Was ist Kunst?

Im Zuge der philosophischen und Debatten der letzten 30 Jahre sind Theorien des Schönen und philosophisch inspirierte Theorien medialer Erfahrungen zunehmend in den Vordergrund gerückt.
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Jörn Budesheim
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Bild Bild

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Zeit kann in Bildern auf verschiedene Weise eine Rolle spielen, aber die Arten und Weisen können ziemlich verschieden sein, wie diese kleine Bildauswahl zeigen soll.
  • Zeit in der Darstellung: Endlichkeit der Lebenszeit von Georg Schultz. Bewegung: das zweite Bild zeigt einen die Treppe hinabsteigenden Akt von Marcel Duchamp. Der Schwung der Schaukel wurde von Fragonard offensichtlich nicht in einem zufälligen Moment eingefangen. Die Jagdszene aus der Höhle stellt einen wichtigen Moment dar, nämlich die Konfrontation der Jägerinnen mit der Beute.
  • Zeitläufe beim Malen/Zeichnen/Produzieren: Bild Nr. 3 zeigt als "Action Painting" unter anderem die entschlossenen Bewegungen des Malers Willem de Kooning, oder?
  • Zeit der "Kunstgeschichte": All diese Bilder gehören verschiedenen "Epochen" an.
  • Zeit beim Betrachten: Das ist das Thema des Fadens. Die Bilder, die die Frau im Museum betrachtet (ich vermute Rubens), kann man sicher nicht auf einen Blick erfassen, und manche Aspekte erschließen sich erst, wenn man das dargestellte Thema kennt. Auch das ist ein Aspekt der Zeit, denn zu unterschiedlichen Zeiten dürften unterschiedliche Themen als bekannt vorausgesetzt sein!
  • ...
Das ist natürlich zunächst nur eine grobe Einteilung, vor allem wenn man sich auf das Bild eingelassen hat, werden sich wahrscheinlich viele verschiedene zeitliche Abläufe ergeben. Und natürlich kann die "Darstellung" von Zeit noch komplexer sein als skizziert. Wenn Vermeer eine "Briefleserin" zeigt, ist da nicht auch Zeit im Spiel? Man meint geradezu die stille Bewegung der Augen zu sehen, der Brief hat einen Weg hinter sich - vielleicht wurde er schon lange erwartet. Übrigens: Auch wenn die Zeit in der Darstellung keine Rolle zu spielen scheint, kann sie hintergründig bedeutsam sein: Werd ich zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön! Und manche Bilder kommen eben aus der Zukunft.




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Jörn Budesheim
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Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 16. Jan 2022, 07:24
Ich stelle mir dazu gerne eine Kind vor, das schon im Bett liegt und bei wenig Nachttisch-Licht noch ein paar Seiten in seinem Lieblingsbuch liest. In diesem Bild ist die Kunst (bildlich gesprochen) dort wo das Licht hinscheint. Die Kunst ist nicht im Buch, die Kunst ist nicht im Kopf, sie ist "in" der gesamten Situation, sie scheint "ortlos" auf. Sie ist im Erleben der Geschichte. Das kann man auch, wie oft üblich, die ästhetische Erfahrungen nennen.
Bei Facebook folge ich einem Nutzer, der regelmäßig autofiktionale Texte postet. Heute ging es um seine Leseerfahrungen als Kind, da hieß es: "Nicht einmal mich selbst bemerkte ich, denn ich war ja gar nicht mehr vor Ort. Ich war ja längst am Unort der Literatur." Die Kunst verschlingt uns oft. Bzw. die Kunst ist oft dieses Verschlungensein. In solchen Fällen vergessen wir uns selbst, das ist auch eine ziemlich seltsame zeitliche Erfahrung!




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Jörn Budesheim
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Fr 29. Mär 2024, 08:53

Wenn wir über die Zeit in einem Bild nachdenken, müssen wir dann automatisch von der Farbe abstrahieren?




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Quk
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Fr 29. Mär 2024, 09:07

Meinst Du ...

... der im Bild dargestellte Zeitpunkt?
... die im Bild dargestellte Zeitstrecke?
... die Zeit des Bildmachens?
... die Zeitstrecke der Bildalterung?
... ?

