Intuition

Dieses Unterforum beschäftigt sich mit dem Umfang und den Grenzen der menschlichen Erkenntnisfähigkeit sowie um die speziellen Gesichtspunkte des Systems der modernen Wissenschaften.
Burkart
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Di 3. Mär 2026, 00:16

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 2. Mär 2026, 10:50
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 1. Mär 2026, 20:41
In der Intuition präsentieren sich uns Sachverhalte nichtdiskursiv als evident: bisweilen, weil wir Wissen verinnerlicht haben; bisweilen, weil die Sachverhalte nur auf diese Weise zugänglich sind; und bisweilen basal, im unmittelbaren Kontakt mit uns selbst und der Wirklichkeit.

Beispiele:
(1) Kahnemanns System 1, wie z. B. beim Schachspielen
(2) grundlegende logische Formen
(3) das Cogito
Vielleicht müsste man, um es systematischer zu machen, unterscheiden zwischen Gegenstandsbereichen und Zugangsarten? So?

Bild
Gehört zu (2) der runde Kreis?
Soll (3) eher für ein einfache Welt stehen im Gegensatz zu (1) einer komplexen? Bzw. soll die rote Wand dazu gehören?



Der Mensch als Philosophierender ist Ausgangspunkt aller Philosophie.
Die Philosophie eines Menschen kann durch Andere fahrlässig missverstanden oder gezielt diskreditiert oder gar ganz ignoriert werden, u.a. um eine eigene Meinung durchsetzen zu wollen.

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Jörn P Budesheim
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Di 3. Mär 2026, 07:33

Ich glaube nicht, dass es bei dieser Liste um Gegensätze geht. Unterschiede, ja – Gegensätze, warum? Diese drei Punkte, vielleicht braucht man auch vier oder fünf, haben ja viele Dinge gemeinsam z.b das Nichtdiskursive.

Die komplett rote Wand, die nicht zugleich komplett grün sein kann, gehört in dieselbe Kategorie wie der Kreis, der rund ist und nicht zugleich ein Viereck sein kann. Beim Cogito geht es um eine Art basale Selbst-Präsenz, außdem gehört hierher meines Erachtens das Beispiel von Markus Gabriel.



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Consul
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Di 3. Mär 2026, 17:12

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
So 1. Mär 2026, 20:41
Consul hat geschrieben :
Fr 27. Feb 2026, 16:49
Wenn Rationalisten von Intuition als apriorischer, nichtempirischer Erkenntnisquelle sprechen, dann meinen sie damit kein "Bauchgefühl", keine "instinktive" Ahnung oder Vermutung.
Die Frage ist aber nicht nur, was Rationalisten meinen, oder? Mein erster vager Zwischenstand sieht ungefähr so aus:

In der Intuition präsentieren sich uns Sachverhalte nichtdiskursiv als evident: bisweilen, weil wir Wissen verinnerlicht haben; bisweilen, weil die Sachverhalte nur auf diese Weise zugänglich sind; und bisweilen basal, im unmittelbaren Kontakt mit uns selbst und der Wirklichkeit.

Beispiele:
(1) Kahnemanns System 1, wie z. B. beim Schachspielen
(2) grundlegende logische Formen
(3) das Cogito
"Einige prognostische Urteile, wie sie etwa von Ingenieuren getroffen werden, stützen sich weitgehend auf sogenannte Lookup-Tabellen, präzise Berechnungen und explizite Analysen von Ergebnissen, die bei ähnlichen Gelegenheiten beobachtet wurden. Andere beruhen auf Intuitionen und beziehen das System I ein; dabei lassen sich zwei Grundtypen von Intuitionen unterscheiden. Einige Intuitionen basieren hauptsächlich auf Fertigkeit und Sachkunde, die durch regelmäßige Übung erworben werden. Die schnellen und automatischen Urteile und Entscheidungen von Schachmeistern, Einsatzleitern der Feuerwehr und Ärzten, die Gary Klein in Natürliche Entscheidungsprozesse: Über die »Quellen der Macht«, die unsere Entscheidungen lenken und anderen Büchern beschrieben hat, verdeutlichen diese fachkundigen Intuitionen, bei denen Experten schnell eine Lösung für das aktuelle Problem einfällt, weil vertraute Hinweisreize erkannt werden.

Andere Intuitionen, die manchmal subjektiv nicht von den ersten zu unterscheiden sind, gehen aus Heuristiken hervor, die oftmals eine schwierige Frage durch eine leichtere ersetzen. Intuitive Urteile lassen sich auch dann mit einem hohen Grad subjektiver Überzeugung treffen, wenn sie auf nicht regressiven Bewertungen schwacher Informationen basieren. Selbstverständlich werden viele Urteile, insbesondere im professionellen Bereich, durch eine Kombination von Analyse und Intuition beeinflusst."

