Descartes Methodischer Zweifel

Dieses Unterforum beschäftigt sich mit dem Umfang und den Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit sowie um die speziellen Gesichtspunkte des Systems der modernen Wissenschaften.
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evariaa
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Mo 16. Jan 2023, 20:49

Im Rahmen meiner ersten Hausarbeit im Philosophie Studium soll ich bewerten, inwiefern Descartes methodischer Zweifel aussichtsreich ist. Es geht also nicht um das Ergebnis (Cogito, Gottesbeweise) sondern um die Methodik des Zweifelns. Ich frage mich, ob der Zweifel überhaupt angebracht ist. Schließlich lässt sich sein erkenntnistheoretisches Ziel, Wissen zu erlangen, auch deutlich einfacher erlangen.
Was ist eure Meinung zu dem Thema?
Liebe Grüße




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Jörn Budesheim
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Di 17. Jan 2023, 08:54

Descartes war wohl auf einen sicheren Grund aus. Etwas, was jedem Zweifel standhält. Ich finde diese Methode des systematischen Zweifels abwegig. Zweifel muss meines Erachtens begründet sein. Eine rein "logische Möglichkeit" (es könnte doch sein ...) ist hingegen kein guter Grund für einen Zweifel, finde ich.




Körper
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Di 17. Jan 2023, 13:48

evariaa hat geschrieben :
Mo 16. Jan 2023, 20:49
Im Rahmen meiner ersten Hausarbeit im Philosophie Studium soll ich bewerten, inwiefern Descartes methodischer Zweifel aussichtsreich ist.
Zweifel als umfassende Methode anzusehen, bringt Probleme mit sich:

1.
Zweifel kann immer nur auf einen Sachverhalt angewandt werden, d.h. man erkennt das Vorliegen des Sachverhaltes zuerst einmal ganz ohne Zweifel an.
Sieht man das Erkennen des Sachverhaltes aber auch als Wissen an, dann benötigt der Zweifel quasi eine Wissensmethodik, die nicht aus dem Zweifel kommt.
Um mit Zweifel überhaupt anfangen zu können, verwendet man bereits eine andere Wissensquelle.
=> Zweifel ist damit immer nur der zweite Schritt.

2.
Um zweifeln zu können, muss eine prinzipielle Unabhängigkeit des Zweifelnden zum Sachverhalt vorliegen.
Falls der Zweifelnde gar nicht am Sachverhalt zweifeln kann, dann ist das Ergebnis "ich kann nicht daran zweifeln" keine Grundlage für die Behauptung "der Sachverhalt ist korrekt".
Liegt somit das Ergebnis "ich kann nicht daran zweifeln" auf dem Tisch, dann wird noch zusätzlich der Beweis der prinzipiellen Unabhängigkeit des Zweifelnden vom Sachverhalt benötigt.
Solange der Zweifelnde vom Sachverhalt gar nicht betroffen ist, ist die Unabhängigkeit trivial festzustellen.
Maximal problematisch wird es allerdings, sobald der Zweifelnde selbst als Sachverhalt herhalten soll (genau hier kommen die "Ergebnisse" von "Descartes" massiv ins Schwanken)
Das philosophische Motto "man kann sich über nichts so sicher sein, wie über das eigene Bewusstsein" hat exakt diese Schwachstelle.




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AufDerSonne
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Di 17. Jan 2023, 19:04

Wenn man an allem zweifelt, dann bleibt das übrig, woran man nicht zweifeln kann. Das macht Sinn.
Für Descartes war es die Tatsache, dass er existiert. Ich würde dem noch hinzufügen, dass auch die materiellen Gegenstände existieren.

Hallo Leute!
Was macht ihr so den ganzen Tag? Bücher lesen und schreiben? Und diskutieren?
Ich habe heute ein paar Physikaufgaben gelöst. Und jetzt höre ich gerade Jazz.



Ohne Gehirn keine Gedanken!
(Auch keine philosophischen)
Es lebe der Materialismus!

