Was ist Kunst, wie entsteht Kunst

Im Zuge der philosophischen und Debatten der letzten 30 Jahre sind Theorien des Schönen und philosophisch inspirierte Theorien medialer Erfahrungen zunehmend in den Vordergrund gerückt.
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Jörn Budesheim
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Do 14. Mai 2020, 20:11

Ohne Bild hätte es dieses Staunen nicht gegeben, daraus folgt jedoch nicht, dass das Staunen über das Bild war.



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Jörn Budesheim
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Fr 15. Mai 2020, 06:38

Nicola Gess hat geschrieben : [Prinz bestimmt] als formales Objekt des STAUNENS das Außergewöhnliche
Stefanie hat geschrieben : Es kam nur nicht die begehrte Emotion zustande, von der Prinz schreibt. Es wird auch gestaunt bei etwas unerwarteten.
Prinz spricht vom Außergewöhnlichen, du vom Unerwarteten, das liegt nicht so weit auseinander. Aber wie soll etwas zugleich langweilig und unerwartet bzw außergewöhnlich sein? Das ist ausgeschlossen.

Das lässt sich aber leicht auflösen, wenn man sich fragt, was unerwartet war. Das Bild hat dir nichts unerwartetes geboten, denn das war ja für dich langweilig. Unerwartet war für dich nur der Umstand, dass du es langweilig fandest. Dann verschwindet auch der Widerspruch.



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Jörn Budesheim
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Fr 15. Mai 2020, 07:14

augustinus hat geschrieben : Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand darüber fragt, so weiß ich es; wenn ich es aber jemandem auf seine Frage erklären möchte, so weiß ich es nicht.
Vielleicht haben die Kunst und die Philosophie das gemeinsam, dass sie in der Lage sind, das Irritierende und Außergewöhnliche im anscheinend Gewöhnlichen und Alltäglichen sichtbar zu machen.



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Stefanie
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Fr 22. Mai 2020, 19:03

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 22. Mai 2020, 09:27
Die Interview-Serie des Kunstbalkons geht weiter. Diesmal wurde die Kasseler Künstlerin Anna Hoffmann befragt > https://kunstbalkon.de/sieben-fragen-an-anna-hoffmann/
In dem Interview sagt sie auf die Frage 4
4. Hat Kunst einen Auftrag, einen Zweck, ein Ziel? Zum Beispiel gesellschaftlicher oder politischer Art?

Kunst hat den Auftrag den Geist zu beflügeln, zu kicken, die Gedanken expandieren zu lassen, das Innen brennen zu lassen, ein Hochgefühl entstehen zu lassen, einen geschmeidigen Schauer zu verbreiten….
Das geht in Richtung Staunen. Es beschreibt eine Art von Staunen. Hochgefühl, Schauer. Nur, wie bei Prinz auch, eine positives, begeisterndes Staunen
Wenn dass der Auftrag der Kunst ist, fallen all diejenigen Kunstwerke raus, die das nicht schaffen. Sie erfüllen ihren Auftrag nicht. Entweder sind sie dann schlecht, oder gar kein Kunstwerk.
Es ist doch so, nicht jedem gefällt alles, nicht bei jedem stellen sich diese Reaktionen ein.
Dieses dann nicht positive Staunen, oder das nicht einstellen eines geschmeidigen Schauers usw. kann doch kein Kriterium für die Frage sein, Kunstwerk ja oder nein. Gut oder schlecht.
Es ist dann eine Frage des persönlichen Geschmacks. Oder etwa nicht?



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.
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Jörn Budesheim
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Fr 22. Mai 2020, 19:23

Die Frage, ob die Kunst eine Aufgabe hat, ist aber doch nicht die Frage nach der Definition der Kunst?!



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Stefanie
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Fr 22. Mai 2020, 19:35

Wenn der Kunst eine Aufgabe oder ein Ziel zugeschrieben wird, und ein Werk erfüllt diese Aufgabe nicht, kann es dann kein Kunstwerk sein. Diese Aufgabe ist ein Bedingung, die erfüllt sein muss.
Prinz Staunen hat einen normativen Charakter.
Die Frage, ob Kunst eine Aufgabe hat, wurde beantwortet.
Wenn, dann muss sich man sich fragen, ob die Frage zur Bestimmung, was Kunst ist, überhaupt geeignet ist.



