Künstlerische Intelligenz

Im Zuge der philosophischen und Debatten der letzten 30 Jahre sind Theorien des Schönen und philosophisch inspirierte Theorien medialer Erfahrungen zunehmend in den Vordergrund gerückt.
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Jörn Budesheim
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So 25. Dez 2022, 18:46

Timberlake hat geschrieben :
So 25. Dez 2022, 18:38
Ich denke mal , weil auch in diesem Zitat von Menke der Begriff auftaucht, der Schlüssel zum Verständniss von Menkes Nichtkönnen liegt in der Begeisterung
Hast du die entsprechenden Passagen in dem Buch gelesen?




Timberlake
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So 25. Dez 2022, 18:58

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 25. Dez 2022, 18:46
Timberlake hat geschrieben :
So 25. Dez 2022, 18:38
Ich denke mal , weil auch in diesem Zitat von Menke der Begriff auftaucht, der Schlüssel zum Verständniss von Menkes Nichtkönnen liegt in der Begeisterung
Hast du die entsprechenden Passagen in dem Buch gelesen?
Mir ist das lediglich bei den von dir zitierten Passagen aufgefallen ..
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mi 21. Dez 2022, 19:10


Ein denkbarer Ausgangspunkt ist meines Erachtens ein alter Topos. Dazu habe ich mal ein paar Zitate aus dem Buch von Menke kopiert:

...

"Nach Sokrates ist Dichten »jedenfalls […] kein Wissen, kein Können, das über sich selbst und seine Wahrheit Rechenschaft zu geben vermöchte«

"Das Dichten, und generell das, was wir »Kunst« nennen, ist für Sokrates keine Kunst: nicht die selbstbewußte, kontrollierte Ausübung eines durch Übungen erworbenen praktischen Vermögens. Dichten geschieht vielmehr in Besessenheit und aus Begeisterung. Daher ist auch der Dichter kein »Subjekt« im zuvor verwendeten Sinn des Ausdrucks: kein Könner; nicht jemand, der durch seine Vermögen etwas gelingen lassen oder ermöglichen kann. Im Dichten ereignet sich ein Verlust der Subjektivität."

Der Gedanke, dass Dichten kein Können ist im Sinne einer Regel geleiteten Fähigkeit, ist, wenn Menke recht hat, eine ganz alte Vorstellung. Kunst kommt nach diesem Bild wortwörtlich vom "Nichtkönnen". Da stellt sich natürlich die Frage, wie ist es dennoch möglich. Gemäß Menke hält Sokrates es für eine göttliche 'Gabe': "Nach Sokrates ist Dichten »göttlicher Wahnsinn und Besessenheit«."


Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 25. Dez 2022, 09:09

Menke hat geschrieben : Das ist die These, die in der Umwertung steckt, die Nietzsche an Sokrates’ Einsicht in die philosophische Unbegreifbarkeit der Kunst vorgenommen hat: Dichten ist nur deshalb möglich, kann nur deshalb ein Kunstwerk hervorbringen, weil es nicht die Form eines Machens hat, das wir so (und deshalb) verstehen können, daß es die Anwendung eines praktischen Wissens, die Ausübung übend erworbener Vermögen ist [...] Die künstlerische Tätigkeit geschieht aus Begeisterung; sie gelingt, das heißt: bringt ein Kunstwerk hervor, indem sie mit der Praxis selbstbewußten Machens bricht.




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Jörn Budesheim
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So 25. Dez 2022, 19:00

Timberlake hat geschrieben :
So 25. Dez 2022, 18:38
Ein Dilettant oder wie immer man es nennen mag, wird das, was er erwiesener Maßen nicht kann, ganz sicher nicht mit Begeisterung tun.
Warum? Ich glaube, Dilettanten machen das, was sie tun, oft mit größter Begeisterung.