Peter Bieri: "Man kann, was man erlebt, in falsche Worte und Begriffe fassen."

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Jörn Budesheim
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Di 17. Jan 2023, 19:19

AufDerSonne hat geschrieben :
Di 17. Jan 2023, 19:04
Wenn man an allem zweifelt, dann bleibt das übrig, woran man nicht zweifeln kann.
Wie lautet deine Begründung dafür?




Nick Nickless
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Mo 23. Jan 2023, 15:34

Jörg, wenn man sich um den Zweifel nicht schert, dann hat man eben kein begründetes Wissen, wie es die Philosophie von jeher sucht, dann vermutet man nur. Dann hat man alle Schleusen geöffnet und man sich überdies jedes Leitfadens für irgendein Wissen begeben, weil eine Vermutung dann so gut ist wie die andere, - auch eine Wahrscheinlichkeit wäre dann bloß vermutet. - Natürlich muss der Zweifel begründet sein, aber nicht indem man von außen dogmatisch einen Maßstab heranträgt, was zu nichts (außer dem endlosen Regress an Begründungen) führt, sondern indem man ihn aus der Sache selbst nimmt: Immanente Kritik, Selbstkritik, Selbstbegründung durch den Zweifel, die Kritik hindurch, das ist das Thema. Du selbst hast irgendwo von der »Regel, die sich selbst gibt«, also von Selbstbegründung gesprochen; dies geht aber eben erst durch die Negation der Regel hindurch, sonst ist das Setzen, also das Negieren des ersten Negierens, ein leeres Wort, dann ist die Regel immer schon. Das ist die Idee in ihrer unendlichen Zerrissenheit, die der Inhalt auch der Kunst ist, als sinnliches Scheinen, nicht ein heiles, vom radikalen Zweifel unbeflecktes Wolkenkuckucksheim.

Eviraa, ich glaube, du machst es dir da etwas zu einfach. Was soll denn das Wissen sein, das sich so einfach erlangen lässt? Descartes würde dir schlicht erwidern: Entweder hält dieses Wissen dem meth. Zweifel nicht stand oder es basiert eben auf demselben, hat ihn in sich aufgenommen, ist durch ihn hindurchgegangen. Wie kommt denn Leibniz dazu, die in sich geschlossene Monade »ohne Fenster« zum Prinzip seiner Philosophie zu erheben? Wie kommt Kant dazu, das reine »Ich denke, das alle meine Vorstellungen muss begleiten können« zu höchsten Punkt, an den aller Verstandesgebrauch zu heften ist, zu erklären? Wie kommen Fichte und Schelling dazu, scheinbar »wie aus der Pistole geschossen« mit dem Ich als dem Prinzip des Denkens anzufangen? Wie kommt Hegel dazu, die Philosophie als sich vollbringenden Skeptizismus zu bezeichnen? Weshalb schreibt Nietzsche Aphorismen? Alle neuzeitliche Philosophie bis zum jungen Nietzsche basiert auf eben diesem Zweifel. Und auch schon Aristoteles hat immer als Erstes die Aporien seiner Vorgänger untersucht und dann erst eine Antwort darauf gegeben.

