wie auch nur in übertragener, verallgemeinernder Rede Deutschland sich morgens zwischen 6 und 9 Uhr einen Kaffee kochen kann. Allerdings ist diese Übertragung und Verallgemeinerung nicht einfach falsch oder illusionär. Sie hat durchaus eine gewisse Berechtigung. Und diese Berechtigung erwächst aus den höchst realen Vermittlungen, die zwischen individuellen Bedürfnissen und Handlungen einerseits und kulturellen Praktiken und historischen Entwicklungen andererseits stattfinden.



(Wie ich gerade wieder feststelle, interessiert mich bei diesem Thema immer noch am meisten die politische Dimension: Wie kann ein Volk handeln, sich entscheiden, einen Willen haben, frei oder gar souverän sein? Und wie verhält sich dieses kollektive Tun und Trachten zum individuellen?)




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So 9. Jun 2019, 13:32

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 9. Jun 2019, 10:46
Dann stellt sich jetzt die Frage, was du unter "sozial vermittelt" verstehst.
Jede Art von Wissen, das innerhalb einer Gemeinschaft erzeugt und weitergegeben wird.

Ein "Team", das einen neuen Handlungstyp erfindet, ist, da als "Team" bezeichnet, eine Menge von mindestens 2 Personen, die irgendetwas zusammen tut. Deswegen meine ich, daß die vorausgesetzte Situation bereits auch ein Handlungstyp ist.




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