Gedanken zur Hermeneutik

Drei wichtige philosophische Schulen der Philosophie des 20. Jahrhunderts, welche die Philosophie europäischer und amerikanischer Provenienz mitgeprägt haben
Groot
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Sa 17. Apr 2021, 16:38

Tag zusammen,

da ich aktuell das Buch Wahrheit und Methode von Gadamer lesen, hier mal ein paar Gedanken nach dem Ersten Teil.


Eine Sache treibt mich um. Denn Gadamer setzt das Erlebnis ins Zentrum. Sicher, keine schlechte Sache, denn die Erlebnisse füllen die gedächtnisbegabte Dauer, sowie die einzelnen Gedächtnisse mit Erfahrungswerten, eben erlebten Episoden und Abenteuern an.

Das ist gut und richtig und sicher alles andere als verkehrt. Ich würde nur meinen, dass eine solche Perspektive doch eher der Phänomenologie zuzuordnen wäre, als der sprachanalytisch und semantisch geprägten Hermeneutik. Oder nicht?

Denn die Hermeneutik scheint ja eine "Wissenschaft", die aus einer beobachtenden Perspektive heraus, gute Metaphern finden will (bzw. Allegorie und Symbol unterscheiden), die die Unmittelbarkeit und Substanzlosigkeit des Subjekts erkennen lassen. Sie will sozusagen Personen in ihrer Selbsterkenntnis als Mann oder Frau, als Mensch in Funktion, statt in metaphysischer Abstraktion.

Wäre nicht die "Situation" ein besserer Begriff für die Hermeneutik? Denn die Erlebnisse sind doch viel eher phänomenal. Man erlebt sich nicht in der Metapher des "Darstellens" als Schausteller, nicht in der abstrakten Unterscheidung von Kunst und (physiognomischer) Ästhetik, nicht also in Gebilden, in Machwerken, die die Philosophiegeschichte vor sich her walzen. Wenn man erlebt, erlebt man unmittelbar den Moment, das "Passieren"; etwas, das bei Gadamer in der Metapher des Festes, des andauernden Ereignis beschrieben ist.
Die Hermeneutik aber, die will dieses andauernde Ereignis, diese Sequenzen, diese Momente als abstrakte Situationen erleben (möglichst maximal entfaltet, das Publikum gar mit Einbeziehend), will auch noch in den komplexesten Regionen treffliche Differenzierungen erfassen. Damit erfasst sie aber nicht die Erlebnisse, sondern die Situation, worin sich die Erlebnisse abspielen und den pragmatisch geschulten säkularen Geist. Denn Hermeneutik ist ja eben nicht konkret, nicht unmittelbar und - andere Seite - auch nicht völlig intelligibel, völlig metaphysisch. Damit aber geht es ihr doch eher um eine Bestimmung der gebündelten "Momente", die sich "situationsbezogen" erleben/erfahren lassen; also um die Situation in ihrer begrifflichen Komplexität, statt um die unmittelbar affizierenden Erlebnisse, die eher dem phänomenalen Bewusstsein zuzuschreiben wären.

Erlebnisse wären sozusagen Abenteuer; besonders und einzigartig. Während Sequenzen zu einem Episodenbegriff geformt werden, der allgemein und generell dann auf die entfaltete Situation verweist, in der "der Denker auf einem Möbelstück im Raum (modern) bzw. des Oikos (klassisch) sitzt und das Bild anschaut", also Kunst und Ästhetik differenziert.

Könnte man vielleicht sagen, dass die Hermeneutik hier zugleich expressive Vernunft und phänomenales Bewusstsein sein will, wenn sie sich die Erlebnisse, statt der Situation als eine ihrer Basisbegriffe wählt?
Angenommen man hat ein phänomenales Bewusstsein, eine syntaxanalytische Logik, eine semantische Psychologie und Gesellschaft, eine semiotische Linguistik.
Kann die Kritik Gadamers an einer Art "ästhetischen Ausdruckvermögens", die die Hermeneutik zu leiten scheint, äquivalent einen Strukturalismus substituieren? Denn wenn ich an Hermeneutik denke, denke ich an Psychologismus, nicht an Struktur und Poststrukturalismus. Aber die Kategorie der "(Un-)Tunlichkeit", die Gadamer anspricht lässt m.e. eine Perspektive erwarten, in der selbst die Kunst noch psychologisiert, statt auf die Strukturen selbst zu verweisen. Man könnte hier fragen, weshalb? Ich vermute, weil die Handlung mit Praxis identifiziert wird, statt hier eine kommunikativ-informatische Kontingenz zuzulassen, determiniert die Handlungstheorie und das praktische Verhalten gar noch die Sicht auf die Kunst - und die Sozietät als Ganze. Denn die Episteme vermeint sich in der Allegorie, obwohl sie oft einem Symbolismus anhängt - bzw. die Kunst scheint in der Hermeneutik primär subjektiv, statt auf die Intersubjektivität und die Symbole zu verweisen, die sich als Knotenpunkte in den sozialen Tatbeständen finden und dort bestimmte Kommunikationen reproduzieren.

Ein weiteres Problem erscheint mir darin, dass die Zeitlosigkeit des stetig andauernden Festes, welches den "Moment des Hochgefühls" sequentiert, die Perspektive auf die Stetigkeit des Kontinuums verstellt, zu gunsten einer Perspektive, die die diskreten, differenzierbaren und begrifflichen Anteile der Raumzeit überbetont. Denn das Fest verlangt die Aufmerksamkeit der gesamten Sinnenwelt, des vollen Farbspektrums. Es beinhaltet in sich nämlich zum einen die Sequenzierung. Also die Differenzierbarkeit von Ereignissen. Zum weiteren die Zeitlosigkeit, weil die Festivitäten eine Stimmung erwirken, die eine Art von unzeitlicher Schwerelosigkeit imitieren/simulieren, die den Festivalteilnehmern eine gegenwartsbezogene Unbedarftheit und Unbeschwertheit ermöglichen. Zu einem dritten zeigt sich im Fest eine Ästhetik des aktiven Lebens. Das Subjekt erfährt darin ein Verhältnis zur Kunst, indem es sich der Sinne ermächtigend, dem ästhetischen Urteilsvermögen hintanfolgt; sich allegorisch an die Bühne stellt, die der Mittelpunkt der Festivitäten ist.
Dieses ästhetische Vermögen, welches Gadamer da lehrt, das scheint dann der Tunlichkeit eine Moral zu unterlegen. Es fragt sich, welche Art von Handlungstheorie oder Kommunikationstheorie wohl bei Gadamer denkend sich zur Methode erkoren hatte.