Nauplios
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So 25. Dez 2022, 19:43

In diesem Aufsatz von Berthold Hub geht es u.a. auch um das Nicht-Wissen des Künstlers vor dem Hintergrund der platonischen Mimesis-Konzeption. Ich könnte mir vorstellen, daß Menke diesen "alten Topos" meint, den Sokrates etwa in der Politeia vorbringt (Kunst als Nachahmung dritter Ordnung, als Abbild eines Abbilds, dem ein Urbild zugrunde liegt, also eine Abbildungshierarchie mit Ursprünglichkeitsgefälle):

Platon und die bildende Kunst. Eine Revision




Nauplios
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So 25. Dez 2022, 20:00

Aus dem obigen Aufsatz:

"Was ein Maler macht, das kann jedes Kind; dazu benötigt es bloß einen Spiegel, den es mal hierhin, mal dorthin hält. Der Maler ist also ein Tausendsassa, aber nicht kraft Wissens, sondern kraft Nicht-Wissens, und dadurch dass er den Weg des Scheins beschreitet. Denn was auf diese Weise hergestellt wird, sind nur 'Erscheinungen', aber keine 'wahren Dinge' (596 e). Wenn ein Maler beispielsweise einen Stuhl malt, haben wir es mit drei Stühlen zu tun: der eine, 'der in der Natur ist und von Gott gemacht ist' (597 b), jenen, den der Zimmermann herstellt, und jenen, den der Maler macht. Gott hat logischerweise nur eine Idee des Stuhles geschaffen, 'welche ist, was der Stuhl als solcher wirklich ist', denn 'hätte er auch nur zwei gemacht … so würde sich darüber wieder ein dritter zeigen, an dessen Idee jene beiden anderen wiederum Anteil hätten, und dann wäre es jener und nicht die anderen beiden, welcher das ist, was der Stuhl als solcher wirklich ist' (597 c). Gott kann nur jeweils eine Idee geschaffen haben, sonst wäre die Frage nach der Herkunft einem unendlichen Regress ausgesetzt. Gott ist der Hersteller des einzigen wahrhaft seienden Stuhles. Der Handwerker dagegen verfertigt einen beliebigen, konkreten und sinnlich erfahrbaren Stuhl 'mit Blick auf die göttliche Idee' des Stuhles, kann also immer nur einen dieser Idee ähnlichen oder ihr angenäherten Stuhl herstellen, 'etwas, das dem (wahrhaft) Seienden nur gleicht, es aber nicht ist', ein Werk, das 'im Vergleich zu der Wahrheit etwas Trübes ist' (597 a). Der Maler aber kann nicht als Verfertiger eines solchen Gegenstandes gelten. Er ist nur 'Nachahmer des Gegenstandes, von dem jene die Hersteller sind' (597 e). Der Maler ist also Nachahmer einer Nachahmung und deshalb 'Urheber des auf dritter Stufe abwärts von der reinen Wirklichkeit stehenden Erzeugnisses'. Dasselbe gelte für die Tragödiendichter 'und ebenso alle übrigen Nachahmer'; sie alle befinden sich 'drei Stufen abwärts vom König und von der Wahrheit' (ibid.). Für den Fall des Malers wird dann noch einmal eigens hervorgehoben, dass er keinesfalls Nachahmer der Ideen (des einzig wirklich und wahrhaft Seienden) sein kann, sondern nur Nachahmer der Erzeugnisse der Handwerker, und obendrein der Werke der Handwerker nicht so, wie sie sind, sondern bloß so, wie sie erscheinen, was Sokrates seinem Gesprächspartner folgendermaßen verdeutlicht: 'Einen Stuhl, ob du ihn von der Seite oder von vorn anschaust oder von wo aus immer, ist doch nicht etwa von sich selbst verschieden. Vielmehr verhält es sich doch wohl so, dass er zwar nicht von sich selbst verschieden ist, wohl aber verschieden erscheint?' (598 a). Und dasselbe gelte für alle anderen Gegenstände, die der Maler zur Darstellung bringen mag." -

Was Platon bei seiner Dreiteilung der Nachahmung natürlich noch nicht gegenwärtig war: daß durch die Nachahmung (Jörn Budesheim) einer Nachahmung (Giotto) einer Nachahmung (Handwerker) eines Urbilds (Gott) die Nachahmungskette ein weiteres Glied bekommen könnte, die Nachahmung vierter Ordnung, durch deren Installation im Wirklichkeitsgefüge die Strahlkraft religiöser Verbindlichkeit zwangsläufig verblassen mußte. ;)




