Können wir abstrakte Gegenstände sehen?

Drei wichtige philosophische Schulen der Philosophie des 20. Jahrhunderts, welche die Philosophie europäischer und amerikanischer Provenienz mitgeprägt haben
Timberlake
Beiträge: 3190
Registriert: Mo 16. Mai 2022, 01:29
Wohnort: Shangrila 2.0

So 8. Feb 2026, 23:30

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 2. Feb 2026, 11:40
Bild

Warum wird das wohl nicht klappen? Und was eigentlich spielt/übt das Kind da?
Ich denke mal, dass das Kind das einübt, was hier zur Diskussion steht - das Sehenkönnen von abstrakten Gegenständen.
Consul hat geschrieben :
So 8. Feb 2026, 13:11

Physikalische und psychologische (phänomenologische) Qualitäten sind nach meinem ontologischen Verständnis paradigmatische konkrete Entitäten.
Oder, um sich dazu des Gebrauchs der Terminologie von Consul zu bedienen. Weil nach seinem ontologischen Verständnis physikalische und psychologische (phänomenologische) Qualitäten paradigmatische konkrete Entitäten sind, übt das Kind jene Entitäten ein. Denke ich zumindest, bei meinem "ontologischen Verständnis" dessen.




Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 2255
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Mo 9. Feb 2026, 07:23

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mi 4. Feb 2026, 16:09
Ich halte diese begriffliche Engführung halt für falsch.
Consul hat geschrieben :
So 8. Feb 2026, 13:11
Was genau meinst du damit?
Physikalische und psychologische (phänomenologische) Qualitäten sind nach meinem ontologischen Verständnis paradigmatische konkrete Entitäten.
Der platonische Universalienrealismus macht sie zwar zu abstrakten Entitäten, was aber für mich überhaupt keinen Sinn ergibt—vor allem nicht in empirischer Hinsicht—, weil sie folglich keinerlei Rolle im Kausalnexus der konkreten Welt spielen. Es sieht hingegen ganz danach aus, dass physikalische Attribute wie Masse und Energie darin eine zentrale Rolle spielen, was nur dann der Fall sein kann, wenn sie raumzeitimmanente, konkrete Entitäten sind.
Im Prinzip meine ich mit Engführung genau das, was du in dem Beitrag wieder ausgeführt hast. Also die Engführung des Abstrakten auf „Platonisches“.

Wie steht es aus mit dem „Kausalnexus“, von dem du selbst sprichst? Das ist seinerseits etwas Abstraktes. Er ist ebenfalls kein raumzeitlich lokalisierbares Ding und auch kein Glied innerhalb der Kausalkette. Er gehört zur Struktur des Materiellen. In diesem Sinn ist er nicht kausal wirksam, sondern die kausale Wirksamkeit selbst.

Naturgesetze, kausale Strukturen, abstrakte mathematische Relationen sind daher nicht deshalb ontologisch leer, weil sie sich nicht als Glieder in die Billardkugel-Kausalität fügen. Sie gehören einer anderen ontologischen Kategorie an: nicht Verursachung einzelner Ereignisse, sondern Hintergrundbedingungen von Verursachung überhaupt. Sie sind nicht die einzelnen Spielzüge, sie gehören zu den grundlegenden Regeln des Spiels selbst.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 2255
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Mo 9. Feb 2026, 07:30

Timberlake hat geschrieben :
So 8. Feb 2026, 23:30
das Sehenkönnen
Offenbar nicht nur. Es geht auch um Handgreifliches: die Koordination von Körper, Auge, Hand und den diversen Gegenständen. Das Wort „Begriff“ leitet sich übrigens vom althochdeutschen bigrīfan (umgreifen, ergreifen) und dem mittelhochdeutschen begrīfen ab, was ursprünglich eine konkrete physische Handlung beschrieb. Wenn man so will, ist das nahezu das Gegenteil vom Swipen. Die Dinge leisten hier in ihrer Materialität und Form Widerstand, wenn man sie nicht angemessen be-handel-t. Denkbar wäre sogar, dass die Fähigkeit, abstrakte Gegenstände zu sehen, überhaupt erst aus dieser erfolgreichen sensomotorischen Aktivität erwächst. (Ich hab das aber nicht recherchiert.)

Und wenn wir dem Kind erklären wollen, warum sein Versuch scheitern wird, dann kommen wir nicht darum herum, Abstrakta in der Erklärung zu verwenden: Das Viereck passt nicht in den Kreis.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Timberlake
Beiträge: 3190
Registriert: Mo 16. Mai 2022, 01:29
Wohnort: Shangrila 2.0

Mo 9. Feb 2026, 13:07

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 9. Feb 2026, 07:30
Timberlake hat geschrieben :
So 8. Feb 2026, 23:30
das Sehenkönnen
Offenbar nicht nur. Es geht auch um Handgreifliches: die Koordination von Körper, Auge, Hand und den diversen Gegenständen. Das Wort „Begriff“ leitet sich übrigens vom althochdeutschen bigrīfan (umgreifen, ergreifen) und dem mittelhochdeutschen begrīfen ab, was ursprünglich eine konkrete physische Handlung beschrieb. Wenn man so will, ist das nahezu das Gegenteil vom Swipen. Die Dinge leisten hier in ihrer Materialität und Form Widerstand, wenn man sie nicht angemessen be-handel-t. Denkbar wäre sogar, dass die Fähigkeit, abstrakte Gegenstände zu sehen, überhaupt erst aus dieser erfolgreichen sensomotorischen Aktivität erwächst. (Ich hab das aber nicht recherchiert.)
Genau. Womit sich für mich allerdings auch die Frage stellt, ob abstrakte Gegenstände nicht auch mit allen unseren Sinnen wahrgenommen werden können. Wie dem auch sei, wenn es um die Wirksamkeit einer solchen Wahrnehmung geht, so würde ich eine Wahrnehmung, wo Dinge in ihrer Materialität und Form Widerstand leisten (wie in diesem Bild, beim Versuch des Kindes einen Gegenstand einer Form zuzuordnen ersichtlich), tatsächlich als sehr viel mehr wirksamer halten, als wie eine Darstellung über dem geswipten Bildschirm eines Handys.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 9. Feb 2026, 07:30
Und wenn wir dem Kind erklären wollen, warum sein Versuch scheitern wird, dann kommen wir nicht darum herum, Abstrakta in der Erklärung zu verwenden: Das Viereck passt nicht in den Kreis.
Wenn wir dem Kind erklären wollen, warum sein Versuch scheitern wird, so setzt das meiner Meinung nach übrigens bereits ein bestimmtes Maß an verinnerlichter Abstrakter voraus. Abstrakter, wie sie sich in dem verinnerlicht haben, worauf eine Erklärung beruht, und zwar in den Worten und dessen Kombination. Ich kann mich beispielsweise dazu noch sehr gut an meine frühe Kindheit erinnern, wo es mir praktisch unmöglich war, den Worten der Erwachsenen zu folgen. Etwas, was sich für mich in etwa so für ein unverständliches Gebrabbel angehört hat, wie wenn ich heute gedankenversunken, mit etwas völlig anderen beschäftigt, Gespräche von anderen wahrnehme. Wenn hier also die Frage gestellt wird "Können wir abstrakte Gegenstände sehen?" so sollte man demzufolge also nicht während dessen gedankenversunken, mit etwas völlig anderen beschäftigt sein.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 27. Jan 2026, 08:48
Auszug aus dem Faden „Mereologie“.
Consul hat geschrieben :
Sa 24. Jan 2026, 01:53
Bild

[...]

Wenn die mathematische Schwanenmenge {S1, S2} existiert, dann kannst du sie im Gegensatz zum Schwanenpaar S1 & S2 nicht sehen, weil Mengen als abstrakte Objekte allgemein unsichtbar sind.
Da wir keine Lichtflecken sehen, sondern Tatsachen, würde ich hier widersprechen. Wir sehen nämlich durchaus abstrakte Objekte, denn wir sehen ja, dass beide zur Klasse der Schwäne gehören. Sehen ist schließlich kein rein kausaler Vorgang; dazu gehört vor allem, etwas als etwas zu sehen. Wir sehen im Erfolgsfall ja immer Tatsachen, und Tatsachen sind abstrakte Gegenstände. Ich möchte fast sagen, wir sind Weltmeister im Sehen von abstrakten Gegenständen; wir sehen schließlich auch, dass es zwei Schwäne sind.
Ansonsten würde ich, wie bei diesen unverständliches Gebrabbel von den anderen, tatsächlich annehmen, dass wir dann nur unverständliche Lichtflecken sehen. Tatsachen sehen und hören wir meiner Meinug nach immer nur dann, wenn wir uns auch darauf dementsprechend konzenrieren. Hier in diesem Fall auf die Schwäne und in meinem Fall, auf die Gespräche der anderen. Erst das macht uns zum Weltmeister im Sehen von abstrakten Gegenständen oder auch dem Hören von abstrakten Dingen. Be"dingt" übrigens durch ein dementsprechendes Großhirn.
Funktionen des Großhirns
Anmerkung: Nur der Mensch besitzt die Fähigkeit der Sprache. Als innere Sprache ist sie eine Voraussetzung für das Denken; gesprochen ermöglicht sie die Kommunikation und geschrieben die Weitergabe von Informationen über Jahrtausende hinweg. Die Fähigkeit zur Sprache ist unmittelbar gebunden an die Unversehrtheit bestimmter Rindengebiete des Großhirns, die in der Regel nur in einer Gehirnhälfte (Hemisphäre) liegen. Diese wird als dominante Hemisphäre bezeichnet und ist beim Rechtshänder meist die linke, beim Linkshänder meist die rechte. Die Sprachfähigkeit kann allerdings auch in beiden Hemisphären vertreten sein.
Zuletzt geändert von Timberlake am Mo 9. Feb 2026, 13:59, insgesamt 3-mal geändert.




Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2271
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Mo 9. Feb 2026, 13:54

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 9. Feb 2026, 07:23
Im Prinzip meine ich mit Engführung genau das, was du in dem Beitrag wieder ausgeführt hast. Also die Engführung des Abstrakten auf „Platonisches“.
Ich habe nicht gesagt, dass platonische—d.i. abstrakte, transzendente—Universalien ("Formen", "Ideen") die einzige Art von Abstrakta sind.
In der zeitgenössischen Philosophie ist der metaphysische/ontologische Platonismus dasselbe wie der metaphysische/ontologische Abstraktismus, und er kann verschiedene Arten abstrakter Entitäten postulieren.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 9. Feb 2026, 07:23
Wie steht es aus mit dem „Kausalnexus“, von dem du selbst sprichst? Das ist seinerseits etwas Abstraktes. Er ist ebenfalls kein raumzeitlich lokalisierbares Ding und auch kein Glied innerhalb der Kausalkette. Er gehört zur Struktur des Materiellen. In diesem Sinn ist er nicht kausal wirksam, sondern die kausale Wirksamkeit selbst.
Naturgesetze, kausale Strukturen, abstrakte mathematische Relationen sind daher nicht deshalb ontologisch leer, weil sie sich nicht als Glieder in die Billardkugel-Kausalität fügen. Sie gehören einer anderen ontologischen Kategorie an: nicht Verursachung einzelner Ereignisse, sondern Hintergrundbedingungen von Verursachung überhaupt. Sie sind nicht die einzelnen Spielzüge, sie gehören zu den grundlegenden Regeln des Spiels selbst.
* Wenn Naturgesetze (fregesche) Propositionen sind, dann zählen sie zu den abstrakten Entitäten.