Man könnte vielleicht auch die Frage stellen, in wie weit Abenteuer individuert sind - inweit sich darin die Psychologie, die Literatur, die Tropen und die Dramaturgie aufblättert. Konträr, in wie weit die Episode auf die szientistischen Verallgemeinerungen abzielen, auf Sequenzierung, auf Begriffsbildung. In der Episode passiert "nichts", ist Zeit lose, weil beliebig kombinierbar zu Ereignissen, zu Momenten und deren Entfaltungsmomente, die sich situativ darstellen. Situativ, weil sie "in die Gegenwart hinein" analytisch operieren - und erst in dieser Gegenwart auf die stetige zuhandene Zeit - sowie die Dauer - stoßen.
Man könnte dann fragen, weshab der Fokus der Hermeneutik auf die Historie einhergeht mit einer solch enormen Analyse der Kunst. Dann ließe sich vielleicht fragen, welche Weisen der Ästhetik sich in der Hermeneutik finden - sind es Maximen der instrumentellen oder der expressiven Vernunft?




Groot
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Sa 17. Apr 2021, 16:38

Angenommen wir differenzieren die Lebenswelt, Habermas nachfolgend, in symbolische und materielle Reproduktion. Dann wäre die Hermeneutik ja für die symbolische Seite, was die Phänomenologie für die materielle Seite der Lebenswelt ist, eben das Instrumentarium, um explizit die (moralizistische) symbolische Seite der Lebenswelt anzusprechen. (Analog: Phänomenologie Instrumentarium für die impliziten Mißstände der materiellen Seite der Lebenswelt.)

Die Hermeneutik wäre dann aber nur eine Methode für die symbolische Seite der Lebenswelt, also ein Instrument, mittels welchem die Mythen- und Sagenwelt beschrieben werden kann. Hans Blumenberg wäre dann ja sozusagen die praktische Anwendung der Hermeneutik.

Man könnte ihr die Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte, sowie die diskurspraktisch operierenden Teile der Historie zuordnen. Während die Phänomenologie sich an der Sozietät, am Sprechen, sowie den Sinnen schärft, schärft sich die Hermeneutik dann am einstmals Gedachten und der Schrift.

Ist die Hermeneutik dann das, worin sich Foucaults Archäologie erkennen kann? Ich würde meinen, maximal zu einem Drittel.

Hat die Hermeneutik ein szientistisches oder ein (abendländisch) individuiertes Subjekt zur Grundlage? Ist sie utilitaristisch oder deontisch?

Denn angenommen, dass die Hermeneutik über die Phänomenologie hinausgeht (sozusagen nur Wittgenstein statt analytischer Sprachphilosphie als Kategorie befüllt mit Namen), was wäre dann ihr Subjekt? Denn soziale Systeme, eine Sozietät, kann es nicht sein, das dort "das Lied anstimmt", ein Weltgeist ist darin implizit...aber ein solcher soll ja gerade hermeneutisch überwunden werden, das Nous kann es sein...aber, was problematisch ist, es scheint, als würde hier die Stimme einer Natur sprechen. Nur wie sollte dies geschehen, wo doch Natur beobachtet und erlebt wird, jedenfalls nicht für sich sprechen kann?

Könnte man die Hermeneutik, die ja die symbolische Reproduktion zu begründen scheint, also basisch werden lässt, als eine Gegentheorie zum Marxismus bzw. zur Phänomenologie verstehen? Denn in ihr findet sich ja das sakuläre Individuum, aber gerade nicht säkular in der institutionellen Ordnung und damit einhergehend in Kritik am Kapital, in Kritik der trägen und starren Geistigkeit Europas, sondern durch die Kunst hindurch, welche das Übel der Institutionen amoralisch substituieren kann, indem die Sinnlichkeit bzw. das ästhetische Empfinden zur Grundlage gemacht wird. (das moralische Urteilsvermögen scheint tendentiell ja völlig immanent zu bleiben in der Hermeneutik, zumindest was die Grundlagen betrifft. Das Subjekt der Hermeneutik ist viel organischer, wenn auch nicht wirklich bereits metabiologisch/metadigital, so doch über die Sittlichkeit hinaus, dennoch aber, wie mir scheint, noch (nur) metaphysisch.

Die Hermeneutik wäre dann im strengen Sinne unwissenschaftlich, aber gerade deshalb die Methode für den Szientismus eines Foucaults oder Derridas, die die Fiktionen noch bekämpften, die spätestens mit Markus Gabriel explizierbar werden außerhalb der Sozietät, außerhalb des kapitalorientierten Klassenkampfes (also innerhalb der Amoralität der Logik abendländischer Coleur). Vielleicht ist die Hermeneutik das Gegenstück zu Deleuze, der ja den Schlüssel für die franz. Philosophie aufgeschrieben zu haben scheint.
Angenommen, die Diskurseingänge, welche dann die hermeneutische Methode nutzen (also im Rahmen rationaler Argumente sich dem zwanglosen Zwang des besseren Arguments beugen) sind als Wahrnehmungen zu charakterisieren und die Ausgänge sind bestimmt durch Handlungen. (Wie Brandom dem Diskurs ein Rahmenwerk setzt, innerhalb dem die Dispositionen dann eine deiktische Relevanz haben, da sie propositionale Gehalte stützen oder ablehnen.)

Dann arbeitet die Hermeneutik einmal in diesem Diskurs, ein weiteres mal aber in Sphären, die auch monologisch sind. Sie dekonstruiert quasi das Netz der normalen Sprache, um dieses einmal aus den Sinnesdaten entstehen zu lassen und einmal, um die Laute und Silben der geredeten Worte, sowie deren Kondensate - also Bücher und Texte, Schriften die "gemurmelt" oder gelesen werden, zu analysieren und historisch materialistisch - sowie im Rahmen einer metaphysischen, intelligiblen Kunst bzw. der ästhetischen Unterscheidung - chronologisch anzuordnen.




Groot
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Sa 17. Apr 2021, 16:38

Damit aber läuft die Hermeneutik doch im Endeffekt darauf hinaus, die Sagenwelt und die Kunst als zwei Horte zu wählen, 2 Stelen aufzustellen, die diese beiden Ebenen psychologisch in eine Dichotomie, eine logische Dichotomie überführen. Die Hermeneutik selbst arbeitet dabei nicht wissenschaftlich, nutzt aber historische Methoden, um eine sozusagen "transsubjektive" Perspektive zu gewinnen, mittels der die Philosophie, die Naturwissenschaft und die Geisteswissenschaft gemeinsam denkbar wurden.
Das ist gut und richtig und sicher nicht verkehrt. Aber man sollte wohl nicht verhehlen, dass sich hierdurch ja doch stets eine sehr große Leinwand darlegt. Jeder Moment bzw. jedes Bild, welches den Moment erfasst, ist für sich nahezu unendlich entfaltbar...und das nicht metaphysisch, sondern in jedem Moment, sowohl kann es zum Zeitpunkt t1 passieren oder man abstrahiert eben in Zeitpunkt t2 in die Unendlichkeit der Gegenwart. (Könnte man Hegels Dialektik so denken, dass dessen negative Unendlichkeit eine Unendlichkeit der Präsenz, der Gegenwart als "bloßer" partikulärer Situation ist?)