Timberlake
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So 25. Dez 2022, 20:00

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 25. Dez 2022, 19:00
Timberlake hat geschrieben :
So 25. Dez 2022, 18:38
Ein Dilettant oder wie immer man es nennen mag, wird das, was er erwiesener Maßen nicht kann, ganz sicher nicht mit Begeisterung tun.
Warum? Ich glaube, Dilettanten machen das, was sie tun, oft mit größter Begeisterung.
Dazu ein Beispiel

Weil hier schon mal vom Tanz die Rede war . Wie es sich seiner Zeit so gehörte, so haben mich meine Eltern beim Tanzunterricht angemeldet. Nur leider hat sich während dessen schon sehr bald herausgestellt , dass ich dafür alles andere, als geeignet bin. Es sei denn man bringt es fertig einen Walzer im Viervierteltakt oder auch was immer zu tanzen. Weil der Abschlussball darauf hin nur in einer Blamage meinerseits und natürlich der Tanzpartnerin enden konnte, so hat man dann auch in Absprache mit dem Tanzlehrer beschlossen , mich aus dem Tanzunterricht heraus zu nehmen. Auch das Marschieren im Gleichschritt in der Armee hat mich übrigens buchstäblich übermenschliche Anstrengungen gekostet. Dort war das mit dem Herausnehmen allerdings nicht so einfach

Ich kann dir versichern , als Dilettant zumindest auf diesem Gebiet, war ich alles andere als Begeistert vom Tanzen und deshalb glaube ich eher nicht , das was Dilettanten machen , sie oft mit größter Begeisterung tun. Zumindest wenn sie auf ihr Tun solche Rückmeldungen bekommen, wie ich sie beispielsweise vom Tanzlehrer erfahren durfte.

Wenn es denn um die Beurteilung von "Künstlerische Intelligenz" geht, so würde ich mir übrigens mit unter schon einen solchen objektiven "Tanzlehrer" wünschen , der dergleichen als Dilettantismus entlarvt. Gemäß "Kindermund tut Wahrheit kund" reicht möglicherweise auch schon die "Expertise" eine Kindes.




Nick Nickless
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Mo 26. Dez 2022, 11:48

Nauplios hat geschrieben :
So 25. Dez 2022, 20:00
Was Platon bei seiner Dreiteilung der Nachahmung natürlich noch nicht gegenwärtig war: daß durch die Nachahmung (Jörn Budesheim) einer Nachahmung (Giotto) einer Nachahmung (Handwerker) eines Urbilds (Gott) die Nachahmungskette ein weiteres Glied bekommen könnte, die Nachahmung vierter Ordnung, durch deren Installation im Wirklichkeitsgefüge die Strahlkraft religiöser Verbindlichkeit zwangsläufig verblassen mußte. ;)
Wenn Nachahmung nur schlicht am Faden der abstrakten Identität, und immer ein bisschen weniger, entlang gedacht wird, kann das natürlich nie etwas werden. Man darf Platon auch nicht auf seinen frühen (wo das Nachbild, das Leben, dann nur noch eine Krankheit ist) oder mittleren (die Stufenleiter vom Sein zum Nichts) Eleatismus festnageln, der ja bekanntlich essenziell kunstfeindlich ist und Homer aus seinem Staat verweist. Wenn man die Mimesis sucht, dann muss man sich schon auf den späten Platon einlassen, den des »Vatermords« an Parmenides (also am Eleatismus), der sich der Gigantomachie von Idee und Materie oder Oben und Unten verweigert und stattdessen (andeutungsweise) in die Dialektik von Sein und Schein einsteigt, und damit auch das Verhältnis von Ideenlehre und Sophistik (der Scheinkünstelei) neu zu bestimmen sucht (im Sophistes). Dem Eleatismus, der gerade auch heute die Köpfe regiert, ist der Schein gegenüber dem Sein etwas ganz Gleichgültiges, Wesenloses, man kann ihn im Grunde noch nicht einmal aussprechen, ohne sich zu widersprechen; damit ist dann Kunst immer nur eine schlechte, ja widersinnige Kopie des Originals (oder gleich etwas ganz Irrationales), eine Arbeit, die der denkende Mensch dann der KI überlässt.




