Das Böse ll

Im Zuge der philosophischen und Debatten der letzten 30 Jahre sind Theorien des Schönen und philosophisch inspirierte Theorien medialer Erfahrungen zunehmend in den Vordergrund gerückt.
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Jörn Budesheim
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Sa 10. Feb 2024, 15:52

Ich möchte in diesem Thread über das Böse sprechen. Der Mensch als freies Wesen ist das einzige Tier auf diesem Planeten, das zum Bösen fähig ist.

Wichtig: Ich möchte nicht den x-ten Thread über die Frage starten, ob der Mensch frei ist. Dass der Mensch frei ist, wird in diesem Thread vorausgesetzt. Ich will auch nicht den x-ten Thread darüber haben, ob das Gute und das Böse objektiv sind, beides wird in diesem Thread vorausgesetzt und soll nicht diskutiert werden. Dazu gibt es schon viele Threads, wer darüber diskutieren will, kann dort schreiben oder einen eigenen Thread eröffnen.

Wikipedia-Zitate sind in diesem Thread nicht erwünscht!

Ebenso wird in diesem Thread vorausgesetzt, dass Quellen aus Kunst und Philosophie verwendet werden können, aber nicht müssen.




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Jörn Budesheim
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Sa 10. Feb 2024, 15:55

»Das Böse hat Karriere gemacht, denn das Böse fasziniert […], während das Gute aufgrund seiner Unauffälligkeit und Selbstverständlichkeit fast schon den Anstrich des Langweiligen hat. Wenn einer als ein guter Mensch bezeichnet wird, so rückt man ihn in die Nähe eines Heiligen, nicht ohne die unausgesprochene Vermutung, der Betreffende müsse etwas weltfremd, wenn nicht gar ein Tor sein.« (Pieper 2008: 7)»Das Böse hat Karriere gemacht, denn das Böse fasziniert […], während das Gute aufgrund seiner Unauffälligkeit und Selbstverständlichkeit fast schon den Anstrich des Langweiligen hat. Wenn einer als ein guter Mensch bezeichnet wird, so rückt man ihn in die Nähe eines Heiligen, nicht ohne die unausgesprochene Vermutung, der Betreffende müsse etwas weltfremd, wenn nicht gar ein Tor sein.« (Annemarie Pieper, Gut und Böse)

Vom Bösen und Bösewichten scheint im Film eine eigentümliche Faszination. Hier ein paar hier ein paar Beispiele aus der Geschichte des Filmes:
  • Darth Vader - Star Wars Saga
  • Hannibal Lecter - Das Schweigen der Lämmer
  • Joker - The Dark Knight
  • Lord Voldemort - Harry Potter Serie
  • Norman Bates - Psycho
  • Anton Chigurh - No Country for Old Men
  • Nurse Ratched - Einer flog über das Kuckucksnest
  • Freddy Krueger - Nightmare on Elm Street
  • Palpatine / Imperator - Star Wars Saga
  • Hans Gruber - Stirb Langsam




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Jörn Budesheim
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Sa 10. Feb 2024, 16:00

Erinnert sich noch jemand an George W Bush Rede von der Achse des Bösen? "Birgit Recki [weist] darauf hin, dass hinsichtlich des Begriffs des Bösen ein Wandel eingesetzt hat. Während der Begriff aufgrund seiner starken und ausgrenzenden Normativität lange Zeit verpönt war, wird er gegenwärtig immer mehr als eine philosophische Kategorie revitalisiert. Die Rede vom Bösen bedeutet insofern nicht, einer Weltsicht anzuhängen, die Menschen in Form eines Schwarz-Weiß-Denkens kategorisch in Gut und Böse unterscheidet. Vielmehr handelt es sich dabei um einen Begriff, 'der die moralische Verfehlung einsichtiger normativer Ansprüche an das Handeln im Handeln verurteilt'."

(Jörg Noller, Theorien des Bösen zur Einführung)




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Jörn Budesheim
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Sa 10. Feb 2024, 16:06

In der theologischen und philosophischen Tradition wird manchmal zwischen drei verschiedenen Übeln Unterschieden, frei nach dem Lehrbuch, was ich oben schon erwähnt habe:
  1. Malum physicum (Naturübel).
    Leiden und Unvollkommenheiten, die nicht auf den freien Willen des Menschen zurückzuführen sind. (Krankheiten, Naturkatastrophen, Tod)
  2. Malum morale (sittliches Übel)
    Bewusstes und willentliches Zufügen von Schaden. (Mord, Diebstahl, Lüge)
  3. Malum metaphysicum (metaphysisches Übel)
    Allgemeine Endlichkeit und Unvollkommenheit des Menschen. (Sterblichkeit, Leidensfähigkeit, Endlichkeit)
Ich vermute, dass wir uns hier im Wesentlichen auf Punkt 2 beziehen werden, vielleicht gibt es Überschneidungen und Zusammenhänge mit den anderen Punkten.