Wenn ein Bild Metaphern enthält -- dazu gehören wohl Farben, Formen, Kompositionen --, dann wird bei der Interpretation ohnehin abstrahiert, oder?

"Müssen"? Das kommt vermutlich auf das Ziel an. Meinst Du das Ziel, eine Interpretation zu vollenden?

"Nachdenken" kann "interpretieren" meinen, muss aber nicht.




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Fr 29. Mär 2024, 09:12

Quk hat geschrieben :
Fr 29. Mär 2024, 09:07
Meinst Du ...

... der im Bild dargestellte Zeitpunkt?
... die im Bild dargestellte Zeitstrecke?
... die Zeit des Bildmachens?
... die Zeitstrecke der Bildalterung?
... ?

Wenn ein Bild Metaphern enthält -- dazu gehören wohl Farben, Formen, Kompositionen --, dann wird bei der Interpretation ohnehin abstrahiert, oder?

"Müssen"? Das kommt vermutlich auf das Ziel an. Meinst Du das Ziel, eine Interpretation zu vollenden?

"Nachdenken" kann "interpretieren" meinen, muss aber nicht.
Ziel ist es, über die Zeit in ihren vielfältigen Erscheinungsformen im Zusammenhang mit der bildenden Kunst zu sprechen. "Muss" man dann von der Farbe abstrahieren, "ungefähr" in dem Sinne, dass man es sowieso "automatisch" macht? Wenn man so will, ein "bildlogischer Zusammenhang". Als ich das Bild von de Kooning betrachtete oder darüber nachdachte, kam mir das in den Sinn. Das ist ein wichtiger Punkt, denn das Bild lebt ja sehr von der Farbe. Die expressiven Bewegungen, die das Bild ausmachen sind das eine, die Farbe sind das andere, unterscheiden kann man das natürlich nur begrifflich. Ich kann aber über die Bewegungen sprechen, ohne über die Farben zu sprechen.




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Fr 29. Mär 2024, 09:27

Hier noch ein Nachtrag, der mir wichtig ist, aus dem Faden von Nauplios - es gibt nämlich sicher oft Kunstwerke, die man augenblicklich liebt oder wie immer man es nennen will. Im Grunde ist das auch eine Zeiterfahrung.
Nauplios hat geschrieben :
Mo 25. Mär 2024, 20:15
Erblickt man ein Kunstwerk oder betrachtet man es?
Natürlich kann ich mit dem Unterschied zwischen "Sehen und Betrachten", der in dem fraglichen Startbeitrag stark gemacht werden soll, etwas anfangen, keine Frage: das ist sinnvoll. Ich glaube aber, dass es auch Kunstwerke gibt, die einem augenblicklich den Atem rauben, Liebe auf den ersten Blick sozusagen, entscheidend ist, ob diese "Verliebtheit" der Betrachtung standhält, wenn ja, wird sie in der Regel vertieft, wenn nein, folgt eine Enttäuschung.




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Fr 29. Mär 2024, 09:56

Ich habe eine Formulierung von Paul Klee im Kopf, sinngemäß: "im Bild spazieren gehen". Auch eine Zeiterfahrung, oder? Auf der Suche danach habe ich folgende Seite gefunden:
Taking a Line for a Walk

Eine Ausstellung mit Werken von Olav Christopher Jenssen, Paul Klee, Jonathan Lasker, Brice Marden, Henri Michaux, Mark Tobey, Cy Twombly und Christopher Wool.

Wie Paul Klee Punkte in Bewegung versetzte oder «Linien spazieren führte» und so ganz eigene Schriftzeichen und Symbolhaftes entwarf, ist Ausgangspunkt dieser Ausstellung. Mit Bildern namhafter Künstler, die den amerikanischen und europäischen Strömungen bzw. Ausläufern des abstrakten Expressionismus zuzurechnen sind, schlägt sie den Bogen von Klee bis zur Gegenwart...

https://www.zpk.org/de/ausstellungen/ru ... k-658.html




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Jörn Budesheim
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Fr 29. Mär 2024, 10:01

Gedankensplitter: in der zeitgenössischen Kunst spielen natürlich Videos eine große Rolle. Man könnte meinen, dass diese für die ästhetische Zeit-Erfahrung sogar eher geeignet sind. Ich kann mir aber vorstellen, dass sie bestimmte Zeit-Erfahrungen gar nicht zulassen, weil die Betrachterin viel stärker an das "Medium" (oder sagen wir: das Material) gebunden ist.