Melissos
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Mo 26. Dez 2022, 13:18

Nur als zusätzliche Inspiration für den Thread gemeint:
Die Aufgabe einer pragmatischen Philosophie der Kunst ist es, zwischen den als differenzierten Formen der Erfahrung verstandenen Kunstwerken und der Alltagserfahrung eine erneute Kontinuität herzustellen. Ein Kunstwerk wird zu ästhetischer Erfahrung, wenn es im Rezipienten eine Erfahrung auslöst, es soll von einer wechselseitigen Erhellung der Funktionen Kunst und Erfahrung auszugehen sein. Das Kunstwerk bestimmt und entfaltet die Werte der Interaktion des Menschen mit seiner Umwelt und führt zum einen zu einer Steigerung des Daseinsgefühls, zum anderen zu einer wachsenden intellektuellen Durchdringung der Daseinsbedingungen. Die alltägliche Erfahrung ist Repertoire und Regulativ, gleichzeitig aber ist sie
der ständigen Gefahr einer bewußtseinsverdumpfenden Gewohnheitsbildung unterworfen und aus diesem Grund auf die ästhetische Erfahrung angewiesen. Die läuternde und verdichtende Funktion der ästhetischen Erfahrung kann geschichtlich dargestellt und erkenntnistheoretisch fundiert werden. Zum einen deutet Dewey an mehreren
Stellen an, dass ohne die Künste die Erfahrung von Gehalten, Massen, Figuren und Distanzen mit qualitativer Veränderung rudimentär geblieben wäre und der menschlichen Zivilisation wesentliche Bedeutungen und differenzierte Sinnbezüge als Kennzeichen physikalischer Gegebenheiten und psychologischer Charaktere zur Verfügung stehen, weil Künstler der verschiedenen Künste sie in lebendigen Gegenständen der Perzeption ausgedrückt haben. Zum anderen thematisiert Dewey die Interaktion, wie sie von der ästhetischen Erfahrung um ihrer selbst willen angestrebt und festgehalten wird und fordert eine allgemeine Philosophie, die auf der Voraussetzung einer bleibenden Beziehung von Subjekt und Welt inmitten der Variation ihrer tatsächlichen Inhalte zu beruhen habe.
Aus::
Gunar Musik
PRAGMATISCHE ÄSTHETIK - JOHN DEWEY: KUNST ALS ERFAHRUNG

Künstlerische Intelligenz könnte in diesem Sinne als (steigerungsfähige) Kompetenz verstanden werden, Kunstwerke in diesem Sinne hervorzubringen und zu verstehen.




Timberlake
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Mi 28. Dez 2022, 01:26

