Leben als Fragment

Mit Beginn der 1920er Jahre bilden sich in der deutschen Philosophie die Disziplinen der Philosophischen Anthropologie und der Lebensphilosophie aus, deren Grundfragen in den 1990er Jahren eine Renaissance erleben.
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Jörn Budesheim
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transfinitum
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Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 3. Apr 2021, 08:12
Noch mal ein Gedanke zum Begriffsverhältnis Fragment und Ganzes, wieder aus der Ästhetik heraus gedacht. Es gibt in der Kunst immer mal wieder Versuche, den Werkbegriff (in einer bestimmten Dimension des Begriffs) in Frage zu stellen. Dabei wird der Begriff des Werkes (jetzt etwas übertrieben dargestellt) verstanden als das Vollkommene, dem man nichts mehr hinzufügen kann, dem man nichts abziehen darf, das so wie es ist, eben ein harmonisches Ganzes darstellt.

Demgegenüber stehen Versuche, das Verschiedene als verschieden gelten zu lassen und es eben nicht zu einem harmonischen Ganzen "zusammen zu zwingen". Etwas paradox formuliert wäre dann das Ganze das Defizitäre, weil es die Verschiedenheit des "Partikularen" einzieht und leugnet. Das Unversöhnliche, das Verschiedene, das ganz Andere darf als es selbst bestehen bleiben und muss nicht zu einem Ganzen synthetisiert werden. In einer bekannten Wendung wäre das Ganze dann das Unwahre.

Das Leben als Fragment wäre dann das authentische - nicht mithilfe einer letztlich verfälschen den Narration zusammengefügte.
also beim Vergleich "das Leben als Fragment" aus ästhetischer Sicht habe ich nun länger überlegen müssen und so richtig kann ich es noch nicht einordnen. Das "dynamische" Leben kann aus meiner Perspektive nicht so ganz aus einer "statischen", ästhetischen, aus der Kunst kommenden Seite gesehen werden. Denn diese stellt nur ein Abbild/Projektion (von aussen) des Lebens dar. Vielleicht ordne ich aber auch Ästhetik nun völlig falsch einseitig der Kunst zu... :?:
Aber die Ansicht finde ich aus ästhetischer Ansicht durchaus interessant, denn beim einheitlichen Blick auf das Ganze gehen natürlich die Einzelteile verloren. Das aber nur, wenn zuvor das Ganze zerbrochen wurde. Daher bleibt für mich die Frage, ob das Ganze sich durch die Existenz seiner Fragmente erst definiert (das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile) oder ob das Ganze unabhängig von den Fragmenten bestehen kann und welches eine höhere Wertigkeit besitzt.



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Jörn Budesheim
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transfinitum hat geschrieben :
Sa 3. Apr 2021, 23:06
also beim Vergleich "das Leben als Fragment" aus ästhetischer Sicht habe ich nun länger überlegen müssen und so richtig kann ich es noch nicht einordnen. Das "dynamische" Leben kann aus meiner Perspektive nicht so ganz aus einer "statischen", ästhetischen, aus der Kunst kommenden Seite gesehen werden.
Es geht mir nicht darum, Kunst und Leben einfach gleichzusetzen, einfach gesagt. Es geht in dem Beitrag um die innere Logik des Begriffs "Fragment" in seinem Verhältnis zum "Gegenbegriff" dem Ganzen. Die Beispiele, auch das mit dem Leinöl-Kanister, sollen zeigen, dass es meines Erachtens nicht zwingend ist, dass der Begriff Fragment notwendig defizitär gegenüber dem Begriff des Ganzen ist. Es kann auch Bereiche geben in denen es genau umgekehrt ist. Ziel ist, uns einen freieren Umgang mit dem Begriff zu erlauben, wenn wir ihn auf unser Leben anwenden. Man könnte das mit einem Augenzwinkern vielleicht eine Dekonstruktion des Begriffs nennen 😉



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iselilja
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So 4. Apr 2021, 08:06

Ich glaube, dass die Anwendung des Begriffs "Fragment" - so wie wir ihn gemeinhin assoziieren, nämlich als Bruchstück eines Gegenstandes (eines zerbrochenen Kruges bspw.) - auf das Leben selbst nicht so einfach übertragbar ist. Auch wenn wir durchaus Sachverhalte metaphorisch so beschreiben können - wie eben der bekannte "Zerbrochene Krug" von H. v. Kleist.

