Consul hat geschrieben : ↑ Mi 11. Feb 2026, 13:06
…Ich habe lediglich betont, dass
wenn es solche abstrakten Entitäten gibt, sie grundsätzlich unsichtbar, übersinnlich sind. Ich kenne keinen Philosophen, der das Gegenteil behauptet.
Mir ist eingefallen, dass ich doch einen kenne, nämlich den bereits erwähnten
Reinhardt Grossmann (1931–2010).
"Kein anderer Philosoph als Grossmann verteidigt die Wahrnehmung in diesem Maße gegen die hartnäckigen skeptischen Argumente. Er charakterisiert seine erkenntnistheoretischen Positionen als radikalen Empirismus und radikalen Realismus. Mit Realismus meint Grossmann vor allem die Ansicht, dass die materiellen Dinge, die wir wahrnehmen, existieren. Es handelt sich also auch um eine ontologische Position, die eng mit dem Empirismus verbunden ist. Grossmanns Empirismus ist insofern radikal, als er behauptet, dass Entitäten aller Kategorien wahrnehmbar sind, sogar Zahlen und Universalien. Er weist darauf hin, dass Kants Prinzip der Lokalisierung, das die Wahrnehmung von Universalien ausschließt, ein Dogma ist, das nicht als selbstverständlich angesehen werden sollte. Nach diesem Prinzip ist alles, was uns empirisch gegeben ist, in Raum und Zeit lokalisiert." [übersetzt von DeepL]
(Tegtmeier, Erwin. "Foreword to Studies in the Ontology of Reinhardt Grossmann." In Studies in the Ontology of Reinhardt Grossmann, ed. by Javier Cumpa, 3-4. Frankfurt: Ontos, 2010. p. 4)
Fußnote: Tegtmeier hätte richtigerweise schreiben sollen: "…Kants Prinzip der Lokalisierung, das die Wahrnehmung von
abstrakten, transzendenten Universalien ausschließt…"
Grossmann glaubt an abstrakte, transzendente Universalien,
die alle unlokalisiert, aber notwendigerweise exemplifiziert/instanziiert sind, womit er sich von anderen Universalienplatonisten unterscheidet, die an die Möglichkeit (und Wirklichkeit)
unexemplifizierter/uninstanziierter Universalien glauben.
Was Grossmann ablehnt, ist die Annahme, dass nur räumlich/raumzeitlich verortete Entitäten sinnlich wahrnehmbar sind, sodass abstrakte Entitäten übersinnlicher Natur sind.
Sachverhalte sind für ihn (wie für Armstrong)
Exemplifizierungen von Universalien durch Partikularien. Im Gegensatz zu Armstrong betrachtet Grossmann Universalien als
abstrakte, transzendente (unlokalisierte) Entitäten, aufgrund wessen er auch Sachverhalte zu jenen zählt.
Laut Grossmann können wir abstrakte Sachverhalte
sinnlich wahrnehmen, insbesondere sehen; und wenn wir dies tun, dann nehmen wir eine aus einer abstrakten Universalie und einer konkreten Partikularie bestehende Einheit (= Sachverhalt) wahr.
(Ein solcher Sachverhalt ist streng genommen nicht
gänzlich abstrakt, sondern eine ontologische Mischform aus Abstraktem und Konkretem.)
Mich überzeugt seine Argumentation für eine mögliche Sinneswahrnehmung (platonistisch) abstrakter Entitäten nicht.
Mir ist völlig schleierhaft, wie die notwendige "Exemplikation"
unlokalisierter Universalien eine sinnliche Wahrnehmbarkeit, insbesondere Sichtbarkeit derselben ermöglichen könnte, zumal es sich (bei der Exemplifikation) um eine höchst mysteriöse Beziehung zwischen innerraumzeitlichen Sachen und außerraumzeitlichen Sachen handelt.
Ich bezweifle sehr stark, dass sich für das angebliche sinnliche Wahrnehmen oder Sehen abstrakter Entitäten wie abstrakter Universalien, abstrakter Sachverhalte und Zahlen irgendeine auch nur halbwegs plausible naturwissenschaftliche Erklärung finden lässt.
Es ist ganz und gar rätselhaft, wie es auf natürliche Weise möglich ist, beim Sehen eines konkreten, materiellen Objekts
irgendwo im Raum zugleich eine damit irgendwie verbundene abstrakte, immaterielle Entität zu sehen,
die sich nirgendwo im Raum befindet.