Wenn aber die Hermeneutik darauf hinausläuft, die Sagenwelt und die Kunst zu konfundieren, um daraus eine Ästhetik zu destillieren, die sich in der "ästhetischen Unterscheidung" selbst erkennt (u.a. wg. Allegorie vs. Symbol), dann frage ich mich, wie sich in einer solch "streng" durchmodellierten Erkenntnistheorie denn noch das szientistische Subjekt erkennen können soll? (Und dann müsste man fragen, wo denn Utopie sein dürfe, sofern dieses Subjekt nicht sein können dürfe oder solle?)
Sicher, darin erkennt sich der freie Mensch als freier Bürger, doch was, wenn eben nur entweder der Mensch oder der Bürger frei ist, nicht aber beides? Oder andes: Es erkennt sich darin keine Sozietät, nicht die Teleologie sich selbst, sondern doch irgendwie nur der freie Mensch, der zuviel Freiheit wollte - oder nicht?

Angenommen man könnte sagen, dass die Hermeneutik die Bedingung der Möglichkeit ist für ein Subjekt wie es den Humanwissenschaften Foucaults angedeiht sein könnte, wieso schafft sie sich dadurch nicht selbst ab? Denn die Kunst selbst ist doch, was der Maßstab des Urteils ist; die Hermeneutik aber scheint so zu operieren, dass sie meint, den Juryrichter der ästhetischen Beurteilung zu analysieren und dessen ästhetisches Empfinden (bspw. im Ekel) als Blaupause in eine echte Erlebnissituation hineinlegen zu müssen. (Adorno sagte da, soweit ich mich erinnere, immer "Probehandeln")

Die Hermeneutik versucht doch quasi eine Blaupause zu entwickeln, die die Richtigkeit der Selbstbeurteilung, der Reflexion und Flexion ins System einbinden will. Darum steht ja auch das Spiel im Zentrum, worin sich ein "etwas" darstellt, sich in die Präsenz hebt und dem Publikum entweder profanes oder symbolisches präsentiert, indem es Repräsentiert.
Eine Frage, die mich hier wahrlich umtreibt, ist die, was denn dieses sogenannte Urbild sei. Denn es gibt eine Stelle da setzt - gaaaanz tiefenhermeneutisch - der gute Gadamer das Urbild an die Stelle, wo doch eigtl. die Gegenwart zu erkennen sein könnte. Und dann frag ich mich, ob in Gadamer da der mathematische Automat oder aber die Person Gadamer spricht...den so wirklich kann ich mir so ein Urbild nicht einbläuen; würde hier also leise Zweifel ob der Konsistenz anmelden und meinen, dass Gadamer nicht stringent Bild und Urbild zu differenzieren vermag. (Wiewohl man es ihm durchaus zutrauen könnte, täte er in der heutigen Zeit, so mit Internet und so, leben.) Das ist auch garnicht schlimm, denn er ermöglicht ja explizit eine Perspektive auf die symbolische Seite der Lebenswelt - und mehr will er ja garnicht zu erreichen trachten.
Wieso sollte man Gebilde und Machwerk unterscheiden brauchen, wenn es dann doch ein Urbild geben soll? Denn Gebilde und Machwerk gehen ja vom Kunstwerk aus auf Expedition - und finden dabei ja nicht Gott, nicht ein erstes Urbild, sondern ihre eigene Arbeit und eben die ästhetische Unterscheidung, die Bild und Anschauung sowie Virtualität und Imagination unterscheidet. Das Problem scheint mir, dass der Bildbegriff bei Gadamer mindestens zwei Deutungsebenen aufweist. Einmal die des Festes und der Leinwand, des Bühnenspiels; ein zweites mal die der "imaginären Vorstellung", die starke Auswirkungen darauf hat, wie das ästhetische Empfinden funktioniert. Denn dieses ist ja gerade auf die imaginäre Vorstellung gerichtet, deren Wirken sie als gewichtig einzuordnen ersucht.

Aber die Frage scheint mir, welche der zwei dialektischen Erkenntniswegen (Hermenutik oder Phänomenologie) besser mit der Postmoderne zu denken ist - und da muss die Hermeneutik leider hinten an bleiben. Denn nicht dass sie falsch wäre ist ihr Problem, sondern dass sie sich dem szientistischen Subjekt der franz. Philosophie unterordnen muss, derer sie immanent zu sein scheint. (Das kann man, mit ganz wenig Utiltarismus und viel Moralphilosophie aber natürlich auch anders sehen und den "preußischen Bildungsbürger", der der Hermeneutik wohl Modell stand, dann als gewichtiger einschätzen, vor einem szientistischen Positivismus)
Die Hermeneutik versucht doch quasi eine Blaupause zu entwickeln, die die Richtigkeit der Selbstbeurteilung, der Reflexion und Flexion ins System einbinden will. Darum steht ja auch das Spiel im Zentrum, worin sich ein "etwas" darstellt, sich in die Präsenz hebt und dem Publikum entweder profanes oder symbolisches präsentiert, indem es Repräsentiert.
[/quote]muss es tatsächlich immer so kompliziert sein die Fremdpsyche gewiss zu erkennen? Ich denke nicht. Denn das Publikum kann durchaus auch anders in Erscheinung treten, als über die große Bühne. Denn so eine Bühne hat ja auch was sehr uniformes, da könnt man ja auch annehmen, dass diese Uniformität der Intersubjektivität bzw. der Phänomenologie/des organischen Sensualismus bereits früher auf Fremdpsyche stößt, die auch dann noch gewiss ist, wenn es den Gotte der Christenheit (Allmacht, Allgutheit, Allwissenheit) gäbe.