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Jörn Budesheim
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Fr 22. Mai 2020, 19:45

Ich bringe noch mal die komplette Antwort :) das Bild gehört natürlich dazu!
Kunst hat den Auftrag den Geist zu beflügeln, zu kicken, die Gedanken expandieren zu lassen, das Innen brennen zu lassen, ein Hochgefühl entstehen zu lassen, einen geschmeidigen Schauer zu verbreiten….

Bild
Ich verstehe das als eine unvollständige Aufzählung - daher auch die drei Pünktchen. Vielleicht eine Anregung, die Reihe selbst weiterzuführen. Eine Aufzählung, die also nicht den Anspruch erhebt, die Aufgabe der Kunst vollständig zu erfassen, noch glaube ich, dass Anna das streng allgemein verstanden wissen will.

Hinzu kommt das Bild, das die Kunst als etwas explosives zeigt. Vielleicht ist es eine Anspielung an ein bekanntes Plakat von Klaus Staeck, wo es an der Stelle noch zusätzlich heißt: "Vorsicht Kunst".



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Jörn Budesheim
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Fr 22. Mai 2020, 19:50

Ein Polizist, der die Aufgabe hat, den Räuber zu fangen, und ihn nicht fängt, ist dennoch ein Polizist :)

Dass man an einer Aufgabe scheitert, ist immer möglich. Die Philosophie fragt seit tausenden von Jahren nach bestimmten Dingen und bleibt die Antwort dennoch oft schuldig. In der Kunst ist das nicht anders. Samuel Beckett: “Ever Tried. Ever Failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better.”



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Jörn Budesheim
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Sa 23. Mai 2020, 11:16

itse hat geschrieben : Franz von Kutschera [erläutert den Begriff Subjektivismus folgendermaßen]: „Alle rein wertenden ästhetischen Aussagen lassen sich in solche über subjektive Präferenzen übersetzen". Der Subjektivismus ist also eine naturalistische Position." Die naturalistische/materialistische Einstellung besagt, dass wir von nichts anderem als inneren Einstellungen sprechen, wenn wir von Schönheit sprechen...
Ich halte den Subjektivismus für falsch. Daraus folgt allerdings nicht, dass ich das Gegenteil des Subjektivismus annehme!

Ich meine nur, dass sich nicht „alle rein wertenden ästhetischen Aussagen [...] in solche über subjektive Präferenzen übersetzen." Damit sind subjektive Präferenzen, gemeinhin Geschmack genannt, nicht aus dem Spiel. Sie haben ihre eigene Bedeutung, aber es ist damit nicht schon alles gesagt!

Das nur noch mal zur Erinnerung.



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Alethos
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Sa 23. Mai 2020, 13:23

Vielleicht ist es die Aufgabe von Kunst, die Wirklichkeit in ihren vielen Perspektiven zu zeigen. Das Dreidimensionale aufzubrechen und dort etwas entstehen zu lassen, wo es dem gewöhnlichen Blick nicht zugänglich sein kann. Als öffnete man eine Tür hinein in ein Mehr an Wirklichkeit, oder als pflanzte man einen Baum, wo nur Wiese war. Oder als malte man ein zusätzliches Auge auf der Würfelseite mit 6 Augen. Das siebte Auge stellt so ein Aufbrechen dar, ein Aufbrechen des Gewöhnlichen, ein Ungewöhnlichmachen der Wirklichkeit sozusagen.

Da passt aber der Begriff "Aufgabe" nicht, mit ihr wird ja in der Regel ein Ziel bestimmt, dies und das zu erreichen. Aber so verstehe ich Kunst nicht: Sie hat keinen Auftrag, sie hat keine Teleologie: Sie zeigt vielmehr die Wirklichkeit in der Erweiterung des Möglichen und schafft so Räume, Sinnräume, wo vielleicht nur Leere war oder Atome oder Theorien über dies und das. Sie verstehe ich aber nicht als Theorie oder Praxis mit Erklärungsauftrag, sondern sie wirkt. Das ist ihr Wesentliches als Wirkliches, dass sie wirkt. Wie alles andere wirkt sie, wie ein Baum, der nicht die Aufgabe hat, Baum zu sein oder ein Blüte, die nicht deshalb strahlt, weil es ihr Auftrag wäre, sondern sie wirkt, wie alles andere, auf alles andere ein, das mit ihr in wie auch immer gearteter Berührung steht. Ihr eigentümlich ist lediglich, dass sie mit Bedeutung spielt, dass sie solche schafft, wo keine wäre, wenn sie nicht ist. Das ist ihr kreatives Selbstverständnis: Dass sie Bedeutung erschafft, wo nichts wäre ohne sie.