* Ein "Nexus" ist eine Verknüpfung oder Verbindung, also eine Art von Beziehung (Relation). Ein Kasualnexus oder eine Kasualstruktur ist entsprechend eine ursächliche Verbindung von Sachen/Sachverhalten, ein Ursache-Wirkungs-Zusammenhang. Wenn du ursächliche Beziehungen bzw. die Beziehung der Verursachung zu den abstrakten Entitäten zählst, dann sind sie platonische (abstrakte, transzendente) Universalien bzw. ist sie eine solche.

* Relationen zwischen abstrakten mathematischen Objekten sind selbst abstrakte Entitäten.
Consul hat geschrieben :
Do 29. Jan 2026, 09:27
Mit "Platonismus" meine ich nicht Platons eigene Lehren im Besonderen, sondern den zeitgenössischen ontologischen Abstraktismus im Allgemeinen, welcher abstrakte Entitäten postuliert (zu denen Platons "Ideen" als abstrakte Universalien zählen).
Consul hat geschrieben :
So 12. Okt 2025, 14:49
(Konkretismus: Alle Entitäten sind konkret. / Keine Entitäten sind abstrakt. – Abstraktismus: Nicht alle Entitäten sind konkret. / Einige Entitäten sind abstrakt. Wohlgemerkt: Konkretismus = Pankonkretismus, aber Abstraktismus ≠ Panabstraktismus.)
"Die Leugnung, dass es Universalien gibt, werde ich Partikularismus nennen, während ich ihre Akzeptierung als Universalismus bezeichne. …Ich werde die Leugnung, dass es abstrakte Objekte gibt, als Konkretismus von ihrer Akzeptierung als Abstraktionismus unterscheiden." [übersetzt von DeepL]

(Simons, Peter. "Particulars in Particular Clothing: Three Trope Theories of Substance." In Contemporary Readings in the Foundations of Metaphysics, edited by Stephen Laurence and Cynthia Macdonald, 364-384. Oxford: Blackwell, 1998. p. 368)
"Der zeitgenössische Platonismus arumentiert für die Existenz abstrakter Objekte. Abstrakte Objekte existieren weder in Raum noch Zeit und sind völlig nichtphysisch und nichtmental. Der zeitgenössische Platonismus leitet sich zwar aus den Lehren Platons ab, spiegelt jedoch nicht direkt die Lehren Platons wider. Abstrakte Objekte sind insofern nichtphysische Entitäten, als sie nicht in der physischen Welt existieren und nicht aus Materie bestehen. Abstrakte Objekte sind nicht mental, das heißt, sie sind weder Gedanken oder Ideen im Geist noch sind sie körperlose Seelen oder Götter. Darüber hinaus gelten abstrakte Objekte als kausal inert. Kurz gesagt, der Platonismus behauptet, dass abstrakte Objekte notwendigerweise existieren, ewig sind und nicht in Ursache-Wirkungs-Beziehungen mit anderen Objekten stehen können." [übersetzt von DeepL]

IEP: Platonism and Theism
"Ein abstraktes Objekt ist ein Objekt, das nichtphysisch, nichtmental, nichtraumzeitlich, unausgedehnt und akausal ist." [übersetzt von Consul]

(Balaguer, Mark. Metaphysics, Sophistry, and Illusion: Toward a Widespread Non-Factualism. New York: Oxford University Press, 2021. p. 2)

"Der Platonismus ist die Ansicht, dass es abstrakte Objekte gibt, wobei ein abstraktes Objekt ein Objekt ist, das nichträumlich (d.h. nicht räumlich ausgedehnt oder verortet), nichtzeitlich, nichtphysisch (d.h. nicht aus physischer Materie bestehend), nichtmental (d.h. kein Geist oder eine Idee in einem Geist oder eine körperlose Seele oder etwas anderes in dieser Art) und nichtkausal (d.h. kausal inert) ist.
(Es ist wichtig zu beachten, dass es in der Literatur keinen Konsens darüber gibt, wie genau „abstraktes Objekt” zu definieren ist. Einige Philosophen würden beispielsweise eine oder mehrere der Anforderungen aus der obigen Definition streichen wollen, z.B. würden einige die Anforderung der kausalen Inaktivität streichen.) [übersetzt von DeepL & Consul]

(Balaguer, Mark. "Platonism in Metaphysics." Stanford Encyclopedia of Philosophy, 2024.)
Anmerkungen:
1. Es mag sein, "dass es in der Literatur keinen Konsens darüber gibt, wie genau „abstraktes Objekt” zu definieren ist"; aber so weit ich sehen kann, herrscht diesbezüglich zumindest insofern ein Konsens, als abstrakte Objekte grundsätzlich sinnlich unwahrnehmbar, übersinnlich sind.
2. Ich weiß nicht, wer kausal aktive Abstrakta postuliert—also solche, die selbst etwas verursachen/bewirken/beeinflussen (können)—; aber wenn jemand behauptet, dass es derartige Abstrakta gebe, weil uns beispielsweise fregesche Gedanken als abstrakte Propositionen oder abstrakte Artefakte wie Romane als abstrakte Typen beeinflussen, dann irrt er sich. Denn eine tatsächliche Beeinflussung erfolgt nur durch konkrete Denkungen oder Vorstellungen von Sachverhalten, oder durch konkrete Lesungen konkreter Romanexemplare (bzw. durch konkrete Anhörungen im Fall konkreter Hörbuchexemplare).



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2271
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Mo 9. Feb 2026, 14:12

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Mo 9. Feb 2026, 07:30
Und wenn wir dem Kind erklären wollen, warum sein Versuch scheitern wird, dann kommen wir nicht darum herum, Abstrakta in der Erklärung zu verwenden: Das Viereck passt nicht in den Kreis.
Worauf beziehen sich denn "das Viereck" und "der Kreis"? – Etwa auf zwei geometrische Figuren als abstrakte Universalien, auf zwei platonistisch aufgefasste Arten (Spezies) oder Gattungen (Genera) geometrischer Figuren?

Anyway: Wir müssen uns nicht auf abstrakte Objekte berufen, um Kindern erklären zu können, warum ein viereckiges Ding mit dem Durchmesser Xcm nicht durch eine kreisrunde Öffnung mit dem Durchmesser Xcm passt.

Fußnote:
Sowohl platonische als auch aristotelische Universalienrealisten unterscheiden zwischen substanziellen Universalien ("sekundären Substanzen" = Arten/Spezies, Gattungen/Genera) und nichtsubstanziellen Universalien (Attributen = Eigenschaften, Qualitäten, Quantitäten).



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 2255
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Mo 9. Feb 2026, 14:41

Timberlake hat geschrieben :
Mo 9. Feb 2026, 13:07
Wenn wir dem Kind erklären wollen, warum sein Versuch scheitern wird, so setzt das meiner Meinung nach übrigens bereits ein bestimmtes Maß an verinnerlichter Abstrakter voraus.
Eine solche Erklärung kann auf viele Weisen erfolgen, beispielsweise durch Zeigen, Führen der Hand und Ähnliches. Es muss auch keineswegs auf Anhieb verstanden werden. Aber irgendwann wird das Kind sehen, dass manche Formen zueinander passen, weil sie die selben sind, während andere eben nicht passen. Und Formen sind ja bereits etwas Abstraktes.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 2255
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Di 10. Feb 2026, 07:25

Consul hat geschrieben :
Mo 9. Feb 2026, 14:12
Anyway: Wir müssen uns nicht auf abstrakte Objekte berufen, um Kindern erklären zu können, warum ein viereckiges Ding mit dem Durchmesser Xcm nicht durch eine kreisrunde Öffnung mit dem Durchmesser Xcm passt.
Wie sollte es sonst gehen?



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 2255
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Di 10. Feb 2026, 07:45

Consul hat geschrieben :
Mo 9. Feb 2026, 13:54
Es mag sein, "dass es in der Literatur keinen Konsens darüber gibt, wie genau „abstraktes Objekt” zu definieren ist"; aber so weit ich sehen kann, herrscht diesbezüglich zumindest insofern ein Konsens, als abstrakte Objekte grundsätzlich sinnlich unwahrnehmbar, übersinnlich sind.
Das hatten wir weiter oben schon: In vielen ontologischen Systemen bedeutet „abstrakt“ nicht „außerhalb der Sinnenwelt“, sondern „seinsunselbstständig“ (‚ontisch unvollständig‘). Ein Gegenstand ist in diesem Sinne abstrakt, wenn er nicht alleine existieren kann, sondern nur als Teil oder Moment an einem anderen Ding vorkommt. Die Beispiele, die ich dafür gegeben habe, waren Farben und Klänge. Nicht alles, was abstrakt ist, muss zugleich ideal sein. Farben und Klänge können wir selbstverständlich wahrnehmen.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2271
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Di 10. Feb 2026, 13:44

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 10. Feb 2026, 07:45
Das hatten wir weiter oben schon:…
Ja, siehe:
viewtopic.php?p=98192#p98192
viewtopic.php?p=98244#p98244
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 10. Feb 2026, 07:45
In vielen ontologischen Systemen bedeutet „abstrakt“ nicht „außerhalb der Sinnenwelt“, sondern „seinsunselbstständig“ (‚ontisch unvollständig‘). Ein Gegenstand ist in diesem Sinne abstrakt, wenn er nicht alleine existieren kann, sondern nur als Teil oder Moment an einem anderen Ding vorkommt. Die Beispiele, die ich dafür gegeben habe, waren Farben und Klänge. Nicht alles, was abstrakt ist, muss zugleich ideal sein. Farben und Klänge können wir selbstverständlich wahrnehmen.
Wenn du die Wörter "abstrakt" & "konkret" in einem ganz anderen Sinn verwendest als ich, dann reden wir völlig aneinander vorbei. Ich habe längst ausdrücklich klargestellt, dass…
Consul hat geschrieben :
Sa 31. Jan 2026, 23:50
…wenn ich sage, dass Abstrakta grundsätzlich nicht sinnlich wahrnehmbar sind, dann meine ich Abstrakta im ontologischen, platonistischen Sinn.
Wie gesagt, Abstrakta in Husserls Sinn oder im Sinn von Williams' & Campbell's Tropentheorie sind keine platonistischen Abstrakta.
"Nach Ansicht mehrerer Tropentheoretiker – vielleicht am deutlichsten nach Williams – ist das, was existiert, wenn ein Trope existiert, eine abstrakte Partikularie. Das Wort „abstrakt“ ist mehrdeutig. Einerseits, so Williams, bedeutet es „die individuelle Existenz zu transzendieren, so wie eine universelle Essenz oder platonische Idee sie transzendieren soll“ (1953a: 15). In dieser Bedeutung bedeutet abstrakt zu sein, nicht-raumzeitlich zu sein. Tropen – von denen standardmäßig angenommen wird, dass sie in der Raumzeit existieren – sind in diesem Sinne eindeutig nicht (oder nicht unbedingt) abstrakt (was erklärt, warum einige Philosophen – z. B. Küng 1967; Giberman 2014, 2022; vgl. auch Simons 1994: 557 – darauf bestehen, die Trope als „konkret” zu bezeichnen). Aber dann gibt es noch diese andere – laut Williams „ursprüngliche” – Bedeutung des Begriffs. Eine Bedeutung, in der „abstrakt” sein bedeutet, „partiell, unvollständig oder fragmentarisch zu sein, das Merkmal dessen, was weniger ist als das Ganze, zu dem es gehört” (Williams 1953a: 15). In diesem Sinne soll die Trope abstrakt sein." [übersetzt von DeepL + Consul]