Denn im Spiel wird sich ja die Universalität mit sich identisch, gerade weil hier das individuierende Subjekt - der Skeptiker - auf die Intersubjektivität stößt; auf ein Netz, welches einem Feld aufliegt, das in keiner Weise mehr kausal ist bzw. es (abzählbar) unendlich viele Spielkausalitäten geben müsste. [etwas, das, das Spiel betrachtend, keinen Sinn ergeben kann. Man höbe sonst logische Kategorien ins irrationale Spiel]

Ist es nicht absurd, dass sich das abendländische Subjekt erst in dieser künstlich erzeugten Freiheit von der Überzeugung befreien kann, das einzige Subjekt zu sein? (Also zumindest ein sehr beharrlich skeptisches Subjekt) Sozusagen erst mit der Einsicht in die freien Künste, erst mit der Einsicht in die damit einhergehende Überwindung eines Historismus, die Intersubjektivität ins Zentrum rückt. Wobei dieses Zentrum nur kurz durch die Intersubjektivität besetzt wird, da die Kunst sich dann ja - im Behauptungswillen gegen die Naturwissenschaft und die Physik - in "universale" Höhen aufschwingen will. {Fraglich, ob das ohne Theologie - bzw. ohne tradierten Theos - möglich sein könnte}

Könnte man vielleicht sagen, dass sich die Hermeneutik nur in der Lebenswelt und dem sozietären Teil des "Systems" des Sozialwesens erfindet? Denn die Hermeneutik verlegt alles, was intelligibel ist, die gesamte Phänomenologie der Erkenntnistheorie ins Innere - stellt sich also als Methode für die "klassische" Ontologie dar, sofern der sakuläre Mensch sich säkular sozialisiert weiß. Eine Ontologie, deren Akzeptzanz darauf zu beruhen scheint, dass in ihr sich (alles mögliche) ja ganz fantastisch zum Diskurs umformen lässt, dass die Sprache sich ja reiflich gut als Geistmetapher dargenügt...und gerade deshalb dem Individuationsbestrebungen der abendländischen Philosophie und ihrer säkularen Aufklärungsbemühungen hingereicht. Aber wenn sich die Hermeneutik nur in der Sozietät erkennt und wiedererkennt, dann fragt sich, worin diese Sozietät ist. (Abgesehen natürlich neben der psychologisch-organischen Ebene) Es erscheint mir problematisch, dass hier der "Wiener Kreis" kein bisschen kritisch beäugt zu werden scheint; aber ohne logischen Positivismus wird man ja wohl vermutlich auch schwerlich der Hermeneutiks geübter Überbringer ihrer Botschaft. Das Problem mag mir darin liegen, dass der Zugriff auf die Natur noch zu sehr von der Faszination der Genetik und der relativistischen Physik geblendet ist - darum ja der enorme Fokus auf Kunst und die pendantische Analyse der dialektischen Bewegung der Künste (der Ethopoiesis psychischer und der Autopoiesis sozialer oder organischer Systeme) welche sich dann in der erneuten Differenzierung, in der ästhetischen Unterscheidung kulminiert und womit eine Zersprengung des Kunstmonolithes einhergeht. Es kann offen bleiben, ob dies gut oder schlecht ist...m.e. ist in der Hermeneutik zuviel Theologie. {Wieso sonst sollte man die Kunst der schizophrenen differenzierung überlassen, wenn nicht, um einem Gottesbegriff einen letzten Ort seiner Entfaltung zu ermöglichen?}

Anders gesagt: Statt der ästhetischen Unterscheidung, die auch alles, was der Fall ist, empirisch macht, könnte man alles empirisch machen, indem man Ethologie setzt und dorthintan dann Mensch und Tier eine identische Grenze ermöglicht, ohne sie ineinander verschwimmen zu lassen...denn gegen das Verschwimmende Bild hilft dann ja Phänomenologie (oder die theologisch angehauchte Hermeneutik). [Oder eben die "Hohlgeburt" der Religion: die formale Logik und ihr fratzenhafter und fieser Begleiter, die Naturwissenschaften]




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Jörn Budesheim
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Groot hat geschrieben :
Sa 17. Apr 2021, 16:38
Denn wenn ich an Hermeneutik denke, denke ich an Psychologismus, nicht an Struktur und Poststrukturalismus.
Nun, das sind lange, sicherlich sehr spannende Texte, die du gepostet hast. Vielen Dank dafür! Auch wenn ich nicht wirklich viel davon verstehen kann. Leider kenne ich "Wahrheit und Methode" nicht und bin auch sonst nicht in Gadamer bewandert. Deswegen kann ich dazu im Grunde nichts zu sagen.

Allerdings habe ich eine ganz gute Sammlungen von Junius Büchern zu diversen Philosophen. Immerhin :) an der zitierten Stelle bin ich hängen geblieben, weil ich mich gewundert habe, wieso du bei Hermeneutik Psychologismus denkst.

In dem erwähnten Junius Buch schreibt der Autor darüber so: "Da Gadamer die »seelische Verfassung des Autors« bzw. Sprechers mit der »Subjektivität des Meinens« identifiziert, muß er das deutende Verstehen ohne Rekurs auf die Autorintentionen aufklären. Denn er hält den »Rückgang auf die Subjektivität des anderen« für einen Rückfall in den Psychologismus."

Vielleicht kannst du ein paar Zeilen dazu sagen.


[Etwas off-topic: wenn ich an Hermeneutik und Gadamer denke, dann denke ich an Donald Davidson, mit dem ich mich mal eine Zeit lang beschäftigt habe. Zwischen Davidson und Gardamer soll es, wie man liest, einige Überschneidungen zu geben, z.b. sollen die beiden Begriffe "principle of charity" und "Vorgriff auf Vollkommenheit" durchaus ähnliches meinen. Von daher würde ich nicht an Psychologismus denken, das am wenigsten, sondern an die Frage, "wie ist Verstehen möglich?"]



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Groot
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So 18. Apr 2021, 05:15

Kann die Kritik Gadamers an einer Art "ästhetischen Ausdruckvermögens", die die Hermeneutik zu leiten scheint, äquivalent einen Strukturalismus substituieren? Denn wenn ich an Hermeneutik denke, denke ich an Psychologismus, nicht an Struktur und Poststrukturalismus.