Man muss den meth. Zweifel allerdings schon richtig verstehen. Was meint denn »Zweifel«? Die Rückführung des vorgeblich Objektiven, Wahren, äußerlich Gegebenen, Tradierten, Intersubjektiven auf das rein Subjektive, Innerliche, das ego cogito. Die Reflexion in sich selbst, nicht bloß das Konfrontieren mit etwas anderem Objektiven, als gültig Vorausgesetzen. Und was heißt »methodisch«? Dass der Zweifel kein rein skeptischer Zweifel sein soll, der ins Nichts führt, und auch kein metaphysischer, der im leeren, weltlosen Ich, im Solipsismus endet, sondern ein produktiver, dass die Negation Mittel und Weg zum Positiven, Wahren, Objektiven, Seienden ist. Und dies eben nicht dadurch, dass der Zweifel auf irgendein beliebiges X stößt, bei dem er sich beruhigen kann, um dann im zweiten Schritt so dogmatisch wie eh und weiter zu dozieren, sondern dadurch, dass er sich auf sich selbst bezieht, und durch diesen Selbstbezug und seine Selbstaufhebung sich von sich abstößt zum Objektiven. Das Zweifeln/Denken selbst, indem es sich auf sich selbst bezieht, ist Sein, nicht irgendein Drittes. Deshalb kann man aber auch den kartesischen Zweifel nicht so einfach vom Cogito und den Gottesbeweisen abtrennen, weil allein dadurch die Methode ja erst ihren Zweck erfüllt, das gesuchte Resultat hat, wie auch dieses Resultat nur durch den Zweifel verständlich ist. So steht denn im Zentrum der Gottesbeweise wieder der Zweifel in Gestalt des genius malignus. Der Zweifel wendet sich nunmehr gegen das Ich und seine drohende punktuelle Leerheit. Der methodische Zweifel führt sich so durch sich selbst über in Objektivität, nicht dadurch, dass von außen ein deus ex machina auftaucht. So wie auch Leibniz es nicht bei der einsamen Monade bewenden lässt, sondern die objektive Welt aus ihr entwickeln will. Und so wie Kant, der am »Ich denke« die objektive Erscheinungswelt festmacht, weil das Ich denke allein keinen Sinn hat (also durch den Zweifel), so Fichte mit dem Schritt vom Ich zum Nicht-Ich, so Schelling, wenn er die Intelligenz in die Natur überführt, so Hegel, wenn er in seiner Logik die Subjektivität durch ihre Selbstaufhebung in die Objektivität übergehen lässt, oder wie beim Aphorismus am Ende die Pointe, die Selbstnegation oder Selbstüberwindung des Zweifels steht.

Der Zweifel und das Methodische stehen also im Verhältnis eines Gegensatzes: Die Reflexion aus der Objektivität ins Ego, in die Subjektivität, und dann wieder die Selbstnegation, die Reflexion aus dem Ich heraus in die Objektivität, ins Sein, ins sum. Und nur beide Seiten zusammen, die Negation und die immanente Negation der Negation, die Kreuzigung und die Auferstehung, in religiöser Sprache, - nur dies ergibt die Wahrheit, die Einheit von Subjekt und Objekt. Eben dies führt Descartes als Erster auf rein philosophische Weise vor, allerdings noch ganz rudimentär und holzschnittartig; auch auf durchaus fragwürdige Weise, wenn er etwa res cogitans und res extensae, Ich und mechanische Welt, reine Innerlichkeit und reine Äußerlichkeit, zu selbstständigen Substanzen hypostasiert, die wie zwei gänzlich beziehungslose Dinge nebeneinander liegen, wie Messer und Gabel, nur ganz äußerlich mit einem Strick verbunden. Irgendeine Vermittlungsinstanz, etwa das Leben, die Seele-Leib-Einheit kennt er nicht, Tiere sind bloße Maschinen, das Ich wird dann zum Geist in der Maschine, was bis zu Kants Gegensatz von noumenaler und phänomenaler Welt weiterwirkt. Auch treibt der positive Begründungsbegriff (das Ich als fundamentum absolultum inconcussum) noch sein Unwesen (was dann ja heißen müsste, das aus dem Ich, als Grund, die Existenz Gottes folgt). Aber gegen all dies hat sich dann der Zweifel der Nachfolger erhoben. Der Cartesianer Spinoza etwa hat die Subjekt-Objekt-Einheit als die der Einen Substanz, von der Denken und Sein/Ausdehnung/Natur Attribute oder Aspekte, perspektivische Darstellungen sind, gedacht; Leibniz als die prästabilierte Harmonie von Innerlichkeit und äußerem Verhältnis der Monaden.

