Was ist Kunst?

Im Zuge der philosophischen und Debatten der letzten 30 Jahre sind Theorien des Schönen und philosophisch inspirierte Theorien medialer Erfahrungen zunehmend in den Vordergrund gerückt.
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Jörn Budesheim
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Sa 15. Jan 2022, 11:02

Was ist Kunst?

(Ich folge in der knappen Skizze dabei sehr vage einer Analyse des deutschen Philosophen Markus Gabriel.)

Nehmen wir als Beispiel eine Zeichnung. (Alles andere, was unter dem Begriff Kunst fällt, tut es auch, das wird im Laufe der Beschreibung hoffentlich deutlich werden.)

Ein Aspekt ist in diesem Fall der Zeichnung das Papier mit den Pigmenten darauf. (Wir können uns aber auch eine Bronzestatue vorstellen, ein Musikstück, ein Tanztheater, ein Konzept-Kunstwerk, immer muss es dieses "etwas" geben, in der Theoriesprache der Philosophie, die hier leider von der Alltagssprache abweicht, ist das "ein Individuum", etwas bestimmtes/besonderes, vereinfacht gesagt.) Dieses "Etwas" - im vorliegenden Fall also das Papier mit der Farbe darauf - ist jedoch keineswegs für sich allein genommen bereits das Kunstwerk. Es ist entscheidend, dass man diesen Punkt sieht.

Es braucht weitere Aspekte. Wichtig ist, dass das Kunstwerk sich selbst die "Regel" setzt. (Und nicht etwa der Künstler! Inwiefern das überhaupt möglich ist, wird man hoffentlich in dem darauf folgenden Punkt sehen) Das ist die berühmte Autonomie der Kunst. Gabriel spricht von der radikalen Autonomie der Kunst, um diese gegen die Autonomie im Sinne unserer ethisch/sittlichen Verfassung abzugrenzen. Das ist jedoch ein begriffs-technisches Detail, was wir hier nicht weiter vertiefen müssen, wie ich finde.

Der nächste Aspekt ist die "Aufführung". Um sich zu vergegenwärtigen, was damit gemeint ist, kann man sich probehalber die Zeichnung als eine Art Notation wie in der Musik vorstellen. Der Betrachter bzw die Betrachterin muss diese Notation bildlich gesprochen "auf der inneren Bühne" zur Aufführung bringen. Manches davon wird gleichsam automatisch geschehen, aber einiges bedarf gelegentlich auch einer gewissen bewussten Anstrengung bzw bewusster Fantasie. (Gabriel spricht daher auch von einer Interpretation - auch das soll der Verwendung des Begriffs in der Musik ähneln. Dasjenige, was man gemeinhin mit Interpretation meint, heißt bei Gabriel hingegen Deutung.) Wichtig ist zu sehen, dass diese "Rezeption", "Betrachtung" (eigentlich also Aufführung bzw Interpretation) nicht dem Kunstwerk gewissermaßen gegenübersteht, sondern ein konstitutiver Teil des Kunstwerkes selbst ist. Wir sind gewissermaßen immer mit im Bilde und das Bild ist nicht ohne uns. (Die Betrachtung eines Kunstwerkes ist also ontologisch etwas ganz in gar anderes als die Betrachtung eines Baumes.)




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Friederike
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Sa 15. Jan 2022, 17:37

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 15. Jan 2022, 11:02
Es braucht weitere Aspekte. Wichtig ist, dass das Kunstwerk sich selbst die "Regel" setzt. (Und nicht etwa der Künstler! Inwiefern das überhaupt möglich ist, wird man hoffentlich in dem darauf folgenden Punkt sehen) Das ist die berühmte Autonomie der Kunst. Gabriel spricht von der radikalen Autonomie der Kunst, um diese gegen die Autonomie im Sinne unserer ethisch/sittlichen Verfassung abzugrenzen. Das ist jedoch ein begriffs-technisches Detail, was wir hier nicht weiter vertiefen müssen, wie ich finde.
@Jörn, ich finde diesen Punkt total faszinierend ... vielleicht deswegen, weil ich keine Ahnung, nicht einmal eine Ahnung habe, was damit gemeint sein könnte. Eine konkrete Frage: "Sich selbst die Regel setzen" und dann fährst Du fort "inwiefern das überhaupt möglich ist, wird man hoffentlich usw.", das muß sich ja auf den Punkt "Aufführung" beziehen. Ich verstehe den Zusammenhang nicht. Abgesehen davon: Wenn ich das Bild "Schutzengel" von Dixon nehme, so bin ich mir nicht sicher, ob es Kitsch oder Kunst ist. Lassen wir die "Aufführung" weg, wie kann man das Kriterum "sich selbst die Regel setzen" auf dieses Bild anwenden. Wie erkennt man, ob das Bild sich selbst die Regel setzt und was heißt das genau?