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Jörn Budesheim
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Sa 10. Feb 2024, 16:07

Hier noch eine weitere Unterscheidung aus der philosophischen Tradition die vielleicht nützlich werden könnte:

Privationstheorie:
  • Böses ist keine eigenständige Realität sondern ein Defizit oder Mangel an Gutem
  • Entspringt menschlicher Unvollkommenheit
  • Reduzierte Betonung der moralischen Verantwortlichkeit
Perversionstheorie des Bösen:
  • Böses ist eigenständige Realität
  • Aktive Umkehrung der guten Ordnung
  • Betonung von moralischer Verantwortlichkeit, Willensfreiheit, Wahl, Vernunft im Fokus
Anton Chigurh (No Country for Old Men) ist sicherlich ein Beispiel für die Perversionstheorie des Bösen, er lebt nach seiner eigenen perversen Ordnung. Besonders anschaulich finde ich das in der Szene, in der er dem kleinen Jungen das Geld für das Hemd aufnötigt, das er braucht, um seinen Arm zu stützen.



Die Privationstheorie erklärt jedoch vielleicht den Mangel an Empathie und Mitleid, der zum Bösen sicherlich irgendwie dazu gehört, oder?




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Sa 10. Feb 2024, 16:13

Eine erstaunliche Quelle des Bösen in allen Schattierungen bieten die religiösen Texte, hier nur ein Beispiel:

Die Geschichte der Sintflut in Gen 7 erzählt eine weitere Urgeschichte des Bösen. Es wird dort nicht nur eine intersubjektive Dimension des Bösen sichtbar, sondern zugleich auch eine die Spezies betreffende, insofern die Menschheit in ihrer Gesamtheit als böse erscheint. Gott sieht, »dass der Menschen Bosheit groß war auf Erden und alles Dichten und Trachten ihres Herzens nur böse war immerdar« (Gen 7,5) und »das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens […] böse von Jugend auf« (Gen 8, 21). Er beschließt daher, alles Leben auf der Erde zu vernichten – das »Ende allen Fleisches« (Gen 7,13).

Nur Noah, seine Familie und von allen Tiergattungen jeweils ein Paar überleben in der Arche die von Gott hervorgerufene Sintflut, während alles Leben auf der Erde ertrinkt. Hier zeigt sich ein Bezug zur Geschichte des Sündenfalls, wo das Böse in der Welt ebenfalls mit der Sterblichkeit des Menschen in ein enges Verhältnis gesetzt wird. Gott schließt danach einen Bund mit Noah und allem Leben und verspricht, keine weitere Sintflut über die Menschen ergehen zu lassen, wofür der Regenbogen ein Symbol ist.


(Jörg Noller, Theorien des Bösen zur Einführung)




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Jörn Budesheim
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Sa 10. Feb 2024, 16:29

Böse Künste

Wie wird das Böse in der Kunst thematisch? Sein Zusammenhang mit dem Ästhetischen scheint zunächst nicht auf der Hand zu liegen, da für die Kunst keine moralischen Kategorien und Fragestellungen, sondern eigene Gesetzlichkeiten gelten, die prinzipiell moralindifferent sind. Vordergründig mag deshalb die Rede von einer »Ästhetik des Bösen« nicht zwingend sein.

Eine solche Ansicht übersieht jedoch, dass das Ästhetische ebenso wie das Ethische Form einer Praxis ist, die jeweils aus der menschlichen Freiheit entspringt. Gerade auch auf die Kunst hat das Phänomen des Bösen deshalb als Faszinosum gewirkt und lässt sich sogar als eigene ästhetische Kategorie verstehen, die eine bloße »Ästhetik des Hässlichen« (Karl Rosenkranz) noch weiter radikalisiert (Bohrer 2004; Alt 2010).

Einer solchen »Ästhetik des Bösen« liegt wesentlich die Auffassung zugrunde, dass das Böse ein Phänomen ist, das eine eigene Gesetzlichkeit und Struktur besitzt. Als solches kann es zum Anlass spezifischer literarischer, filmischer und musikalischer Ausgestaltung werden, was bei einer durch bloßen Mangel gemäß einer privationstheoretischen Auffassung gekennzeichneten Verfasstheit in dieser Form nicht möglich wäre.