(Kahneman, Daniel. Schnelles Denken, langsames Denken. Übers. v. Thorsten Schmidt. München: Siedler, 2012. S. 231)

"Das Modell der intuitiven Entscheidungsfindung als Musterwiedererkennung entwickelt Ideen weiter, die Herbert Simon schon vor einiger Zeit vorlegte – der vielleicht einzige Wissenschaftler, der von allen miteinander konkurrierenden Gruppen auf dem Feld der Entscheidungsforschung als Held anerkannt und bewundert wird. Ich zitierte Herbert Simons Definition der Intuition in der Einleitung, aber ich möchte sie wiederholen, weil wir sie jetzt besser verstehen: »Die Situation liefert einen Hinweisreiz (cue); dieser Hinweisreiz gibt dem Experten Zugang zu Informationen, die im Gedächtnis gespeichert sind, und diese Informationen geben ihm die Antwort. Intuition ist nicht mehr und nicht weniger als Wiedererkennen.«
[292]
Diese prägnante Aussage reduziert die scheinbare Magie der Intuition auf die Alltagserfahrung des Gedächtnisses. Wir staunen über die Geschichte des Feuerwehrmanns, der plötzlich den Drang verspürt, aus einem brennenden Haus zu fliehen, kurz bevor es einstürzt, weil der Feuerwehrmann die Gefahr intuitiv erkennt, »ohne zu wissen, woher er es weiß«. Allerdings wissen wir auch nicht, wieso wir sofort wissen, dass eine Person, die wir beim Betreten eines Raumes erblicken, unser Freund Peter ist. Die Moral von Simons Bemerkung lautet, dass das Rätsel des »Wissens, ohne zu wissen« kein charakteristisches Merkmal der Intuition ist; es ist die Norm des mentalen Lebens."

(Kahneman, Daniel. Schnelles Denken, langsames Denken. Übers. v. Thorsten Schmidt. München: Siedler, 2012. S. 292-3)
Das ist nicht der Begriff von Intuition, der im Mittelpunkt des philosophisch-epistemologischen Interesses steht. Allerdings:
"Der Gebrauch des Begriffs „Intuition“ in der Philosophie erscheint problematisch: Es gibt keine allgemein anerkannte Definition von „Intuition“. Es existieren keine allgemein anerkannten Paradigmen. Zwischen verschiedenen Schulen und Teildisziplinen herrscht kaum Einigkeit im Sprachgebrauch, und es gibt keine Expertengruppe innerhalb der Disziplin, die sich auf die Verwendung des Begriffs geeinigt hat.

Viele Philosophen verstehen unter „Intuition“ einen psychologischen (mentalen) Zustand oder ein Ereignis. Vertreter dieser Ansicht lassen sich in zwei Kategorien einteilen: diejenigen, die Intuitionen als eigenständige mentale Zustände betrachten, und diejenigen, die Intuitionen als eine Unterkategorie anderer mentaler Zustände sehen." [übersetzt von Google Translate]

(Cappelen, Herman. Philosophy without Intuitions. Oxford: Oxford University Press, 2012. pp. 7-11)
Ein sehr guter Text zur Einführung.

SEP: Intuition
SEP: Intuition [deutsche Übers. v. Google Translate]

"Eine letzte Gruppe von Ansätzen geht davon aus, dass eine Intuition eine eigenständige, zufällig auftretende propositionale Einstellung ist, die unterschiedlich charakterisiert wird: als eine, in der eine Proposition zufällig wahr erscheint (Bealer 1998, 2002; Pust 2000; Huemer 2001, 2005)…"

Das ist eine falsche Übersetzung von "occurrently": "…gegenwärtig wahr erscheint."
Bealer spricht von "intellectual seemings", was sich nicht so gut ins Deutsche übersetzen lässt—"intellektuelle Anscheinungen", "intellektueller Anschein".



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R2D2
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Di 3. Mär 2026, 17:55

Hier ist eine ausführliche, systematische Zusammenfassung des Stanford Encyclopedia of Philosophy-Eintrags „Intuition“, wie er in der überarbeiteten Fassung der SEP dargestellt wird. Ich orientiere mich an den strukturellen Abschnitten im Originalartikel und fasse die zentralen Punkte präzise zusammen.

1. Was sind Intuitionen? – Begriff und Natur

Der Eintrag beginnt mit der Frage, was „Intuitionen“ überhaupt sind. Der Fokus liegt auf einer begrenzten, philosophisch relevanten Art von Intuition: Zustände, in denen eine bestimmte propositionale Aussage intuitiv wahr zu sein scheint, z. B. „Torturing a sentient being for fun is wrong“ oder „Es ist unmöglich, dass ein Quadrat fünf Seiten hat“. Diese Art von Intuition unterscheidet sich von alltäglichen intuitiven Urteilen (z. B. „Ich habe das Gefühl, mein Kind ist unschuldig“) und von Experten-„Intuitionen“ in spezialisierten Bereichen (z. B. Feuerwehrleute erkennen Gefahrenmuster). Der Artikel nimmt an, dass es eine epistemisch und psychologisch einheitliche Art von Intuition gibt, die für philosophische Argumente zentral ist.