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Jörn Budesheim
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So 16. Jan 2022, 07:24

Friederike hat geschrieben :
Sa 15. Jan 2022, 17:37
Ich verstehe den Zusammenhang nicht ...
Nehmen wir ein Kinderbuch. Das Papier im Buch mit Druckerschwärze darauf ist für sich allein genommen noch nicht das Kunstwerk. Die beiden anderen Aspekte sind, wie in dem Beitrag gestern skizziert, die radikale Autonomie und die Aufführung.

Zur Aufführung kann vieles verschiedenes zählen. Z.b. dass man sich das Buch selbst leise oder laut vorliest. Dass man - falls Figuren auftauchen - sie sich in irgendeiner Form ausmalt und vorstellt, dass man den Gang der Geschichte nachvollzieht, dass man die vielen unerzählten Dinge, die zum Verstehen/erleben notwendig sind, mithilfe der Fantasie ergänzt und so weiter und so fort.

Ich stelle mir dazu gerne eine Kind vor, das schon im Bett liegt und bei wenig Nachttisch-Licht noch ein paar Seiten in seinem Lieblingsbuch liest. In diesem Bild ist die Kunst (bildlich gesprochen) dort wo das Licht hinscheint. Die Kunst ist nicht im Buch, die Kunst ist nicht im Kopf, sie ist "in" der gesamten Situation, sie scheint "ortlos" auf. Sie ist im Erleben der Geschichte. Das kann man auch, wie oft üblich, die ästhetische Erfahrungen nennen.

Btw: Ein anderer Aspekt, dabei ist folgender: bei vielen (vielleicht nicht allen) ästhetischen Erfahrungen ist man gleichsam aus dem Alltag herausgehoben und begibt sich in eine Art Sondersituation, wo man genau diese ästhetischer Erfahrung sucht. Das Bett, die Couch; bei bildender Kunst vielleicht eine Galerie oder ein Museum; das Theater, eine Hinterhof-Bühne etc.pp.

Man muss diesen Punkt ungefähr verstehen, um nachvollziehen zu können, inwiefern das Kunstwerk sich selbst die Regel setzt. Künstler:innen sind ja im Grunde auch stets ihre ersten Rezipient:innen Und von daher sind sie - ähnlich wie das Kind bei der Gute-Nacht-Lektüre - vom Kunstwerk umfasst. Stellen wir uns den Prozess des Zeichnens vor. Dabei haben wir es mit einem äußerst komplexen Wechselspiel zu tun. Dazu gehören die Anatomie des Künstlers, die Materialität des Stiftes, die Oberfläche des Papiers, das, was auf dem Papier bereits zu sehen ist, die Fantasie, die Absichten der Künstler:innen, falls es solche gibt, die Kunstgeschichte "im Rücken", die Möglichkeiten vor Augen ... und vieles andere mehr.

Das ist noch mein Gefühl der Ort, wo sich die Regel selbst setzt. Nicht der Künstler oder die Künstlerin (für sich alleine genommen) sind autonom, sondern die Kunst selbst.




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Jörn Budesheim
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So 16. Jan 2022, 08:27

Friederike hat geschrieben :
Sa 15. Jan 2022, 17:37
was heißt das genau?
Jedes Kunstwerk ist eine Komposition, das heißt, es ist eine Zusammenstellung. Das können Worte oder Sätze sein, Farbflächen und Linien, Tonfolgen, Bewegungssequenzen und vieles andere mehr. Die Art und Weise, wie diese Dinge zusammengestellt sind, entspricht der Regel, die sich das Kunstwerk gegeben hat.




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Friederike
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So 16. Jan 2022, 13:25

Ich habe den Schlüssel, der mir Zugang zum Verstehen verschafft, noch nicht gefunden. Vertrackt schwierig finde ich den Ansatz von Gabriel. Flapsig gesagt, man muß total umdenken, anders denken als für gewöhnlich.