Solange etwas als Ganzes versthebar ist, wie ein abgeschlossener Sachverhalt mit Anfang und Ende, oder ein objektiver Gegenstand, den man als Ganzes betrachten kann, ergänzen sich Fragment und Ganzes sinnvoll. Da wir aber auf das Leben - zumindest unser eigenes - nie als Ganzes "schauen" können, kann diese Assoziation auch nie in diesem Sinne greifen. Es stört rein gefühlsmäßig etwas daran.. und m.E. ist genau das hier der Grund dafür.


ps: Mit anderen Worten: weil wir selbst im Leben stehen, können wir es garnicht abschließend beurteilen. Und ich glaube auch, dass dies der selbe Grund ist, warum wir die Frage nach dem Sinn des Lebens nie so wirklich zufriedenstellend beantworten können.




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iselilja
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Mo 5. Apr 2021, 11:05

Um vielleicht nochmal kurz an den Gedanken der Endlichkeit anzuknüpfen, dass "Dinge", in denen wir uns selbst verorten, nur in einer in sich selbst begrenzten Weise vorliegen, macht es vielleicht auch für andere Aspekte unseres Daseins leichter, sie zu verstehen. Ich meine hier bspw. auch den Begriff Welt, der von innen heraus - also einem in der Welt sein - anders betrachtet wird, als würden wir ihn von außen und damit als abgeschlossenes Etwas betrachten wollen. Keiner kennt das Ende der Welt und dennoch sind unsere Kenntnisse darüber definitiv begrenzt.

In selber Weise würde auch niemand aus dem Umstand, dass man seinen Todestag nicht kennt, schlußfolgern, dass man nicht sterben wird.




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transfinitum
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Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 4. Apr 2021, 07:20
Ziel ist, uns einen freieren Umgang mit dem Begriff zu erlauben, wenn wir ihn auf unser Leben anwenden. Man könnte das mit einem Augenzwinkern vielleicht eine Dekonstruktion des Begriffs nennen 😉
stimmt, das wird dadurch möglich. Eventuell kann man nur durch eine Dekonstruktion darauf dann schliessen.
iselilja hat geschrieben :
So 4. Apr 2021, 08:06
Ich glaube, dass die Anwendung des Begriffs "Fragment" - so wie wir ihn gemeinhin assoziieren, nämlich als Bruchstück eines Gegenstandes (eines zerbrochenen Kruges bspw.) - auf das Leben selbst nicht so einfach übertragbar ist. Auch wenn wir durchaus Sachverhalte metaphorisch so beschreiben können - wie eben der bekannte "Zerbrochene Krug" von H. v. Kleist.

Solange etwas als Ganzes versthebar ist, wie ein abgeschlossener Sachverhalt mit Anfang und Ende, oder ein objektiver Gegenstand, den man als Ganzes betrachten kann, ergänzen sich Fragment und Ganzes sinnvoll. Da wir aber auf das Leben - zumindest unser eigenes - nie als Ganzes "schauen" können, kann diese Assoziation auch nie in diesem Sinne greifen. Es stört rein gefühlsmäßig etwas daran.. und m.E. ist genau das hier der Grund dafür.
mir kommt hier noch ein Gedanke (vielleicht durch die Dekonstruktion) - kann das Fragment nicht auch als ein Ganzes angesehen werden, woher wissen wir denn, dass es in etwas "Größeres" (Ganzes) eingebunden werden muss. Vielleicht steht das Fragment für sich alleine schon als etwas Ganzes.