SEP: Tropes
Abstraktheit als Unvollständigkeit oder Unselbstständigkeit (Abhängigkeit) ist etwas ganz anderes als Abstraktheit im zeitgenössischen platonistischen Sinn.
"Das Wort „abstrakt“ ist vage, ungenau und mehrdeutig, wie viele andere Wörter in unseren philosophischen Theorien und in der Alltagssprache. Es gibt keine einheitliche Vorstellung von Abstraktem, genauso wenig wie es eine einheitliche Vorstellung von Eigenschaften oder Propositionen gibt, wie David Lewis aufgezeigt hat. Klassische Tropentheoretiker gehen von der weitesten Verwendung des Begriffs „abstrakt“ aus, also von der Bedeutung, die sich aus seiner wörtlichen Bedeutung im Lateinischen ergibt. Wie Williams sagt: „Im weitesten Sinne ist die ‚wahre‘ Bedeutung von ‚abstrakt‘ partiell, unvollständig oder fragmentarisch, das Merkmal dessen, was weniger ist als das Ganze, das es umfasst“ (Hervorhebung von ihm). Diese Verwendung von „abstrakt“ steht im Gegensatz zu einer weiter verbreiteten Auffassung des Begriffs: der Vorstellung von etwas, dem es an räumlich-zeitlicher Verortung oder kausaler Wirksamkeit mangelt. Manchmal wird diese weiter verbreitete Bedeutung als die traditionelle platonische Bedeutung des Wortes interpretiert, die abstrakte Entitäten mit dem Merkmal der Universalität oder Allgemeinheit assoziiert." [übersetzt von DeepL]

(Fisher, A. R. J. "Abstracta and Abstraction in Trope Theory." Philosophical Papers 49/1 (2020): 41–67. p. 44)
"Die Begriffe „abstrakt“ und „konkret“ werden in Bezug auf Partikularien und Universalien in zwei unvereinbaren Bedeutungen verwendet. Die von mir bisher verwendete Bedeutung ist diejenige, nach der abstrakte Objekte weder einen räumlichen noch einen zeitlichen Ort haben, während konkrete Objekte zumindest einen zeitlichen Ort haben, wenn nicht sogar einen räumlichen Ort. Dies unterscheidet sich von der Verwendung, bei der konkrete Objekte diejenigen Partikularien sind, die durch sich selbst existieren können, während abstrakte Objekte nicht unabhängig existieren können. In diesem Sinne verwendet Keith Campbell die Begriffe in seinem Buch Abstract Particulars. Die Mehrdeutigkeit wurde bereits 1901 von Husserl festgestellt. Das Unbehagen, Tropen als „konkret” zu bezeichnen, lässt sich verringern, wenn wir zwischen abhängigen/unselbstständigen und unabhängigen/selbstständigen Partikularien unterscheiden. Da wir den Begriff „abhängige/unselbstständige Partikularie“ haben, beschreiben wir Tropen am besten als eine Art abhängiger/unselbstständiger konkreter Partikularien. Damit bleibt offen, dass es andere Arten abhängiger/unselbstständiger konkreter Partikularien geben kann, wie Ereignisse und Grenzen, und dass ein Abstraktionist vielleicht von abstrakten Individuen oder Partikularien sprechen möchte, wie Mengen, die, wenn es sie gibt, keine Universalien sein müssen. Außerdem möchte ein solcher Mengentheoretiker vielleicht zwischen unabhängigen abstrakten Partikularien, wie der leeren Menge, und abhängigen abstrakten Partikularien, wie der Einermenge, unterscheiden, die nur existiert, wenn ihr Element existiert. Um einen passenden Begriff für unabhängige konkrete Partikularien zu haben, werde ich sie Substanzen nennen. Ich glaube nicht, dass dies sehr weit von der klassischen Idee entfernt ist[.]" [übersetzt von DeepL & Consul]

(Simons, Peter. "Particulars in Particular Clothing: Three Trope Theories of Substance." Philosophy and Phenomenological Research 54/3 (1994): 553–575. p. 557)
Jawohl, Tropen oder husserlsche Momente als sogenannte "abstrakte" Partikularien sind aus Sicht des platonistischen Abstraktismus "eine Art abhängiger/unselbstständiger konkreter Partikularien" (meine Hervorheb.).

Fußnote:
Zu den Abstrakta, die von modernen Platonisten postuliert worden sind, gehören nicht nur Universalien, sondern auch andere Arten von Entitäten:

* mathematische Objekte: Zahlen, Mengen/Klassen, Funktionen, geometrische Figuren
* Begriffe/Konzepte (als Bestandteile von Propositionen)
* bolzanosche/fregesche Propositionen ("Sätze an sich"/"Gedanken")
* (propositionale) Sachverhalte/Tatsachen
* Bedeutungen, fregesche Sinne
* linguistische/semiotische Typen
* Kunstwerke, Spiele als Typen
* (wissenschaftliche) Modelle als Typen
* mögliche Welten
""Abstracte" Inhalte sind unselbstständige Inhalte, "konkrete" Inhalte sind selbstständige. Wir denken uns diesen Unterschied objektiv bestimmt; etwa so, dass die konkreten Inhalte ihrer eigenen Natur nach an und für sich sein können, während die abstrakten nur in oder an konkreten Inhalten möglich sind.
Es ist klar, dass die Rede von Inhalten hier weiter genommen werden kann und genommen werden muss als in dem psychologischen Sinne von erlebten Bewusstseinselementen. Der phänomenale äußere Gegenstand, welcher erscheint, aber nicht ein psychischer Inhalt ist (so zum Mindesten, wenn man den "intentionalen", d.h. bloß intendierten Gegenstand nicht fälschlich als Bestandstück desjenigen psychischen Erlebnisses, in dem sich die Intention vollzieht, deutet), ist als Ganzes konkret; die ihm innewohnenden Bestimmtheiten, wie Farbe, Form u.s.w., und zwar als konstitutive Momente seiner Einheit verstanden, sind abstrakt. Diese gegenständliche Unterscheidung ist die allgemeinere; denn psychische Inhalte sind nur eine spezielle Klasse von Gegenständen (womit natürlich nicht gesagt ist: von Dingen). Der fragliche Unterschied wäre daher eigentlich passender als Unterschied. zwischen abstrakten und konkreten Gegenständen bzw. Gegenstandsteilen zu bezeichnen. Wenn ich hier doch fortfahre, von Inhalten zu sprechen, so geschieht es, um nicht bei der Mehrheit der Leser beständigen Anstoß zu erregen. In dieser, auf dem Boden der Psychologie erwachsenen Unterscheidung, wo die Veranschaulichung naturgemäß immer nach sinnlichen Beispielen greifen wird, ist die Interpretation des Wortes "Gegenstand" durch "Ding" zu sehr vorwiegend, als dass die Bezeichnung einer Farbe oder Form als Gegenstand nicht als störend oder gar verwirrend empfunden werden könnte. Doch ist scharf im Auge zu behalten, dass die Rede von Inhalten hier keineswegs auf die Sphäre der Bewusstseinsinhalte im reellen Sinn begrenzt ist, sondern alle individuellen Gegenstände und Gegenstandsteile mitbefasst."

(Husserl, Edmund. Logische Untersuchungen. Zweiter Teil: Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis. Halle: Niemeyer, 1901. S. 215-6)

"Der Unterschied zwischen "abstrakten" und "konkreten" Inhalten, der sich als identisch herausstellt mit dem Stumpf'schen Unterschied zwischen unselbstständigen und selbstständigen Inhalten, ist für alle phänomenologischen Untersuchungen von großer Wichtigkeit, so dass es unerlässlich erscheint, ihn vorweg einer gründlichen Analyse zu unterwerfen. Ich erwähnte schon in der vorigen Untersuchung, dass dieser Unterschied als Spezialfall eines allgemeinen Unterschiedes gefasst werden kann. Er reicht dann über die Sphäre der Bewusstseinsinhalte hinaus und wird zu einem theoretisch höchst bedeutsamen Unterschied im Gebiete der Gegenstände überhaupt. Somit wäre die systematische Stelle seiner Erörterung in der reinen (apriorischen) Theorie der Gegenstände als solcher, in welcher die zur Kategorie Gegenstand gehörigen Verhältnisse zwischen Ganzem und Teil, Subjekt und Beschaffenheit, zwischen koordinierten Teilen oder Beschaffenheiten und dergleichen mehr behandelt werden."

(Husserl, Edmund. Logische Untersuchungen. Zweiter Teil: Untersuchungen zur Phänomenologie und Theorie der Erkenntnis. Halle: Niemeyer, 1901. S. 222)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 2255
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Di 10. Feb 2026, 13:48

Ich akzeptiere diese eingeschränkte Sicht- und Redeweise nicht, das hab ich doch wiederholt deutlich gemacht. Es gibt – auch das hab ich bereits geschrieben – abstrakte Gegenstände verschiedener Art. Wir sprechen auch nicht aneinander vorbei, wir haben nur grundverschiedene Ontologien.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2271
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Di 10. Feb 2026, 14:11

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 10. Feb 2026, 07:25
Consul hat geschrieben :
Mo 9. Feb 2026, 14:12
Anyway: Wir müssen uns nicht auf abstrakte Objekte berufen, um Kindern erklären zu können, warum ein viereckiges Ding mit dem Durchmesser Xcm nicht durch eine kreisrunde Öffnung mit dem Durchmesser Xcm passt.
Wie sollte es sonst gehen?
Welche (platonistisch) abstrakten Objekte müssen denn deiner Meinung nach zur Erklärung postuliert werden?

Etwa die Quantität Durchmesser oder Länge/Breite/Höhe?
Wenn z.B. gesagt wird, dass zwei Dinge dieselbe Länge/Breite/Höhe von 10cm haben, dann verpflichtet dies einen nicht notwendigerweise zur ontologischen Anerkennung einer abstrakten oder konkreten Universalie namens die Länge/Breite/Höhe von 10cm; denn ich kann alternativ sagen, dass zwei Dinge die gleiche, aber nicht dieselbe Länge/Breite/Höhe von 10cm haben. Gleichheit als vollkommene qualitative/quantitative Ähnlichkeit schließt numerische Selbigkeit nicht ein. Längen/Breiten/Höhen müssen also keine abstrakten oder konkreten Universalien sein, weil sie auch konkrete Partikularien sein können.