Es scheint nicht darum zu gehen, wie ich gestern dachte, daß man einzelne Objekte (Individuen) X, Y, Z vornimmt und sich überlegt, ob sie unter die genannten Kriterien fallen (Regel, Aufführung). Das geht schon deswegen, glaube ich, nicht, weil man die "Aufführung" weder von außen noch generell beurteilen kann. Wenn gerade niemand "betrachtet", dann fällt dieses Kriterium unter den Tisch. In den Bereich "Kunst" gerät ein Objekt nur unter der Voraussetzung, daß es Rezipient*innen gibt.

Und zum Folgenden die Frage:
Jörn hat geschrieben : Wichtig ist zu sehen, dass diese "Rezeption", "Betrachtung" (eigentlich also Aufführung bzw Interpretation) nicht dem Kunstwerk gewissermaßen gegenübersteht, sondern ein konstitutiver Teil des Kunstwerkes selbst ist. Wir sind gewissermaßen immer mit im Bilde und das Bild ist nicht ohne uns. (Die Betrachtung eines Kunstwerkes ist also ontologisch etwas ganz in gar anderes als die Betrachtung eines Baumes.)
"Ontologisch" anders, weil der oder die Betrachter*in notwendig dazu gehören, wenn ein wie auch immer geartetes Objekt in den Bereich "Kunst" fallen soll???




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Jörn Budesheim
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So 16. Jan 2022, 13:38

Friederike hat geschrieben :
So 16. Jan 2022, 13:25
Es scheint nicht darum zu gehen, wie ich gestern dachte, daß man einzelne Objekte (Individuen) X, Y, Z vornimmt und sich überlegt, ob sie unter die genannten Kriterien fallen (Regel, Aufführung).
Ganz genau, darum geht es nicht!

Das Stück Papier mit Farbe drauf ist für sich genommen nicht das Kunstwerk. Sondern erst, wenn es aufgeführt wird. Erst wenn es zu ästhetischen Erfahrung kommt, geschieht Kunst. Wenn man hingegen das gleiche Stück Materie mit naturwissenschaftlichen Methoden, sagen wir quantifizierend betrachtet, dann ist keine Kunst.

Erst wenn diese drei bzw vier Aspekte zusammenkommen, haben wir es mit Kunst zu tun. Die Formel dafür lautet: Kunstwerke sind radikal autonome, notwendig interpretierte Individuen.




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Friederike
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So 16. Jan 2022, 15:03

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 16. Jan 2022, 13:38
Das Stück Papier mit Farbe drauf ist für sich genommen nicht das Kunstwerk. Sondern erst, wenn es aufgeführt wird. Erst wenn es zu ästhetischen Erfahrung kommt, geschieht Kunst. Wenn man hingegen das gleiche Stück Materie mit naturwissenschaftlichen Methoden, sagen wir quantifizierend betrachtet, dann ist keine Kunst. Erst wenn diese drei bzw vier Aspekte zusammenkommen, haben wir es mit Kunst zu tun. Die Formel dafür lautet: Kunstwerke sind radikal autonome, notwendig interpretierte Individuen.
Ich ahne allmählich ... zur Verdeutlichung der "Ortlosigkeit", wie Du es am Beispiel der Kinderbuchlektüre nanntest, nehme ich Noten. Besser noch finde ich den Ausdruck "Vernetzung". Der Komponist schreibt Noten auf (die er oder sie als Hörkünstler sicher auch lautlos hören können), die Noten werden durch ein Orchester zur 1. Aufführung gebracht, und das zuhörende Publikum ist die 2. Aufführung. Das heißt, man hat hier eine doppelte Rezeption bzw. Deutung (Aufführung). Zugleich hat man aber auch die zweifache Künstlerschaft, den Notenschreibenden und das Orchester, das die Noten spielt. Insofern scheint mir Deine obige Formulierung "Kunst geschieht" Gabriels Verständnis von "Kunst" genau zu treffen. Es handelt sich um eine Bewegung verschiedener Aspekte und die Bewegungen innerhalb der 4 Aspekte.
:lol: Ja, das ist noch sehr unzulänglich und korrekturbedürftig, aber ich nähere mich ...




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Jörn Budesheim
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So 16. Jan 2022, 15:40

"Deutung" - das ist vielleicht nicht so wichtig. Deutung bedeutet bei Gabriel etwas anderes, ungefähr das, was wir üblicherweise eine Interpretation nennen nämlich. Nehmen wir an, man liest einen Roman und stellt sich beim Lesen all die Personen vor, führt die Erzählung auf und genießt die Lektüre :) das wäre die Interpretation bzw die Aufführung. Wenn man darüber hinaus versucht, die Struktur zu verstehen, versteckte Anspielungen deutet etc.pp, dann ist man bei der Deutung. Die Deutung gehört nicht notwendig zum Kunstwerk. Einfach bloß die Aufführung genießen, ist für Gabriel ein völlig legitimer Zugang zur Kunst.