Melissos hat geschrieben :
Mo 26. Dez 2022, 13:18

Aus::
Gunar Musik
PRAGMATISCHE ÄSTHETIK - JOHN DEWEY: KUNST ALS ERFAHRUNG

Künstlerische Intelligenz könnte in diesem Sinne als (steigerungsfähige) Kompetenz verstanden werden, Kunstwerke in diesem Sinne hervorzubringen und zu verstehen.
Apropos Steigerung ..
Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 25. Dez 2022, 09:09
Timberlake hat geschrieben :
Sa 24. Dez 2022, 23:53
Wie würdest denn du dieses "Nichtkönnen" interptieren, wenn nicht aus dem "Nichtkönnen" einer Regel geleiteten Fähigkeit?
Das Nichtkönnen von dem Menke (übrigens nicht nur mit Sokrates, sondern auch mit Nietzsche sowie Gabriel und vielen mehr) spricht, ist nicht etwa das Nichtkönnen eines Dilettanten oder wie immer man es nennen mag. Es besteht also nicht bloß darin, dass das "Vermögen'' (=das Know-how/die Fähigkeit) der Regel zu folgen schlichtweg nicht vorhanden ist. Es ist kein bloßes Nichtkönnen der regelgeleiteten Fähigkeit. Im Gegenteil: wenn natürlich auch nicht immer, so ist doch in vielen Fällen dieses Können schlicht vorausgesetzt. Oft, wenn natürlich auch nicht immer, dürfte es sogar die Grundlage für das gewünschte Nichtkönnen sein. In etlichen Fällen, wenn natürlich auch nicht immer, dürfte es sogar so sein, dass der Wunsch, mehr zu können als der Regel zu folgen, erst geweckt ist, wenn Beherrschung der Regel kein Problem mehr darstellt. Etwas mechanisch könnte man das in einer Rangfolge darstellen, auch wenn man das natürlich mit einigen Körnchen Salz nehmen muss:
  • Nichtkönnen
  • Können
  • Können des Nichtkönnens
    (das klingt nur deshalb unlogisch bzw paradox, weil sich hier natürlich die Bedeutung der Ausdrücke etwas verschiebt)
oder
  • keine Regelbeherrschung
  • Regelbeherrschung
  • über die Regelbeherrschung hinausgehen, das schaffen, was sich nicht in der Regelbeherrschung erschöpft
Diese Steigerung ist allerdings kein begrifflich notwendiger Zusammenhang, allenfalls ein empirischer.

in Anlehnung an die Steigerung des Nichtkönnen von Menke würde eine (steigerungsfähige) Kompetenz dann vermutlich wohl auf die Steigerung:
  • Inkompetenz
  • Kompetenz
  • Kompetenz der Inkompetenz
.... hinauslaufen




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Jörn Budesheim
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Mi 28. Dez 2022, 09:52

Gunar Musik hat geschrieben :
Mo 26. Dez 2022, 13:18
Die Aufgabe einer pragmatischen Philosophie der Kunst ist es, zwischen den als differenzierten Formen der Erfahrung verstandenen Kunstwerken und der Alltagserfahrung eine erneute Kontinuität herzustellen.
Warum eigentlich?




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Mo 2. Jan 2023, 21:51





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Di 3. Jan 2023, 08:16

F.W.J. Schelling, Sammlung Metzler von Hans Jörg Sandkühler hat geschrieben :
Während der bewusste Teil der ästhetischen Produktion handwerklich gelernt werden kann, Kunst als Techne, kann der bewusstlose Teil, »die Poesie in der Kunst« (SW III, S. 618), nicht gelernt werden; allerdings bedarf es der Übung, um die Poesie in ästhetischer Form darstellen zu können. Gerade Schellings beinahe marginale Bemerkung, dass »nicht leicht ein Mensch von Natur ohne alle Poesie« ist, hat in der Kunsttheorie des 20. Jahrhunderts z.B. in den Arbeiten von Paul Klee eine Aktualisierung erfahren – allerdings mit dem Zusatz, dass diese sich nicht durch kunsthandwerkliche Übung zur Form bildet, sondern gerade durch Ausschaltung eines mit Bewusstsein vorgenommenen Gestaltprozesses durch Intuition zur Darstellung gebracht werden soll.




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Mo 16. Jan 2023, 16:18

Caspar David Friedrich hat geschrieben : „Nicht alles lässt sich lehren, nicht alles erlernen und durch bloßes totes Einüben erlangen; denn was eigentlich rein geistiger Natur in der Kunst genannt werden kann, liegt über die engen Schranken des Handwerks hinaus."




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Fr 17. Mär 2023, 13:47

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mi 21. Dez 2022, 19:10
...
Der Gedanke, dass Dichten kein Können ist im Sinne einer Regel geleiteten Fähigkeit, ist, wenn Menke recht hat, eine ganz alte Vorstellung. Kunst kommt nach diesem Bild wortwörtlich vom "Nichtkönnen". Da stellt sich natürlich die Frage, wie ist es dennoch möglich. Gemäß Menke hält Sokrates es für eine göttliche 'Gabe': "Nach Sokrates ist Dichten »göttlicher Wahnsinn und Besessenheit«."