Man muss auch Viereckigkeit und Kreisförmigkeit nicht als abstrakte oder konkrete Universalien postulieren. Man muss nicht einmal eine Vielzahl quantitativ gleicher, aber numerisch verschiedener Viereckigkeiten oder Kreisförmigkeiten als konkrete Partikularien ontologisch anerkennen; denn ein Antirealist (Nominalist) in Bezug auf Eigenschaften (Qualitäten/Quantitäten) kann den Standpunkt vertreten, dass es keine Viereckigkeit(en) oder Kreisförmigkeit(en) gibt, sondern nur Viereckiges (viereckige Dinge) und Kreisförmiges (kreisförmige Dinge).



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 2255
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Di 10. Feb 2026, 14:35

Consul hat geschrieben :
Di 10. Feb 2026, 14:11
Welche (platonistisch) abstrakten Objekte müssen denn deiner Meinung nach zur Erklärung postuliert werden?
Es gibt nicht nur (platonistisch) abstrakte Objekte. Kinder lernen zum Beispiel, dass Kreise und Quadrate – also abstrakte Gegenstände – prinzipiell nicht zur Passung zu bringen sind. Das gilt nicht nur im jeweiligen Einzelfall, sondern allgemein. Die abstrakte Eigenschaft „rund“ oder „quadratisch“ kann in sehr unterschiedlichen konkreten Dingen instanziiert sein, ist dabei aber numerisch dieselbe. Die Kinder lernen dann, ein allgemeines Strukturmerkmal der Realität zu erfassen.

Selbst Philosophen wie David Armstrong, die mir vermutlich eher fremd sind, akzeptieren das gemäß meiner Quellen. (Wobei er natürlich nicht akzeptieren würde, dass es zusätzlich auch noch andere abstrakte Objekte gibt, die nicht in konkreten Gegenständen instanziiert sind.)



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2271
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Mi 11. Feb 2026, 13:06

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 10. Feb 2026, 13:48
Ich akzeptiere diese eingeschränkte Sicht- und Redeweise nicht, das hab ich doch wiederholt deutlich gemacht. Es gibt – auch das hab ich bereits geschrieben – abstrakte Gegenstände verschiedener Art. Wir sprechen auch nicht aneinander vorbei, wir haben nur grundverschiedene Ontologien.
"diese eingeschränkte Sicht- und Redeweise" – Häh?!
Sprechen wir über ontologisch-platonistische Abstrakta oder nicht?
Es ist mir hier gar nicht darum gegangen, ob es solche abstrakten Entitäten gibt, und, falls ja, welche Arten davon. Ich habe lediglich betont, dass wenn es solche abstrakten Entitäten gibt, sie grundsätzlich unsichtbar, übersinnlich sind. Ich kenne keinen Philosophen, der das Gegenteil behauptet.
"Da abstrakte Entitäten in der Regel als unwahrnehmbare Entitäten außerhalb der Raumzeit angesehen werden, dienen sie als Testfeld für die Anwendung epistemologischer Theorien. Da abstrakte Entitäten wie Bedeutungen und Theorien seltsam vertraut und doch ontologisch eigenartig erscheinen, erfordert ihre Untersuchung auch, dass wir unsere gewöhnliche Weltanschauung und ihren richtigen Platz innerhalb der philosophischen Methodologie sorgfältig hinterfragen." [übersetzt von DeepL & Consul]

(Cowling, Sam. Abstract Entities. New York: Routledge, 2017. p. 1)
"Abstrakta haben keine kausalen Kräfte oder Dispositionen: Sie können weder Agenten/Akteure noch Patienten sein. Daher sind alle Abstrakta unsichtbar und unwahrnehmbar [wortwörtl. untastbar, intangible]." [übersetzt von DeepL & Consul]

(Van Inwagen, Peter. "In Defense of Lightweight Platonism." 2019. Repr. in The Abstract and the Concrete: Further Essays in Ontology, 81-104. New York: Oxford University Press, 2024. p. 86)
Fußnote:
Ein "Agent" ist etwas, das etwas tun oder bewirken kann; und ein "Patient" ist etwas, dem etwas angetan werden kann, auf das eingewirkt werden kann.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2271
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Mi 11. Feb 2026, 14:02

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 10. Feb 2026, 14:35
Es gibt nicht nur (platonistisch) abstrakte Objekte. Kinder lernen zum Beispiel, dass Kreise und Quadrate – also abstrakte Gegenstände – prinzipiell nicht zur Passung zu bringen sind.…
Kinder (und Erwachsene) können aber keine abstrakten Kreise oder Quadrate sehen, sondern nur kreisförmige oder quadratische konkrete Dinge. (Dazu zählen auch Zeichnungen von Kreisen oder Quadraten.)
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 10. Feb 2026, 14:35
…Das gilt nicht nur im jeweiligen Einzelfall, sondern allgemein. Die abstrakte Eigenschaft „rund“ oder „quadratisch“ kann in sehr unterschiedlichen konkreten Dingen instanziiert sein, ist dabei aber numerisch dieselbe. Die Kinder lernen dann, ein allgemeines Strukturmerkmal der Realität zu erfassen.
Die Kinder lernen die Bedeutung und den Gebrauch "abstrakter Ideen" im psychologisch-linguistischen Sinn, d.i. allgemeiner Begriffe/Begriffswörter; aber das gelingt ihnen auch ohne die Existenz abstrakter (oder konkreter) Universalien als allgemeinen Eigenschaften oder Arten/Gattungen.
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Di 10. Feb 2026, 14:35
Selbst Philosophen wie David Armstrong, die mir vermutlich eher fremd sind, akzeptieren das gemäß meiner Quellen. (Wobei er natürlich nicht akzeptieren würde, dass es zusätzlich auch noch andere abstrakte Objekte gibt, die nicht in konkreten Gegenständen instanziiert sind.)
Ja, Armstrong ist Universalienrealist, aber…
Consul hat geschrieben :
Di 3. Feb 2026, 01:56
Es gibt zwei Arten von Universalienrealismus:
1. Platonischer Universalienrealismus: abstrakte, transzendente Universalien – universalia ante res
2. Aristotelischer Universalienrealismus: konkrete, immanente Universalien – universalia in rebus
Armstrong ist ein Hauptvertreter von 2!
"Da wir gerade dabei sind, ist es sinnvoll, zwischen Extremisten und Gemäßigten unter den Verfechtern von Universalien zu unterscheiden. Ein extremer oder platonischer Realist in Bezug auf Universalien vertritt die Auffassung, dass diese transzendent und von Partikularien getrennt sind. (Es erscheint vernünftig, eine Lehre, die transzendente Entitäten postuliert, welche keine Partikularien sind, ontologisch gesehen als extreme Ansicht zu bezeichnen.) Ein moderater oder aristotelischer Realist vertritt die Auffassung, dass Universalien nur in Partikularien existieren, wobei das Wort 'in' interpretationsbedürftig ist.
Der Realismus dieser Arbeit ist aristotelisch." [übersetzt von DeepL & Consul]

(Armstrong, D. M. A World of States of Affairs. Cambridge: Cambridge University Press, 1997. pp. 20-21)
"Viele Philosophen glauben, dass es nicht möglich ist, den Naturalismus mit einer Lehre von Universalien zu verbinden. Für diese Verbindung wird eine „aristotelische“ Theorie benötigt und kein „platonische“. Die einzigen zulässigen Universalien sollten solche sein, die (zu einem bestimmten Zeitpunkt) exemplifiziert/instanziiert sind. Es wäre zu grob, „Universalien in die Raumzeit herunterzuholen“, als würde man sie in einen großen Topf werfen. Der beste Weg vorwärts ist meiner Meinung nach die Entwicklung einer Theorie der Tatsachen oder, wie ich sie lieber nenne, der Sachverhalte. Diese werden Exemplifizierungen/Instanziierungen von Eigenschafts- und Beziehungsuniversalien sein. Die Raumzeit – alles, was es gibt, wenn man den Naturalismus aufrechterhält – wird als ein riesiger Zusammenschluss verbundener Sachverhalte analysiert und mit diesem identifiziert werden." [übersetzt von DeepL & Consul]

(Armstrong, D. M. "Postscript: 'Naturalism, Materialism, and First Philosophy' Reconsidered." In Contemporary Materialism: A Reader, edited by Paul K. Moser and J. D. Trout, 47-50. London: Routledge, 1995. p. 50)
Fußnote:
Aristotelischen Universalienrealisten wie Armstrong zufolge gibt es keine unexemplifizierten/uninstanziierten Universalien: Alle (realen) Universalien werden von mindestens einer Partikularie exemplifiziert/instanziiert. – Es gibt aber wohlgemerkt auch platonische Universalienrealisten wie Reinhardt Grossmann, die diese Ansicht teilen.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Jörn P Budesheim
Beiträge: 2255
Registriert: Do 3. Jul 2025, 10:15
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Do 12. Feb 2026, 07:16

Consul hat geschrieben :
Mi 11. Feb 2026, 14:02
Armstrong ist ein Hauptvertreter von 2!
Consul hat geschrieben :
Mi 11. Feb 2026, 14:02
aber
Nix „aber“ :-) „Armstrong ist ein Hauptvertreter von 2.“ Nichts anderes schreibe ich ja.

Und wenn er recht hat, dann können wir abstrakte Gegenstände sehen. Eine Farbe ist – nach meinem Verständnis dieser Sichtweise – abstrakt, weil sie nicht für sich allein existieren kann, sondern immer ein Substrat (einen Träger) benötigt, an dem sie vorkommt.