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So 16. Jan 2022, 15:41

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 16. Jan 2022, 07:24
[...] Man muss diesen Punkt ungefähr verstehen, um nachvollziehen zu können, inwiefern das Kunstwerk sich selbst die Regel setzt. Künstler:innen sind ja im Grunde auch stets ihre ersten Rezipient:innen Und von daher sind sie - ähnlich wie das Kind bei der Gute-Nacht-Lektüre - vom Kunstwerk umfasst. Stellen wir uns den Prozess des Zeichnens vor. Dabei haben wir es mit einem äußerst komplexen Wechselspiel zu tun. Dazu gehören die Anatomie des Künstlers, die Materialität des Stiftes, die Oberfläche des Papiers, das, was auf dem Papier bereits zu sehen ist, die Fantasie, die Absichten der Künstler:innen, falls es solche gibt, die Kunstgeschichte "im Rücken", die Möglichkeiten vor Augen ... und vieles andere mehr. Das ist nach meinem Gefühl der Ort, wo sich die Regel selbst setzt. Nicht der Künstler oder die Künstlerin (für sich alleine genommen) sind autonom, sondern die Kunst selbst.
Eine Vernetzung, die ich übersehen hatte, die Künstler selbst als erste Rezipienten. Dies aber nur nebenbei. So, wie Du den Enstehungsprozeß hier beschreibst, finde ich die Formulierung "sich selbst die Regel setzen" nachvollziehbar und nicht mehr besonders anstößig.

Sperrig hingegen finde ich die Vorstellung, ein vollendetes Gedicht, das in irgendeiner Ecke vor sich hinstaubt, sei kein Kunstwerk. Ein Kunstwerk würde es erst, wenn ein Leser, eine Leserin sich fände. Gut, das ist ein anderes Verständnis von "Kunst", das den Hintergrund des Widerstrebens bildet. Wenn "Kunst" das Schöne und Erhabene ist, dann ist ein Kunstwerk ein Kunstwerk, unabhängig davon, an welchem Ort, in welcher Verfassung es sich befindet und ob es jemand "interpretiert".




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So 16. Jan 2022, 16:10

Diese Auffassung hat ein Problem mit der Kunstgeschichte. Denn jede Erklärung, was Kunst ist, muss ja jedes Kunstwerk erfassen können. Und das Problem deiner Auffassung sind meines Erachtens die Readymades. Die Readymades haben sehr viele Kunst Philosophen beschäftigt, weil sie nicht so ohne weiteres begrifflich zu fassen sind.

Zudem hast du mit deinem Gedicht auch ein kleines Problem, wenn es ohne "Rezipienten" also Aufführung auf kommen soll, wer hat es dann geschrieben?




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Jörn Budesheim
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Mo 17. Jan 2022, 06:15

Ein weiteres Problem, was sich mit dieser Position ergibt, ist, dass Kunstwerke (in gewissen Grenzen) etwas individuelles sind. Sowohl für die Aufführung als auch für eine mögliche Deutung bietet jedes Kunstwerk notwendig einen gewissen Spielraum, in den jeder Betrachter und jede Betrachterin anders einsteigen kann. Oder etwas anders, vielleicht besser ausgedrückt: jedes Kunstwerk ist dieser Spielraum und es ist erst, wenn jemand in diesem Spielraum eintritt und ist gleichsam kompletiert.




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Mo 17. Jan 2022, 10:35

@Jörn, ich komme im Augenblick nicht dazu, auf Deine weiteren Überlegungen einzugehen.




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Jörn Budesheim
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So 3. Dez 2023, 09:48

Ich habe heute einen weiteren Anlauf unternommen, den Begriff in ein paar Zeilen zu packen:

Was also ist Kunst? Die folgende kleine, verdichtete Skizze orientiert sich wie der Startbeitrag (hier natürlich etwas verkürzt) an dem entsprechenden Vorschlag des deutschen Philosophen Markus Gabriel. Nach seiner Auffassung, der ich mich anschließe, sind Kunstwerke (1) radikal autonome (2) Individuen, die (3) notwendig interpretiert werden.