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iselilja
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Mo 5. Apr 2021, 11:55

transfinitum hat geschrieben :
Mo 5. Apr 2021, 11:36

mir kommt hier noch ein Gedanke (vielleicht durch die Dekonstruktion) - kann das Fragment nicht auch als ein Ganzes angesehen werden, woher wissen wir denn, dass es in etwas "Größeres" (Ganzes) eingebunden werden muss. Vielleicht steht das Fragment für sich alleine schon als etwas Ganzes.
Das scheint mir ein wenig in die Richtung Mesoskopie zu gehen? Wenn man etwas betrachtet - ob das jetzt ein konkretes physisches Objekt ist oder ein sachlicher Zusammenhang - stellt man fest, dass man sowohl einen Schritt darauf zugehen kann als auch einen Schritt zurück. Je nachdem wofür man sich entscheidet, wird man entweder das größere Ganze erahnen oder aber das Konkrete als das Ganze, welches wiederum aus vielen Fragmenten besteht.




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Jovis
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Mo 5. Apr 2021, 20:56

iselilja hat geschrieben :
So 4. Apr 2021, 08:06
Ich glaube, dass die Anwendung des Begriffs "Fragment" - so wie wir ihn gemeinhin assoziieren, nämlich als Bruchstück eines Gegenstandes (eines zerbrochenen Kruges bspw.) - auf das Leben selbst nicht so einfach übertragbar ist. Auch wenn wir durchaus Sachverhalte metaphorisch so beschreiben können - wie eben der bekannte "Zerbrochene Krug" von H. v. Kleist.

Solange etwas als Ganzes versthebar ist, wie ein abgeschlossener Sachverhalt mit Anfang und Ende, oder ein objektiver Gegenstand, den man als Ganzes betrachten kann, ergänzen sich Fragment und Ganzes sinnvoll. Da wir aber auf das Leben - zumindest unser eigenes - nie als Ganzes "schauen" können, kann diese Assoziation auch nie in diesem Sinne greifen. Es stört rein gefühlsmäßig etwas daran.. und m.E. ist genau das hier der Grund dafür.
Das Ganze muss nicht notwendig als ein Abgeschlossenes bereits vorliegen, um es mit dem Fragment in Beziehung setzen zu können. Das hatten wir ja ganz am Anfang schon bei der Begriffsbestimmung: Das Fragment als Teil eines noch zu schaffenden Werkes (in der Musik beispielsweise).

Und in diesem Sinne - als ein noch zu schaffendes Ganzes - haben wir doch oft durchaus ein Bild von unserem Leben. Wir haben Vorstellungen davon, wie ein gelingendes Leben aussehen könnte, und unternehmen Schritte, um das zu verwirklichen. "Er hatte noch so viel vor!" - dieser Satz in vielen Todesanzeigen zeigt nicht nur die Vorzeitigkeit des Todes an, sondern auch die damit verbundene Unabgeschlossenheit des Lebens, dem zu diesem Ganzen noch einiges fehlte. "Sie starb nach einem erfüllten Leben" hingegen kommt einem möglichen Ganzen schon ziemlich nahe.

Außerdem: Fragment und Ganzes beziehen sich nicht nur dann sinnvoll aufeinander, wenn das Ganze in irgendeiner Form vorliegt. Es kann ja auch gerade das Fehlen des "Ganzen" sein, das einem die Fragmenthaftigkeit des eigenen Lebens zu Bewusstsein bringt.




