Vorstellungskraft

Mit Beginn der 1920er Jahre bilden sich in der deutschen Philosophie die Disziplinen der Philosophischen Anthropologie und der Lebensphilosophie aus, deren Grundfragen in den 1990er Jahren eine Renaissance erleben.
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Jörn Budesheim
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Könnten wir die sein, die wir sind, ohne "geteilte" Vorstellungskraft?



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NaWennDuMeinst
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Fr 19. Feb 2021, 10:31

Was ist denn eine "geteilte Vorstellungskraft"? Geteilte Aufmerksamkeit kenne ich.



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Jörn Budesheim
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Fr 19. Feb 2021, 10:35

Man kann Phantasien zum Beispiel doch mit anderen teilen.



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Alethos
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Fr 19. Feb 2021, 23:20

Ja, kann man. Ich stelle mir z.B. vor, auf der Oberfläche des Planeten Mars zu stehen. Ich sehe eine sehr dunkle Nacht über mir und tiefroten Sand unter meinen Füßen. Es ist windig und staubig. und ich würde sogar fast behaupten, dass ich das Rattern des kleinen Rovers höre - seine Achsen und das Getriebe, die kleinen Elektromotoren. Aber ich höre vor allem Wind. Und ich sehe die Erde. Als Punkt, ganz weit weg. Mich schleppt es langsam zurück in dieses Forum.. aus der Fantasie zurück hierher. Das war ein kleine, aber schnelle Reise.

Ob ihr wohl dabei wart? Das weiss man nie so genau, oder?



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iselilja
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Sa 20. Feb 2021, 07:33

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 19. Feb 2021, 10:35
Man kann Phantasien zum Beispiel doch mit anderen teilen.
@Alethos hat eine kleine Vorführung dessen gegeben, wie man Phantasien (oder besser gesagt: wie weit man Phantasien teilen kann). Wenn man das Phantasierte ein wenig reflektiert, so wird man auch bemerken, dass eine Partizipation dessen am wahrscheinlichsten ist, wenn die Beschreibungen am nachvollziehbarsten sind. Je ungenauer die Beschreibungen, desto wahrscheinlicher, dass das Phantasierte sich in unterschiedlichen Personen unterschiedlich abspielt. Adaptiertes Kopfkino gewissermaßen. :-)




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Jörn Budesheim
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Sa 20. Feb 2021, 07:42

Wir müssen unsere Fantasien nicht teilen. Dass wir es können - wofür Alethos ein Beispiel gegeben hat, ist aber keine Antwort auf die Frage, ob wir die wären, die wir sind, wenn wir Fantasien nicht teilen könnten.

Es soll aber in diesem Thread nicht nur um geteilte Einbildungskraft gehen, sondern Einbildungskraft, Vorstellungskraft und ähnliches schlechthin.



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Sa 20. Feb 2021, 11:53

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 20. Feb 2021, 07:42
Wir müssen unsere Fantasien nicht teilen. Dass wir es können - wofür Alethos ein Beispiel gegeben hat, ist aber keine Antwort auf die Frage, ob wir die wären, die wir sind, wenn wir Fantasien nicht teilen könnten.
Nein, wären wir nicht. Wenn wir Phantasien nicht teilen könnten, dann würde uns ja eine Eigenschaft fehlen, nämlich die Eigenschaft Phantasien teilen zu können.



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Burkart
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Sa 20. Feb 2021, 12:01

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 19. Feb 2021, 08:01
Könnten wir die sein, die wir sind, ohne "geteilte" Vorstellungskraft?
Und was soll "geteilte" (Vorstellungskraft) nun heißen? Oder ist dir das Wort bzw. der Sinn dahinter doch nicht wichtig oder inwiefern noch?



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Jörn Budesheim
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Mit geteilt ist das gemeint, was der Begriff wortwörtlich sagt, wir können unsere Fantasien ja teilen mit den anderen. Beispiele dafür sind z.b. Geschichten, die mündlich tradiert werden in oralen Gesellschaften aber natürlich auch schriftlich gefasste Fantasien, z.b. Romane. Das muss aber nicht groß gefasst sein, es gibt ja auch kleine Fantasien, wie Tagträume und ähnliches.



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Burkart
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Sa 20. Feb 2021, 12:57

Ok, also (mit-)teilen, damit wir von etwas eine gemeinsame oder besser ähnliche Vorstellung bekommen.
Individuell gesehen, damit der Mitteiler seine Vorstellung, Meinung o.ä. kundtut und der (möglichst interessierte) Empfänger davon irgendeinen Nutzen (z.B. Freude) hat.

Ist es nicht selbstverständlich, dass unsere Kultur/Gesellschaft/Leben u.ä. auf so einem Teilen beruht? Das gilt ja auch schon für Tiere und selbst auch z.T. für Pflanzen, wenn natürlich auch in höchst unterschiedlicher Art und Umfang.
Oder anders herum: Natürlich wären wir nicht die, die wir sind ohne entsprechende Kommunikation usw.



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Jörn Budesheim
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Sa 20. Feb 2021, 14:24

Pflanzen ihre Fantasien teilen?



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Sa 20. Feb 2021, 14:46

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 20. Feb 2021, 14:24
Pflanzen ihre Fantasien teilen?
Ok, lassen wir die von mir aus weg :D
Und nu'?