Innerhalb dieses Rahmens werden verschiedene Theorien darüber diskutiert, was Intuitionen ontologisch sind:

- Intuitionen als Überzeugungen (Beliefs): Einige Philosophen behaupten, Intuitionen seien nichts anderes als gewöhnliche Überzeugungen. Diese Sicht ist einfach, hat aber Probleme: Man kann etwas intuitiv für wahr halten, ohne es zu glauben, und umgekehrt. Außerdem ist die Beziehung zwischen Intuition und Bewusstsein nicht klar erfasst, wenn Intuitionen nur Überzeugungen sind.

- Intuitionen als Dispositionen zu glauben: Eine andere Idee ist, Intuitionen als Dispositionen zu verstehen, einen bestimmten Satz zu glauben, sobald man ihn versteht. Diese Analyse ist weiter, trägt aber die Gefahr, zu breit zu werden – sie würde auch viele Zustände einschließen, die man gewöhnlich nicht als Intuition bezeichnet.

- Intuitionen als sui generis Zustände: Die umfassendste und für den philosophischen Kontext wichtigste Theorie sieht Intuitionen als eine eigene Klasse bewusster propositionaler Mentalzustände: Zustände, in denen eine Aussage scheinbar wahr ist. Diese „Seeming-Theorie“ hält den Intuitionen eine besondere psychologische Rolle zu, ähnlich wie Wahrnehmungen, aber nicht identisch mit diesen. Intuitionen treten als eigene bewusste Episode auf und können als unmittelbare epistemische Zustände betrachtet werden, die uns dazu bewegen, bestimmte Überzeugungen anzunehmen.

Zusatzfragen behandeln, ob Intuitionen nur propositionale Objekte haben oder sich auch auf Eigenschaften / Zustände beziehen können, und ob Intuitionen als Ausdruck einer mentalen Fakultät verstanden werden sollten.

2. Rolle von Intuitionen in der philosophischen Erkenntnis

Ein zentrales Anliegen des Artikels ist die Rolle, die Intuitionen in der Philosophie spielen. Philosophische Argumente – etwa in Ethik, Metaphysik, Erkenntnistheorie oder Logik – greifen häufig auf Beispiele (Fälle) oder allgemeine Prinzipien zurück, von deren Wahrheitsgehalt wir intuitiv überzeugt sind. Beispiele sind hypothetische Szenarien (Trolley-Probleme, Gettier-Fälle, Gedankenaustausch-Cases), aber auch allgemeine, sehr abstrakte Aussagen wie „2+2=4“ oder „Nichts kann gleichzeitig rot und grün sein“.

Diese Intuitionen werden als prima facie-Evidenz in argumentativen Zusammenhängen verwendet: Wenn eine Theorie mit intuitiven Urteilen zu bestimmten Fällen stark im Widerspruch steht, gilt dies als Grund, die Theorie kritisch zu hinterfragen. Umgekehrt wird eine Theorie, die mit den relevanten Intuitionen übereinstimmt, oft als zunächst plausibler angesehen. Diese Verwendung wird Method of Cases genannt.

Der Artikel unterscheidet dabei zwischen zwei Aspekten:
- den Intuitionen selbst (die Inhalte, die als wahr erscheinen), und
- dem Intuitieren (der psychologischen Tatsache, dass man eine Intuition hat).

Für die epistemologische Frage, ob Intuitionen als Gründe dienen, ist beides relevant: Sowohl ob der Inhalt eines intuitiven Urteils evidenzstiftend ist, als auch was die bloße Tatsache, dass wir eine Intuition haben, epistemisch bedeutet.

3. Herausforderungen und Kritik an Intuitionen

Der Artikel untersucht verschiedene Argumente, die den epistemischen Status von Intuitionen in Frage stellen:

- Argument aus fehlender unabhängiger Kalibrierung: Kritiker führen an, dass es keine nicht-intuitive Grundlage gibt, um zu verifizieren, dass Intuitionen zuverlässig sind.

- Argumente aus Unzuverlässigkeit: Sowohl innerpsychische Konflikte (z. B. Paradoxien) als auch interpersonelle Variation (unterschiedliche Intuitionen in verschiedenen Kulturen oder bei verschiedenen Personen) werden als Hinweise dafür interpretiert, dass Intuitionen nicht stabil oder verlässlich genug sind, um als epistemische Gründe zu dienen.

- Argumente aus Erklärung: Manche Skeptiker behaupten, dass Intuitionen besser erklärt werden können durch psychologische Faktoren unabhängig von den entsprechenden philosophischen Wahrheiten, und dass daher die Tatsache, dass man eine Intuition hat, nicht automatisch epistemisch relevant ist.

Dem werden verschiedene Verteidigungen entgegengehalten. Eine klassische Verteidigung ist, dass bestimmte grundlegende Aussagen (z. B. logische und arithmetische Wahrheiten) tatsächlich nur durch Intuition gerechtfertigt scheinen und dass dies ein Argument für eine epistemische Rolle von Intuitionen ist. Andere Strategien betonen die epistemische Selbstbegründung oder argumentieren, dass Intuitionen zwar nicht unanfechtbar, aber dennoch prima facie gerechtfertigt sein können.