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transfinitum
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Mo 5. Apr 2021, 21:54

Jovis hat geschrieben :
Mo 5. Apr 2021, 20:56

Das Ganze muss nicht notwendig als ein Abgeschlossenes bereits vorliegen, um es mit dem Fragment in Beziehung setzen zu können.
ja, würde ich auch so sehen, wann weiß man, wenn etwas abgeschlossen, vollkommen oder ganz ist? Das funktioniert vielleicht nur bei Gegenständen, deren Form man kennt, was mich zu einem schönen Beispiel aus der Kunst bringt....

hier ein Fragment als "ganzes Kunstwerk", die fehlenden Anteile machen die Schönheit des Kunstobjekts aus.
ced5fc1e4d2f5706b98b6f2f894944e1.jpg
ced5fc1e4d2f5706b98b6f2f894944e1.jpg (58.62 KiB) 891 mal betrachtet
was mich zum nächsten Beispiel bringt: der Zen-Kreis.
wandtattoo-enso---kreis.jpg
wandtattoo-enso---kreis.jpg (114.92 KiB) 891 mal betrachtet
wozu Laotse schreibt:
Das Sein des Nichts

Dreißig Speichen treffen die Nabe,
die Leere dazwischen macht das Rad.
Lehm formt der Töpfer zu Gefäßen,
die Leere darinnen macht das Gefäß.
Fenster und Türen bricht man in Mauern,
die Leere damitten macht die Behausung.
Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes,
das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus.


(sorry für die großen Bilder...)



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iselilja
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Mo 5. Apr 2021, 22:47

Jovis hat geschrieben :
Mo 5. Apr 2021, 20:56
iselilja hat geschrieben :
So 4. Apr 2021, 08:06
Ich glaube, dass die Anwendung des Begriffs "Fragment" - so wie wir ihn gemeinhin assoziieren, nämlich als Bruchstück eines Gegenstandes (eines zerbrochenen Kruges bspw.) - auf das Leben selbst nicht so einfach übertragbar ist. Auch wenn wir durchaus Sachverhalte metaphorisch so beschreiben können - wie eben der bekannte "Zerbrochene Krug" von H. v. Kleist.

Solange etwas als Ganzes versthebar ist, wie ein abgeschlossener Sachverhalt mit Anfang und Ende, oder ein objektiver Gegenstand, den man als Ganzes betrachten kann, ergänzen sich Fragment und Ganzes sinnvoll. Da wir aber auf das Leben - zumindest unser eigenes - nie als Ganzes "schauen" können, kann diese Assoziation auch nie in diesem Sinne greifen. Es stört rein gefühlsmäßig etwas daran.. und m.E. ist genau das hier der Grund dafür.
Das Ganze muss nicht notwendig als ein Abgeschlossenes bereits vorliegen, um es mit dem Fragment in Beziehung setzen zu können. Das hatten wir ja ganz am Anfang schon bei der Begriffsbestimmung: Das Fragment als Teil eines noch zu schaffenden Werkes (in der Musik beispielsweise).

Und in diesem Sinne - als ein noch zu schaffendes Ganzes - haben wir doch oft durchaus ein Bild von unserem Leben. Wir haben Vorstellungen davon, wie ein gelingendes Leben aussehen könnte, und unternehmen Schritte, um das zu verwirklichen. "Er hatte noch so viel vor!" - dieser Satz in vielen Todesanzeigen zeigt nicht nur die Vorzeitigkeit des Todes an, sondern auch die damit verbundene Unabgeschlossenheit des Lebens, dem zu diesem Ganzen noch einiges fehlte. "Sie starb nach einem erfüllten Leben" hingegen kommt einem möglichen Ganzen schon ziemlich nahe.

Außerdem: Fragment und Ganzes beziehen sich nicht nur dann sinnvoll aufeinander, wenn das Ganze in irgendeiner Form vorliegt. Es kann ja auch gerade das Fehlen des "Ganzen" sein, das einem die Fragmenthaftigkeit des eigenen Lebens zu Bewusstsein bringt.
Das Fragmentarische geht durch die Unvollständigkeit natürlich nicht verloren (jeder der mal PuzzleTeile in der Hand hatte kann sich das vorstellen). Man kann auch Bruchstücke eines halben Kruges als Bruchstücke eines ehemls ganzen Kruges verstehen. Ich denke, das ist kein Problem. Beim Leben sieht das glaube ich aber etwas anders aus, weil wir das Leben nicht nach diesem Muster komplettieren können, wie wir es bspw. bei einem Krug können. An der Form z.B. Im Leben wissen wir überhaupt nicht, was noch kommt - und deshalb haben wir da so eine Vorstellung vom Ganzen irgendwie, aber eben nichts genaues. Ich weiß nicht wie ich in 20 Jahren (falls ich da überhaupt noch lebe) über dies und jenes denke oder was mir noch so alles passiert. Das ist Metaphysik. :-)