Eher ist es so, als gäbe es schlicht garkeine Psychologie. Denn die subjektive Perspektive, die der Sinnlichkeit anhängt, soll ja gerade transzendiert werden in die "Offenheit" der chaotischen Pinselstriche der Kunst, also das intersubjektive Übereinkommen über ästhetisch aufgeladene Idealismen (die Kulturrelativität) bzw. mittels der Hermeneutik soll in eine solche Perspektive manövriert werden, dass sich die "klassische Mentalität" über sich selbst hinaus - sowohl rational, als auch irrational - "ersehen" kann. Die Mentaltität nutzt also Hermeneutik, um sich mittels dieser über die Subjektivität hinaus, empor zu arbeiten zu einer "gesicherten" intersubjektivierbaren Perspektive, deren Gewissheit unbezweifelbar scheint. {Unbezweifelbar aber nur, weil die Phänomenologie wahres sagt...bis zu einem gewissen Punkt "der Erkenntnis" "nachspürend", um dann in hermeneutisches Denken überzugehen. [Die Krux ist, dass Hermeneutik nur als eine Methode arbeitet, die einzig immanent oder implizit ist bzw. nur dann sinnvoll oder "a-theologisch" erscheint.]}

Man ermittelt mittels der hermeneutischen Methode ja eine Art Regelwerk, welches sowohl der Juristerei, der Ökonomie, der "authentischen Explikation", als auch der Erkenntnistheorie unterlegt sein kann. Denn der Fokus der Hermeneutik scheint, wie ich es sehe, darauf zu liegen, dass man die Historie darauf bezieht, dass die (physiognomische) Ästhetik sich durch alle Epochen hindurch nicht verändert. Das "Selbst" also stetig dieselbe Lebendigkeit erreicht, seit der Mensch in den Geist sich hineinzutauchen gewagt hat.


So ließe sich Geist als eine Entität denken, die, wenn auch abstrus oder paradox, durchaus nicht völligst ohne Berechtigung am Himmelsfirmament "ihr Unwesen treibt"...etwas, das Heidegger gerne dem "anwesen" (also dem wesenden Wesen) überlässt, also solcherlei Entitäten...um die Struktur der Historie explizit zu machen bzw. das Dasein in eben jener Historie explizit zur Ursache eines jeden Menschen der Gegenwart zu mache; gerade, weil er, also Heidegger, die Hermeneutik des Subjekts, in der Unterscheidung von So-sein und Mit-sein mitdenkt. Gadamer redet dort immer von zwei Worten, die mir gerade nicht einfallen...aber bei Interesse wieder gefunden werden können und über die Kategorie des "Dasein" hinaus weisen. Verweisend sind, auf die "Unmittelbarkeit" und "Substanzlosigkeit" des Subjekts, das sich als Dasein der Struktur psychologisch entreißen kann - also Formen als Struktur und Historie als Struktur bestimmen kann und dann in den "ästhetischen Kosmos" hinauf sich geleitet und zum schweben bringt.




Groot
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So 18. Apr 2021, 05:17

vielen dank it's not me, für diese Gedanken, die den letzten Post angereichert haben.




Groot
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So 18. Apr 2021, 05:22

Allerdings habe ich eine ganz gute Sammlungen von Junius Büchern zu diversen Philosophen. Immerhin :) an der zitierten Stelle bin ich hängen geblieben, weil ich mich gewundert habe, wieso du bei Hermeneutik Psychologismus denkst.

In dem erwähnten Junius Buch schreibt der Autor darüber so: "Da Gadamer die »seelische Verfassung des Autors« bzw. Sprechers mit der »Subjektivität des Meinens« identifiziert, muß er das deutende Verstehen ohne Rekurs auf die Autorintentionen aufklären. Denn er hält den »Rückgang auf die Subjektivität des anderen« für einen Rückfall in den Psychologismus."

Vielleicht kannst du ein paar Zeilen dazu sagen.
Aber wie transzendiert er denn die Subjektivität des Meinens? Ich bin der Meinung, dass die Kunst dies nur bedingt schafft. Aber der erste Teil ist nichts als Ästhetik. Erst im zweiten Teil bringt er weitere Punkte, bspw. Kritik des Historismus und einer "romantischen Hermeneutik".

Ja, ich sehe nun auch, dass es nicht Subjektivistisch - also ein Psychologismus - ist. Aber ich bleibe dabei, dass seine - dem Kunstschönen zugeneigte - Perspektive eine ist, die eine sehr individuierte, sehr ans Subjekt gebundene Perspektive bleibt, die nicht viel mehr sagt als "Schau dort, dort ist Struktur"...aber diese nichtmal im Ansatz näher erläutert, sondern stattdessen sich darin ergießt und daran ergötzt, als Individuum der Kunst zu fröhnen, also die Welt nicht ökonomisch, sondern ästhetisch zu sehen.




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Vermutlich nutzen wir einige Ausdrücke verschieden. Unter Psychologismus verstehe ich pi mal Daumen folgendes: ein Bereich (z.b.: Logik, Ästhetik, Ethik...), von dem ursprünglich vermutet wurde, dass er einen Eigenwert besitzt, also dass er ein Bereich eigenen Rechts ist, lässt sich gemäß dem Psychologismus in Wahrheit restlos mit den Mitteln der empirisch verfahrenden Psychologie aufdröseln.

Und Subjektivismus am Beispiel Ästhetik: „Alle rein wertenden ästhetischen Aussagen lassen sich in solche über subjektive Präferenzen übersetzen. Der Subjektivismus ist also eine naturalistische Position." (Franz von Kutschera)



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Groot hat geschrieben :
So 18. Apr 2021, 05:15
Denn die subjektive Perspektive, die der Sinnlichkeit anhängt, soll ja gerade transzendiert werden ...
Udo Tietz über Gadamee hat geschrieben : Ohne die vorgreifende Unterstellung einer »vollkommenen Einheit von Sinn« gibt es für Gadamer nicht nur kein hermeneutisches, sondern auch kein ästhetisches Verstehen, womit Gadamer die Grundthese seiner philosophischen Hermeneutik auch im ästhetischen Bereich bestätigt sieht. Nach Gadamer ist das Verhältnis des Kunstwerks zum Rezipienten ein dialogisches: »Das Kunstwerk hat […] sein eigentliches Dasein darin, daß es zur Erfahrung wird, die den Erfahrenden verwandelt. Das ›Subjekt‹ der Erfahrung der Kunst, das was bleibt und beharrt, ist nicht die Subjektivität dessen, der sie erfährt, sondern das Kunstwerk selbst.« (WM 108)
Dein Ausdruck "subjektive Perspektive, die der Sinnlichkeit anhängt", ist für mich so ein wenig wie ein hölzernes Eisen und relativ schwer nachvollziehbar. Ist das ein Ausdruck von Hans-Georg Gadamer oder nutzt du das?



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transfinitum
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So 18. Apr 2021, 11:45

Groot hat geschrieben :
Sa 17. Apr 2021, 16:38

Eine Sache treibt mich um. Denn Gadamer setzt das Erlebnis ins Zentrum. Sicher, keine schlechte Sache, denn die Erlebnisse füllen die gedächtnisbegabte Dauer, sowie die einzelnen Gedächtnisse mit Erfahrungswerten, eben erlebten Episoden und Abenteuern an.