Nietzsche hat naturgemäß eine andere Vorstellung als Sokrates :) dazu Menke: "Daß die Dichter nicht aus eigenem Wissen und Können, nicht »durch Kunst« sprechen, bedeutet nach Sokrates, daß sie getrieben sind »durch göttliche Kraft«; »die Dichter […] sind nichts als Sprecher der Götter«. Das heißt es, daß der Dichter begeistert ist: durch ihn spricht eine äußere, fremde – eine höhere Kraft. Nietzsche dagegen versteht die Kraft, die den Dichter erfaßt und seine Subjektivität verlieren läßt, als dessen eigene Kraft. Die Kraft, die den Dichter erfaßt, kommt nicht von außen, durch göttliche Begeisterung, sondern aus ihm selbst, durch ästhetische Belebung. Diesen Zustand nennt Nietzsche »Rausch«: Rausch ist die »Gesammtentfesselung aller symbolischen Kräfte«.[26] Rausch ist nicht passive Benommenheit, sondern ein Zustand intensivierter Aktivität ..."

Wenn man mich mit Gewalt zwingen würde, zwischen diesen beiden Positionen zu wählen, dann würde ich mich natürlich auf die Seite von Sokrates schlagen :) Einigkeit scheint darüber zu herrschen, dass Kunst kein Können ist, dass es für sie kein Regelbuch geben kann. Statt jedoch auf Götter oder Rausch zu setzen, würde ich halt auf die Kunst selbst setzen. Im Glücksfall bemächtigt sich die Kunst des Künstlers oder der Künstlerin und produziert sich selbst. Die Intelligenz des Künstlers oder der Künstlerin besteht dann darin, diesen Prozess nicht im Wege zu stehen :)
...
Sissel Tolaas hat geschrieben : Discovery is what you do when you do not know what you are doing.
Das mag zwar nicht dasselbe sein, wie das Können des Nichtkönnens, fügt sich hier aber gut ein. Gefunden habe ich das Zitat bei dem Kurator Hans Ulrich Obrist, Sissel Tolaas ist eine norwegische Künstlerin, die mir bisher unbekannt war.




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METASUBJEKT
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So 19. Mär 2023, 13:52

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 19. Dez 2022, 21:53
Künstlerische Intelligenz? Gibt es das? Was ist das?
Das ist eine spannende Frage.

Betrachten Sie Ihre Frage aus einer anderen Perspektive:
Fragen Sie nicht die Welt, was "Künstlerische Intelligenz"
bedeutet. Sondern erklären Sie ihr, was es bedeutet,
und warum Sie meinen, dass dieser von Ihnen verfasste Begriff
das Wissen und die Ansichten über "Kunst", bereichern
würde. Zum Beispiel weil Sie einen Aspekt entdeckt haben, der
bisher nicht explizit bemerkt wurde.

Wenn "Künstlerische Intelligenz" noch nicht im allgemeinen
oder fachspezifischen Sprachgebrauch etabliert ist, dann "Bingo".

Jeder Ausdruck, der noch nicht als Begriff etabliert ist,
ist wie eine "Wild Card". Sie können damit entsprechend
Ihren Erkenntnissen, Hypothesen oder Ansichten einen Begriff
bilden.

Und wenn der in der Welt ist, besteht die Möglichkeit,
dass er sich im Wettbewerb mit ähnlichen Begriffen behaupten
könnte und Eingang in das Sprechen über Kunst findet.

Es hängt immer davon ab, dass sich damit etwas bezeichnen
läßt, dass zuvor so noch nicht bekannt, oder erkannt worden
ist. Oder ob es ein schon bekanntes Phänomen beschreibt
für dass man zuvor nicht die richtigen Worte gefunden hat.

Ein gutes Beispiel ist: "Emotionale Intelligenz".
Dieser Ausdruck war zwar schon früher bekannt, aber seine Bedeutung
nicht gefestigt. Das wurde erst 1990 durch Salovey und Mayer erledigt,
die ihn zu einem Begriff gemacht haben.

Also ran an den PC und entwickeln Sie den Begriff selbst, anstelle
sich durch Internet und Literatur zu quälen.