Im Einzelnen: Kunst ist (1) radikal autonom, d.h. sie gibt sich ihre Gesetze selbst. Das jeweilige Gesetz, das sich ein Kunstwerk gibt, ist seine Komposition. Eine Komposition ist eine Zusammenstellung. Diese Zusammenstellung (2) individuiert jedes Kunstwerk im Unterschied zu den anderen. Die Radikalität der Autonomie, die zu den unterschiedlichsten Werken führt, kann leicht den Eindruck erwecken, es gäbe kein Wesen der Kunst. Aber gerade diese Verschiedenheit, diese radikale Autonomie gehört zum Wesen der Kunst. Um ein Beispiel zu nennen: Joseph Beuys hat keineswegs den Kunstbegriff erweitert, in seinen Objekten sind "nur" Dinge zusammengefügt, die vorher so nicht verwendet wurden. Er hat also keinen neuen Kunstbegriff eingeführt, sondern nur die Vielfalt der Kunst erweitert.

In dieser kurzen Beschreibung fehlt noch ein zentraler Punkt, nämlich der Aspekt der Aufführung. Jedes Kunstwerk muss - metaphorisch gesprochen - auf der Bühne des Bewusstseins aufgeführt werden. Gabriel nennt das in Anlehnung an Adorno (3) Interpretation, so wie ein Musikstück der Interpretation bedarf. Man kann hier auch - vielleicht etwas abweichend vom üblichen Sprachgebrauch - von ästhetischer Erfahrung sprechen. Was üblicherweise Interpretation genannt wird, ist bei Gabriel etwas anderes und heißt Deutung.

Keine Komposition kann die Interpretation vollständig bestimmen. Die Aufführung auf der Bühne des Bewusstseins, wenn man so will, bietet immer einen gewissen Spielraum, man spricht allgemein von der Offenheit der Kunst. Diese Aufführung bzw. Interpretation ist aber keineswegs beliebig, sie ist natürlich durch die Komposition begrenzt. Kunstwerke sind also nicht nur offen, sondern auch objektiv, zumindest in diesem Sinne der Nicht-Beliebigkeit.

Der Begriff Komposition klingt natürlich traditionell, man könnte meinen, er sei durch die Kritik am Werkbegriff obsolet geworden. Meines Erachtens bezieht sich diese Kritik aber nicht auf den Werkbegriff schlechthin, sondern nur auf bestimmte traditionelle Formen. Jedes Kunstwerk ist immer auch ein Werk in dem minimalen Sinne, dass verschiedenste Dinge zusammengefügt wurden, die dadurch eine Komposition bilden. Nehmen wir ein Beispiel, wo man vielleicht spontan sagen würde, hier liegt kein Werk vor: In der Kunsthalle Fridericianum in Kassel wurde einmal ein Werk ausgestellt, das darin bestand, dass die Mitarbeiterin am Empfang die Besucherin ohne jede Erklärung oder Vorwarnung mit einem vorher festgelegten Satz aus der Tageszeitung ansprachen. Das ist natürlich keine traditionelle Arbeit, die man in Papier einwickeln und mit nach Hause nehmen kann. Dennoch haben wir es mit einer Komposition zu tun. Verschiedene Dinge wurden zusammengefügt: der Text aus der Zeitung, die Situation am Eingang, verschiedene kunsthistorische Bezüge, sagen wir zur Erfindung der Readymades und vieles mehr.

Der Schlitten von Joseph Beuys in der Neuen Galerie Kassel ist eine Komposition. Zusammengesetzt aus einer alten Obstkiste, einem Draht, einem Stück Fett und vielleicht noch ein paar anderen Dingen, an die ich mich nicht mehr erinnere. Teil dieser Komposition ist auch der kunsthistorische Bezug, nämlich die "Erfindung" des Readymades durch Marcel Duchamp und Beuys' einschlägige Kritik daran. Mag sein, das auch gewisse Autofiktionen von Joseph Beuys Teil dieser Komposition sind, ich würde das jedenfalls vermuten. Darüber kann man natürlich streiten. Weiterer Teil der Komposition ist vielleicht auch die Platzierung des Objekts im besagten Beuys-Raum. Die neu erworbene Arbeit von Fritz Winter zwei Räume zuvor mag natürlich radikal anders erscheinen, aber auch sie ist eine Komposition, die ihre eigenen Gesetze hat, nämlich eine spezifische Anordnung von Farbflächen und Linien auf einem riesigen Malgrund, und sicher noch viel mehr. In der ursprünglichen, historischen Situation der ersten documenta nahm die Arbeit Bezug auf den Raum, indem sie gezeigt wurde.