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Fr 29. Mär 2024, 15:11

Wer ist online? Mitglieder in diesem Forum: Jörn Budesheim und 23 Gäste
Erwischt: Die Forensoftware zeigt an, wer sich gerade in diesem Bereich aufhält. Und es sind im Moment viele Gäste da! Also auf geht's, anmelden ist ganz einfach und dann mitdiskutieren :)




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Quk
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Fr 29. Mär 2024, 15:26

Können Bots diskutieren? :-)




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Jörn Budesheim
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Manchmal sind auch echte Gäste da, und die spreche ich an.




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Jörn Budesheim
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Sa 30. Mär 2024, 07:25

Salutitutti hat geschrieben :
So 24. Mär 2024, 18:44
Zur Frage, was der Mensch ist, ein weiterer Aspekt: Der Mensch ist ein Lebewesen, das um seine Sterblichkeit weiss.
Bild

In diesem Bild hat der Künstler nicht mit Symbolen gespart, die auf unsere Vergänglichkeit hinweisen: in der Mitte natürlich der Totenschädel, dahinter die umgestürzte und nicht mehr brennende Kerze, die Uhr, die vielleicht abgelaufen ist, der Schriftzug "emigrandum"* und auch die Blumen, die in der Kunst oft für Vergänglichkeit stehen, vielleicht weil sie nur kurz blühen. Einige Blätter sind bereits abgefallen. Die Symbolik der Muschel, wenn es denn eine Muschel ist, ist mir unbekannt.

Lesezeit und Lebenszeit: Um diese Bedeutungen zu erfassen, braucht es Zeit. Steht diese "Lesezeit" in einem inneren/inhaltlichen Zusammenhang mit der dargestellten Zeitproblematik der Endlichkeit der Lebenszeit?
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 29. Mär 2024, 08:53
Wenn wir über die Zeit in einem Bild nachdenken, müssen wir dann automatisch von der Farbe abstrahieren?
Farbe und Zeit: Die insgesamt dunklen Farben - man hat im Wesentlichen das Gefühl, Schwarz und Brauntöne zu sehen - könnten durchaus etwas mit dem Thema zu tun haben, da sie nicht mehr lebendig hell und leuchtend (die Kerze ist erloschen) erscheinen, oder?

*emigrandum: Gerundivum, Gerundium (Akk.)
(1) auswandern
(2) sterben




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Jörn Budesheim
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Sa 30. Mär 2024, 08:11

Bild

Der abstrakte amerikanische Expressionismus, der sich etwa Mitte des letzten Jahrhunderts entwickelt hat, wurde zum Symbol amerikanischer künstlerischer Freiheit und Innovation.

Seit den 1980er Jahren gehen etliche Kunsthistoriker:innen davon aus, dass die Bewegung von der CIA für den Kalten Krieg instrumentalisiert wurde. Durch gezielte Programme finanzierte die CIA Ausstellungen, kaufte Kunstwerke und unterstützte Künstler*innen. Dies geschah, um die kulturelle Überlegenheit der USA und des Westens gegenüber der so genannten Staatskunst der Sowjetunion im Kalten Krieg zu betonen. Der Abstrakte Expressionismus, bei dem keine politische Aussage im Vordergrund stand, eignete sich offenbar besonders gut für eine entsprechende Instrumentalisierung. Auf der zweiten documenta in Kassel hatten diese Künstler (ich vermute, eine Frau war nicht dabei) einen großen Auftritt.