4. Experimentelle Philosophie und empirische Forschung

Ein weiterer wesentlicher Abschnitt behandelt den Einfluss empirischer Forschung auf die Debatte. In den letzten Jahrzehnten hat sich die sogenannte experimental philosophy entwickelt, die systematisch empirische Daten über intuitive Urteile erhebt – etwa durch Befragungen zu hypothetischen Fällen oder Untersuchungen zur Variation von Intuitionen zwischen Gruppen.

Diese Forschung hat mehrere Ziele:
- herauszufinden, wie „allgemein“ bestimmte Intuitionen tatsächlich sind;
- zu untersuchen, welche Faktoren sie beeinflussen (kulturelle Hintergründe, Kontext, Framing);
- und zu klären, ob Unterschiede in Intuitionen die epistemische Verwendung von Intuitionen in Frage stellen oder modifizieren.

Ein Ergebnis dieser Projekte ist, dass Intuitionen variieren können, etwa zwischen Personen aus unterschiedlichen Kontexten, was Skeptiker als Hinweis auf mangelnde Stabilität und Verlässlichkeit interpretieren. Verteidiger argumentieren dagegen, dass solche Variationen bei sorgfältiger methodischer Kontrolle weniger dramatisch sind, oder dass sie bestimmte Klassen von Intuitionen betreffen, nicht aber andere (etwa grundlegende logische Intuitionen).

5. Fazit

Zusammenfassend liefert der Eintrag ein differenziertes Bild: „Intuition“ ist kein einfacher Begriff, sondern weist mehrere konkurrierende Analysen auf. In der Philosophie wird Intuition meist als eine besondere Form bewusster propositionaler Zustände verstanden, die epistemisch relevant sind und in argumentativen Kontexten fungieren. Diese Rolle ist stark umstritten; Skeptiker kritisieren Intuitionen als unzuverlässig oder schlecht kalibriert, während Befürworter auf ihre fundamentale und oft unersetzliche Rolle in philosophischen Argumentationspraktiken hinweisen. Empirische Forschung – etwa aus der experimentellen Philosophie – beeinflusst die Debatte zunehmend, indem sie konkrete Daten über Intuitionen und ihre Verbreitung liefert.



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Jörn P Budesheim
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Consul hat geschrieben :
Di 3. Mär 2026, 17:12
Das [was Kahnemann darlegt] ist nicht der Begriff von Intuition, der im Mittelpunkt des philosophisch-epistemologischen Interesses steht.
Das kann gut sein. Deswegen habe ich auch eingangs gefragt: "Was ist Intuition, philosophisch betrachtet?" Ich habe es dennoch in meine Tabelle aufgenommen, weil ich glaube, dass es im Großen und Ganzen dem Alltagsbegriff von Intuition entspricht, worauf sich Burkart auch zu Beginn bezogen hat.

Manchmal werden intuitionen als "ähnlich wie Wahrnehmungen*" betrachtet, heißt es in der Zusammenfassung sinngemäß. Das habe ich auch in meinen Recherchen gefunden. Das scheint mir plausibel zu sein. Und ähnlich wie unsere handelsüblichen Wahrnehmungen können natürlich auch manche unserer Intuitionen fallibel sein.

*Ich würde ohnehin viel mehr der Wahrnehmung zuschlagen, als es in der Regel geschieht. Manche PhilosophInnen betrachten Emotionen als Wertwahrnehmungen. Und auch Aspekte des Denkens kann man als Wahrnehmung klassifizieren.



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Consul
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Di 3. Mär 2026, 19:50

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 3. Mär 2026, 18:10
Manchmal werden intuitionen als "ähnlich wie Wahrnehmungen*" betrachtet, heißt es in der Zusammenfassung sinngemäß. Das habe ich auch in meinen Recherchen gefunden. Das scheint mir plausibel zu sein. Und ähnlich wie unsere handelsüblichen Wahrnehmungen können natürlich auch manche unserer Intuitionen fallibel sein.
Consul hat geschrieben :
Mi 25. Feb 2026, 18:45
Elija Chudnoff nennt rationale Intuition "intellektuelle Wahrnehmung" ("intellectual perception") und meint damit eine nicht-/übersinnliche Form der Wahrnehmung.
"Das Ziel dieses Buches ist es, eine Sichtweise der Intuition zu erläutern und zu verteidigen, nach der sie eine Form von intellektueller Wahrnehmung ist. Die grobe Idee lautet wie folgt: Während Sinneswahrnehmungen Erfahrungen sind, die vorgeben, die konkrete Realität zu offenbaren, und dies manchmal auch tun, indem sie uns diese Realität sensorisch bewusst machen, sind Intuitionen Erfahrungen, die vorgeben, die abstrakte Realität zu offenbaren, und dies manchmal auch tun, indem sie uns diese Realität intuitiv bewusst machen." [übersetzt von DeepL]

(Chudnoff, Elijah. Intuition. New York: Oxford University Press, 2013. p. 1)
Chudnoff ist ein Antireduktionist oder "Sui-generist" in Bezug auf Intuitionen. Er und andere fassen sie als ein rein geistiges "Sehen" (Wahrnehmen, Erkennen, Einsehen) bestimmter Arten von Tatsachen auf, welches als apriorische Erkentnisquelle dient.



