Leben als Fragment

Mit Beginn der 1920er Jahre bilden sich in der deutschen Philosophie die Disziplinen der Philosophischen Anthropologie und der Lebensphilosophie aus, deren Grundfragen in den 1990er Jahren eine Renaissance erleben.
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Jovis
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Di 23. Mär 2021, 19:59

TsukiHana hat geschrieben :
Di 23. Mär 2021, 08:00
Übrigens existiert in Japan eine traditionelle Form der Reparatur von zerbrochenem Porzellan, die sich Kintsugi (jap. 金継ぎ, dt. „Goldverbindung, -flicken“) nennt. Keramik- oder Porzellanbruchstücke werden mit Urushi-Lack geklebt, fehlende Scherben werden mit einer in mehreren Schichten aufgetragenen Urushi-Kittmasse ergänzt, in die feinstes Pulvergold oder andere Metalle wie Silber und Platin eingestreut werden.
Besonders zerbrochene, wertvolle Teetassen werden so behandelt, ganz im Sinne der japanische Wabi-Sabi-Ästhetik.
Ja, daran musste ich auch denken! :-)

Und ich versuchte mir vorzustellen, wie man auf diese Weise ein zerbrochenes Obdachlosenleben wohl reparieren könnte ...




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Jovis
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Di 23. Mär 2021, 20:01

Sorry, Leute, ich flute euch hier mit meinen Beiträgen, aber ich versuche, auf möglichst viel einzugehen. Aber nun ist Schluss für heute.




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AndreaH
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Mi 24. Mär 2021, 05:49

Jovis hat geschrieben :
Sa 20. Mär 2021, 16:34
„Das Leben ist ein Fragment“, habe ich neulich gelesen. Ich kenne den Zusammenhang nicht, in dem dieser Satz steht, aber das macht nichts, er hat mich trotzdem zum Nachdenken angeregt. Ich habe sofort ein Kaleidoskop vor mir gesehen – lauter bunte Bruchstücke, die sich immer wieder neu zusammensetzen lassen.
Mir gefällt der Gedanke eines Kaleidoskop mit seinen Fragmenten, die sich immer wieder neu zusammensetzen sehr gut.
Ich erinnerte mich daran, dass wir noch eines zu Hause haben. Wollte einfach mal wieder durchschauen.
Ich redete mit meinem Sohn, natürlich fanden wir es nicht. Mein Sohn kam aber dann sofort auf die Idee eines selbst zu basteln. (ok, er ist auch der typische Handwerker, einer der nicht lang überlegt, sondern gleich loslegt)
In wenigen Minuten klickte er sich auf YouTube durch, schaute ein paar Filme zum Kaleidoskop selfmade an. Dort fand er die unterschiedlichesten Ideen. Er bastelte nicht irgendeine Idee genau nach. Er entschied bewusst, was ihm am besten von den jeweiligen einzelnen Ideen gefiel und welche Materialien ihm zu Hause bereitstanden. Dann fügte er diese Ideen zu einer neuen Idee mit seiner eigenen Handschrift zusammen.
Daher denke ich schon das unser Tun und Handeln immer wieder neu von uns entworfen wird oder entworfen werden kann, mit Einfluss von Außen.
Mein Sohn, bekam nur den Impuls von mir zu suchen (nicht zu basteln). Er hätte sich auch entscheiden können etwas ganz anderes zu tun.
In irgendeiner Weise hat auch Jovis mit seinem Beitrag dazu beigetragen, dass mein Sohn ein Kaleidoskop gebastelt hat.

Daher denke ich, wir Menschen werden von Außen beeinflusst, ob positiv oder negativ. Entscheiden daraus selbst ob uns etwas anspricht oder nicht.
Aber wie, es zu solchen Entscheidungen kommt, dazu habe ich mir noch nicht so viele Gedanken gemacht.

unbewusst, bewusst, willentlich,....



Auch das mal vor langer, langer Zeit der Umgang mit Feuer erschaffen wurde, führt noch heute zu neuen anderen Entwicklungen.



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AndreaH
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Mi 24. Mär 2021, 05:52

Jovis hat geschrieben :
Di 23. Mär 2021, 20:01
Sorry, Leute, ich flute euch hier mit meinen Beiträgen, aber ich versuche, auf möglichst viel einzugehen. Aber nun ist Schluss für heute.
Mir gefällt eine Fülle an Flut! :D



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Jörn Budesheim
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Mi 24. Mär 2021, 06:51

Jovis hat geschrieben :
Di 23. Mär 2021, 19:46
Das heißt, es muss einer Sache keineswegs zum Nachteil gereichen, wenn sie nicht fertig ist, wenn sie fragmentarisch bleibt.
Ganz genau. Warum wird das bei Kunst so schätzen, kann ich nicht mal genau sagen, vielleicht weil es eine besondere Form der Lebendigkeit und Offenheit ist, sie lässt uns als Betrachter Raum.