Sie könnten "Künstlerische Intelligenz" zum Beispiel so erklären:

Beginnend mit der Feststellung, dass alle Kunstwerke
eines gemeinsam haben: Sie wurden in der Absicht geschaffen
eine ästhetische Wirkung zu erzielen. Es gibt natürlich noch weitere
Motive, die jedoch eher add ons darstellen. z.B. Botschaften zu vermitteln.
Anerkennung, Geld, Aufmerksamkeit, Provokation
usw. Aber nichts davon ist erreichbar wenn von dem Werk keine ästhetische Wirkung
ausgeht.

Welcher Art sie ist, hängt von der Absicht des Künstlers ab.
Und hier kommen wir auf den Punkt:
Ästhetische Wirkungen eines Werkes zielen auf Empfindungen des Betrachters
oder Rezipienten. Sie sollen nicht einfach bloß irgendwelche Empfindungen sein,
sondern solche, die der Künstler zum Ziel hat.

Zum Beispiel ein Komponist der Fröhlichkeit oder Melancholie bewirken will.
Der Maler, der eine düstere Szene darstellen will, die beunruhigend wirkt.

Und um genau diese zu treffen, benötigt der Künstler die Fähigkeit, eine Kontrolle über die
ästhetische Wirkung seiner Werke zu haben. Er spielt sozusagen auf der Klaviatur zur
Steuerung der Empfindungen des Betrachters.

Diese Fähigkeit kann man als "Künstlerische Intelligenz" bezeichen.
Sie unterscheidet sich von der "Kreativität".

Kreativität bezieht sich auf die Fähigkeit, neue Ideen und Konzepte zu entwickeln
und umzusetzen, während "Künstlerische Intelligenz" auf die Fähigkeit des Künstlers
abzielt, die ästhetische Wirkung seiner Werke zu kontrollieren und zu steuern.

Kreativität bestimmt nur, welche Mittel er für diese Manipulation der Gefühle einsetzt.
Und sie ist allein kein Garant für den Erfolg einer Wirkung. Sie kann daneben gehen.

Der Nutzen dieses Begriffs könnte deshalb sein, dass mit ihm der Vorgang der Kontrolle
von ästhetischer Wirkung besser von "Kreativität" unterschieden werden könnte.

Um dann zum Beispiel diese Kontrolle selbst zu untersuchen und zu beschreiben.




Timberlake
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So 19. Mär 2023, 15:59

METASUBJEKT hat geschrieben :
So 19. Mär 2023, 13:52

Beginnend mit der Feststellung, dass alle Kunstwerke
eines gemeinsam haben: Sie wurden in der Absicht geschaffen
eine ästhetische Wirkung zu erzielen. Es gibt natürlich noch weitere
Motive, die jedoch eher add ons darstellen. z.B. Botschaften zu vermitteln.
Anerkennung, Geld, Aufmerksamkeit, Provokation
usw. Aber nichts davon ist erreichbar wenn von dem Werk keine ästhetische Wirkung
ausgeht.

.
Wie bei allem , so gibt es auch im Ästhetik zweierlei Wirkungen . Eine Wirkung , die anzieht und als solches positiv besetzt ist und eine Wirkung , die abstößt und als solches negativ besetzt ist.

In Anlehnung daran behaupte ich einmal , dass Werke , die weder das Eine, noch das Andere bewirken, eben deshalb eher nicht zu den Kunstwerken zu rechnen sind und deshalb eher nicht von künstlerischer Intelligenz zeugen.
So wie geistreiche Gedanken eine gewisse, wenigstens scheinbare Begründung in der Vernunft haben müssen , so muss allerdings auch geistreiche Kunst eine gewisse, wenigstens scheinbare Begründung vielleicht nicht unbedingt in der Vernunft aber ganz sicher in der der Realität haben. Kann doch , zumindest nach meinem Dafürhalten , nur so Kunst bzw. künstlerischer Intelligenz das Eine , wie auch das Andere bewirken.

Beispiel ..
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mi 30. Jan 2019, 18:11

Der Geschmack des Denkens

Bild

Taste of Thinking von Roman Ondak (Foto Albert Herbig)
Zuletzt geändert von Timberlake am So 19. Mär 2023, 16:59, insgesamt 5-mal geändert.