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iselilja
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Di 6. Apr 2021, 19:17

@Jovis.. wie gefällt dir evtl. folgender Gedankengang?

Ich kann mein bisheriges Leben ( also bis zum jetzigen Zeitpunkt) als etwas Ganzes verstehen wollen. Das scheintmir ziemlich sinnvoll. Und in diesem Sinne kann ich es auch fragmentieren. Nach Epochen, Lokalitäten, Qualitäten, Anzahl der Freunde und Freude im Leben, nach Reifegraden.. was auch immer ich im Leben erfahren habe, kann ich als Maßstab einer Fragmentierung anlegen.

Ich habe aber auch die Vermutung, dass es DIr eigentlich um das Gegenteil davon geht.. nämlich dass das Leben Fragment von etwas Größerem ist. Habe ich recht? Wenn ja, würde mich das natürlich auch interessieren, was man da evtl. in Betracht ziehen könnte.




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Jovis
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Mi 7. Apr 2021, 17:33

@iselilja: Was du hier beschreibst, sind nach meinem Verständnis keine Fragmente, sondern einfach Bestandteile meines Lebens oder Aspekte, unter denen ich es betrachten kann. Ein Fragment ist zwar auch ein Teil von etwas, aber mit der besonderen Eigenschaft des Bruchstückhaften (oder wie ich lieber sagen würde: des Unabgeschlossenen, um die negative Konnotation des Zerbrochenen zu vermeiden). Mein Leben zu fragmentieren, wie bei einer Festplatte, ist also eigentlich kein angemessener Ausdruck, es sei denn, ich zerbräche es mutwillig. So war es beim Ausgangssatz von Bonhoeffer gemeint, dessen Leben von den Nazis zerstört wurde. Er sah allerdings sein ganzes Leben als ein Fragment. Er spricht nicht von Fragmenten im Plural, sondern vom „fragmentarischen Charakter“ bzw. dem „Fragment des Lebens“. Er sah sein Leben also weiterhin als eine Gesamtheit, nur eben eine unabgeschlossene.


Zu deiner Frage: Nein, es schwebt mir kein übergeordnetes Ganzes vor, im Gegenteil. Immanentes Ganzes hatte ich es genannt - dabei stelle ich mir etwas in Richtung der zweiten Dudendefinition vor, als das noch zu schaffende Ganze. Das Ganze wäre also ein Grenzbegriff in der Zukunft, eine noch nicht verwirklichte Utopie. Gleichzeitig enthält unser Leben aber auch das Fragmentarische der Vergangenheit, das Abgebrochene, nicht zu Ende Geführte oder Vereitelte. Unser Leben wäre also in zweifacher Hinsicht fragmentarisch – die beiden Definitionen schließen einander ja nicht aus, sondern können zusammen bestehen.


Deine Frage nach meiner Vorstellung von dem Ganzen hat mich aber zu einem Gedanken geführt, der schon länger unterschwellig vorhanden war, den ich nun aber besser präzisieren kann, dass es nämlich zum wechselseitigen Verhältnis von Fragment und Ganzem dazugehört, dass wir prinzipiell nicht wissen, wie das Ganze aussieht. Das Verhältnis von Teil und Ganzem ist ja relativ unproblematisch. Das Puzzlebeispiel ist schon mehrfach genannt worden, das passt hier ganz gut: Wir haben eine vorliegende Einheit, egal ob als Objekt, als Idee oder was auch immer, die aus verschiedenen Teilen besteht. Bei Fragment und Ganzem sieht das aber anders aus: Hier haben wir zwar auch Teile, aber wir haben das Ganze nicht! Das Ganze ist in diesem Verhältnis also fragmentarisch, die Fragmente sind das Ganze (alles, was wir haben).
Zuletzt geändert von Jovis am Mi 7. Apr 2021, 17:36, insgesamt 1-mal geändert.