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Jörn P Budesheim
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Di 3. Mär 2026, 21:53

Gemäß meinen Quellen vertritt Chudnoff in seinem Buch Intuition fünf Hauptthesen:
  • Intuitionen sind Erlebnisse, keine bloßen Überzeugungen oder Neigungen zu Überzeugungen.
  • Intuitionen rechtfertigen Überzeugungen unmittelbar (eine Position, die er „Phänomenalen Dogmatismus“ nennt).
  • Intuitionen begründen Wissen, indem sie den Denker seines Gegenstandes bewusst machen.
  • Der Gegenstandsbereich von Intuitionen ist abstrakt.
  • Intuitionen können unabhängig von Sinneserfahrung auftreten



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Jörn P Budesheim
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Di 3. Mär 2026, 21:55

Consul hat geschrieben :
Di 3. Mär 2026, 19:50
"Während Sinneswahrnehmungen Erfahrungen sind, die vorgeben, die konkrete Realität zu offenbaren, und dies manchmal auch tun, indem sie uns diese Realität sensorisch bewusst machen, sind Intuitionen Erfahrungen, die vorgeben, die abstrakte Realität zu offenbaren, und dies manchmal auch tun, indem sie uns diese Realität intuitiv bewusst machen." [übersetzt von DeepL]

(Chudnoff, Elijah. Intuition. New York: Oxford University Press, 2013. p. 1)
Das würde ich kaufen.



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Jörn P Budesheim
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Mi 4. Mär 2026, 09:05

Ein Sinn / eine Sinnesmodalität ist gemäß Markus Gabriel "eine fehleranfällige Kontaktaufnahme mit Gegenständen, die diese über Bewusstseinslücken hinweg wiedererkennen kann." Diese Definition erlaubt es Gabriel, auch Denken als Sinn anzuerkennen. Was ich plausibel finde. Und das sollte dann meines Erachtens auch für unsere Intuitionen gelten, finde ich.



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Consul
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Mi 4. Mär 2026, 18:49

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 3. Mär 2026, 21:53
Gemäß meinen Quellen vertritt Chudnoff in seinem Buch Intuition fünf Hauptthesen:
  • Intuitionen sind Erlebnisse, keine bloßen Überzeugungen oder Neigungen zu Überzeugungen.
  • Intuitionen rechtfertigen Überzeugungen unmittelbar (eine Position, die er „Phänomenalen Dogmatismus“ nennt).
  • Intuitionen begründen Wissen, indem sie den Denker seines Gegenstandes bewusst machen.
  • Der Gegenstandsbereich von Intuitionen ist abstrakt.
  • Intuitionen können unabhängig von Sinneserfahrung auftreten
Chudnoff spricht von "Intuitionserlebnissen" ("intuition experiences") mit einer "präsentationalen Phänomenologie" ("presentational phenomenology").
"What it is for an intuition experience of yours to have presentational phenomenology with respect to p is for it to both make it intuitively seem to you that p and make it seem to you as if this experience makes you intuitively aware of a truth-maker for p."
———
"Was es für eines Ihrer Intuitionserlebnisse bedeutet, eine präsentationale Phänomenologie in Bezug auf p zu haben, ist, dass es Ihnen sowohl intuitiv so vorkommt, dass p, als auch der Eindruck vermittelt wird, dass Sie durch diese Erfahrung intuitiv eines Wahrheitsmacher für p gewahr werden." [übersetzt von Consul]

(Chudnoff, Elijah. Intuition. New York: Oxford University Press, 2013. p. 48)
"Der Gegenstand der Sinneswahrnehmung umfasst die konkrete Realität und schließt die abstrakte Realität aus. Der Gegenstand der Intuition umfasst die abstrakte Realität und könnte auch die konkrete Realität umfassen. Ich neige dazu, die stärkere Aussage zu befürworten: Der Gegenstand der Intuition umfasst die abstrakte Realität und schließt die konkrete Realität aus. Diese stärkere Aussage wird in diesem Buch keine große Rolle spielen; ich komme erst im Fazit darauf zurück. Wichtiger ist jedoch, dass der Gegenstand der Intuition die abstrakte Realität umfasst.