(Aus meiner anti-abstraktistischen/konkretistischen Sicht gibt es allein deshalb nichts zu erklären, weil es gar keine abstrakten Entitäten gibt; aber ich setze hier des Argumentes halber voraus, dass es welche gibt.)
Mit seiner Rede von Farben als sichtbaren abstrakten Universalien scheint er übrigens vorauszusetzen, dass es sich dabei um objektive Eigenschaften handelt – was höchst zweifelhaft ist.
Außerdem bestreite ich seine zentrale These,
"dass Wahrnehmung propositional ist. Was wir wahrnehmen, sind nicht einzelne Dinge an sich, sondern Sachverhalte." (Quelle: siehe unten!). Wahrnehmung ist für ihn immer
"Dass-Wahrnehmung", das Wahrnehmen,
dass etwas der Fall ist.
Er hat zwar insofern recht, als wir niemals "nackte", eigenschaftslose Dinge wahrnehmen, sondern immer soundso beeigenschaftete, beschaffene Dinge; aber daraus folgt nicht, dass die Gegenstände der Sinneswahrnehmung immer
Sachverhalte und niemals einzelne
Sachen sind—dass die Sinneswahrnehmung stets
"propositional" und nicht
"objektual" ist.
Adolf Reinach (1883–1917), einer der Väter der modernen Sachverhaltsontologie, argumentiert in anti-grossmannscher Weise, dass Sachverhaltswahrnehmung bzw. -erkennung in der Wahrnehmung von
Sachen/Dingen/Gegenständen gründet, und dass
"die entsprechenden Sachverhalte…nicht gesehen oder gehört oder gerochen [werden], sondern sie werden erkannt." (Quelle: siehe Zitate ganz unten!)
Ich bestreite jedenfalls entschieden, dass
abstrakte, transzendente (außerraumzeitliche) Universalien (oder Zahlen) als Bestandteile von Sachverhalten mögliche Gegenstände der Sinneswahrnehmung sind. Wenn ich recht habe, dann sind auch grossmannsche Sachverhalte
als Ganzes übersinnlich, weil man laut ihm eine konkrete Partikularie nur dann wahrnehmen kann, wenn sie zusammen (in der Einheit eines Sachverhalts) mit einer von ihr exemplifizierten abstrakten Universalie wahrgenommen wird. Folglich könnten wir gar nichts sinnlich wahrnehmen – eine absurde Konsequenz!
"Abstrakte und konkrete Entitäten werden uns in der Wahrnehmung und Erfahrung zusammen präsentiert." [übersetzt von Google]
(Grossmann, Reinhardt. The Categorial Structure of the World. Bloomington: Indiana University Press, 1983. p. 35)
"…Ich schließe daher, dass die Argumentation für die Existenz unexemplifizierter Universalien nicht überzeugend ist. Ich behaupte, dass es ein ontologisches Gesetz ist, dass alle Eigenschaften exemplifiziert sind; dass es keine unexemplifizierten Universalien gibt. (In Übereinstimmung mit Armstrong, der dieses Gesetz als „Prinzip der Instanziierung“ [Principle of Instantiation] bezeichnet.) Dieses Gesetz ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Es gibt auch das zugehörige Gesetz, dass alle Entitäten – natürlich nicht nur individuelle Dinge – Eigenschaften besitzen; dass es keine Entitäten ohne Eigenschaften gibt. Eine Eigenschaft ist immer durch den Nexus der Exemplifikation mit einem Ding verbunden; und jede Entität ist mit mindestens einer Eigenschaft verbunden. Eigenschaften hängen mit den Dingen zusammen, die sie qualifizieren, und Entitäten hängen mit den Eigenschaften zusammen, die sie charakterisieren. Wenn dem so ist, dann liegt es nahe, dass wir, wenn wir eine Eigenschaft kennen, auch das Ding kennen, das diese Eigenschaft besitzt; und dass wir, wenn wir etwas kennen, auch eine seiner Eigenschaften kennen. Das platonische Bild der zwei Augen ["Auge" der Sinne vs. "Auge" der Vernunft/des Verstandes—hinzugef.] ist ebenso grundlegend falsch wie überzogen. In Wahrheit kann ein und dasselbe Auge sowohl eine Eigenschaft als auch das Ding, das diese Eigenschaft besitzt, sehen. In einem anderen Sinne gibt es tatsächlich zwei Augen, nämlich das Auge der Erfahrung und das Auge der Wahrnehmung, und diese Augen sehen unterschiedliche Dinge. Aber beide Augen machen uns mit Eigenschaften ebenso vertraut wie mit Individuen, mit abstrakten Entitäten ebenso wie mit konkreten Entitäten." [übersetzt von Google & Consul]