Mitte der 80er Jahre, noch während meines Kunststudiums, habe ich "Wie New York Paris die Idee der Modernen Kunst stahl, Abstrakter Expressionismus, Freiheit und Kalter Krieg" gelesen. Als absoluter de-Kooning-Fan war das fast ein Schock für mich. Dennoch haben seine Bilder heute für mich nichts von ihrer Kraft verloren. Ich erwähne diesen Zusammenhang hier, weil das natürlich auch ein zeitlicher Zusammenhang ist.




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Jörn Budesheim
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Sa 30. Mär 2024, 08:42

Nauplios hat geschrieben :
Mo 25. Mär 2024, 20:15
Erblickt man ein Kunstwerk oder betrachtet man es?
Das erste, was mir eigentlich bei dieser Frage in den Sinn kam, war die "Gegenfrage" ob wir das Kunstwerk erblicken oder es uns. Eine der bekanntesten Zeilen bei Rilke lautet schließlich: "... denn da ist keine Stelle, die dich nicht sieht."
Rilke hat geschrieben : Archaïscher Torso Apollos

Wir kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,

sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.

Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;

und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
Der Ausdruck Kandelaber - zu finden auf Google - stammt aus dem 18. Jahrhundert. Es kommt vom französischen Wort "candélabre", was so viel wie "Leuchter" bedeutet. Das hat seinen Ursprung im lateinischen "candelabrum", das wiederum von "candela" abgeleitet ist, was Kerze bedeutet. Das Verb "candere" bedeutet "zu glänzen". Ein Kandelaber ist im Grunde genommen ein Leuchter, der oft mehrere Kerzen oder Lampen trägt. Damit gibt es einen, wenn auch vagen Zusammenhang mit dem Vanitas-Gemälde weiter oben, wo zum Zeichen der Vergänglichkeit eine umgefallene Kerze zu sehen ist.

----

Falls es sich jemand fragt: Ich habe meine Beiträge übrigens aus dem Faden von Nauplios ausgelagert, weil ich keine Lust hatte auf eine Dauerdiskussion zum Thema Rezeptionsästhetik, mich hat eher die Frage nach der Zeit und den Blicken interessiert. Besser wäre es dann natürlich gewesen, ich hätte meine Vorbehalte gegen die Rezeptionsästhetik gar nicht erwähnt, aber dafür ist es natürlich jetzt nachträglich zu spät :)

In dem Buch von Grave taucht übrigens der Begriff "rezeptionsästhetische Temporalität" gefühlt auf jeder Seite auf :) man hat das Gefühl, er will ihn unbedingt im Kreis der Kunstwissenschaftler:innen etablieren. Das nervt zwar zunächst, aber man kann in dem Buch dennoch mit Gewinn lesen.




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Quk
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Sa 30. Mär 2024, 10:50

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 30. Mär 2024, 07:25
Farbe und Zeit: Die insgesamt dunklen Farben - man hat im Wesentlichen das Gefühl, Schwarz und Brauntöne zu sehen - könnten durchaus etwas mit dem Thema zu tun haben, da sie nicht mehr lebendig hell und leuchtend (die Kerze ist erloschen) erscheinen, oder?
Am rechten Bildrand sind auch rote Elemente; rote Blüten, die am Vertrocknen sind. Das sehe ich als Metapher für ein blutiges Ende oder als Reste eines liebevollen Lebens. Rot ist das Feuer; es ist heiß, und heiß ist das Blut, das Leben, die Liebe.

Die rote Blüte oben rechts sieht geradezu aus wie küssende Lippen ... Und der Schädel sieht diese Lippen an und lächelt ...




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Sa 30. Mär 2024, 11:43

Quk hat geschrieben :
Sa 30. Mär 2024, 10:50
Am rechten Bildrand sind [nicht nur dunklen Farben sondern] auch rote Elemente; rote Blüten, die am Vertrocknen sind. Das sehe ich als Metapher für ein blutiges Ende oder als Reste eines liebevollen Lebens. Rot ist das Feuer; es ist heiß, und heiß ist das Blut, das Leben, die Liebe.