Ich stimme ihm allerdings nicht zu, dass es nur diese Form von Abstraktheit (und Universalien) gibt.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2271
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Do 12. Feb 2026, 13:31

Consul hat geschrieben :
Mi 11. Feb 2026, 13:06
…Ich habe lediglich betont, dass wenn es solche abstrakten Entitäten gibt, sie grundsätzlich unsichtbar, übersinnlich sind. Ich kenne keinen Philosophen, der das Gegenteil behauptet.
Mir ist eingefallen, dass ich doch einen kenne, nämlich den bereits erwähnten Reinhardt Grossmann (1931–2010).
"Kein anderer Philosoph als Grossmann verteidigt die Wahrnehmung in diesem Maße gegen die hartnäckigen skeptischen Argumente. Er charakterisiert seine erkenntnistheoretischen Positionen als radikalen Empirismus und radikalen Realismus. Mit Realismus meint Grossmann vor allem die Ansicht, dass die materiellen Dinge, die wir wahrnehmen, existieren. Es handelt sich also auch um eine ontologische Position, die eng mit dem Empirismus verbunden ist. Grossmanns Empirismus ist insofern radikal, als er behauptet, dass Entitäten aller Kategorien wahrnehmbar sind, sogar Zahlen und Universalien. Er weist darauf hin, dass Kants Prinzip der Lokalisierung, das die Wahrnehmung von Universalien ausschließt, ein Dogma ist, das nicht als selbstverständlich angesehen werden sollte. Nach diesem Prinzip ist alles, was uns empirisch gegeben ist, in Raum und Zeit lokalisiert." [übersetzt von DeepL]

(Tegtmeier, Erwin. "Foreword to Studies in the Ontology of Reinhardt Grossmann." In Studies in the Ontology of Reinhardt Grossmann, ed. by Javier Cumpa, 3-4. Frankfurt: Ontos, 2010. p. 4)
Fußnote: Tegtmeier hätte richtigerweise schreiben sollen: "…Kants Prinzip der Lokalisierung, das die Wahrnehmung von abstrakten, transzendenten Universalien ausschließt…"

Grossmann glaubt an abstrakte, transzendente Universalien, die alle unlokalisiert, aber notwendigerweise exemplifiziert/instanziiert sind, womit er sich von anderen Universalienplatonisten unterscheidet, die an die Möglichkeit (und Wirklichkeit) unexemplifizierter/uninstanziierter Universalien glauben.

Was Grossmann ablehnt, ist die Annahme, dass nur räumlich/raumzeitlich verortete Entitäten sinnlich wahrnehmbar sind, sodass abstrakte Entitäten übersinnlicher Natur sind.

Sachverhalte sind für ihn (wie für Armstrong) Exemplifizierungen von Universalien durch Partikularien. Im Gegensatz zu Armstrong betrachtet Grossmann Universalien als abstrakte, transzendente (unlokalisierte) Entitäten, aufgrund wessen er auch Sachverhalte zu jenen zählt.

Laut Grossmann können wir abstrakte Sachverhalte sinnlich wahrnehmen, insbesondere sehen; und wenn wir dies tun, dann nehmen wir eine aus einer abstrakten Universalie und einer konkreten Partikularie bestehende Einheit (= Sachverhalt) wahr.
(Ein solcher Sachverhalt ist streng genommen nicht gänzlich abstrakt, sondern eine ontologische Mischform aus Abstraktem und Konkretem.)

Mich überzeugt seine Argumentation für eine mögliche Sinneswahrnehmung (platonistisch) abstrakter Entitäten nicht.

Mir ist völlig schleierhaft, wie die notwendige "Exemplikation" unlokalisierter Universalien eine sinnliche Wahrnehmbarkeit, insbesondere Sichtbarkeit derselben ermöglichen könnte, zumal es sich (bei der Exemplifikation) um eine höchst mysteriöse Beziehung zwischen innerraumzeitlichen Sachen und außerraumzeitlichen Sachen handelt.

Ich bezweifle sehr stark, dass sich für das angebliche sinnliche Wahrnehmen oder Sehen abstrakter Entitäten wie abstrakter Universalien, abstrakter Sachverhalte und Zahlen irgendeine auch nur halbwegs plausible naturwissenschaftliche Erklärung finden lässt.
Es ist ganz und gar rätselhaft, wie es auf natürliche Weise möglich ist, beim Sehen eines konkreten, materiellen Objekts irgendwo im Raum zugleich eine damit irgendwie verbundene abstrakte, immaterielle Entität zu sehen, die sich nirgendwo im Raum befindet.

(Aus meiner anti-abstraktistischen/konkretistischen Sicht gibt es allein deshalb nichts zu erklären, weil es gar keine abstrakten Entitäten gibt; aber ich setze hier des Argumentes halber voraus, dass es welche gibt.)

Mit seiner Rede von Farben als sichtbaren abstrakten Universalien scheint er übrigens vorauszusetzen, dass es sich dabei um objektive Eigenschaften handelt – was höchst zweifelhaft ist.

Außerdem bestreite ich seine zentrale These, "dass Wahrnehmung propositional ist. Was wir wahrnehmen, sind nicht einzelne Dinge an sich, sondern Sachverhalte." (Quelle: siehe unten!). Wahrnehmung ist für ihn immer "Dass-Wahrnehmung", das Wahrnehmen, dass etwas der Fall ist.
Er hat zwar insofern recht, als wir niemals "nackte", eigenschaftslose Dinge wahrnehmen, sondern immer soundso beeigenschaftete, beschaffene Dinge; aber daraus folgt nicht, dass die Gegenstände der Sinneswahrnehmung immer Sachverhalte und niemals einzelne Sachen sind—dass die Sinneswahrnehmung stets "propositional" und nicht "objektual" ist.

Adolf Reinach (1883–1917), einer der Väter der modernen Sachverhaltsontologie, argumentiert in anti-grossmannscher Weise, dass Sachverhaltswahrnehmung bzw. -erkennung in der Wahrnehmung von Sachen/Dingen/Gegenständen gründet, und dass "die entsprechenden Sachverhalte…nicht gesehen oder gehört oder gerochen [werden], sondern sie werden erkannt." (Quelle: siehe Zitate ganz unten!)

Ich bestreite jedenfalls entschieden, dass abstrakte, transzendente (außerraumzeitliche) Universalien (oder Zahlen) als Bestandteile von Sachverhalten mögliche Gegenstände der Sinneswahrnehmung sind. Wenn ich recht habe, dann sind auch grossmannsche Sachverhalte als Ganzes übersinnlich, weil man laut ihm eine konkrete Partikularie nur dann wahrnehmen kann, wenn sie zusammen (in der Einheit eines Sachverhalts) mit einer von ihr exemplifizierten abstrakten Universalie wahrgenommen wird. Folglich könnten wir gar nichts sinnlich wahrnehmen – eine absurde Konsequenz!
"Abstrakte und konkrete Entitäten werden uns in der Wahrnehmung und Erfahrung zusammen präsentiert." [übersetzt von Google]

(Grossmann, Reinhardt. The Categorial Structure of the World. Bloomington: Indiana University Press, 1983. p. 35)

"…Ich schließe daher, dass die Argumentation für die Existenz unexemplifizierter Universalien nicht überzeugend ist. Ich behaupte, dass es ein ontologisches Gesetz ist, dass alle Eigenschaften exemplifiziert sind; dass es keine unexemplifizierten Universalien gibt. (In Übereinstimmung mit Armstrong, der dieses Gesetz als „Prinzip der Instanziierung“ [Principle of Instantiation] bezeichnet.) Dieses Gesetz ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Es gibt auch das zugehörige Gesetz, dass alle Entitäten – natürlich nicht nur individuelle Dinge – Eigenschaften besitzen; dass es keine Entitäten ohne Eigenschaften gibt. Eine Eigenschaft ist immer durch den Nexus der Exemplifikation mit einem Ding verbunden; und jede Entität ist mit mindestens einer Eigenschaft verbunden. Eigenschaften hängen mit den Dingen zusammen, die sie qualifizieren, und Entitäten hängen mit den Eigenschaften zusammen, die sie charakterisieren. Wenn dem so ist, dann liegt es nahe, dass wir, wenn wir eine Eigenschaft kennen, auch das Ding kennen, das diese Eigenschaft besitzt; und dass wir, wenn wir etwas kennen, auch eine seiner Eigenschaften kennen. Das platonische Bild der zwei Augen ["Auge" der Sinne vs. "Auge" der Vernunft/des Verstandes—hinzugef.] ist ebenso grundlegend falsch wie überzogen. In Wahrheit kann ein und dasselbe Auge sowohl eine Eigenschaft als auch das Ding, das diese Eigenschaft besitzt, sehen. In einem anderen Sinne gibt es tatsächlich zwei Augen, nämlich das Auge der Erfahrung und das Auge der Wahrnehmung, und diese Augen sehen unterschiedliche Dinge. Aber beide Augen machen uns mit Eigenschaften ebenso vertraut wie mit Individuen, mit abstrakten Entitäten ebenso wie mit konkreten Entitäten." [übersetzt von Google & Consul]

(Grossmann, Reinhardt. The Categorial Structure of the World. Bloomington: Indiana University Press, 1983. pp. 38-9)

"Es besteht wohl kein Zweifel, dass wir Farben sehen. Aber können wir auch solche abstrakten Entitäten wie Zahlen sehen? Ich werde argumentieren, dass wir das können. Ich behaupte, dass wir manche Zahlen genau so sehen, wie wir manche Farben sehen. Ich meine damit jedoch nicht, dass wir die Zahl Zwei jemals isoliert, losgelöst von allem anderen, sehen. Aber wir sehen auch nicht die Farbe (den Farbton) Olivgrün isoliert. Wir sehen die Farbe, wenn wir beispielsweise sehen, dass eine Jacke diese Farbe hat. Im Allgemeinen sehen wir Farben immer dann, wenn wir sehen, dass Dinge Farben haben. Ähnliches gilt für Zahlen. Wir sehen die Zahl Zwei, wenn wir zum Beispiel zwei Äpfel auf dem Tisch sehen. Generell sehen wir Zahlen immer dann, wenn Dinge nummeriert sind. Um es zu wiederholen: So wie man die Farbe Olivgrün sieht, wenn Ihre Tochter eine olivgrüne Jacke trägt, so sieht man die Zahl Zwei, wenn sie zwei Äpfel in den Händen hält." [übersetzt von Google]

(Grossmann, Reinhardt. The Categorial Structure of the World. Bloomington: Indiana University Press, 1983. p. 39)

"Das Auge der Sinne besteht nach Kants Interpretation des platonischen Themas aus Akten der Anschauung [intuition]. Unserer Ansicht nach besteht es aus Erfahrung und Wahrnehmung. Wenn das Auge der Sinne aus Anschauung besteht, dann verdienen nur Anschauungen die Bezeichnung „sinnlich“. Was sind Anschauungen? Anschauungen sind in Raum und Zeit verortet. Sie sind, in unserer Terminologie, konkrete Entitäten. Raum und Zeit sind, wie Kant es ausdrückt, Formen der Anschauung. Dies ist das verhängnisvollste Dogma der Tradition. Es führt unmittelbar zu dem unannehmbaren Schluss, dass alle abstrakten Entitäten übersinnlich sind. Folglich können solche Entitäten, falls es sie gibt, nur durch ein besonderes Vermögen, das Auge der Vernunft oder des Verstandes, erkannt werden.

Doch das Dogma der räumlich-zeitlichen Verortung sinnlicher Entitäten ist falsch. In unserer Terminologie ausgedrückt: Es ist nicht wahr, dass das, was wir erfahren oder wahrnehmen, etwas Konkretes sein muss. Das sollte eigentlich einleuchtend sein. Wenn überhaupt etwas als sinnlich wahrnehmbare Entität bezeichnet werden kann, dann ist es ein bestimmter Farbton. Gemäß dem Lokalisationsdogma kann er jedoch nicht sinnlich wahrnehmbar sein; denn Farben sind, wie alle Eigenschaften, abstrakte Entitäten. Die Binsenweisheit, dass Farben sinnlich wahrnehmbar sind, lässt sich nur mit dem Lokalisationsdogma vereinbaren, wenn man annimmt, dass Farben keine abstrakten Entitäten, sondern konkrete Dinge sind. Auf diese Weise liefert das Dogma ein starkes Motiv, die Farbe einer Empfindung mit der Empfindung selbst zu verwechseln. Ein bestimmter Blauton ist, wenn er als Empfindung und nicht als Eigenschaft einer Empfindung verstanden wird, sowohl konkret als auch sinnlich wahrnehmbar.