(Grossmann, Reinhardt. The Categorial Structure of the World. Bloomington: Indiana University Press, 1983. pp. 38-9)
"Es besteht wohl kein Zweifel, dass wir Farben sehen. Aber können wir auch solche abstrakten Entitäten wie Zahlen sehen? Ich werde argumentieren, dass wir das können. Ich behaupte, dass wir manche Zahlen genau so sehen, wie wir manche Farben sehen. Ich meine damit jedoch nicht, dass wir die Zahl Zwei jemals isoliert, losgelöst von allem anderen, sehen. Aber wir sehen auch nicht die Farbe (den Farbton) Olivgrün isoliert. Wir sehen die Farbe, wenn wir beispielsweise sehen, dass eine Jacke diese Farbe hat. Im Allgemeinen sehen wir Farben immer dann, wenn wir sehen, dass Dinge Farben haben. Ähnliches gilt für Zahlen. Wir sehen die Zahl Zwei, wenn wir zum Beispiel zwei Äpfel auf dem Tisch sehen. Generell sehen wir Zahlen immer dann, wenn Dinge nummeriert sind. Um es zu wiederholen: So wie man die Farbe Olivgrün sieht, wenn Ihre Tochter eine olivgrüne Jacke trägt, so sieht man die Zahl Zwei, wenn sie zwei Äpfel in den Händen hält." [übersetzt von Google]
(Grossmann, Reinhardt. The Categorial Structure of the World. Bloomington: Indiana University Press, 1983. p. 39)
"Das Auge der Sinne besteht nach Kants Interpretation des platonischen Themas aus Akten der Anschauung [intuition]. Unserer Ansicht nach besteht es aus Erfahrung und Wahrnehmung. Wenn das Auge der Sinne aus Anschauung besteht, dann verdienen nur Anschauungen die Bezeichnung „sinnlich“. Was sind Anschauungen? Anschauungen sind in Raum und Zeit verortet. Sie sind, in unserer Terminologie, konkrete Entitäten. Raum und Zeit sind, wie Kant es ausdrückt, Formen der Anschauung. Dies ist das verhängnisvollste Dogma der Tradition. Es führt unmittelbar zu dem unannehmbaren Schluss, dass alle abstrakten Entitäten übersinnlich sind. Folglich können solche Entitäten, falls es sie gibt, nur durch ein besonderes Vermögen, das Auge der Vernunft oder des Verstandes, erkannt werden.
Doch das Dogma der räumlich-zeitlichen Verortung sinnlicher Entitäten ist falsch. In unserer Terminologie ausgedrückt: Es ist nicht wahr, dass das, was wir erfahren oder wahrnehmen, etwas Konkretes sein muss. Das sollte eigentlich einleuchtend sein. Wenn überhaupt etwas als sinnlich wahrnehmbare Entität bezeichnet werden kann, dann ist es ein bestimmter Farbton. Gemäß dem Lokalisationsdogma kann er jedoch nicht sinnlich wahrnehmbar sein; denn Farben sind, wie alle Eigenschaften, abstrakte Entitäten. Die Binsenweisheit, dass Farben sinnlich wahrnehmbar sind, lässt sich nur mit dem Lokalisationsdogma vereinbaren, wenn man annimmt, dass Farben keine abstrakten Entitäten, sondern konkrete Dinge sind. Auf diese Weise liefert das Dogma ein starkes Motiv, die Farbe einer Empfindung mit der Empfindung selbst zu verwechseln. Ein bestimmter Blauton ist, wenn er als Empfindung und nicht als Eigenschaft einer Empfindung verstanden wird, sowohl konkret als auch sinnlich wahrnehmbar.