Aber nach diesen hat man es sich dann in der Tat »deutlich einfacher« gemacht. Danach verwirft man allerdings den meth. Zweifel, also den radikalen Rückgang in die reine Subjektivität, in den unendlichen Gegensatz zu aller Objektivität oder Welt. Danach will darin bloß noch die verdinglichende Metaphysik des Psycho-Physikalismus (Husserl) oder der »Subjektität« (Heidegger) sehen, also der nur in sich kreisenden Ich-Substanz, die niemals mehr zur Welt kommt, die verblasener subjektiver Idealismus bleibt. Stattdessen ergeht jetzt der phänomenologische Ruf: »Zu den Sachen selbst!« Eben so, wie sie sich von sich selbst her, ganz real und unbezweifelbar, evident, zeigen und zum Fundament, zur materiellen, vitalen Basis, alles Weiteren, des Überbaus, taugen. Das ist dann Rousseau, Marx, später Nietzsche, Husserl, Heidegger, Wittgenstein, der Positivismus, die Sprachphilosophie (das Wort als etwas Wirkliches gegenüber dem bloßen Gedanken). Und was ist das evidente Phänomen nun? Das wirkliche, praktisch-arbeitende, natürliche Leben, die selbstverständliche unreflektierte Lebenswelt, das In-der-Welt-Sein des Daseins als fundamentalontologische, apriorische, ursprüngliche Grundstruktur des Daseins. Es ist im Grunde gar nichts anderes als die alte Subjekt-Objekt-Einheit, der Geist, der in seinem Anderen bei sich ist, nur dass das jetzt als Dogma vornehingestellt wird, eben als Fundament, das alles andere tragen kann, das allem anderen voraus liegt und nicht bezweifelt werden kann, weil es positiv in allem enthalten ist. Es will nicht mehr auf dem Weg des methodisch sich auf sich beziehenden Zweifel als Resultat erst dargestellt werden. Diese Ursprünglichkeit widersetzt sich dann hartnäckig allem Auseinanderdividieren in Subjekt und Objekt, in Theorie und Praxis, Gedanke und Wort; sie widersetzt sich also allem cartesischen Zweifel, als dem Weg in die Seinsvergessenheit der Metaphysik, der Vergessenheit des ursprünglichen Einheitsbodens, oder als Weg in die Krisis der Philosophie, eben in schlechte subjektivistische Metaphysik und Hinterweltlerei, politisch dann als Herrschaft und Knechtschaft. Was ja auch durchaus korrekt ist, wenn man die erste Phase des Zweifels, den Rückgang in die Subjektivität, von seiner zweiten Phase, eben der Selbstanwendung, der Wiederherstellung abtrennt, was z. B. Husserl ganz ausdrücklich tut, indem er die kartesischen Gottesbeweise genauso unbesehen als mythologisch beiseiteschiebt wie Kants transzendentale Deduktion (der Objektivität aus der Subjektivität des »Ich denke«). Dann allerdings ist der Zweifel fatal, dann versackt er im Nichts bzw. im Herrentum des Ichs. Wenn das Bewusstsein sich aus der Welt in sich, ins Selbstbewusstsein reflektiert, dann ist man im Kapitel »Herrschaft und Knechtschaft« oder beim Stoizismus, wenn man den Zweifel nicht weitertreibt zur Vernunft, so Hegel. Wenn man all das nicht will, dann bleibt nur der Weg in die Rebarbarisiserung zu einem ursprünglichen In-der-Welt-Sein, das alle Geistigkeit, seine abgrundtiefe Tragödie, den unendlichen Gegensatz von Sein und Selbst, die absolute Negativität (den selbstbezüglichen Zweifel) als der einzigen Wahrheit nicht mehr wahrhaben will, sondern als DEN metaphysischen und geschichtlichen Abweg schlechthin betrachtet, - Wahrheit ist dann das Immer-schon-Entdecktsein der Welt, als das unhintergehbare Existenzial, also als Sein des Seienden von der Seinsart des Daseins.