Das ist gut und richtig und sicher alles andere als verkehrt. Ich würde nur meinen, dass eine solche Perspektive doch eher der Phänomenologie zuzuordnen wäre, als der sprachanalytisch und semantisch geprägten Hermeneutik. Oder nicht?
Ich würde hier meinen: weder noch. Gadamer versucht mittels des Erlebnisses „Bild und Wort“ in einem hermeneutischen „Prozess“ einzubinden, um das darunterliegende Sein offenzulegen. Somit werden hermeneutische Herangehensweise im Sinne von Auseinandersetzung oder Interpretationen mit einem Gegenstand auf sprachlicher, textueller Basis und phänomenale Aspekte bei der Beobachtung kombiniert.
Der Gedanke, der dahintersteht, bezieht sich darauf, dass sich das Sein in der Sprache äußert und mittels des Verstehens in der Art eines Bildes reflektiert.
Wobei mir hier noch eine Sache aufgefallen ist, die mich stutzig gemacht hat: bei der anvisierten Offenlegung des Seins, bleibt es nach Gadamer offen oder wird betont, dass das Sein der Dialektik des Bildes und das der Sprache nicht miteinander übereinstimmen. Denn hier ist eine Art Vermittlerposition des Bildes zu erkennen, welches versucht, Sprache und Sein „spekulativ“ zu verbinden, was aber der ursprünglichen Intention "Gleichschaltung Bild-Wort" widerspricht.
Groot hat geschrieben :
Sa 17. Apr 2021, 16:38

Wäre nicht die "Situation" ein besserer Begriff für die Hermeneutik?
Wie weiter im Text auch von dir beschrieben, ist eine „Situation“, eine Begebenheit, die sich in einem Moment vollzieht. Für die Hermeneutik würde ich dies nicht so sehen, denn dabei handelt es sich m.E. um ein „Gespräch“ mit einem Text, der sich auf eine längere Dauer erstrecken kann. Die Auseinandersetzung erfolgt reflexiv und in mehreren sich wiederholenden Zyklen und dabei wird jedes Mal (im Idealfall) das Textverständnis aus einer anderen Perspektive gewonnen und dahingehend in mehrere Ebenen vertieft wahrgenommen. Durch das „Schweigen“ des Textes wird der persönliche Raum geschaffen, seine Gedanken frei zu entwickeln und die persönliche Erwartungshaltung zu definieren und in weiteren Auseinandersetzungen mit dem Text eventuell zu wandeln.
Groot hat geschrieben :
Sa 17. Apr 2021, 16:38

Eine Frage, die mich hier wahrlich umtreibt, ist die, was denn dieses sogenannte Urbild sei. Denn es gibt eine Stelle da setzt - gaaaanz tiefenhermeneutisch - der gute Gadamer das Urbild an die Stelle, wo doch eigtl. die Gegenwart zu erkennen sein könnte. Und dann frag ich mich, ob in Gadamer da der mathematische Automat oder aber die Person Gadamer spricht...den so wirklich kann ich mir so ein Urbild nicht einbläuen; würde hier also leise Zweifel ob der Konsistenz anmelden und meinen, dass Gadamer nicht stringent Bild und Urbild zu differenzieren vermag.
Nun, ich kenne die „offizielle“ Differenzierung zwischen Urbild und Bild nicht, wie sie Gadamer abhandelt.
Das, was ich vor einiger Zeit zu seinem Bildverständnis las, bezog sich auf den Wert des Urbildes und die Aufgabe des Abbildes.

Demnach steckt in einem Bild etwas Lebendiges und etwas Prozesshaftes und etwas, was in ihm eigenständig fortbesteht. Es besitzt quasi seine eigene Realität und geht über die reine Abbildungsfähigkeit/Darstellung der Realität hinaus. Das Bild besitzt ein eigenes „Wesen“ und dieses wird als Urbild bezeichnet (kann man unter Umständen sogar in Gadamers Sinn mit logos vergleichen). Dieses Urbild wird beim Betrachter auf seine Art erfahren und ist stetig wandelbar.

Nun würde ich hier aber von jeder mathematischen Betrachtung Abstand nehmen, da ein mathematisches Urbild eine konkrete Menge darstellt, die unter einer Funktionsvorschrift abgebildet wird. Hier gibt es keinen Raum für Spekulationen oder individuellen Interpretationen, die das Wesen des Bildes ausmachen.
Ein reines Abbild hingegen hat zur Aufgabe einen Gegenstand abzubilden und auf das Urbild zu „verweisen“, in ihm gibt es kein eigenes Wesen, sondern es ist als Symbol zu verstehen (wäre zum Beispiel ein Richtungspfeil oder ein Passfoto).



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Groot
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So 18. Apr 2021, 16:27

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 18. Apr 2021, 08:22
Vermutlich nutzen wir einige Ausdrücke verschieden. Unter Psychologismus verstehe ich pi mal Daumen folgendes: ein Bereich (z.b.: Logik, Ästhetik, Ethik...), von dem ursprünglich vermutet wurde, dass er einen Eigenwert besitzt, also dass er ein Bereich eigenen Rechts ist, lässt sich gemäß dem Psychologismus in Wahrheit restlos mit den Mitteln der empirisch verfahrenden Psychologie aufdröseln.

Und Subjektivismus am Beispiel Ästhetik: „Alle rein wertenden ästhetischen Aussagen lassen sich in solche über subjektive Präferenzen übersetzen. Der Subjektivismus ist also eine naturalistische Position." (Franz von Kutschera)
Ja, das würd ich ähnlich sehen.


Ich unterscheide in

Subjektivismus, (verschriftbartes) Subjekt, Intersubjektivität, Objektivität und Transsubjektivität.

Gadamer versucht nun, die Logik eines Wiener Kreises bzw. die sprachlichen Konsequenzen (bspw. dass Allegorie und Symbol nicht in eines fallen, dass die theoretischen Begrifflichkeiten auf Praxisbegriffe und Handeln abzielen statt auf Abstraktion) daraus, zu einen, mit einer Perspektive, in der die soziale Welt auf ihre Freiheiten im Gebiet der Kunst reduziert wird. Die Juristerei, wie auch die Ökonomie interessiert Gadamer garnicht; denn er setzt ja eine Perspektive die die Kunst bzw. das ästhetische Empfinden auserkoren hat als letzter Hort, der nicht der Wissenschaftlichkeit unterliegt - also als Hort gegen die Wissenschaft selbst.
Dein Ausdruck "subjektive Perspektive, die der Sinnlichkeit anhängt", ist für mich so ein wenig wie ein hölzernes Eisen und relativ schwer nachvollziehbar. Ist das ein Ausdruck von Hans-Georg Gadamer oder nutzt du das?
Das ist von mir. Gadamer würde die ästhetische Unterscheidung, sowie das ästhetische Bewusstsein in Anschlag bringen, um zu sagen, was ich meine. Denn er vermeint sich noch ontologisch, obwohl seine Hermeneutik primär auf die symbolischen Anteile der Lebenswelt abzielt, statt auf die materiellen. (Wiewohl die materiellen Teile seiner Theorie natürlich - als Praxis als Hort der Wirklichkeit - immanent sind und implizit mitgedacht werden müssen, obwohl sie stets implizit bleiben)

Wieso das? Also, wieso "hölzernes Eisen"?