Die radikale Autonomie führt zur Vielfalt der Werke, aber unterminiert nicht den Wesensbegriff der Kunst, unter den jedes Kunstwerk fällt.




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Stefanie
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So 3. Dez 2023, 20:03

Mir gefällt Dein Text sehr gut und er ist so geschrieben, dass man das Thema sehr gut versteht.



Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter.
Goethe

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Quk
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Mo 4. Dez 2023, 10:53

Auch mir leuchtet der Text ein und inspiriert mich zu neuen Fragen:

Ist Kunst wirklich ein Stück oder eher ein Zustand?

Wenn Kunst aufgeführt und erfahren werden muss, sind dann auch die derzeit im Keller eingewickelten Gemälde zum jetzigen Zeitpunkt Kunst?

Ich denke, man könnte diese Frage umgehen, indem die Verben "aufführen", "interpretieren" und so weiter in "bar"-Adjektive umgewandelt werden, damit die Möglichkeit zum Ausdruck kommt: Aufführbar, interpretierbar etc. So bleiben jene Stücke im menschenleeren, nächtlichen Museum auch zur Nachtzeit Kunst.

Ich meine diese Detail-Frage jetzt aber nicht als "Haar in der Suppe". Vielleicht geht es ja wirklich um einen Zustand der Aktivität. Ist diese abwesend, so ist vielleicht auch Kunst abwesend. Es muss ja kein Dauerzustand sein.




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Jörn Budesheim
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Mo 4. Dez 2023, 10:58

Quk hat geschrieben :
Mo 4. Dez 2023, 10:53
Ist Kunst wirklich ein Stück oder eher ein Zustand?
Darf ich fragen, worauf sich das bezieht?




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Quk
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Mo 4. Dez 2023, 11:29

Auf die Verben (und deren Substantivierungen) in diesem Abschnitt:
In dieser kurzen Beschreibung fehlt noch ein zentraler Punkt, nämlich der Aspekt der Aufführung. Jedes Kunstwerk muss - metaphorisch gesprochen - auf der Bühne des Bewusstseins aufgeführt werden. Gabriel nennt das in Anlehnung an Adorno (3) Interpretation, so wie ein Musikstück der Interpretation bedarf. Man kann hier auch - vielleicht etwas abweichend vom üblichen Sprachgebrauch - von ästhetischer Erfahrung sprechen. Was üblicherweise Interpretation genannt wird, ist bei Gabriel etwas anderes und heißt Deutung.
Sind das nicht Aktionen? Da sich eine Aktion auf einen Zeitabschnitt bezieht, und diese Aktionen notwendig zur Kunst gehören, ist Kunst nur während dieser aktiven Zeit tatsächlich Kunst. Demnach könnte man sagen, ein Stück der Kunst besteht nur während solch einer Aktion oder: Kunst sei überhaupt kein Stück im Sinn eines zeit-irrelevanten Gegenstands, sondern ein Zustand.




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Jörn Budesheim
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Mo 4. Dez 2023, 12:41

Quk hat geschrieben :
Mo 4. Dez 2023, 11:29
Da sich eine Aktion auf einen Zeitabschnitt bezieht, und diese Aktionen notwendig zur Kunst gehören, ist Kunst nur während dieser aktiven Zeit tatsächlich Kunst.
Ja, das ist eine Folge der Idee. Der Nachteil ist, wie du sagst, dass dann nachts keine Kunst in den Museen hängt. Das klingt kontraintuitiv. Mir gefällt deine Lösung dafür, zumindest auf den ersten Blick.




Artangriel
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Mo 11. Dez 2023, 11:57

Ich verstehe das, was du schreibst so Jörn: Kunst ist der Charakter im Leblosen.
Im weiteren Sinne ist Kunst also der Wert des Sachlichen, der über die Nützlichkeit oder Gebräuchlichkeit hinausgeht?




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Jörn Budesheim
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Mo 11. Dez 2023, 12:41

Artangriel hat geschrieben :
Mo 11. Dez 2023, 11:57
Kunst ist der Charakter im Leblosen
Kannst du das noch etwas erläutern?

Kunst ist für mich nicht leblos, das kann ich schon mal sagen. Es gibt (je nach Zählweise) drei oder vier notwendige Eigenschaften, die ein Kunstwerk haben muss, eine davon ist seine "Aufführung" durch den Rezipienten, auf diese Weise kommt meines Erachtens Leben ins Spiel.




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