Der kartesianische Zweifel würde dem dann entgegenhalten, dass eben diese Müdigkeit des Geistes unter der naturbelassenen Oberfläche nichts anderes als der Weg in den metaphysischen Solipsismus des rein selbstbezogenen Willens zur Macht ist, oder in die Egologie, die nicht mehr zur Intersubjektivität findet, wie Husserl das in den »Cartesianischen Meditationen« vorführt, oder in die Jemeinigkeit und Eigentlichkeit des Selbstseins, der esoterischen Individualität, die sich nicht mehr mit der Weltverfallenheit des »Man«, also mit der Allgemeinheit, zu vermitteln vermag, weshalb ja wohl auch SuZ Fragment geblieben ist und seinen Schlusspunkt in der Rektoratsrede gefunden hat. Und dass eben dies dann die Tragödie ist, die heute nicht mehr in der Kunst und im Denken aufgeführt wird, sondern ganz banal, endlos verworren und ohne alles Entdecktsein von Welt (dafür mit umso genauerer Kenntnis der Effekte der nun erst recht verdinglichten Welt, nämlich als purer Mechanismus betrachtet), ohne alle lebensweltliche Evidenz und Selbstverständlichkeit auf den Straßen, wo man von all dem auch rein gar nichts wissen will, da die jemeinigen Phänomene ja doch ganz evident und zweifelsfrei zutage liegen.




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Jörn Budesheim
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Nick Nickless hat geschrieben :
Mo 23. Jan 2023, 15:34
Jörg, wenn man sich um den Zweifel nicht schert, dann hat man eben kein begründetes Wissen, wie es die Philosophie von jeher sucht, dann vermutet man nur ...
Ich vermute, das geht an mich?! Ich bin nicht der Ansicht, dass man sich um den Zweifel nicht scheren soll. Ich bin stattdessen der Ansicht, dass Zweifel begründet sein muss. Ein Beispiel: Ich könnte im Moment natürlich daran zweifeln, dass ich gerade vor dem Rechner sitze und arbeite, weil mich der Genius malignus getäuscht hat. Aber das ist kein gut begründeter Zweifel, meine ich.




Nick Nickless
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Mi 25. Jan 2023, 12:11

Ja, Jörn, sorry für die Namensverwechslung.

Ich bin zwar felsenfest davon überzeugt, dass es aktueller Stand jeglicher ernstzunehmenden Wissenschaft heute ist, dass da kein "Ich" vor einem Rechner sitzt, schon gar nicht EIN Ich, und auch DER Rechner nicht EINER ist, sondern ein Konvolut von Atomen oder Kräften und dergleichen, und dass vor und hinter alles relativ, also unbestimmt, ist, dass es für so einen Zweifel also noch nicht einmal eines bösen Geistes bedarf, vielmehr schon eher, um solchen Zweifel einfach vom Tisch zu wischen, - aber es ist zugegebenermaßen "deutlich einfacher", sich von all diesen Dingen unangekränkelt und über dergleichen Haarspaltereien erhaben zu wissen.

Wenn es der methodische Zweifel, der Zweifel, der sich gegen sich selbst richtet, ist, der die Einheit von Ich und Welt, die Einheit von Ego und Alter Ego, die Einheit des Gegenstandes (die ja Descartes primär im Wachsbeispiel zerlegt) begründet, und nicht das selbstgewisse Ich bin Ich und ich weiß, wer ich bin, was ich will, was ich tue, der mit sich und der Welt im Reinen ist, - dann zerfällt mit dessen Verleugnung dies alles zu Staub. Oder vielmehr, da man den einseitigen, rein negativen Zweifel natürlich stehen lässt, also die Reflexion in sich selbst, in die eigene Selbstgewissheit und Subjektivtät, oder auch umgekehrt aus dieser in die reine Objektivität, in die mechanische Welt, - dann lösen sich all die scheinbar so selbstverständlich vorgegebenen Einheiten in den Kampf einer Vielzahl nunmehr völlig unversöhnbarer Gegensätze auf.