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Jovis
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Mi 7. Apr 2021, 17:35

Ein ganz anderer Punkt: Mir kamen letztlich Zweifel, ob man diesen Gedanken des Fragmentarischen wohl auf jedes Leben anwenden kann oder sollte. Bonhoeffer schreibt aus einer Extremsituation heraus, die er nur teilweise relativiert und verallgemeinert („Je länger wir aus unserem eigentlichen beruflichen und persönlichen Lebensbereich herausgerissen sind, desto mehr empfinden wir, dass unser Leben … fragmentarischen Charakter hat.“). Ich kann mir aber Lebensläufe vorstellen, für die die Beschreibung des Fragmentarischen gar nicht besonders gut zutrifft, weder in die Richtung der Zerrissenheit noch in die des kreativen Selbstentwurfes. Das Unabgeschlossene muss ja gar nicht als solches empfunden werden, das Leben geht eben einfach seinen Gang, mit Wegen und Nebenwegen und Umwegen, ohne dass daraus ein Gefühl des Bruchstückhaften entsteht. Das Fragmentarische kann man also vielleicht nicht unbedingt als eine Grundsituation des Menschen schlechthin nehmen.




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Mi 7. Apr 2021, 18:25

Ah, jetzt verstehe ich auch die Bedeutung, die Dir vorschwebt @Jovis. Fragment eher als etwas Unvollendetes, Abgebrochenes, Verhindertes, Versäumtes etc. Hm ja. Oder eher nein. :-) Ich finde, da ist Fragment einfach nicht der passende Begriff, obwohl er einige Aspekte dessen hervorhebt. Das entspricht nicht dem, was man (oder ich doch zumindest) mit Leben verbindet. Es ist mir zu negativ, da werden zu viele andere und ebenso wichtige Aspekte ausgeblendet..




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Mi 7. Apr 2021, 18:32

Jovis hat geschrieben :
Mi 7. Apr 2021, 17:35
Ein ganz anderer Punkt: Mir kamen letztlich Zweifel, ob man diesen Gedanken des Fragmentarischen wohl auf jedes Leben anwenden kann oder sollte. Bonhoeffer schreibt aus einer Extremsituation heraus, die er nur teilweise relativiert und verallgemeinert („Je länger wir aus unserem eigentlichen beruflichen und persönlichen Lebensbereich herausgerissen sind, desto mehr empfinden wir, dass unser Leben … fragmentarischen Charakter hat.“). Ich kann mir aber Lebensläufe vorstellen, für die die Beschreibung des Fragmentarischen gar nicht besonders gut zutrifft, weder in die Richtung der Zerrissenheit noch in die des kreativen Selbstentwurfes. Das Unabgeschlossene muss ja gar nicht als solches empfunden werden, das Leben geht eben einfach seinen Gang, mit Wegen und Nebenwegen und Umwegen, ohne dass daraus ein Gefühl des Bruchstückhaften entsteht. Das Fragmentarische kann man also vielleicht nicht unbedingt als eine Grundsituation des Menschen schlechthin nehmen.
Ich kann mir gut vorstellen, dass "Einzelschicksale", die erheblich pathogenen Charakter aufweisen durchaus dazu neigen könnten, dieser begrifflichen Wahl eine höhere Bedeutung zuzumessen. Es hängt, wie Du schon erwähnst, vom persönlichen Lebensbereich ab, den man reflektiert.