Eine Ästhetik des Bösen kann insofern als konsequente Fortführung des philosophischen Gedankens einer Perversionstheorie des Bösen verstanden werden, die das Böse als performativen Ausdruck der Freiheit begreift.


(Jörg Noller, Theorien des Bösen zur Einführung)




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Jörn Budesheim
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Sa 10. Feb 2024, 21:09

Vor ein paar Tagen hat Stefanie einen Faden eröffnet zum Thema Supererogation. Den Ausdruck hatte ich vorher nie gehört und jetzt läuft mir schon wieder über den Weg:

Definition1: Böse bezeichnet das, was mehr als nur moralisch falsch ist oder was schrecklich falsch ist. Es ist das spiegelbildliche Gegenteil von dem, was über alle Pflicht hinaus gut ist (das Supererogatorische).

(Jean-Claude Wolf, Das Böse)

Der Autor versucht es mit einer ganzen Reihe von Definitionen




Michael7Nigl
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Sa 10. Feb 2024, 22:38

In folgendem interessanten Vortrag von Prof. em. Dr. Liske (Lehrstuhl für Philosophie der Universität Passau) über Leibniz werden die drei Kategorien des Bösen sehr schön erklärt und auf die Frage der Theodizee bezogen: Wie kann Gott das Böse in der Welt zulassen? Denn ein Böses (z.B. Mord) nicht zu verhindern, was in der Macht Gottes stünde, kann als ebenso verwerflich angesehen werden wie die Tat selbst. Die Antwort findet Leibniz in der notwendigen Integriertheit von Bösem in dem gebotenen Guten. Anschaulich wird dies in dem Beispiel des Arztes, der ein Bein amputiert, um das Leben eines Patienten zu retten: Das Absägen eines Beines wäre für sich genommen eine böse Tat; da es aber notwendigerweise in die gebotene Handlung der Lebensrettung integriert ist, muss die Handlung des Arztes als insgesamt gut bewertet werden.
Da es für einen allgütigen Gott geboten ist, die beste aller Welten zu erschaffen, muss er das Böse in Kauf nehmen, wenn es für die Vollkommenheit der Schöpfung notwendig ist - ähnlich wie ein Künstler den Kontrast des Hässlichen oder ein Komponist die Dissonanz benötigt, um ein schönes Kunstwerk oder Musikstück zu schaffen.





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So 11. Feb 2024, 08:41

Vielen Dank für das Video, falls jemand nicht den ganzen Vortrag hören möchte, die drei Übel werden ab Minute 29:40 angesprochen. Es ist wichtig zu sehen, dass dies vor dem Hintergrund der sogenannten Theodizee-Problematik geschieht, also der Frage, wie ein allgütiger Gott das Böse in der Welt zulassen kann.

Hier gibt es von Quk einen Faden, der sich eigens mit dieser Problematik beschäftigt: Das Böse als dreierlei Malum: M. physicum, M. morale, M. metaphysicum




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Jörn Budesheim
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So 11. Feb 2024, 09:17

"Das Böse ist nicht nur als Kategorie des Ethischen (als das moralisch sehr Falsche) zu verstehen, sondern auch als Verweis auf die Welt der Symbole, die einen Bezug zur Deutung des Lebens als eines sinnvollen oder erfüllten Lebens hat. Auch im Bösen sucht der Mensch nach Lebenssinn. Er verlässt die „Herde", um vielleicht (für sich und einige andere) eine „andere Ordnung zu errichten. Einige Menschen suchen im Bösen zusätzlichen Lebenssinn."

(Jean-Claude Wolf, Das Böse)




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So 11. Feb 2024, 09:42

"Mich beschäftigt auch die Reflexion auf das „zweite Böse" in der Vergeltung und Strafe oder im Eifer der Fanatiker, die das Böse für immer vertreiben möchten. Das zweite Böse entsteht oft aus guten Absichten und der Verfolgung hoher Ideale; es verleitet zu neuen Grenzüberschreitungen und Verbrechen, die mit gutem Gewissen ausgeführt werden. Ein Aphorismus von Nietzsche beleuchtet das Problem; er lautet:

'Wer mit Ungeheuern kämpft, mag zusehn, dass er nicht dabei zum Ungeheuer wird. Und wenn du lange in einen Abgrund blickst, blickt der Abgrund auch in dich hinein.' Nietzsche
"

(Jean-Claude Wolf, Das Böse)

"Das zweite Böse" - das ist ein Ausdruck, den ich bisher nicht kannte, der aber, soweit ich sehe, auch kein feststehender Ausdruck ist.




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So 11. Feb 2024, 15:16



Wissenschaftlich erwiesen: der Mensch ist gut ;)




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