Das Subjekt bzw. die individuierte Perspektive hängt doch der Wahrnehmung an. Wird also durch diese geleitet und das Denken, welches subjektiv sich organisch weiß, ist ja geradezu diese Sinnlichkeit. Eine Komposition aus Sinnen, die synästhetisch miteinander gedeihen und dabei das Denken und eben die Erfahrung und Abstraktion erzeugt.

Das Subjekt ist ja sinnlich. Wie sollte sie sonst sein? Als transzendentales Subjekt? Das ist aber im strengen Sinne kein individuiertes Subjekt, sondern ein Regelwerk für Normen und Nomologisches Verhalten eines Einzelnen in einem solch transzendentalen Gegenstand, bspw. der spezifischen Gesellschaft, durch die er oder sie sozialisiert wurde.




Groot
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So 18. Apr 2021, 16:41

Ich würde hier meinen: weder noch. Gadamer versucht mittels des Erlebnisses „Bild und Wort“ in einem hermeneutischen „Prozess“ einzubinden, um das darunterliegende Sein offenzulegen. Somit werden hermeneutische Herangehensweise im Sinne von Auseinandersetzung oder Interpretationen mit einem Gegenstand auf sprachlicher, textueller Basis und phänomenale Aspekte bei der Beobachtung kombiniert.
Der Gedanke, der dahintersteht, bezieht sich darauf, dass sich das Sein in der Sprache äußert und mittels des Verstehens in der Art eines Bildes reflektiert.
Wobei mir hier noch eine Sache aufgefallen ist, die mich stutzig gemacht hat: bei der anvisierten Offenlegung des Seins, bleibt es nach Gadamer offen oder wird betont, dass das Sein der Dialektik des Bildes und das der Sprache nicht miteinander übereinstimmen. Denn hier ist eine Art Vermittlerposition des Bildes zu erkennen, welches versucht, Sprache und Sein „spekulativ“ zu verbinden, was aber der ursprünglichen Intention "Gleichschaltung Bild-Wort" widerspricht.
Ja, es wird schon kombiniert. Aber sofern kombiniert wird, kann die Hermeneutik nicht mehr reine Methode sein für die symbolische Seite der Lebenswelt. Weil sie dann sich als Theorie anbietet, die ontologisch wirksam sein wöllte - also transzendental und intelligibel, statt phänomenal und sach- bzw. datenorientiert (bspw. den Sachen der Kunst, Sinnesdaten)

Sollte dem so sein, dann wäre das ja vernünftig. Weil die Kunsttheorie ist entweder die des Kunstwerks oder die des Künstlers, bzw. eines von beiden ist in einem echten Moment am Bild relevanter. Also entweder die Umwelt auf der Leinwand dargeboten, und die Farben die dem, was die Leinwand darbietet, Konturen geben und Differenzierungen ermöglichen. Oder aber der Künstler und dann der Mensch als Individuum oder als Gattungswesen - oder gar als kumulierte Summe in Zivilisation.




Groot
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So 18. Apr 2021, 16:49

Wie weiter im Text auch von dir beschrieben, ist eine „Situation“, eine Begebenheit, die sich in einem Moment vollzieht. Für die Hermeneutik würde ich dies nicht so sehen, denn dabei handelt es sich m.E. um ein „Gespräch“ mit einem Text, der sich auf eine längere Dauer erstrecken kann. Die Auseinandersetzung erfolgt reflexiv und in mehreren sich wiederholenden Zyklen und dabei wird jedes Mal (im Idealfall) das Textverständnis aus einer anderen Perspektive gewonnen und dahingehend in mehrere Ebenen vertieft wahrgenommen. Durch das „Schweigen“ des Textes wird der persönliche Raum geschaffen, seine Gedanken frei zu entwickeln und die persönliche Erwartungshaltung zu definieren und in weiteren Auseinandersetzungen mit dem Text eventuell zu wandeln.
Ja, ein solches Gespräch führt zur Einsicht in die Historizität, den Telos, der sich im Gemeinwesen rumtreibt. Aber die Hermeneutik will ja nicht nur Diskursanalyse sein, sondern auch, wie du ja sagtest, Bild und Wort einen;und dabei gar die Praxis nicht völlig noch vergessen.

Die Hermeneutik wirkt sozusagen in der strukturierten Situation. Sie analysiert nicht das Erlebnis, welches sich losgelöst von der Struktur einfach ereignet und erlebt wird, sondern sie will diese Erfahrungen stets in vollster kognitiver Entfaltetheit darlegen. Dadurch aber erfasst sie m.e. die intersubjektive Mannigfaltigkeit der Situation eines Einzelnen, also nicht die Einzelerlebnisse von jeden, sondern viel eher die Tatsache, dass alle möglichen Situationen auftreten können, in denen potentiel x y z und a erlebt werden können. Und dann verweist sie in etwa folgend: "Schau dort, dort ist Historie; dort wurd viel bereits erlebt...und dies Erlebte, zumeist wars sinnlich oder sprachlich, selten nur intelligibel bzw. transzendental."
Das Bild besitzt ein eigenes „Wesen“ und dieses wird als Urbild bezeichnet (kann man unter Umständen sogar in Gadamers Sinn mit logos vergleichen). Dieses Urbild wird beim Betrachter auf seine Art erfahren und ist stetig wandelbar.

Nun würde ich hier aber von jeder mathematischen Betrachtung Abstand nehmen, da ein mathematisches Urbild eine konkrete Menge darstellt, die unter einer Funktionsvorschrift abgebildet wird. Hier gibt es keinen Raum für Spekulationen oder individuellen Interpretationen, die das Wesen des Bildes ausmachen.
Ein reines Abbild hingegen hat zur Aufgabe einen Gegenstand abzubilden und auf das Urbild zu „verweisen“, in ihm gibt es kein eigenes Wesen, sondern es ist als Symbol zu verstehen (wäre zum Beispiel ein Richtungspfeil oder ein Passfoto).
Ja, aber das, was dann Urbild hieße, wäre im strengen Sinne nicht mehr ein Bild, sondern etwas dynamisches oder etwas echtes einer Gegenwart (echt im Sinne von materiell, stofflich).