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Jovis
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iselilja hat geschrieben :
Mi 7. Apr 2021, 18:25
Ah, jetzt verstehe ich auch die Bedeutung, die Dir vorschwebt @Jovis. Fragment eher als etwas Unvollendetes, Abgebrochenes, Verhindertes, Versäumtes etc. Hm ja. Oder eher nein. :-) Ich finde, da ist Fragment einfach nicht der passende Begriff, obwohl er einige Aspekte dessen hervorhebt. Das entspricht nicht dem, was man (oder ich doch zumindest) mit Leben verbindet. Es ist mir zu negativ, da werden zu viele andere und ebenso wichtige Aspekte ausgeblendet..
Du verabsolutierst hier etwas, was nur ein Aspekt, ein (hegelscher) Moment ist.




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Alethos
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Do 8. Apr 2021, 16:18

Jovis hat geschrieben :
Do 8. Apr 2021, 11:50
hegelscher Moment
Hegel ist wahrscheinlich ein wichtiger Hinweis für das Verstehen des zugrundeliegenden Motivs hinter der Begriffsverwendung hier von „Fragment“. Nicht das „Zerstückelte“, das Unfertige oder Gebrochene steht im Vordergrund, als vielmehr der Eindruck, dass unsere Leben immer bloss Etappen beschreiben, Provisorien vielleicht, die aber auch eingebettet sind irgendwo in ein Gefühl der Ganzheit. Der Geborgenheit. Fragmente in diesem Sinn dürfen wir nicht einfach als Bruchstücke deuten, sondern eher als sich gegenseitig hebende und ermöglichende Momente in einem Weg zu sich selbst. Zum ganzen Selbst, das wir sein wollen.

Darüber werde ich noch ein wenig brüten - Danke, Jovis!



-------------------------------
Alle lächeln in derselben Sprache.

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Do 8. Apr 2021, 16:50

Jovis hat geschrieben :
Do 8. Apr 2021, 11:50
iselilja hat geschrieben :
Mi 7. Apr 2021, 18:25
Ah, jetzt verstehe ich auch die Bedeutung, die Dir vorschwebt @Jovis. Fragment eher als etwas Unvollendetes, Abgebrochenes, Verhindertes, Versäumtes etc. Hm ja. Oder eher nein. :-) Ich finde, da ist Fragment einfach nicht der passende Begriff, obwohl er einige Aspekte dessen hervorhebt. Das entspricht nicht dem, was man (oder ich doch zumindest) mit Leben verbindet. Es ist mir zu negativ, da werden zu viele andere und ebenso wichtige Aspekte ausgeblendet..
Du verabsolutierst hier etwas, was nur ein Aspekt, ein (hegelscher) Moment ist.
Nein, eine Verabsolutierung liegt mir selbstverständlich fern. Aber ein erfülltes Leben zu führen (oder am Ende zurückzublicken und zusagen, schön dass ich hier sein durfte) ist sicherlich etwas, was diesem fragmentarischen Gedanken entgegensteht. Würde man beides in einem metaphysischen Sinne mit einander verbinden wollen, wäre vielleicht ein absoluter Anspruch da.. aber soweit mag ich mich nicht aus dem Fenster lehnen. :-)




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Jovis
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Sa 10. Apr 2021, 11:02

Hegels „Produzieren war ein stilles Processieren seiner Intelligenz, ein continuierliches Fortarbeiten seines ganzen Menschen. Seine Biographie entbehrt daher des Reizes großer Contraste, leidenschaftlicher Sprünge und ist nur durch die intensive Bedeutendheit ihres Helden vor gänzlicher Monotonie bewahrt.“ (Rosenkranz, Schüler und Biograf Hegels)

Hier haben wir also vielleicht ein Beispiel für ein nichtfragmentarisches Leben. Ausgerechnet Hegel, der Leben als Widerspruch definierte!




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Jörn Budesheim
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Die Tochter des Selbstmörders, frei nach Medardo Rosso (Leben als Fragment)



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