Für die Dialektik dieser Situation spielt es kaum eine Rolle, ob wir die Farbe einer Empfindung oder die Farbe des entsprechenden Wahrnehmungsobjekts betrachten. Insofern Wahrnehmung eine Frage der Sinnlichkeit ist, müssen ihre Objekte nach Kants Auffassung konkret sein. Anders ausgedrückt: Was wir wahrnehmen, muss räumlich oder zeitlich lokalisiert sein. Das bedeutet aber auch: Wenn wir Farben wahrnehmen – und wer könnte daran zweifeln –, dann müssen Farben eben räumlich oder zeitlich lokalisiert sein. Auf diese Weise führt das Lokalisierungsdogma auch zu der Auffassung, dass die Eigenschaften von Wahrnehmungsobjekten konkret und nicht abstrakt sind, dass sie eher [partikuläre] Instanzen als Universalien sind. Umgekehrt lässt sich argumentieren, dass das Lokalisierungsdogma durch einfache Beobachtung bestätigt wird, da wir Farben tatsächlich an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten lokalisiert wahrnehmen, also die Farbe Blau „dort drüben, wo die Pflaume ist“ sehen. Somit hilft das Dogma, die Fakten zu interpretieren, und die Fakten wiederum scheinen das Dogma zu bestätigen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass dieser philosophische Ansatz äußerst populär war.
Ich werde in einem späteren Kapitel argumentieren, dass Farben abstrakte Entitäten sind. Doch was kann ein Philosoph tun, der einerseits das Dogma der Lokalisierung akzeptiert und andererseits mit uns übereinstimmt, dass es abstrakte Entitäten gibt? Insbesondere, was soll er tun, wenn er gleichzeitig annimmt, dass Raum und Zeit Formen der Sinnlichkeit sind und dass die Farbe Blau eine abstrakte Entität ist? Nun, er kann Farbinstanzen erfinden, also konkrete Entitäten, die in irgendeiner Weise mit der universellen Farbe Blau verbunden sind. Mithilfe dieser Erfindung vermeidet er die unhaltbare Ansicht, Farben seien übersinnlich. Farbinstanzen sind, da sie konkret sind, sinnlich wahrnehmbar; und wir sprechen von diesen Entitäten, wenn wir von den Farben sprechen, die wir sehen. Die universellen Farben hingegen sind nicht sinnlich wahrnehmbar; diese Entitäten werden vom Verstand irgendwie erfasst. Neben der gewöhnlichen [sinnlichen] Anschauung gibt es eine weitere Art, die eidetische Intuition [Wesensschau] genannt wird, und diese Art macht uns mit abstrakten Entitäten vertraut. Dies ist natürlich Husserls Ausweg.
Aus dieser Perspektive betrachtet, resultiert die reine Phänomenologie aus der Akzeptanz des Lokalisierungsdogmas bei gleichzeitigem Beharren auf der Existenz abstrakter Entitäten. Ihre Achillesferse ist die vermeintliche Fähigkeit der eidetischen Anschauung. Alles Wissen, das diesen Namen wirklich verdient, wird angeblich durch diese besondere Fähigkeit erworben. Es ist geradezu ironisch, dass in einem Zeitalter, das so stark von der empirischen Wissenschaft geprägt ist, eines der wenigen wahren philosophischen Systeme sich als eine Modifikation von Platons Rationalismus erweist." [übersetzt von Google & Consul]
(Grossmann, Reinhardt. The Categorial Structure of the World. Bloomington: Indiana University Press, 1983. pp. 42-3)
"Man sieht einzelne Dinge, weil man Sachverhalte sieht, deren Bestandteile sie sind; und man sieht Eigenschaften, indem man Sachverhalte sieht, deren Bestandteile sie sind.
Ich will damit nicht andeuten, dass es zwei Arten des Sehens gibt, das Sehen von Sachverhalten einerseits und das Sehen von Dingen andererseits. Vielmehr gibt es zwei Antworten auf die Frage: Was hast du gesehen? Die erste Antwort ist detaillierter, wörtlicher, genauer: Man nennt den genauen Sachverhalt, der gesehen wurde. Die zweite Antwort ist kontextabhängiger; man kann entweder „eine Pflaume“ oder „die Farbe Blau“ sagen.
Die Frage, was man wahrnehmen kann, hat daher ebenfalls zwei Antworten. Man nimmt Sachverhalte wahr. Man nimmt aber auch deren Bestandteile wahr. Nehmen wir nun etwas an, wofür ich später argumentieren werde, nämlich dass Sachverhalte und Eigenschaften von Individuen abstrakte Entitäten sind. Dann folgt daraus, dass das, was man sieht, wenn man einen Sachverhalt wahrnimmt, eine abstrakte Entität ist. Und wenn man sieht, dass diese Pflaume blau ist, sieht man auch die abstrakte Farbe Blau. Unsere Ansicht widerspricht deutlich der Kantischen Interpretation der platonischen Tradition, der zufolge das Sinnliche das Konkrete ist. Und dies gilt nicht nur für Wahrnehmungsakte, sondern auch für Erfahrungen. Solche Akte wie Empfindungsakte, Gefühlsakte usw. sind meiner Meinung nach ebenso propositional wie Wahrnehmungen. Wenn dem so ist, dann können wir mit bewusster Ungenauigkeit sagen, dass alle sinnlichen Akte auf abstrakte Entitäten in Form von Sachverhalten gerichtet sind.
