Wann stellen sich Menschen zum ersten Mal die Frage "Wer bin ich" ?

Dieses Unterforum beschäftigt sich mit dem Umfang und den Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit sowie um die speziellen Gesichtspunkte des Systems der modernen Wissenschaften.
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Hinnerk
Beiträge: 3
Registriert: Fr 29. Mär 2024, 00:15

Fr 29. Mär 2024, 00:29

Hallo,

mich würde interessieren, wann sich Menschen durchschnittlich zum ersten Mal die Frage stellen "Wer bin ICH eigentlich ?" - "Was ist das ICH"? - "Bin ICH es, der sich gerade diese Frage stellt?". Beziehungsweise ist meine eigentliche Frage ob es normal ist, dass ich mir diese Frage im Alter von 3-4 Jahren im vollem Umfang gestellt habe.




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Jörn Budesheim
Beiträge: 23989
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Fr 29. Mär 2024, 07:06

Hallo Hinnerk,

Willkommen im Forum.

Hier gibt es einen Thread über Kinder und Philosophie.

Deine Frage richtet sich wahrscheinlich eher an empirische Psychologen, die sich vielleicht schon mit diesem Thema beschäftigt haben. Meiner Meinung nach sind Kinder "geborene Philosophen". Das ist eine ganz nette Formulierung, die ich bei der Recherche für den verlinkten Thread gelesen habe und die mich sofort überzeugt hat.

Das habe ich gerade gegoogelt: Viele Forscher gehen davon aus, dass bereits Säuglinge ihre Umwelt nach Ursache und Wirkung untersuchen - zum Beispiel, wenn sie die Rassel immer wieder auf den Boden werfen. Mit etwa drei Jahren, wenn sie in der Regel schon recht gut sprechen und auch "ich" sagen können, entdecken Kinder das "Warum" und treten damit in eine entscheidende Phase ihrer Entwicklung ein. Warum sollte dann nicht schon das eigene Ich Gegenstand von Fragen sein? Offenbar gehören Neugier und Staunen zu unserem Dasein:

"Denn gar sehr ist dies der Zustand eines Freundes der Weisheit, die Verwunderung; ja es gibt keinen andern Anfang der Philosophie als diesen." (Sokrates)




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Quk
Beiträge: 2116
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Fr 29. Mär 2024, 08:25

Hinnerk hat geschrieben :
Fr 29. Mär 2024, 00:29
Hallo,

mich würde interessieren, wann sich Menschen durchschnittlich zum ersten Mal die Frage stellen "Wer bin ICH eigentlich ?" - "Was ist das ICH"? - "Bin ICH es, der sich gerade diese Frage stellt?". Beziehungsweise ist meine eigentliche Frage ob es normal ist, dass ich mir diese Frage im Alter von 3-4 Jahren im vollem Umfang gestellt habe.
Hallo, mit "normal" meinst Du so etwas wie "nix besonderes"? -- Ich kann mich noch erinnern an meine ersten "Ich"-Fragen und an die Wohnungseinrichtung, die mich während dieser Fragen umgab. Wenn ich angesichts der großen Möbel meine Augenhöhe bedenke, muss ich etwa vier Jahre alt gewesen sein. -- Mein Nachdenken über das "Ich" erfolgte dabei weniger in sprachlicher Weise, sondern mehr visuell-szenarisch. Außerdem erinnere ich mich an die Akustik dieses Moments. Er war ganz still. -- So erzählt es mir mein Gedächtnis jedenfalls.




Hinnerk
Beiträge: 3
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Fr 29. Mär 2024, 15:19

Vielen Dank für die Antworten :)

Ja, ich schätze mit "normal" meinte ich "nichts besonderes". Ich wäge momentan ab, ob ich ein Philosophiestudium beginnen soll. Gestern Abend habe ich mich diesbezüglich mit einer Freundin unterhalten und wir kamen auf das Thema "Ich-Bewusstsein". Als ich erwähnte, dass ich mir die "Wer bin ich" - Frage mit 3 oder 4 Jahren gestellt habe, war sie ganz erstaunt und meinte, dass es bei ihr deutlich später der Fall gewesen ist. Eventuell habe ich nach einer zusätzlichen Bestätigung gesucht um zu beweisen, dass ein Philosophiestudium das Richtige für mich ist.

Ich kann mich (ähnlich wie bei dir @Quk) auch noch an so ziemlich alles in diesem Moment erinnern. Es war während einer Aufführung im Kindergarten. Ich weiß noch wo ich stand, wohin mein Blick während meiner Gedankengänge gerichtet war, wer alles im Raum war, den Raum und die Einrichtung selbst und den Ablauf meiner Gedanken. Sogar meinen aufzusagenden Text kenne ich noch, obwohl es 35 Jahre her ist. Ich kann mich auch noch an das Gefühl erinnern - es war eine überwältigende "Erleuchtung" gepaart mit einer enormen Angst.




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Jörn Budesheim
Beiträge: 23989
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Fr 29. Mär 2024, 15:26

Solche Erlebnisse in jungen Jahren, die einen für die Philosophie gewinnen, scheint es häufiger zu geben: Der Philosoph Markus Gabriel stand als Kind vor einer Laterne, ein Regentropfen fiel ihm ins Auge, und plötzlich sah er zwei Laternen vor sich und fragte sich: “Wenn ich jetzt zwei Laternen sehe, warum glaube ich trotzdem, dass es nur eine ist?“ Von da an wurde er Erkenntnistheoretiker. Mit 25 Jahren promovierte er, mit 29 wurde er Deutschlands jüngster Philosophieprofessor.

Mein Interesse für Philosophie hat sich erst sehr spät entwickelt, eigentlich erst zu Beginn meines Kunststudiums, an den Anlass kann ich mich gar nicht mehr erinnern. Seitdem habe ich regelmäßig philosophische Bücher gelesen und gelegentlich Vorlesungen und Seminare besucht.




Hinnerk
Beiträge: 3
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Fr 29. Mär 2024, 19:57

Ja, mir geht es ähnlich. Erst ein vor kurzem auftretendes und einschneidendes Erlebnis hat mich dazu bewogen mein Leben der Philosophie zu widmen. Komischerweise habe ich erst gestern einen Beitrag zu dem oben genannten Markus Gabriel gesehen (Thema: moralischer Fortschritt).




Salutitutti
Beiträge: 46
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Fr 29. Mär 2024, 21:14

Hinnerk hat geschrieben :
Fr 29. Mär 2024, 19:57
Ja, mir geht es ähnlich. Erst ein vor kurzem auftretendes und einschneidendes Erlebnis hat mich dazu bewogen mein Leben der Philosophie zu widmen. Komischerweise habe ich erst gestern einen Beitrag zu dem oben genannten Markus Gabriel gesehen (Thema: moralischer Fortschritt).
Wunderbar. Herzlich willkommen im Forum auch von mir.




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