Für die Dialektik dieser Situation spielt es kaum eine Rolle, ob wir die Farbe einer Empfindung oder die Farbe des entsprechenden Wahrnehmungsobjekts betrachten. Insofern Wahrnehmung eine Frage der Sinnlichkeit ist, müssen ihre Objekte nach Kants Auffassung konkret sein. Anders ausgedrückt: Was wir wahrnehmen, muss räumlich oder zeitlich lokalisiert sein. Das bedeutet aber auch: Wenn wir Farben wahrnehmen – und wer könnte daran zweifeln –, dann müssen Farben eben räumlich oder zeitlich lokalisiert sein. Auf diese Weise führt das Lokalisierungsdogma auch zu der Auffassung, dass die Eigenschaften von Wahrnehmungsobjekten konkret und nicht abstrakt sind, dass sie eher [partikuläre] Instanzen als Universalien sind. Umgekehrt lässt sich argumentieren, dass das Lokalisierungsdogma durch einfache Beobachtung bestätigt wird, da wir Farben tatsächlich an bestimmten Orten und zu bestimmten Zeiten lokalisiert wahrnehmen, also die Farbe Blau „dort drüben, wo die Pflaume ist“ sehen. Somit hilft das Dogma, die Fakten zu interpretieren, und die Fakten wiederum scheinen das Dogma zu bestätigen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass dieser philosophische Ansatz äußerst populär war.

Ich werde in einem späteren Kapitel argumentieren, dass Farben abstrakte Entitäten sind. Doch was kann ein Philosoph tun, der einerseits das Dogma der Lokalisierung akzeptiert und andererseits mit uns übereinstimmt, dass es abstrakte Entitäten gibt? Insbesondere, was soll er tun, wenn er gleichzeitig annimmt, dass Raum und Zeit Formen der Sinnlichkeit sind und dass die Farbe Blau eine abstrakte Entität ist? Nun, er kann Farbinstanzen erfinden, also konkrete Entitäten, die in irgendeiner Weise mit der universellen Farbe Blau verbunden sind. Mithilfe dieser Erfindung vermeidet er die unhaltbare Ansicht, Farben seien übersinnlich. Farbinstanzen sind, da sie konkret sind, sinnlich wahrnehmbar; und wir sprechen von diesen Entitäten, wenn wir von den Farben sprechen, die wir sehen. Die universellen Farben hingegen sind nicht sinnlich wahrnehmbar; diese Entitäten werden vom Verstand irgendwie erfasst. Neben der gewöhnlichen [sinnlichen] Anschauung gibt es eine weitere Art, die eidetische Intuition [Wesensschau] genannt wird, und diese Art macht uns mit abstrakten Entitäten vertraut. Dies ist natürlich Husserls Ausweg.

Aus dieser Perspektive betrachtet, resultiert die reine Phänomenologie aus der Akzeptanz des Lokalisierungsdogmas bei gleichzeitigem Beharren auf der Existenz abstrakter Entitäten. Ihre Achillesferse ist die vermeintliche Fähigkeit der eidetischen Anschauung. Alles Wissen, das diesen Namen wirklich verdient, wird angeblich durch diese besondere Fähigkeit erworben. Es ist geradezu ironisch, dass in einem Zeitalter, das so stark von der empirischen Wissenschaft geprägt ist, eines der wenigen wahren philosophischen Systeme sich als eine Modifikation von Platons Rationalismus erweist." [übersetzt von Google & Consul]

(Grossmann, Reinhardt. The Categorial Structure of the World. Bloomington: Indiana University Press, 1983. pp. 42-3)

"Man sieht einzelne Dinge, weil man Sachverhalte sieht, deren Bestandteile sie sind; und man sieht Eigenschaften, indem man Sachverhalte sieht, deren Bestandteile sie sind.

Ich will damit nicht andeuten, dass es zwei Arten des Sehens gibt, das Sehen von Sachverhalten einerseits und das Sehen von Dingen andererseits. Vielmehr gibt es zwei Antworten auf die Frage: Was hast du gesehen? Die erste Antwort ist detaillierter, wörtlicher, genauer: Man nennt den genauen Sachverhalt, der gesehen wurde. Die zweite Antwort ist kontextabhängiger; man kann entweder „eine Pflaume“ oder „die Farbe Blau“ sagen.

Die Frage, was man wahrnehmen kann, hat daher ebenfalls zwei Antworten. Man nimmt Sachverhalte wahr. Man nimmt aber auch deren Bestandteile wahr. Nehmen wir nun etwas an, wofür ich später argumentieren werde, nämlich dass Sachverhalte und Eigenschaften von Individuen abstrakte Entitäten sind. Dann folgt daraus, dass das, was man sieht, wenn man einen Sachverhalt wahrnimmt, eine abstrakte Entität ist. Und wenn man sieht, dass diese Pflaume blau ist, sieht man auch die abstrakte Farbe Blau. Unsere Ansicht widerspricht deutlich der Kantischen Interpretation der platonischen Tradition, der zufolge das Sinnliche das Konkrete ist. Und dies gilt nicht nur für Wahrnehmungsakte, sondern auch für Erfahrungen. Solche Akte wie Empfindungsakte, Gefühlsakte usw. sind meiner Meinung nach ebenso propositional wie Wahrnehmungen. Wenn dem so ist, dann können wir mit bewusster Ungenauigkeit sagen, dass alle sinnlichen Akte auf abstrakte Entitäten in Form von Sachverhalten gerichtet sind.

Was können wir wahrnehmen? Wir können neben bestimmten Sachverhalten auch alle Bestandteile dieser Sachverhalte wahrnehmen. Die Frage, ob wir Eigenschaften wie Farben und Formen wahrnehmen können, wird somit zur Frage, ob wir Sachverhalte wie die Tatsache wahrnehmen können, dass diese Pflaume blau ist und dass der Ball dort drüben rund ist. Die Antwort darauf ist offensichtlich. Es besteht auch kein Zweifel daran, dass wir Sachverhalte wie die folgenden wahrnehmen können: Es liegen zwei Pflaumen auf dem Tisch, und einige Pflaumen auf dem Tisch sind blau, andere grün. Wer diese Binsenweisheit bestreitet, muss stichhaltige Argumente dagegen vorbringen. Und diese Argumente werden sich, da bin ich mir sicher, einfach auf unsere früheren Diskussionen beziehen. Wenn meine Position in diesen Diskussionen stichhaltig war, sollten wir solche Kritik entkräften können.

Die Wahrnehmung, dass zwei Pflaumen auf dem Tisch liegen, bedeutet also, ipso facto die Zahl Zwei wahrzunehmen; genauso wie die Wahrnehmung der Pflaumen oder des Tisches. Wie ich eingangs bereits behauptete, nehmen wir (einige) Zahlen genau so wahr wie (einige) Farben. Natürlich sind Zahlen weder individuelle Dinge noch Eigenschaften solcher Dinge; zumindest nicht nach der Auffassung, die ich vertreten werde. Zahlen gehören einer völlig anderen Kategorie an als Individuen und Eigenschaften. Aber sie treten, genau wie Individuen und Eigenschaften, als Bestandteile wahrnehmbarer Sachverhalte auf.

Um es zu wiederholen: Es stimmt, dass der Geist zwei Augen hat, wie die großartige Metapher der platonischen Tradition besagt. Doch diese beiden Augen sehen nicht jeweils getrennt ihre eigene Kategorie von Entitäten – das Auge der Sinne, konkrete Dinge, das Auge des Verstandes, abstrakte Entitäten. Vielmehr gibt es Erfahrung und Wahrnehmung. Was wir erfahren und wahrnehmen, sind Sachverhalte und ihre Bestandteile. Während das eine Auge nach innen blickt, sieht das andere die Außenwelt. Was die Augen sehen, ist unterschiedlich, aber nicht kategorisch verschieden. Die Erfahrung macht uns mit mentalen Dingen, ihren Eigenschaften, ihrer Anzahl usw. vertraut; die Wahrnehmung präsentiert uns wahrnehmbare Dinge, ihre Eigenschaften und ihre Anzahl. Wenn sich Eigenschaften und Zahlen bei ontologischer Betrachtung als abstrakte Entitäten erweisen, dann sind wir nicht länger gezwungen, eine besondere Fähigkeit des Geistes als unser Fenster zur abstrakten Welt zu erfinden. Und nach dieser Vorbesprechung werden wir all jene Argumente gegen abstrakte Entitäten zurückweisen, die auf der Behauptung beruhen, ihre Existenz würde eine solche besondere Fähigkeit erfordern." [übersetzt von Google & Consul]

(Grossmann, Reinhardt. The Categorial Structure of the World. Bloomington: Indiana University Press, 1983. pp. 47-8)
"Der Empirismus hat für verschiedene Menschen unterschiedliche Bedeutungen. Ich meine damit die Auffassung, dass unser Wissen über die Außenwelt gänzlich auf Wahrnehmung beruht, und dass die Erkenntnis unseres eigenen Geistes ausschließlich auf Introspektion basiert. Ich behaupte, dass es keine besondere Fähigkeit des Geistes gibt, keine platonische „Kontemplation“, keinen cartesianischen „Verstand“, keine husserlsche „eidetische Anschauung“, durch die wir äußere Objekte erkennen könnten. Meine Version des Empirismus mag als „radikal“ bezeichnet werden, denn sie besteht darauf, dass wir nicht nur die uns vertrauten Objekte durch Wahrnehmung erkennen, sondern auch Zahlen und andere abstrakte Entitäten. Ich bin der Ansicht, dass die Wahrheiten der Arithmetik letztlich ebenso sehr auf Wahrnehmung beruhen wie die Wahrheiten der Physik. In diesem Punkt unterscheidet sich meine Auffassung am grundlegendsten von anderen Erkenntnistheorien. Während viele zeitgenössische Philosophen den Empirismus in Bezug auf die Naturwissenschaften akzeptieren, stimmt mir kaum jemand zu, dass Logik, Mengenlehre und Arithmetik empirische Erkenntnisse betreffen. Doch der Empirismus kann nicht auf einem Bein stehen. Ein Empirismus, der Logik, Mengenlehre und Arithmetik als Ausnahmen beansprucht, ist kein Empirismus. Insbesondere die Arithmetik ist der Prüfstein für jeden ernsthaften Versuch, den Empirismus zu verteidigen." [übersetzt von Google]

(Grossmann, Reinhardt. The Fourth Way: A Theory of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press, 1990. p. vii)