Was können wir wahrnehmen? Wir können neben bestimmten Sachverhalten auch alle Bestandteile dieser Sachverhalte wahrnehmen. Die Frage, ob wir Eigenschaften wie Farben und Formen wahrnehmen können, wird somit zur Frage, ob wir Sachverhalte wie die Tatsache wahrnehmen können, dass diese Pflaume blau ist und dass der Ball dort drüben rund ist. Die Antwort darauf ist offensichtlich. Es besteht auch kein Zweifel daran, dass wir Sachverhalte wie die folgenden wahrnehmen können: Es liegen zwei Pflaumen auf dem Tisch, und einige Pflaumen auf dem Tisch sind blau, andere grün. Wer diese Binsenweisheit bestreitet, muss stichhaltige Argumente dagegen vorbringen. Und diese Argumente werden sich, da bin ich mir sicher, einfach auf unsere früheren Diskussionen beziehen. Wenn meine Position in diesen Diskussionen stichhaltig war, sollten wir solche Kritik entkräften können.
Die Wahrnehmung, dass zwei Pflaumen auf dem Tisch liegen, bedeutet also, ipso facto die Zahl Zwei wahrzunehmen; genauso wie die Wahrnehmung der Pflaumen oder des Tisches. Wie ich eingangs bereits behauptete, nehmen wir (einige) Zahlen genau so wahr wie (einige) Farben. Natürlich sind Zahlen weder individuelle Dinge noch Eigenschaften solcher Dinge; zumindest nicht nach der Auffassung, die ich vertreten werde. Zahlen gehören einer völlig anderen Kategorie an als Individuen und Eigenschaften. Aber sie treten, genau wie Individuen und Eigenschaften, als Bestandteile wahrnehmbarer Sachverhalte auf.
Um es zu wiederholen: Es stimmt, dass der Geist zwei Augen hat, wie die großartige Metapher der platonischen Tradition besagt. Doch diese beiden Augen sehen nicht jeweils getrennt ihre eigene Kategorie von Entitäten – das Auge der Sinne, konkrete Dinge, das Auge des Verstandes, abstrakte Entitäten. Vielmehr gibt es Erfahrung und Wahrnehmung. Was wir erfahren und wahrnehmen, sind Sachverhalte und ihre Bestandteile. Während das eine Auge nach innen blickt, sieht das andere die Außenwelt. Was die Augen sehen, ist unterschiedlich, aber nicht kategorisch verschieden. Die Erfahrung macht uns mit mentalen Dingen, ihren Eigenschaften, ihrer Anzahl usw. vertraut; die Wahrnehmung präsentiert uns wahrnehmbare Dinge, ihre Eigenschaften und ihre Anzahl. Wenn sich Eigenschaften und Zahlen bei ontologischer Betrachtung als abstrakte Entitäten erweisen, dann sind wir nicht länger gezwungen, eine besondere Fähigkeit des Geistes als unser Fenster zur abstrakten Welt zu erfinden. Und nach dieser Vorbesprechung werden wir all jene Argumente gegen abstrakte Entitäten zurückweisen, die auf der Behauptung beruhen, ihre Existenz würde eine solche besondere Fähigkeit erfordern." [übersetzt von Google & Consul]
(Grossmann, Reinhardt. The Categorial Structure of the World. Bloomington: Indiana University Press, 1983. pp. 47-8)
"Der Empirismus hat für verschiedene Menschen unterschiedliche Bedeutungen. Ich meine damit die Auffassung, dass unser Wissen über die Außenwelt gänzlich auf Wahrnehmung beruht, und dass die Erkenntnis unseres eigenen Geistes ausschließlich auf Introspektion basiert. Ich behaupte, dass es keine besondere Fähigkeit des Geistes gibt, keine platonische „Kontemplation“, keinen cartesianischen „Verstand“, keine husserlsche „eidetische Anschauung“, durch die wir äußere Objekte erkennen könnten. Meine Version des Empirismus mag als „radikal“ bezeichnet werden, denn sie besteht darauf, dass wir nicht nur die uns vertrauten Objekte durch Wahrnehmung erkennen, sondern auch Zahlen und andere abstrakte Entitäten. Ich bin der Ansicht, dass die Wahrheiten der Arithmetik letztlich ebenso sehr auf Wahrnehmung beruhen wie die Wahrheiten der Physik. In diesem Punkt unterscheidet sich meine Auffassung am grundlegendsten von anderen Erkenntnistheorien. Während viele zeitgenössische Philosophen den Empirismus in Bezug auf die Naturwissenschaften akzeptieren, stimmt mir kaum jemand zu, dass Logik, Mengenlehre und Arithmetik empirische Erkenntnisse betreffen. Doch der Empirismus kann nicht auf einem Bein stehen. Ein Empirismus, der Logik, Mengenlehre und Arithmetik als Ausnahmen beansprucht, ist kein Empirismus. Insbesondere die Arithmetik ist der Prüfstein für jeden ernsthaften Versuch, den Empirismus zu verteidigen." [übersetzt von Google]