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Jörn Budesheim
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Mi 25. Jan 2023, 14:23

Wenn der methodische Zweifel der gegen sich selbst gerichtete Zweifel ist, dann bist du im Grunde frei davon. Denn du bist felsenfest davon überzeugt, d.h. du kennst keinen Zweifel daran, dass es heute Stand jeder ernst zu nehmenden Wissenschaft ist, dass es kein Ich gibt. Erstaunlicherweise zweifelst du nicht an den entsprechenden (angeblichen) Ergebnissen der Wissenschaftler:innen, obwohl es diese und dich selbst - woran es für dich keinen Zweifel geben kann - letztlich gar nicht wirklich gibt.

Aber wenn Wissenschaftler:innen am Ende des Tages zu dem Ergebnis kommen, dass sie selbst gar nicht existieren, sollte man dann nicht an den Ergebnissen dieser Nicht-Existenzen zweifeln?




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AufDerSonne
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Mi 25. Jan 2023, 19:55

Hallo Nick Nickless

Ich finde deinen Text nicht schlecht. Vor allem weil du auch die Meinungen anderer Philosophen hineinfliessen lässt, also wie sie gedacht haben.
Man kann schon daran zweifeln, dass man vor dem Computer sitzt und arbeitet. Allerdings sind das zwei verschiedene Dinge. Der Computer ist ein materielles Etwas und arbeiten ist eine Tätigkeit oder Handlung.
Ich habe auch schon an der banalen Materie gezweifelt, zum Beispiel, ob mein Tisch wirklich da ist, aber irgendwie hat mich das nicht weitergebracht.
Je mehr ich an der banalen Materie zweifle, desto mehr komme ich darauf, dass man an der Materie nicht zweifeln kann.

Wenn man einen materiellen Gegenstand wahrnimmt, dann gibt es ihn, und zwar ungefähr so, wie man ihn wahrnimmt. Zum Beispiel mein dunkelbrauner Schreibtisch.
Ich werde fast verrückt, wenn ich ernsthaft an jeglicher Materie zweifle. Es gibt zwar ein wichtiges Gegenargument. Fast alle materiellen Gegenstände verändern sich mit der Zeit, ganz sicher werden sie alle älter, wenn nichts anderes.
Alles wird älter. Und verändert sich deshalb auch. Aber zu einem bestimmten Zeitpunkt, sagen wir, wir schnippen mit dem Finger, in diesem Augenblick, ist mein Tisch da. Und mein Tisch hat auch einer Dauer. Wenn ich in die Stadt einkaufen gehen und zurückkomme ist er immer noch da, wenn auch älter geworden, ein paar Stunden. Also es gibt schon ein paar Feinheiten, die uns grundsätzlich an der Materie zweifeln lassen könnten.
Spannend!

Plötzlich ist mir auch die Aussage, ich sitze an meinem Schreibtisch und arbeite, nicht mehr so gewiss. Aber kehren wir zurück zum gesunden Menschenverstand. Ein materieller Gegenstand, den wir zu einem bestimmten Zeitpunkt wahrnehmen, ist da. Er existiert. Oder wer von euch kann ernsthaft an der Materie insgesamt zweifeln? Also ich kann es nicht.



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Peter Bieri: "Man kann, was man erlebt, in falsche Worte und Begriffe fassen."

MikeM
Beiträge: 3
Registriert: So 29. Jan 2023, 15:16

So 29. Jan 2023, 15:25

Ich kann es, ich könnte z.B. ein Boltzmanngehirn sein, das sich dieses Leben, die Welt, das gesamte Universum einbildet ... oder eigentlich nur das, was ich davon wahrnehme / wahrgenommen habe. Jede meiner Wahrnehmungen könnte doch getäuscht sein, wie Descartes es schon nicht ausschließen wollte.
Der nächste Schritt wäre dann sich selbst infrage zu stellen, also sein Ich. Das gelang Descartes nicht. Und Gott hat er wohl auch Existenz und Wahrhaftigkeit unterstellt.

Viel Sinn mag es nicht machen, alles zu bezweifeln, da dann ja nichts mehr übrigbleibt mit dem man etwas anstellen könnte.




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