Die rote Blüte oben rechts sieht geradezu aus wie küssende Lippen ... Und der Schädel sieht diese Lippen an und lächelt ...
Johannes Grave hat geschrieben : Wenn Betrachter Relationen zwischen Motiven und deren möglichen Referenzen herstellen, vollziehen sie keineswegs nur Bezüge nach, die bereits vom Bildproduzenten intendiert waren. Vielmehr sehen sich Bildbetrachter einer unabgeschlossenen Vielzahl an Optionen und Kombinationen gegenüber, von denen sie einige ergreifen, im Prozess der Bildbetrachtung nicht selten aber auch wieder revidieren. Die konkrete Gestaltung eines Bildes kann bereits auf dieser Ebene in erheblichem Maße die Zeit der Betrachtung beeinflussen: Je vielfältiger und offener solche Angebote der Relationierung ausfallen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Betrachter mehrere Optionen erproben. Ein besonderes Potenzial zur Dehnung der Zeitspanne der Bildbetrachtung bergen unbestimmte, vieldeutige oder ‹verrätselte› Erscheinungen des Dargestellten. Und zusätzlich verschärfen lassen sich derartige Verstrickungen von Betrachtern in ein Bild, wenn die Zusammenstellung verschiedener im Bild erscheinender Phänomene widersprüchlich ist. Unbestimmte, mehrdeutige oder widersprüchlich anmutende Erscheinungen haben zur Folge, dass die Betrachter ihre Beschäftigung mit dem Bild nicht rasch abschließen können, sondern verschiedene Sicht- und Verständnisweisen gegeneinander abwägen müssen.




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Sa 30. Mär 2024, 12:39

Ja, so läuft das wohl.

Wer ist Greve?




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Sa 30. Mär 2024, 12:44

Nur ein Schreibfehler, gemeint ist der Autor des Buchs "Bild und Zeit" Johannes Grave. Nauplios hat ihn in seinem Faden wiederholt zitiert, und ich habe das Buch auch. Ich korrigiere das gleich mal.




Salutitutti
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Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 30. Mär 2024, 07:25
Salutitutti hat geschrieben :
So 24. Mär 2024, 18:44
Zur Frage, was der Mensch ist, ein weiterer Aspekt: Der Mensch ist ein Lebewesen, das um seine Sterblichkeit weiss.
Bild
...

Lesezeit und Lebenszeit: Um diese Bedeutungen zu erfassen, braucht es Zeit. Steht diese "Lesezeit" in einem inneren/inhaltlichen Zusammenhang mit der dargestellten Zeitproblematik der Endlichkeit der Lebenszeit?
Vermutlich gibt es einen Zusammenhang zwischen "Lesezeit" und "Lebenszeit", und auch Betrachtungszeit. Beim Betrachten von Kunst scheint die Zeit ganz anders zu verlaufen als beim Warten auf Godo. Ein Kunstwerk fordert ein; dass wir unsere Endlichkeit (in der Form zeitlich knapper Ressourcen) suspendieren, wenigstens beiseite legen, und uns einlassen auf eine Bedeutungssrelatiion, in der Zeit eine untergeordnete Rolle spielt: Je tiefer wir einsinken in die Gedanken beim Betrachten des Kunstwerks oder beim Lesen von Texten, desto deutlicher fühlen wir, dass Zeit zwischen mir und dem Betrachteten keine wesentliche Rolle spielt. Wir können ganz gut vor etwas stehen, das uns anregt zu denken - mit ihm und ihm entlang, und Zeit einfach ausblenden. Nicht, dass sie stehen bliebe, aber es ist, als würde die Bedeutung, die in den Dingen und so auch in Kunstwerken schwingt, nicht von Entropie erfasst werden. Als hätte sie die Zeit überdauernde Eigenschaften? So, als trotze das Kunstwerk dem basalen Umstand, dass es aus Atomen oder andere physikalischen Dingen besteht, um sich mit vollem Wesen einzulassen auf uns, die wir doch nie Zeit haben wollen.

]Bild
(Lutz Friedel, 2011)

Mischt der Tod mit?




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Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 30. Mär 2024, 12:44
Nur ein Schreibfehler, gemeint ist der Autor des Buchs "Bild und Zeit" Johannes Grave.
Hier kann man ihn sich mal anschauen, dabei geht es unter anderem um ein Werk von Caspar David Friedrich.



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