(Grossmann, Reinhardt. The Fourth Way: A Theory of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press, 1990. p. vii)
Wir sehen nicht nur einzelne Äpfel, Bewohner der Welt des Werdens, sondern auch ihre Eigenschaften und Beziehungen, Bürger der Welt des Seins. Die Wahrnehmung, "die Sinne", macht uns mit Individuen sowie ihren Eigenschaften und Beziehungen vertraut. Wie kann die Wahrnehmung dieses Wunder vollbringen? Indem sie propositional ist! Sowohl der Aristotelismus als auch der Platonismus in Bezug auf die Wahrnehmung können überwunden werden, wenn wir an der grundlegenden Einsicht festhalten, dass wir Sachverhalte wie die Tatsache wahrnehmen, dass dieser Apfel, Oscar, grün ist. Indem wir wahrnehmen, dass Oscar grün ist, nehmen wir sowohl den einzelnen Apfel als auch seine universelle Farbe wahr. Dies ist die wichtigste These unserer Erkenntnistheorie: Wahrnehmung ist propositional." [übersetzt von Google]
(Grossmann, Reinhardt. The Fourth Way: A Theory of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press, 1990. p. 14)
"Der Schlüssel zur Überwindung des gängigen Dogmas liegt in der Erkenntnis, dass Wahrnehmung propositional ist. Was wir wahrnehmen, sind nicht einzelne Dinge an sich, sondern Sachverhalte. Das Auge der Sinne sieht Sachverhalte und nicht isolierte Individuen. Sachverhalte haben natürlich viele Arten von Bestandteilen. Sie enthalten einzelne Dinge, aber auch Eigenschaften und Relationen. Sie enthalten sogar, wie ich noch argumentieren werde, Mengen und Zahlen. Somit gibt es in Wirklichkeit nur ein Auge, das Auge der Wahrnehmung; und es macht uns mit zeitlichen („konkreten“) wie auch zeitlosen („abstrakten“) Dingen vertraut, denn beide sind in Sachverhalten vereint.
Die platonische Tradition hat teilweise Recht: Es gibt Entitäten jenseits der einzelnen Dinge; es gibt abstrakte Entitäten. Der Platoniker irrt sich jedoch, wenn er meint, Wissen bestehe in der Betrachtung [contemplation] solcher abstrakten Dinge. Auch der Empirist hat teilweise Recht: All unser Wissen (über die Außenwelt) gelangt letztlich durch die Sinne zu uns. Doch er irrt, wenn er die Existenz des Reichs des Seins leugnet. Man kann Realist sein und den Rationalismus ablehnen. Man kann Empirist sein und den Nominalismus ablehnen. Dies ist meine Position: Ich bin Realist, was die Existenz abstrakter Entitäten betrifft, aber Empirist hinsichtlich des Wesens von Erkenntnis, denn ich gehe davon aus, dass wir abstrakte Dinge wahrnehmen. Ich habe den „vierten Weg“ gewählt.
Diese Position, so meine These, eröffnet einen neuen Zugang zum Problem mathematischer Erkenntnis. Wir können die Auffassung, dass Zahlen und Mengen abstrakte Entitäten sind, mit der Behauptung verbinden, dass wir einige Zahlen und Mengen wahrnehmen. Wir nehmen nicht nur einige Zahlen und Mengen wahr, sondern auch einige Beziehungen zwischen ihnen. Mathematische Erkenntnis ist daher „empirische“ Erkenntnis, aber „empirische“ Erkenntnis über Strukturen abstrakter Entitäten." [übersetzt von Google & Consul]
(Grossmann, Reinhardt. The Fourth Way: A Theory of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press, 1990. p. 131)
"Jubien beispielsweise setzt voraus, dass man abstrakte Dinge nicht wahrnehmen kann, und schlussfolgert, dass sie daher nicht „durch Ostension gegeben“ werden können: „Offenbar bietet die Methode der Ostension angesichts einer bewusst platonistischen Haltung wenig Hoffnung.“ Ein Teil dieser Position besteht darin, dass mathematische Entitäten nicht sinnlich wahrnehmbar sind“ (M. Jubien, “Ontology and Mathematical Truth”, S. 135).