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Jörn Budesheim
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Sa 20. Feb 2021, 15:39

Fantasie erlaubt uns Zugriff auf Dinge*, die sich unseren anderen Sinnen nicht zeigen. Wesen mit Fantasie sind nicht auf das sinnlich Gegebene beschränkt. Das heißt, man kann in Welten leben, die weit über das sinnlich Gegebene hinausgehen. Mithilfe der Fantasie kann man Geschichten ersinnen, die große Gruppen zusammenschweißen können. Diese großen Geschichten können in das Leben jedes Einzelnen in jedem Moment hineinfließen, weil sie dem Einzelnen erlauben, jede Situation von diesem Großen Ganzen her zu verstehen und sich so in ihr zu orientieren.

*wir können hier offen lassen, hoffe ich, in welcher Hinsicht diese Dinge existieren oder auch nicht, damit es hier nicht einen weiteren SFO Faden gibt.



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iselilja
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Sa 20. Feb 2021, 20:07

Ich meine, wir wären nicht die selben, wenn wir nicht hin und wieder mit den Gedanken oder Vorstellungen anderer konfrontiert oder inspiriert würden. Vorstellungskraft macht, soweit ich das beurteile, einen ganz wesentlichen Aspekt unseres menschlichen Daseins aus. Man könnte sagen, wir kleben durch diese geteilten Dinge (Geschichten bspw.) alle mehr oder weniger aneinander. Je nachdem wie gut so eine (Mit-)teilung gelingt.

Und sicherlich auch abhängig davon wie stark solche DInge beim Rezipienten ausgeprägt sind, nicht alle haben die gleiche Vorstellungskraft.




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Burkart
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So 21. Feb 2021, 09:48

Ja, Fantasie und Vorstellungskraft ist wichtig für uns, ob nun für einen (mehr oder weniger gemeinsamen) Glauben und/oder Hoffnung, um uns die Welt besser vorzustellen als sie (vielleicht) nur ist...
...oder auch realer z.B. in der Wissenschaft, um Ziele zu erreichen oder anzustreben (z.B. zu starker KI ;) ).
iselilja hat geschrieben :
Sa 20. Feb 2021, 20:07
Und sicherlich auch abhängig davon wie stark solche DInge beim Rezipienten ausgeprägt sind, nicht alle haben die gleiche Vorstellungskraft.
Wohl wahr... und auch unterschiedliche Vorstellungskräfte (also verschiedene Vorstellungen).



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iselilja
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So 21. Feb 2021, 10:30

Burkart hat geschrieben :
So 21. Feb 2021, 09:48

Wohl wahr... und auch unterschiedliche Vorstellungskräfte (also verschiedene Vorstellungen).
Man kann das sogar nachweisen, dass es so ist, obwohl wir uns nicht gegenseitig in die Köpfe schauen können. Man erzähle zufällig ausgewählten Probanden eine Geschichte und lässt sie dann - jeder für sich allein - das Vernommene in einem gemalten Bild ausdrücken. Man wird staunen, wie weit die Unterschiede gehen.




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Burkart
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So 21. Feb 2021, 11:00

iselilja hat geschrieben :
So 21. Feb 2021, 10:30
Burkart hat geschrieben :
So 21. Feb 2021, 09:48

Wohl wahr... und auch unterschiedliche Vorstellungskräfte (also verschiedene Vorstellungen).
Man kann das sogar nachweisen, dass es so ist, obwohl wir uns nicht gegenseitig in die Köpfe schauen können. Man erzähle zufällig ausgewählten Probanden eine Geschichte und lässt sie dann - jeder für sich allein - das Vernommene in einem gemalten Bild ausdrücken. Man wird staunen, wie weit die Unterschiede gehen.
Alleine schon, weil einige gut, andere schlecht malen können ;)
Ja, du ist sicherlich eine Mögllichkeit das zu aufzeigen. Vermutlich reicht es auch schon die Geschichte nacherzählen oder zusammenfassen zu lassen.
Tja, jeder Mensch ist halt irgendwie verschieden, hat unterschiedliche Erfahrungen wie auch Wünsche und Bedürfnisse usw.



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Jörn Budesheim
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So 21. Feb 2021, 15:21

Nehmen wir mal ein Beispiel: vor mir oder hinter mir gehen Personen. Irgendetwas bekommt man von ihnen ja mit, entweder sieht man den Rücken oder man hört die Stimmen oder ähnliches. Aber dabei bleibt es ja nicht. Irgendwie unterschwellig komplettiert man das "unvollständige Bild". Das merkt man spätestens dann, wenn man überrascht ist, die Person dann wirklich zu sehen, etwa wenn man sich umdreht oder die Person dreht sich um.

Das heißt, auch in solchen Alltagssituationen ist immer sehr viel Fantasie im Spiel.



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So 21. Feb 2021, 16:01

Ich könnte mir vorstellen, dass dieses Phänomen eine gewisse Ähnlichkeit mit dem hat, was Husserl Retention und Protention nennt. Das Beispiel ist dazu immer die Musik. In meinen eigenen Worten gesagt: es geht darum, dass beim Hören die Vergangenheit noch in die Gegenwart hinein reicht und die Gegenwart bereits in die Zukunft hinaus greift - anders wäre es gar nicht möglich, eine Melodie zu erfassen. Vermutlich ist es bei Gesprächen ganz ähnlich.



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So 21. Feb 2021, 16:08

Es ist ein wenig die Frage, welchen Aspekt man von Fantasie meint.
Wenn es "nur" um Vervollständigung von solchen Bildern mit den Personen geht, benutzt man sie natürlich ständig und sind völlig normal und notwendig in unserem Alltag.
Man kann Fantasie aber als Mittel zum Erdenken von Fiktivem oder Neuem ansehen, dann wäre Fantasie nicht immer notwendig, wenn auch oft hilfreich.
Hm, irgendwie fehlt mir die Differenzierung in zwei Wörtern zur Unterscheidung...



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