Bevor ich fortfahre, möchte ich kurz auf die von mir verwendeten Begriffe der abstrakten und der konkreten Realität eingehen. Ich glaube, dass diese Begriffe hilfreich sind, um grobe Unterscheidungen zu treffen und grob Forschungsrichtungen aufzuzeigen, aber ich messe ihnen kein allzu hohes theoretisches Gewicht bei. Abstrakte Realität umfasst das Notwendige, Normative, Unendliche und Abstrakte im Sinne von nicht-raumzeitlich und kausal inert. Mathematik, Metaphysik und Moralphilosophie befassen sich damit. Konkrete Realität umfasst das Kontingente, Nichtnormative, Endliche und Konkrete im Sinne von räumlich und/oder zeitlich und/oder kausal wirksam. Physik, Psychologie und Geschichte sind im Wesentlichen die relevanten Bereiche. Diese Einteilungen erscheinen recht natürlich. Es mag schwierige Grenzfälle geben, wie die Zeit selbst oder das Universum als Ganzes, aber nichts in diesem Buch wird sich auf eine bestimmte Theorie festlegen, wie die Unterschiede zwischen abstrakter und konkreter Realität am besten weiter erklärt werden können, um solche Fälle zu behandeln." [übersetzt von Google]

(Chudnoff, Elijah. Intuition. New York: Oxford University Press, 2013. p. 11)

"Unser abstraktes Wissen umfasst Wissen über das Notwendige, Normative, Unendliche und Abstrakte. Die Sinneswahrnehmung vermittelt uns Wissen über das Kontingente, Nichtnormative, Endliche und Konkrete. Und es ist unklar, wie Erinnerung, Bezeugung [testimony] und deduktives, induktives und abduktives Schließen Wissen über das Kontingente, Nichtnormative, Endliche und Konkrete, das uns die Sinneswahrnehmung vermittelt, in Wissen über das Notwendige, Normative, Unendliche und Abstrakte umwandeln könnten." [übersetzt von Google]

(Chudnoff, Elijah. Intuition. New York: Oxford University Press, 2013. p. 14)
(An normatives Wissen glaube ich bekanntlich nicht.)



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Mi 4. Mär 2026, 19:56

Consul hat geschrieben :
Di 3. Mär 2026, 19:50
Chudnoff ist ein Antireduktionist oder "Sui-generist" in Bezug auf Intuitionen.
Für Reduktionisten—auch bekannt als "Doxastizisten" ("doxasticists")—sind Intuitionen eine Art von Glauben (Urteil, Meinung, Überzeugung) bzw. Glaubensneigung (disposition/inclination to believe). Zum Beispiel:
"Ich verstehe Intuitionen als Glaubungen [beliefs], die: (1) nicht offensichtlich auf Erfahrungen beruhen, (2) nicht aus anderen Glaubungen abgeleitet sind und (3) hartnäckig/widerstandsfähig [resilient] sind. Der dritte Punkt soll Gedanken ausschließen, die der Glaubende zwar hat, aber als albern erkennt, wie beispielsweise, dass etwas Schlimmes passieren wird, weil es Freitag, der 13. ist. Widerstandsfähigkeit garantiert jedoch nicht, dass Intuitionen unumstößlich sind.
Ich gebe gerne zu, dass Intuitionen kein Wissen sind."

"Resilienz. Ein Glaube ist resilient, wenn er nicht leicht zu erschüttern ist."
[übersetzt von DeepL]

(Forrest, Peter. The Necessary Structure of the All-Pervading Aether. Frankfurt: Ontos, 2012. pp. 21+207)
Fußnoten:
* Mit "Erfahrung" ("experience") meint Forrest wohl die äußere und innere Sinneswahrnehmung sowie die nichtsinnliche innere Wahrnehmung (Introspektion).
* Ein völlig alberner Wahnglaube eines Verrückten kann höchst "resilient" sein.



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Mi 4. Mär 2026, 20:06

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 3. Mär 2026, 18:10
*Ich würde ohnehin viel mehr der Wahrnehmung zuschlagen, als es in der Regel geschieht. Manche PhilosophInnen betrachten Emotionen als Wertwahrnehmungen. Und auch Aspekte des Denkens kann man als Wahrnehmung klassifizieren.
Was nicht existiert, kann man logischerweise nicht wahrnehmen. Ich glaube nicht an die Existenz von Werten als einer besonderen Art von (abstrakten?) Entitäten.
Emotionen sind für mich Körperempfindungen, durch die ich meinen Körper (mich selbst) wahrnehme.

Wenn unter "Wahrnehmen" jegliche Art des Gewahr- oder Bewusstwerdens von etwas (Sache, Tatsache) verstanden wird, dann kann Nachdenken ("Räsonieren") dazu führen.



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Mi 4. Mär 2026, 20:36

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 3. Mär 2026, 21:53
Gemäß meinen Quellen vertritt Chudnoff in seinem Buch Intuition fünf Hauptthesen:

[*]Der Gegenstandsbereich von Intuitionen ist abstrakt.
[*]Intuitionen können unabhängig von Sinneserfahrung auftreten
Als eigenständige Erkenntnisquelle sind Intuitionen unabhängig von Sinneserfahrung, Introspektion und Erinnerung.

Wenn intuitive, apriorische Erkenntnis überhaupt möglich ist, welche Arten von Tatsachen/Wahrheiten sind dann auf diese Weise erkennbar?