Jubiens Bemerkung lenkt unsere Aufmerksamkeit auf eine weitere terminologische Frage. Was Jubien mit einer „platonistischen Haltung“ meint, ist offenbar der ontologische Platonismus, also die Auffassung, dass es abstrakte Entitäten gibt. Dieser Platonismus ist jedoch von dem im zweiten Satz erwähnten Platonismus zu unterscheiden, nämlich der Auffassung, dass abstrakte Entitäten nicht sinnlich wahrnehmbar sind. Bei Platon gehen diese beiden Ansichten natürlich Hand in Hand. Sie müssen aber nicht miteinander verbunden sein. Meine Philosophie ist ein gutes Beispiel dafür: Obwohl ich im ontologischen Sinne Platonist bin, lehne ich das ab, was ich das platonische Dogma genannt habe, nämlich die Auffassung, dass abstrakte Dinge nicht wahrgenommen werden können. Um Missverständnisse zu vermeiden, bezeichne ich mich als Realist (hinsichtlich abstrakter Entitäten) und auch als Empirist (hinsichtlich der Erkenntnis dieser abstrakten Dinge)." [übersetzt von Google]
(Grossmann, Reinhardt. The Fourth Way: A Theory of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press, 1990. pp. 240-1)
"Es gibt keine spezielle Art von geistigem Akt, der uns mit abstrakten oder mathematischen Dingen vertraut macht. Allein die Wahrnehmung, da sie propositional ist, macht uns sowohl mit individuellen Dingen als auch mit abstrakten Entitäten vertraut." [übersetzt von Google]
(Grossmann, Reinhardt. The Fourth Way: A Theory of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press, 1990. p. 248)
"Wenn Sie zwei Äpfel auf dem Tisch vor sich sehen, steht Ihr mentaler Sehakt in einer einzigartigen, nicht-kausalen Beziehung zu einer bestimmten Tatsache. Diese Beziehung besteht im Falle der Wahrnehmung stets zwischen einem Geist (mentaler Akt) einerseits und einem abstrakten Ding, nämlich einem Sachverhalt, andererseits. Es ist keineswegs richtig, dass nur konkrete Dinge wahrgenommen werden können; vielmehr können konkrete Dinge nur durch das Medium abstrakter Entitäten wahrgenommen werden. Nur als Bestandteile von Sachverhalten erscheinen konkrete Dinge dem Geist in der Wahrnehmung." [übersetzt von Google]
(Grossmann, Reinhardt. The Fourth Way: A Theory of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press, 1990. p. 250)
"…Nach einer dritten Art von Argument muß die Weißheit von A deshalb eine Instanz sein, weil wir sie mit unseren Augen sehen. Denn was wir mit unseren eigenen Augen sehen können, muß immer in Raum und Zeit sein. Deshalb existiert die Farbe von A hier (wo A ist) und jetzt (während A existiert). Die Farbe von B andererseits, existiert dort (wo B ist) und jetzt (während B ist). Was man offensichtlich zu der gewünschten Schlußfolgerung benötigt, ist das Axiom der Lokalisierung. Nehmen wir einmal an, das Axiom der Lokalisierung träfe zu. Dann beruht das Argument auf der angeblichen Tatsache, daß das, was wir sehen (oder allgemeiner, was wir wahrnehmen), immer in Raum und Zeit lokalisiert ist. Es beruht deshalb auf einer erkenntnistheoretischen These. Ich denke, daß diese These falsch ist.
…
Was auf dem Spiel steht, ist eine gewisse (platonische) Konzeption der Wahrnehmung. Ich glaube, daß Wahrnehmung urteilsmäßig, nach der Aussage verfaßt ist: Immer nimmt man wahr, daß dies und jenes so oder so ist. Zum Beispiel nehme ich wahr, daß A weiß ist. In der Wahrnehmung, daß A weiß ist, nehme ich nicht nur die Billardkugel wahr, sondern ebenso die Farbe weiß. Und während die Billardkugel raumzeitlich ist, gilt dies nicht von der Farbe weiß. Daher ist es einfach nicht wahr, daß wir nichts anderes wahrnehmen können als raumzeitliche Dinge. Wir können abstrakte Dinge ebenso wahrnehmen, und wir tun es."