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So 19. Mär 2023, 16:37

METASUBJEKT hat geschrieben :
So 19. Mär 2023, 13:52
Betrachten Sie Ihre Frage aus einer anderen Perspektive: Fragen Sie nicht die Welt, was "Künstlerische Intelligenz" bedeutet. Sondern erklären Sie ihr, was es bedeutet, und warum Sie meinen, dass dieser von Ihnen verfasste Begriff das Wissen und die Ansichten über "Kunst", bereichern
würde.
In dem Thread gab es, wenn ich mich recht erinnere, einige Vorschläge, wie man den Begriff ausfüllen könnte, unter anderem diesen:
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 20. Dez 2022, 08:31
Die Kunst kennt kein Maß, außer dem, welches sich jedes individuelle Werk selbst setzt. Das entspricht einem alten Topos. Dafür dürfte man leicht viele Quellen finden, hier sind zwei: Bei Christoph Menke heißt es in "die Kraft der Kunst": "Kunst ist das Können des Nichtkönnens." Bei Markus Gabriel findet man in "the Power of Art" "There is no external rulebook for how to create artworks. This is why every artwork is original". Kunstwerke entstehen nicht nach Rezept. Die künstlerische Intelligenz besteht darin, sich auf diese Regellosigkeit einlassen zu können. Es ist die Fähigkeit, die Regel, die sich das Werk selbst setzt, umzusetzen.

Das wäre meine vorläufige These, die ich gegen nachvollziehbare Einwände zu verteidigen bereit bin :-)




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METASUBJEKT hat geschrieben :
So 19. Mär 2023, 13:52
Ästhetische Wirkungen eines Werkes zielen auf Empfindungen des Betrachters oder Rezipienten. Sie sollen nicht einfach bloß irgendwelche Empfindungen sein, sondern solche, die der Künstler zum Ziel hat.
Ich glaube nicht, dass das in dieser allgemeinen Form stimmt. Ich glaube, dass es viele Künstlerinnen und Künstler gibt, die arbeiten, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Ich jedenfalls mache das oft. Ich glaube auch nicht, dass Kunstwerke generell nur auf Empfindungen abzielen. Das wäre mir zu einseitig.




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So 19. Mär 2023, 19:17

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 19. Mär 2023, 16:43
METASUBJEKT hat geschrieben :
So 19. Mär 2023, 13:52
Ästhetische Wirkungen eines Werkes zielen auf Empfindungen des Betrachters oder Rezipienten. Sie sollen nicht einfach bloß irgendwelche Empfindungen sein, sondern solche, die der Künstler zum Ziel hat.
Ich glaube nicht, dass das in dieser allgemeinen Form stimmt. Ich glaube, dass es viele Künstlerinnen und Künstler gibt, die arbeiten, ohne ein bestimmtes Ziel zu haben. Ich jedenfalls mache das oft. Ich glaube auch nicht, dass Kunstwerke generell nur auf Empfindungen abzielen. Das wäre mir zu einseitig.
Dann ist meine Formulierung wohl zu kurz gefasst oder
zu strikt oder beides. Ich denke nochmal darüber nach,
was ich eigentlich gemeint habe.

"Arbeiten ohne ein bestimmtes Ziel zu haben?
Ich versuche zu verstehen, was Sie meinen, aber finde
kein Beispiel. Ich könnte mir einen Malerin vorstellen, die
spontan an ihre Leinwand geht und drauf los arbeitet,
dabei an nichts besonderes denkend. Könnte es das sein?




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So 19. Mär 2023, 19:48

Ja, genau, wir können uns eine Malerin vorstellen, die einfach spontan anfängt zu malen, ohne irgendeine Vorstellung, ohne irgendein Ziel, die sich und das Bild einfach dem Prozess überlässt und improvisiert. Dabei muss sie auch nicht irgendeine Empfindung im Sinn haben, die sie bei sich und den (anderen) Betrachter:innen auslösen will. Alles kann offen sein.




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