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Alethos
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Sa 23. Mai 2020, 13:36

Wie hier das Subjektive hineinspielt, können wir so oder so auslegen: Das Subjekt ist einerseits dasjenige, welches Kunst herstellt. Andererseits ist es dasjenige, was Kunst als Kunst erfasst und damit ihr Bedeutungspotenzial erschliesst. Aber weder kann man daraus schliessen, dass diese Bedeutung, dieses Schöne oder Verstörende an Kunst (was immer es je ist), allein subjektive Empfindung ist noch dass es gar nichts wäre ohne es. Denn wenn auch Kunst ohne Subjekte kaum entstünde (Subjekte hier verstanden als Individuen mit den Fähigkeiten, etwas aus etwas zu machen), so doch spricht nichts dagegen, das ganze Universum und alle seine Schönheiten als Produkt eines Wirkens zu sehen und damit als Kunst: Kunst des Zufälligen, Kunst des gottgewollten, Kunst einer höheren Spezies als die menschliche.. what so ever. Das Schöne und Bedeutungsvolle hat nicht auf den Menschen gewartet, um Bedeutung oder Schönheit zu erlangen.
Und deshalb ist auch nicht ein Subjekt notwendig, welches dies oder jenes für schön oder hässlich, für interessant oder langweilig hält: Es ist es auch für sich selbst - je gesehen.

Nun heisst das nicht, dass das Subjektive irrelevant wäre, ganz im Gegenteil. Das Subjektive ist Ausdruck dieser Wirklichkeit: Was Menschen fühlen, was sie denken, was wir über dieses oder jenes Kunstwerk denken: Das ist Wirklichkeit und nicht zuletzt Teil der Wirklichkeit der Kunst. Aber das Subjekt muss sich fügen und verstehen, dass er oder sie nur ein exzentrischer Punkt unter vielen ist und dass er oder sie - nicht einmal vielleicht - das Mass der Kunstdinge ist - erst recht nicht das Mass aller Dinge. Protagoras hin oder her.



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Sa 23. Mai 2020, 13:40

Alethos hat geschrieben :
Sa 23. Mai 2020, 13:23
Vielleicht ist es die Aufgabe von Kunst, die Wirklichkeit in ihren vielen Perspektiven zu zeigen. Das Dreidimensionale aufzubrechen und dort etwas entstehen zu lassen, wo es dem gewöhnlichen Blick nicht zugänglich sein kann. Als öffnete man eine Tür hinein in ein Mehr an Wirklichkeit, oder als pflanzte man einen Baum, wo nur Wiese war. Oder als malte man ein zusätzliches Auge auf der Würfelseite mit 6 Augen. Das siebte Auge stellt so ein Aufbrechen dar, ein Aufbrechen des Gewöhnlichen, ein Ungewöhnlichmachen der Wirklichkeit sozusagen.

Da passt aber der Begriff "Aufgabe" nicht, mit ihr wird ja in der Regel ein Ziel bestimmt, dies und das zu erreichen. Aber so verstehe ich Kunst nicht: Sie hat keinen Auftrag, sie hat keine Teleologie: Sie zeigt vielmehr die Wirklichkeit in der Erweiterung des Möglichen und schafft so Räume, Sinnräume, wo vielleicht nur Leere war oder Atome oder Theorien über dies und das. Sie verstehe ich aber nicht als Theorie oder Praxis mit Erklärungsauftrag, sondern sie wirkt. Das ist ihr Wesentliches als Wirkliches, dass sie wirkt. Wie alles andere wirkt sie, wie ein Baum, der nicht die Aufgabe hat, Baum zu sein oder ein Blüte, die nicht deshalb strahlt, weil es ihr Auftrag wäre, sondern sie wirkt, wie alles andere, auf alles andere ein, das mit ihr in wie auch immer gearteter Berührung steht. Ihr eigentümlich ist lediglich, dass sie mit Bedeutung spielt, dass sie solche schafft, wo keine wäre, wenn sie nicht ist. Das ist ihr kreatives Selbstverständnis: Dass sie Bedeutung erschafft, wo nichts wäre ohne sie.
Sehr schön!



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