(Grossmann, Reinhardt. Die Existenz der Welt: Eine Einführung in die Ontologie. 2. Aufl. Frankfurt: Ontos, 2004. S. 50-1)
"…Das führt uns auf die Frage, wie eigentlich Sachverhalte uns zur Gegebenheit. kommen. Zunächst ergeben sich hier ja offenbar eigentümliche Schwierigkeiten. Nehmen wir unser Beispiel von dem Rotsein der Rose. Ich sage doch und jedermann sagt es ebenso, daß ich das Rotsein der Rose „sehe“, und ich meine damit – nicht etwa, daß ich die Rose oder das Rot sehe, sondern ich meine das von der roten Rose evident Verschiedene, welches wir als den Sachverhalt bezeichnen. Aber hier stellen sich uns Bedenken entgegen, sobald wir versuchen, uns von der Berechtigung dieser Redeweise zu überzeugen. Ich sehe vor mir die Rose, ich sehe auch das Rotmoment, welches an ihr sich befindet. Aber damit scheint doch erschöpft zu sein, was ich sehe. Ich mag meine Augen noch so scharf anstrengen, ein Rotsein der Rose kann ich auf diese Weise nicht entdecken. Und noch weniger kann ich negative Sachverhalte sehen, das nicht-weiß-sein der Rose oder dgl. Und doch meine ich etwas ganz Bestimmtes, wenn ich sage, „ich sehe, daß die Rose rot ist“ oder „ich sehe, daß sie nicht weiß ist“. Das ist ja keine leere Redensart, sondern stützt sich auf Erlebnisse, in denen uns solche Sachverhalte wirklich gegeben sind. Allerdings müssen sie in anderer Weise gegeben sein als die Rose und ihr Rot. So ist es in der Tat. Indem ich die rote Rose sehe, „erschaue“ ich ihr Rotsein, wird es von mir „erkannt“. Gegenstände werden gesehen oder geschaut, Sachverhalte dagegen werden erschaut oder erkannt. Man darf sich nicht beirren lassen durch die Redeweise, welche auch Gegenstände erkannt sein läßt, etwa „als“ Menschen oder Tiere. Hier liegt eine leicht zu durchschauende Äquivokation zugrunde. Dieses Erkennen im Sinne der begrifflichen Fassung ist etwas ganz anderes, als das Erkennen im Sinne des Sachverhalts-Erschauens. Auch in den angeführten Fällen werden keineswegs die Gegenstände in unserem Sinne erkannt, sondern allenfalls das Menschsein oder Tiersein dieser Gegenstände.
Diese Erwägungen gestatten ohne weiteres eine Verallgemeinerung auf alle Urteile, die auf Grund sinnlicher Wahrnehmung gefällt werden. Ob hier von Sichtbarem, Hörbarem oder Riechbarem die Rede ist, die entsprechenden Sachverhalte werden nicht gesehen oder gehört oder gerochen, sondern sie werden erkannt."
(Reinach, Adolf. "Zur Theorie des negativen Urteils." [1911.] Nachdr. in Gesammelte Schriften, hrsg. v. seinen Schülern, 56-120. Halle: Niemeyer, 1921. S. 86-7)
"Wie das Erkennen des Sachverhaltes sich gründet auf eine echte Wahrnehmung des Dinges, so gründet sich diese Vergegenwärtigung des Sachverhaltes auf eine bloße Vergegenwärtigung desselben Dinges. In der Vergegenwärtigung des Dinges an sich habe ich noch nicht die des Sachverhaltes. Wir haben ja gelernt, Dinge und Sachverhalte durchaus zu scheiden, und wir wissen, daß zu demselben Dingtatbestand eine ganze Fülle bestehender Sachverhalte gehört. Auf Grund der Vergegenwärtigung desselben Dinges kann ich mir das Rotsein einer Rose, das nicht-[89]gelb-sein derselben Rose usw. vergegenwärtigen."
(Reinach, Adolf. "Zur Theorie des negativen Urteils." [1911.] Nachdr. in Gesammelte Schriften, hrsg. v. seinen Schülern, 56-120. Halle: Niemeyer, 1921. S. 88-9)