Ja, naja doch schon...man könnte bspw. sagen, dass dem Urbild nicht hinreichende Komplexität zum Grunde liegt oder aber sagen, dass das Urbild vielleicht eher als erstes Bild oder als Simultanbild verstehbar wäre.




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Eine "subjektive Perspektive", das ist für mich ein hölzernes Eisen. Eine Perspektive ist etwas objektives, eine reale Relation wenn man so will. Aber das führt womöglich vom Thema weg. Mich würde eher interessieren, noch einiges von Gadamer aus deiner Warte zuhören.



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Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 18. Apr 2021, 17:24
Eine "subjektive Perspektive", das ist für mich ein hölzernes Eisen. Eine Perspektive ist etwas objektives, eine reale Relation wenn man so will. Aber das führt womöglich vom Thema weg. Mich würde eher interessieren, noch einiges von Gadamer aus deiner Warte zuhören.
achso, ja. Die Perspektive ist objektiv vorhanden. Aber als solch objektiv vorhandene wird sie doch vom Subjekt aus ins Spiel gebracht, oder nicht? Anders als bspw. Atome oder Verfassungen, die entweder von der Natur oder der Zivilisation ins Spiel gebracht werden.




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Ich befürchte, das bringt uns in die falsche Richtung, wenn wir das jetzt diskutieren :) wir nehmen Perspektiven ein, wir ergreifen sie: “We are not producers of presence but samplers of presence.” (Mark Johnston)



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So 18. Apr 2021, 18:05

Die Philosophie will m.e. schon noch die Präsenz erreichen. Aber ja, wir Menschen erleben natürlich das Gegenwärtige, wir bringen nur geringe Teile davon selbst hervor.

Meine Themen können gerne weit gefasst sein. Ich finde es unpraktisch und es wir dem Einen nicht gerecht, wenn man so sehr themengebunden bleiben will in einem Faden.




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Groot hat geschrieben :
Sa 17. Apr 2021, 16:38
Die Hermeneutik wäre dann aber nur eine Methode für die symbolische Seite der Lebenswelt, also ein Instrument, mittels welchem die Mythen- und Sagenwelt beschrieben werden kann.
Wieso nur Mythen- und Sagenwelt? Wenn man fragt, wie "Verstehen" möglich ist, dann geht es doch auch um das alltägliche Verstehen in jedem Gespräch, oder? Hermeneutischer Zirkel und Vorgriff auf Vollkommenheit sind doch z.b. auch hier in diesem Faden nötig, oder?



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So 18. Apr 2021, 23:18

Wieso nur Mythen- und Sagenwelt? Wenn man fragt, wie "Verstehen" möglich ist, dann geht es doch auch um das alltägliche Verstehen in jedem Gespräch, oder? Hermeneutischer Zirkel und Vorgriff auf Vollkommenheit sind doch z.b. auch hier in diesem Faden nötig, oder?
Mit den Mythen und den Sagen natürlich auch die Historie, die darauf aufbaut. Die Romantik, wie die Moderne mit ihrem Kapital - die Sozietät als Ganze sozusagen.

Sicher sind diese Begriffe bzw. deren Inhalt stets relevant. Aber die Hermeneutik selbst hat primär den erkenntnistheoretischen Gewinn deskriptiv auf die Mythen und Sagenwelt, sowie die sozialen Systeme zugreifen zu können. Ihr Fokus auf so abstrakte Konzepte wie Worte bzw. die Sprache, sowie das Bild und damit einhergehend die Ästhetik, wie die Kaligraphie, führt dazu, dass die Hermeneutik m.e. nur dann Wirkmächtigkeit beanspruchen kann, sobald wir uns in Gefilden der Kunst bzw. der Sagenwelt und der Legenden befinden.




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Mo 19. Apr 2021, 16:09

Kurzer Exkurs zum Begriff des Spieles

Das Spiel ist doch eine Sache, die dem Subjekt bzw. dem Selbst, der Individualität, dem Eigennamen einen Platz einräumt. Etwas, worin keinerlei Regelwerk normativ aktualisiert wird; jedes Spiel lässt seine Regelhaftigkeit erst in der Wiederholung des spezifischen Spieles erkennen.

Ein Spiel wird nicht bestimmt. Es ist nicht "ein bestimmtes Spiel", sondern "ein spezifisches Spiel". Denn Bestimmt werden Regeln. Regeln aber sind es, die sich im spezifischen Eigennamen darstellen, der als Spielteilnehmer stets nicht nur im Spiele steht, sondern an den Ernst des Lebens gebunden bleibt.

Das Spiel ist ein klein bisschen anders als die Kunst bzw. das Kunstwerk. Denn dem Spiel kommt eine strategische Komponente zu, die dem Kunstwerk abhanden gekommen ist, seitdem die Aufklärung die christliche Ordnung unwiederruflich genichtet hat bzw. seit dem Ende der Scholastik.

Das Kunstwerk folgt zwar auch Regeln. Diese liegen jedoch nicht in ihm selbst; anders beim Spiel, bei dem die Regeln am Gegenstand selbst haften. Das Spiel legt die Regeln sozusagen in die Truhe und bewahrt die Truhe in sich auf, während das Kunstwerk eher ein Gegenstand aus der Truhe wäre. Das Kunstwerk beinhaltet sozusagen mehr Idee einer Person, also des Künstlers, als das autark auftretende Spiel, das die Regeln in sich selbst birgt. Damit nicht als Idee, sondern als "reiner" sozialer Tatbestand gelten muss.

Man könnte vielleicht sagen, dass in einem Spiel die Sprachlichkeit bereits (im Bilde) immanent supponiert ist. Während in einem Kunstwerk Sprachlichkeit nicht automatisch (transzendent) supponiert ist. Dann wäre Sprachlichkeit als Eigenschaft jedoch in der Tat limitiert auf die kommunikativen oder instrumentellen Anteile, weniger auf die Rhetorik und die expressiven Anteile. Denn diese fänden sich dann analytisch im Satz, sowie der damit einhergehenden Logik abendländischer Coleur. (Worauf der Tractatus von Wittgenstein m.e. eindeutig deutet.)

Man könnte vielleicht sagen, dass in einem Spiel die Sprachlichkeit bereits immanent supponiert ist. Während in einem Kunstwerk Sprachlichkeit nicht automatisch in allen Fällen immanent supponiert ist.




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