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Mi 24. Mär 2021, 06:53

Jovis hat geschrieben :
Di 23. Mär 2021, 20:01
Sorry, Leute, ich flute euch hier mit meinen Beiträgen, aber ich versuche, auf möglichst viel einzugehen. Aber nun ist Schluss für heute.
Keine Sorge, es ist genau richtig so, finde ich :)



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Mi 24. Mär 2021, 09:39

Ich mag die Metapher des Naturwissenschaftlers Carlo Rovelli: "Eher als ein Gemälde auf einer einzelnen Leinwand ist die Welt eine Überlagerung vieler Leinwände..." Nimmt man eine Leinwand davon in den Blick, mag sie einem als war Fragment erscheinen, als ein Ausschnitt aus einem Gemälde auf einer einzelnen Leinwand. Aber vielleicht ist sie bloß ein Stück aus einer Vielfalt ohne Totalität. (Dabei fällt mir auf, dass der Begriff Ausschnitt für viel Zusammenhänge besser passen mag als Fragment.)



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Jovis
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Mi 24. Mär 2021, 18:23

Alethos hat geschrieben :
Di 23. Mär 2021, 15:00
Jovis hat geschrieben :
Mo 22. Mär 2021, 20:03
Was meinst du übrigens mit Nischendasein? Damit kann ich grade nichts anfangen.
Der Ausdruck "Nischendasein" ist wahrscheinlich nicht glücklich gewählt.

Wenn wir Fragmente einmal nicht vor dem Hintergrund einer Ganzheitsidee als Teile eines Ganzen denken (entweder als Teile, die noch zu einem Ganzen zusammengefügt werden können oder als Teile, die einst in einem Ganzen verbunden waren), sondern sie denken vor dem Aspekt ihrer Eigenständigkeit als Individuelles, dann erkennen wir in ihnen vielleicht auch so etwas wie eine gewisse Gelöstheit und Freiheit. Ein Fragment (in diesem Sinne) muss demjenigen nicht mehr nachtrauern, zu dem es eins gehörte. Es ist einfach und erfüllend Fragment und dadurch für sich selbst genommen unvollendet, aber in dieser Unvollendetheit ganz. Es ist Fragment unter Fragmenten - die allesamt gleichwertig unfertig sind, weil sie (als Fragmente) gar nicht in ein Fertiges hineingehören können. Das meine ich mit Nischendasein: Dass ein Fragment nur die Nische für sich beansprucht, die es als Fragment für sich in seiner Individualität einfordert. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.
Den Ausdruck Nische finde ich zwar immer noch etwas schwierig in diesem Zusammenhang, aber ansonsten gefällt mir der Gedanke ausnehmend gut, das Fragment nicht unbedingt auf ein Ganzes zu beziehen. Ich überlege die ganze Zeit schon, ob es nicht vielleicht ein anderes Wort gibt, das sich nicht ganz so offensichtlich auf Teil/Ganzes bezieht wie Fragment oder Bruchstück. Aber andererseits liegt in dieser Beziehung ja gerade der Sinn des Ausgangssatzes, und wenn man hier ein anderes Wort wählt, dann hat man auch einen anderen Sachverhalt.

Du sprichst vom Unvollendeten - ob das eine Möglichkeit ist? Aber auch dieser Begriff verweist auf etwas Ganzes, auf das Vollendete.




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Jovis
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Mi 24. Mär 2021, 19:00

Ich habe mir eben noch einmal das Bonhoeffer-Zitat durchgelesen, wo er sich auf Bachs Kunst der Fuge bezieht, als einem sozusagen perfekten Fragment. Und zusammen mit Alethos' Ausführungen wusste ich plötzlich klarer, was mich an dem Satz "Das Leben ist ein Fragment" ursprünglich so angezogen hat: Unser Leben ist immer irgendwie mangelhaft, defizitär, egal auf welches Ganze das auch bezogen sein mag. Aber - das spielt keine Rolle! Es ist als Fragment schön, wertvoll, kostbar. Das Defizitäre wird nicht geleugnet oder soll weggearbeitet werden. Es wird einfach anerkannt.

(Für Friederike: Radikale Akzeptanz. 8-) )




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Friederike
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Mi 24. Mär 2021, 19:07

Jovis hat geschrieben :
Mi 24. Mär 2021, 18:23
Du sprichst vom Unvollendeten - ob das eine Möglichkeit ist? Aber auch dieser Begriff verweist auf etwas Ganzes, auf das Vollendete.
Ich komme nicht zum Schreiben. Aber das ist es, was mir seit Sonntag im Kopf umherkreist, das Unfertige, das Unabgeschlossene, das Unvollkommene, das Unvollendete, das so, wie es ist, vollendet und vollkommen ist. Das zieht mich im Leben als Fragment in den Bann.