Wir sehen nicht nur einzelne Äpfel, Bewohner der Welt des Werdens, sondern auch ihre Eigenschaften und Beziehungen, Bürger der Welt des Seins. Die Wahrnehmung, "die Sinne", macht uns mit Individuen sowie ihren Eigenschaften und Beziehungen vertraut. Wie kann die Wahrnehmung dieses Wunder vollbringen? Indem sie propositional ist! Sowohl der Aristotelismus als auch der Platonismus in Bezug auf die Wahrnehmung können überwunden werden, wenn wir an der grundlegenden Einsicht festhalten, dass wir Sachverhalte wie die Tatsache wahrnehmen, dass dieser Apfel, Oscar, grün ist. Indem wir wahrnehmen, dass Oscar grün ist, nehmen wir sowohl den einzelnen Apfel als auch seine universelle Farbe wahr. Dies ist die wichtigste These unserer Erkenntnistheorie: Wahrnehmung ist propositional." [übersetzt von Google]

(Grossmann, Reinhardt. The Fourth Way: A Theory of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press, 1990. p. 14)

"Der Schlüssel zur Überwindung des gängigen Dogmas liegt in der Erkenntnis, dass Wahrnehmung propositional ist. Was wir wahrnehmen, sind nicht einzelne Dinge an sich, sondern Sachverhalte. Das Auge der Sinne sieht Sachverhalte und nicht isolierte Individuen. Sachverhalte haben natürlich viele Arten von Bestandteilen. Sie enthalten einzelne Dinge, aber auch Eigenschaften und Relationen. Sie enthalten sogar, wie ich noch argumentieren werde, Mengen und Zahlen. Somit gibt es in Wirklichkeit nur ein Auge, das Auge der Wahrnehmung; und es macht uns mit zeitlichen („konkreten“) wie auch zeitlosen („abstrakten“) Dingen vertraut, denn beide sind in Sachverhalten vereint.

Die platonische Tradition hat teilweise Recht: Es gibt Entitäten jenseits der einzelnen Dinge; es gibt abstrakte Entitäten. Der Platoniker irrt sich jedoch, wenn er meint, Wissen bestehe in der Betrachtung [contemplation] solcher abstrakten Dinge. Auch der Empirist hat teilweise Recht: All unser Wissen (über die Außenwelt) gelangt letztlich durch die Sinne zu uns. Doch er irrt, wenn er die Existenz des Reichs des Seins leugnet. Man kann Realist sein und den Rationalismus ablehnen. Man kann Empirist sein und den Nominalismus ablehnen. Dies ist meine Position: Ich bin Realist, was die Existenz abstrakter Entitäten betrifft, aber Empirist hinsichtlich des Wesens von Erkenntnis, denn ich gehe davon aus, dass wir abstrakte Dinge wahrnehmen. Ich habe den „vierten Weg“ gewählt.

Diese Position, so meine These, eröffnet einen neuen Zugang zum Problem mathematischer Erkenntnis. Wir können die Auffassung, dass Zahlen und Mengen abstrakte Entitäten sind, mit der Behauptung verbinden, dass wir einige Zahlen und Mengen wahrnehmen. Wir nehmen nicht nur einige Zahlen und Mengen wahr, sondern auch einige Beziehungen zwischen ihnen. Mathematische Erkenntnis ist daher „empirische“ Erkenntnis, aber „empirische“ Erkenntnis über Strukturen abstrakter Entitäten." [übersetzt von Google & Consul]

(Grossmann, Reinhardt. The Fourth Way: A Theory of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press, 1990. p. 131)

"Jubien beispielsweise setzt voraus, dass man abstrakte Dinge nicht wahrnehmen kann, und schlussfolgert, dass sie daher nicht „durch Ostension gegeben“ werden können: „Offenbar bietet die Methode der Ostension angesichts einer bewusst platonistischen Haltung wenig Hoffnung.“ Ein Teil dieser Position besteht darin, dass mathematische Entitäten nicht sinnlich wahrnehmbar sind“ (M. Jubien, “Ontology and Mathematical Truth”, S. 135).
Jubiens Bemerkung lenkt unsere Aufmerksamkeit auf eine weitere terminologische Frage. Was Jubien mit einer „platonistischen Haltung“ meint, ist offenbar der ontologische Platonismus, also die Auffassung, dass es abstrakte Entitäten gibt. Dieser Platonismus ist jedoch von dem im zweiten Satz erwähnten Platonismus zu unterscheiden, nämlich der Auffassung, dass abstrakte Entitäten nicht sinnlich wahrnehmbar sind. Bei Platon gehen diese beiden Ansichten natürlich Hand in Hand. Sie müssen aber nicht miteinander verbunden sein. Meine Philosophie ist ein gutes Beispiel dafür: Obwohl ich im ontologischen Sinne Platonist bin, lehne ich das ab, was ich das platonische Dogma genannt habe, nämlich die Auffassung, dass abstrakte Dinge nicht wahrgenommen werden können. Um Missverständnisse zu vermeiden, bezeichne ich mich als Realist (hinsichtlich abstrakter Entitäten) und auch als Empirist (hinsichtlich der Erkenntnis dieser abstrakten Dinge)." [übersetzt von Google]

(Grossmann, Reinhardt. The Fourth Way: A Theory of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press, 1990. pp. 240-1)

"Es gibt keine spezielle Art von geistigem Akt, der uns mit abstrakten oder mathematischen Dingen vertraut macht. Allein die Wahrnehmung, da sie propositional ist, macht uns sowohl mit individuellen Dingen als auch mit abstrakten Entitäten vertraut." [übersetzt von Google]

(Grossmann, Reinhardt. The Fourth Way: A Theory of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press, 1990. p. 248)

"Wenn Sie zwei Äpfel auf dem Tisch vor sich sehen, steht Ihr mentaler Sehakt in einer einzigartigen, nicht-kausalen Beziehung zu einer bestimmten Tatsache. Diese Beziehung besteht im Falle der Wahrnehmung stets zwischen einem Geist (mentaler Akt) einerseits und einem abstrakten Ding, nämlich einem Sachverhalt, andererseits. Es ist keineswegs richtig, dass nur konkrete Dinge wahrgenommen werden können; vielmehr können konkrete Dinge nur durch das Medium abstrakter Entitäten wahrgenommen werden. Nur als Bestandteile von Sachverhalten erscheinen konkrete Dinge dem Geist in der Wahrnehmung." [übersetzt von Google]

(Grossmann, Reinhardt. The Fourth Way: A Theory of Knowledge. Bloomington: Indiana University Press, 1990. p. 250)
"…Nach einer dritten Art von Argument muß die Weißheit von A deshalb eine Instanz sein, weil wir sie mit unseren Augen sehen. Denn was wir mit unseren eigenen Augen sehen können, muß immer in Raum und Zeit sein. Deshalb existiert die Farbe von A hier (wo A ist) und jetzt (während A existiert). Die Farbe von B andererseits, existiert dort (wo B ist) und jetzt (während B ist). Was man offensichtlich zu der gewünschten Schlußfolgerung benötigt, ist das Axiom der Lokalisierung. Nehmen wir einmal an, das Axiom der Lokalisierung träfe zu. Dann beruht das Argument auf der angeblichen Tatsache, daß das, was wir sehen (oder allgemeiner, was wir wahrnehmen), immer in Raum und Zeit lokalisiert ist. Es beruht deshalb auf einer erkenntnistheoretischen These. Ich denke, daß diese These falsch ist.

Was auf dem Spiel steht, ist eine gewisse (platonische) Konzeption der Wahrnehmung. Ich glaube, daß Wahrnehmung urteilsmäßig, nach der Aussage verfaßt ist: Immer nimmt man wahr, daß dies und jenes so oder so ist. Zum Beispiel nehme ich wahr, daß A weiß ist. In der Wahrnehmung, daß A weiß ist, nehme ich nicht nur die Billardkugel wahr, sondern ebenso die Farbe weiß. Und während die Billardkugel raumzeitlich ist, gilt dies nicht von der Farbe weiß. Daher ist es einfach nicht wahr, daß wir nichts anderes wahrnehmen können als raumzeitliche Dinge. Wir können abstrakte Dinge ebenso wahrnehmen, und wir tun es."

(Grossmann, Reinhardt. Die Existenz der Welt: Eine Einführung in die Ontologie. 2. Aufl. Frankfurt: Ontos, 2004. S. 50-1)
"…Das führt uns auf die Frage, wie eigentlich Sachverhalte uns zur Gegebenheit. kommen. Zunächst ergeben sich hier ja offenbar eigentümliche Schwierigkeiten. Nehmen wir unser Beispiel von dem Rotsein der Rose. Ich sage doch und jedermann sagt es ebenso, daß ich das Rotsein der Rose „sehe“, und ich meine damit – nicht etwa, daß ich die Rose oder das Rot sehe, sondern ich meine das von der roten Rose evident Verschiedene, welches wir als den Sachverhalt bezeichnen. Aber hier stellen sich uns Bedenken entgegen, sobald wir versuchen, uns von der Berechtigung dieser Redeweise zu überzeugen. Ich sehe vor mir die Rose, ich sehe auch das Rotmoment, welches an ihr sich befindet. Aber damit scheint doch erschöpft zu sein, was ich sehe. Ich mag meine Augen noch so scharf anstrengen, ein Rotsein der Rose kann ich auf diese Weise nicht entdecken. Und noch weniger kann ich negative Sachverhalte sehen, das nicht-weiß-sein der Rose oder dgl. Und doch meine ich etwas ganz Bestimmtes, wenn ich sage, „ich sehe, daß die Rose rot ist“ oder „ich sehe, daß sie nicht weiß ist“. Das ist ja keine leere Redensart, sondern stützt sich auf Erlebnisse, in denen uns solche Sachverhalte wirklich gegeben sind. Allerdings müssen sie in anderer Weise gegeben sein als die Rose und ihr Rot. So ist es in der Tat. Indem ich die rote Rose sehe, „erschaue“ ich ihr Rotsein, wird es von mir „erkannt“. Gegenstände werden gesehen oder geschaut, Sachverhalte dagegen werden erschaut oder erkannt. Man darf sich nicht beirren lassen durch die Redeweise, welche auch Gegenstände erkannt sein läßt, etwa „als“ Menschen oder Tiere. Hier liegt eine leicht zu durchschauende Äquivokation zugrunde. Dieses Erkennen im Sinne der begrifflichen Fassung ist etwas ganz anderes, als das Erkennen im Sinne des Sachverhalts-Erschauens. Auch in den angeführten Fällen werden keineswegs die Gegenstände in unserem Sinne erkannt, sondern allenfalls das Menschsein oder Tiersein dieser Gegenstände.
Diese Erwägungen gestatten ohne weiteres eine Verallgemeinerung auf alle Urteile, die auf Grund sinnlicher Wahrnehmung gefällt werden. Ob hier von Sichtbarem, Hörbarem oder Riechbarem die Rede ist, die entsprechenden Sachverhalte werden nicht gesehen oder gehört oder gerochen, sondern sie werden erkannt."