1. unnotwendige ("zufällige") synthetische Tatsachen/Wahrheiten?
2. notwendige Tatsachen/Wahrheiten?
2.1 analytische Tatsachen/Wahrheiten?
2.2 synthetische Tatsachen/Wahrheiten?
"Für einige Philosophen muss das, was intuitiv erfasst wird, eine notwendige Wahrheit sein (Bealer 1996, BonJour 1998, Pust 2000, Sosa 2007b), für andere nicht (siehe erneut Lewis 1983, van Inwagen 1997, Kornblith 1998, Weinberg 2007, Sinnott-Armstrong 2008)." [übersetzt von DeepL]

(Cappelen, Herman. Philosophy without Intuitions. Oxford: Oxford University Press, 2012. p. 52)



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Mi 4. Mär 2026, 20:47

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 4. Mär 2026, 09:05
Ein Sinn / eine Sinnesmodalität ist gemäß Markus Gabriel "eine fehleranfällige Kontaktaufnahme mit Gegenständen, die diese über Bewusstseinslücken hinweg wiedererkennen kann." Diese Definition erlaubt es Gabriel, auch Denken als Sinn anzuerkennen. Was ich plausibel finde. Und das sollte dann meines Erachtens auch für unsere Intuitionen gelten, finde ich.
Das ist eine von Gabriels idiosynkratischen Definitionen, mit der ich nicht viel anfangen kann. Wenn ich an etwas denke, dann ist das keine "Kontaktaufnahme"—vor allem dann nicht, wenn der Gegenstand des Denkens nicht existiert.



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Jörn P Budesheim
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Do 5. Mär 2026, 08:55

Consul hat geschrieben :
Mi 4. Mär 2026, 20:47
Das ist eine von Gabriels idiosynkratischen Definitionen, mit der ich nicht viel anfangen kann. Wenn ich an etwas denke, dann ist das keine "Kontaktaufnahme"—vor allem dann nicht, wenn der Gegenstand des Denkens nicht existiert.
Kontaktaufnahmen sind fehleranfällig, heißt es in der Definition. Das ist also kein wirklicher Einwand. Wenn man die Definition an "anerkannte" Sinne hält, dann passt sie sehr gut. Sie trifft also etwas. Bei der Frage, wie viele Sinne wir haben, scheiden sich wie üblich bereits die Geister: Manche Physiker zählen nur bis 3: chemische, mechanische und Licht-Reize. Aristoteles zählt bis 5: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen. Manche Neurowissenschaftler zählen bis 6: Sehen, Hören, Gleichgewicht, Fühlen, Schmecken und Riechen. Bei Google liest man: "Die Gesamtzahl der Sinne hängt davon ab, wie fein man die Definitionen unterteilt, wobei wissenschaftliche Ansätze von 7 bis hin zu über 30 Sinnen reichen."
  • Sehen
  • Hören
  • Riechen
  • Schmecken
  • Fühlen
  • Gleichgewichtssinn
  • Wahrnehmung der Temperatur
  • Schmerzsinn (Nozizeption)
  • Körpersinn (Propriozeption: die Wahrnehmung von Körperbewegung und -lage im Raum)
  • viszerale Sinn - Wahrnehmung der inneren Organe - macht sich zum Beispiel bei Hunger und Durst bemerkbar
  • Sexual Sinn (laut dem Philosophen Reinhard Brandt)
  • Immunsystem

    ...
  • Denken
Die Definition Gabriels passt auf alles, was ich aufgezählt habe, will mir scheinen.



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Jörn P Budesheim
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Do 5. Mär 2026, 09:14

Consul hat geschrieben :
Mi 4. Mär 2026, 20:06
Emotionen sind für mich Körperempfindungen, durch die ich meinen Körper (mich selbst) wahrnehme.
Was wäre dann zum Beispiel Angst? Du begegnest einem Raubtier und hast Angst. Wie analysierst du das?

In meiner vermutlich "extrem idiosynkratischen Sicht" ;-) der Dinge bist du schlicht in Gefahr. In der Angst nimmst du diese Gefahr wahr. Das ist eine Wertwahrnehmung. Menschen sind manchmal in Gefahr; das hat nichts Mysteriöses, finde ich. Werte gibt es, daran kann man eigentlich nicht im Ernst zweifeln. Ohne solche Wertwahrnehmungen wäre es mit unserer Vernunft nicht weit her, wie man heute eigentlich ziemlich sicher weiß.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

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Jörn P Budesheim
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Do 5. Mär 2026, 11:23

Consul hat geschrieben :
Mi 4. Mär 2026, 18:49
(Chudnoff, Elijah. Intuition. New York: Oxford University Press, 2013. p. 14)
Danke für das Zitat. In manchem stimme ich Elijah Chudnoff zu. Allerdings hab ich (wie wir gemeinsam im Dissens herausgearbeitet haben) teilweise andere Vorstellungen davon, was abstrakte Gegenstände sind. „Der Gegenstand der Sinneswahrnehmung umfasst die konkrete Realität und schließt die abstrakte Realität aus.“ Hier bin ich dementsprechend anderer Ansicht.