(Reinach, Adolf. "Zur Theorie des negativen Urteils." [1911.] Nachdr. in Gesammelte Schriften, hrsg. v. seinen Schülern, 56-120. Halle: Niemeyer, 1921. S. 86-7)

"Wie das Erkennen des Sachverhaltes sich gründet auf eine echte Wahrnehmung des Dinges, so gründet sich diese Vergegenwärtigung des Sachverhaltes auf eine bloße Vergegenwärtigung desselben Dinges. In der Vergegenwärtigung des Dinges an sich habe ich noch nicht die des Sachverhaltes. Wir haben ja gelernt, Dinge und Sachverhalte durchaus zu scheiden, und wir wissen, daß zu demselben Dingtatbestand eine ganze Fülle bestehender Sachverhalte gehört. Auf Grund der Vergegenwärtigung desselben Dinges kann ich mir das Rotsein einer Rose, das nicht-[89]gelb-sein derselben Rose usw. vergegenwärtigen."

(Reinach, Adolf. "Zur Theorie des negativen Urteils." [1911.] Nachdr. in Gesammelte Schriften, hrsg. v. seinen Schülern, 56-120. Halle: Niemeyer, 1921. S. 88-9)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2271
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Do 12. Feb 2026, 13:50

Consul hat geschrieben :
Do 12. Feb 2026, 13:31
…(Grossmann, Reinhardt. The Categorial Structure of the World. Bloomington: Indiana University Press, 1983. p. 35)
Kein Geringerer als David Armstrong schreibt:
"Dieses Buch, The Categorial Structure of the World [Die kategoriale Struktur der Welt], ist ein wichtiger Beitrag zur Metaphysik. Es handelt sich um eine systematische Ontologie mit empiristischer Ausrichtung, die versucht, eine allgemeine Theorie der Kategorien des Seins zu liefern." [übersetzt von DeepL]

(Armstrong, David M. "Reinhardt Grossmann's Ontology." 1985. Repr. in Studies in the Ontology of Reinhardt Grossmann, ed. by Javier Cumpa, 29-43. Frankfurt: Ontos, 2010. p. 29)
Es ist eine Schande, dass nur noch einige seltene Exemplare antiquarisch erworben werden können (meistens zu einem sehr hohen Preis), und dass es überhaupt keine deutsche Übersetzung gibt. Ich bin sehr froh, dass es mir gelungen ist, zumindest eine PDF-Version des Originals aufzutreiben.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2271
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Do 12. Feb 2026, 14:13

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 12. Feb 2026, 07:16
Nix „aber“ :-) „Armstrong ist ein Hauptvertreter von 2.“ Nichts anderes schreibe ich ja.

Und wenn er recht hat, dann können wir abstrakte Gegenstände sehen. Eine Farbe ist – nach meinem Verständnis dieser Sichtweise – abstrakt, weil sie nicht für sich allein existieren kann, sondern immer ein Substrat (einen Träger) benötigt, an dem sie vorkommt.

Ich stimme ihm allerdings nicht zu, dass es nur diese Form von Abstraktheit (und Universalien) gibt.
Wir haben hier einen Fall von verwirrender Doppelsinnigkeit/Mehrdeutigkeit in Bezug auf das Adjektiv "abstrakt"!

1. Aristotelisch-armstrongsche Universalien sind keine abstrakten Entitäten im platonistischen Sinn.

2. Wenn unter ontologischer Abstraktheit ontologische Abhängigkeit/Unselbstständigkeit verstanden wird, dann sind aristotelisch-armstrongsche Universalien in diesem Sinn abstrakte Entitäten, weil sie davon seinsabhängig sind, von Einzeldingen (Partikularien, Individuen) exemplifiziert/instanziiert zu werden (und darin lokalisiert zu sein). Das heißt, sie benötigen für ihr Sein substanzielle Substrate (Träger).
ABER: Zur Vermeidung von Missverständnissen wäre es hinsichtlich dieser Bedeutung besser, einfach von ontologischer Dependenz zu sprechen anstatt von "Abstraktheit", zumal sowohl Husserls "Momente" als "abstrakte Teile" als auch Williams' & Campbells "Tropen" als "abstrakte Partikularien" gar keine (abstrakten oder konkreten) Universalien sind, sondern (nichtsubstanzielle) Partikularien.



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Benutzeravatar
Consul
Beiträge: 2271
Registriert: Mo 29. Apr 2024, 00:13

Do 12. Feb 2026, 15:09

Consul hat geschrieben :
Do 12. Feb 2026, 13:31
"…Ich werde in einem späteren Kapitel argumentieren, dass Farben abstrakte Entitäten sind. Doch was kann ein Philosoph tun, der einerseits das Dogma der Lokalisierung akzeptiert und andererseits mit uns übereinstimmt, dass es abstrakte Entitäten gibt? Insbesondere, was soll er tun, wenn er gleichzeitig annimmt, dass Raum und Zeit Formen der Sinnlichkeit sind und dass die Farbe Blau eine abstrakte Entität ist? Nun, er kann Farbinstanzen erfinden, also konkrete Entitäten, die in irgendeiner Weise mit der universellen Farbe Blau verbunden sind. Mithilfe dieser Erfindung vermeidet er die unhaltbare Ansicht, Farben seien übersinnlich. Farbinstanzen sind, da sie konkret sind, sinnlich wahrnehmbar; und wir sprechen von diesen Entitäten, wenn wir von den Farben sprechen, die wir sehen. Die universellen Farben hingegen sind nicht sinnlich wahrnehmbar; diese Entitäten werden vom Verstand irgendwie erfasst. Neben der gewöhnlichen [sinnlichen] Anschauung gibt es eine weitere Art, die eidetische Intuition [Wesensschau] genannt wird, und diese Art macht uns mit abstrakten Entitäten vertraut. Dies ist natürlich Husserls Ausweg. …." [übersetzt von Google & Consul]

(Grossmann, Reinhardt. The Categorial Structure of the World. Bloomington: Indiana University Press, 1983. pp. 42-3)
Schon bei Platon finden sich Hinweise darauf, dass dieser nicht nur abstrakte, transzendente Universalien ("Formen", "Ideen") postuliert, sondern zusätzlich konkrete, immanente Partikularien, die als partikuläre, nichtuniverselle, nichtgenerelle Eigenschaften fungieren, als individuelle "Formkopien" (Silverman) in Raum und Zeit, welche sinnlich wahrgenommen werden und ursächlich wirksam sein können.
Grossmann lehnt die Einführung solcher Eigenschaftspartikularien jedoch ab!
"Ich denke, Platon sagt im Phaidon genug, um uns zu ermöglichen, eine Theorie der Partikularien und ihrer Wechselwirkung mit den Formen zu rekonstruieren. Der Schlüssel findet sich in der Passage, in der Platon die beiden metaphysischen Beziehungen des Seins und des Teilhabens postuliert. Bei der Entwicklung seiner Hypothese der Formen führt Platon eine dritte Sache ein (oder eine vierte, wenn wir die Seele mitzählen), die Formen-in-uns. Die Formen-in-uns sind Instanzen von Eigenschaften, z.B. das Große-in-Sokrates, das Schöne-in-Helena. Ich werde sie als „Formkopien” bezeichnen. Formkopien dienen als Vermittler zwischen den Formen, von denen sie Kopien sind, und den Partikularien, zu denen sie gehören. Formen sind nach meiner Auffassung also nicht in Partikularien vorhanden. Vielmehr sind Instanzen von Formen vorhanden: Ein Einzelwesen ist beispielsweise groß, wenn es eine Formkopie der Größe besitzt. Es besitzt diese Formkopie, weil es an der Größe selbst teilhat. Ich behaupte nicht, dass Platon im Phaidon eine gut entwickelte Theorie von Formkopien liefert. Ich nehme die Vorstellung ernst, dass in diesem Stadium seines Denkens die Lehre von den Formen und ihre logische Folge, die Formkopien, eine Hypothese ist, deren Implikationen Platon noch ausarbeiten muss. Mein Ziel ist es daher, eine rationale Rekonstruktion der Metaphysik des Phaidon vorzuschlagen. Von besonderem Interesse ist dabei das Problem der Unterscheidung oder Trennung einer Formkopie von der Form, deren Kopie sie ist, sowie sowohl der Formkopien als auch der Formen von den Partikularien." [übersetzt von DeepL & Consul]

(Silverman, Allan. The Dialectic of Essence: A Study of Plato’s Metaphysics. Princeton, NJ: Princeton University Press, 2002. p. 18)

"Es besteht kein Konsens darüber, ob [Formkopien] echte Mitglieder der Ontologie des Phaidon sind. Der andeutende Charakter der Hypothese der Formen und Platons Zurückhaltung, sich mit der Teilhabebeziehung zu befassen oder die „Logoi“ über der Hypothese zu untersuchen, schließen eine definitive Antwort auf diese Frage aus. Viele haben argumentiert, dass die sogenannten Formkopien nichts anderes sind als die Formen, die als den Partikularien inhärent oder immanent angesehen werden, die Partikularisierung/Individualisierung der Form oder Formen, wie sie in der Partizipationsbeziehung fungieren. Wenn Platon jedoch die Konsequenz vermeiden möchte, Formen und damit Essenzen direkt auf Partikularien zu beziehen, dann haben wir meiner Meinung nach einen zwingenden Grund dafür, dass er Formkopien in seine Ontologie aufnimmt. Ein zweiter Grund für die Annahme, dass Formkopien Elemente der Ontologie sind und nicht nur Partikularisierungen, die sich anhand von Formen und Partikularien erklären lassen, ist der angebliche Status der Seele. Die unsterblichen Seelen, die Platon beschäftigen, sind die individuellen Seelen, die im Wesentlichen das sind, was sie sind, und die sich zurückziehen und niemals vergehen. Die Hypothese der Formen, Formkopien und die cleveren aitia [formalen Ursachen] werden eingeführt und entwickelt, um die Lehre von unsterblichen individuellen Seelen zu stützen. Wie wir sehen werden, besteht die Schwierigkeit, Sokrates anhand seiner Formkopien und seine Formkopien anhand von Sokrates zu erklären, auch im Fall seiner Seele. Es scheint die Seele von Sokrates zu sein, die die relevante Materie durchdringt, um Sokrates entstehen zu lassen. Formkopien sind also die Eigenschaftsanaloga individueller Seelen." [übersetzt von DeepL & Consul]

(Silverman, Allan. The Dialectic of Essence: A Study of Plato's Metaphysics. Princeton, NJ: Princeton University Press, 2002. p. 95)

"[Formkopien] sind die „Tropen“, die in den 1920er Jahren von [George] Stout, in den 1950er Jahren von D. C. Williams und Wilfrid Sellars, und heute von verschiedenen Metaphysikern vertreten werden. Siehe D. C. Williams, „Elements“, Sellars, „Complex“, Campbell, Abstract [Particulars]." [übersetzt von DeepL]

(Silverman, Allan. The Dialectic of Essence: A Study of Plato’s Metaphysics. Princeton, NJ: Princeton University Press, 2002. p. 313n10)



"Wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst." – Juliane Werding

Antworten