„Der Gegenstand der Intuition umfasst die abstrakte Realität und könnte auch die konkrete Realität umfassen. Ich neige dazu, die stärkere Aussage zu befürworten: „…“ Ich würde die schwächere Aussage bevorzugen. Sie hat den Vorteil, auch den Alltagsbegriff von Intuition zu umfassen, sowie manche grundlegenden Weltbezüge wie das Cogito.



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Consul
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Do 5. Mär 2026, 16:49

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 5. Mär 2026, 08:55
…Bei Google liest man: "Die Gesamtzahl der Sinne hängt davon ab, wie fein man die Definitionen unterteilt, wobei wissenschaftliche Ansätze von 7 bis hin zu über 30 Sinnen reichen."
  • Denken
Die Definition Gabriels passt auf alles, was ich aufgezählt habe, will mir scheinen.
Egal, wie viele biologische Sinne es gibt, Denken ist jedenfalls keiner davon.



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Do 5. Mär 2026, 17:28

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 5. Mär 2026, 09:14
Was wäre dann zum Beispiel Angst? Du begegnest einem Raubtier und hast Angst. Wie analysierst du das?

In meiner vermutlich "extrem idiosynkratischen Sicht" ;-) der Dinge bist du schlicht in Gefahr. In der Angst nimmst du diese Gefahr wahr. Das ist eine Wertwahrnehmung. Menschen sind manchmal in Gefahr; das hat nichts Mysteriöses, finde ich. Werte gibt es, daran kann man eigentlich nicht im Ernst zweifeln. Ohne solche Wertwahrnehmungen wäre es mit unserer Vernunft nicht weit her, wie man heute eigentlich ziemlich sicher weiß.
Ich sehe ein Raubtier und mein Gehirn bewertet es auf der Grundlage des gespeicherten Wissens darüber als gefährlich, was die Angst auslöst. Die kognitive Bewertung von etwas Wahrgenommenen als gefährlich oder ungefährlich ist keine "Wertwahrnehmung".



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Do 5. Mär 2026, 17:54

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 5. Mär 2026, 11:23
Danke für das Zitat. In manchem stimme ich Elijah Chudnoff zu. Allerdings hab ich (wie wir gemeinsam im Dissens herausgearbeitet haben) teilweise andere Vorstellungen davon, was abstrakte Gegenstände sind. „Der Gegenstand der Sinneswahrnehmung umfasst die konkrete Realität und schließt die abstrakte Realität aus.“ Hier bin ich dementsprechend anderer Ansicht.
Ich tue mich mit seiner Rede von abstrakter Realität schwer, weil mir der Sinn seines Abstraktheitsbegriffs nicht klar erscheint.
"Abstrakte Realität umfasst das Notwendige, Normative, Unendliche und Abstrakte im Sinne von nicht-raumzeitlich und kausal inert. Mathematik, Metaphysik und Moralphilosophie befassen sich damit." [übersetzt von Google]

(Chudnoff, Elijah. Intuition. New York: Oxford University Press, 2013. p. 11)
Das Naturnotwendige, naturgesetzlich Notwendige sowie das physikalisch Unendliche betreffen die konkrete Realität. Nicht alles, was Chudnoff zum Abstrakten zählt, ist im platonistischen Sinne abstrakt.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 5. Mär 2026, 11:23
„Der Gegenstand der Intuition umfasst die abstrakte Realität und könnte auch die konkrete Realität umfassen. Ich neige dazu, die stärkere Aussage zu befürworten: „…“ Ich würde die schwächere Aussage bevorzugen. Sie hat den Vorteil, auch den Alltagsbegriff von Intuition zu umfassen, sowie manche grundlegenden Weltbezüge wie das Cogito.
In den folgenden Beispielen geht es um Intuitionen in ganz konkreten Situationen; aber mit Intuitionen im philosophischen Sinn als apriorischer/nichtempirischer Erkenntnisquelle, als "Werkzeugen der reinen Vernunft" haben jene nichts zu tun, sodass man das alles nicht in einen einheitlichen und stimmigen Intuitionsbegriff hineinpacken kann.
"Wir staunen über die Geschichte des Feuerwehrmanns, der plötzlich den Drang verspürt, aus einem brennenden Haus zu fliehen, kurz bevor es einstürzt, weil der Feuerwehrmann die Gefahr intuitiv erkennt, »ohne zu wissen, woher er es weiß«. Allerdings wissen wir auch nicht, wieso wir sofort wissen, dass eine Person, die wir beim Betreten eines Raumes erblicken, unser Freund Peter ist. Die Moral von Simons Bemerkung lautet, dass das Rätsel des »Wissens, ohne zu wissen« kein charakteristisches Merkmal der Intuition ist; es ist die Norm des mentalen Lebens."

(Kahneman, Daniel. Schnelles Denken, langsames Denken. Übers. v. Thorsten Schmidt. München: Siedler, 2012. S. 293)



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