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TsukiHana
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Mi 24. Mär 2021, 19:46

Jovis hat geschrieben :
Di 23. Mär 2021, 19:39
TsukiHana hat geschrieben :
Mo 22. Mär 2021, 22:56
Das hic et nunc ist ein Fragment, wie ich es verstehe. Nicht das Davor, oder das Danach. Reines Gewahrsein im Augenblick.
Ich weiß jetzt nicht, ob uns das weiterbringt, aber weil es mir eingefallen ist: Soweit ich das aus der Literatur über den Buddhismus kenne, ist das "reine Gewahrsein im Augenblick" aber gerade kein Fragment, sondern die komplette Fülle, die Ganzheit. Es gibt nichts anderes als diesen jeweiligen Moment. (???)
Sicherlich bist Du bei dieser Wortwahl auf der richtigen Spur.

Wie ich nicht beabsichtige bei der Betrachtung dieser Frage ins theologische Fahrwasser zu geraten, möchte ich auch das buddhistische Fahrwasser meiden, zumal wir uns dann schon bei der (von der Philosophie) etwas abweichenden Terminologie verzetteln. Das ist jetzt keine Unterstellung, sondern Erfahrung.
Beispiel: Du nennst "die komplette Fülle, die Ganzheit", wo ein Buddhist vielleicht von "Leerheit" spricht. Und schon haben wir den Salat! :D
Das hic et nunc eröffnet doch gerade einen spannenden Resonanzraum, wie ich finde. Den zu "bespielen" würde mir schon genügen.



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iselilja
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Mi 24. Mär 2021, 20:01

In Japan gibt es diese typischen Schreine des Shintoismus. Wenn man sie betritt, steht man praktischerweise vor sich selbst im Nichts. Erinnert bedeutungshaft ein wenig an den offenen Gestus eines "erkenne dich selbst".

Das hier und jetzt findet seine Begründungsmuster auf nichts gegründet. Was es dann irgendwie doch zu allem macht, woraus sich ein Sinn erschließen kann.

So weiß ich zwar, dass ich auch gestern gelebt habe.. aber das eigentliche Leben - ob nun fragmentarisch oder nicht - spielt sich gerade jetzt ab.




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Jörn Budesheim
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Fr 26. Mär 2021, 06:32

Das Kinderlied von der Perfektion

Diesen Zyklus durchläufst du nur einmal
Hab keine Angst: Hort Schule Abi Uni Karriere Rente
Ende



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Friederike
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Fr 26. Mär 2021, 12:24

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 26. Mär 2021, 06:32
Das Kinderlied von der Perfektion

Diesen Zyklus durchläufst du nur einmal
Hab keine Angst: Hort Schule Abi Uni Karriere Rente
Ende
... oder der "Wahn des Architekten" (dein Leben muß eine stete Aufwärtsentwicklung sein, du mußt was werden, du mußt deine Fähigkeiten entfalten, du mußt dein Leben als "Ganzes" sehen o.ä.) - das Leben als Fragment zu verstehen, ist das die "Sprengung" aller Kontinuitäts-Vorstellungen? (ich beziehe mich auf das Gedicht"fragment", die 1. Strophe des Gedichts von J. Volkmann).




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Friederike
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Fr 26. Mär 2021, 15:59

Jovis hat geschrieben :
Mi 24. Mär 2021, 19:00
Ich habe mir eben noch einmal das Bonhoeffer-Zitat durchgelesen, wo er sich auf Bachs Kunst der Fuge bezieht, als einem sozusagen perfekten Fragment. Und zusammen mit Alethos' Ausführungen wusste ich plötzlich klarer, was mich an dem Satz "Das Leben ist ein Fragment" ursprünglich so angezogen hat: Unser Leben ist immer irgendwie mangelhaft, defizitär, egal auf welches Ganze das auch bezogen sein mag. Aber - das spielt keine Rolle! Es ist als Fragment schön, wertvoll, kostbar. Das Defizitäre wird nicht geleugnet oder soll weggearbeitet werden. Es wird einfach anerkannt.
(Für Friederike: Radikale Akzeptanz. 8-) )
Warum ich genau diesen Deinen Beitrag bis eben übersehen habe, das wissen die Götter.

Ja, ich glaube, das ist die Lösung, weil, es ist dann auch in logischer Hinsicht richtig, denkbar, möglich. Fragment kann nur sein, wenn es das Ganze gibt. Wenn das Fehlende nun aber mit eingeschlossen ist in dem Wort "Fragment", dann ist es das Ganze.

Wahrscheinlich stimmt, was ich sage, hinten und vorne nicht und vielleicht geht es auch vorbei an dem, was Du geschrieben hast @Jovis. Aber Deine Betrachtungsweise - jajaja!




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Jörn Budesheim
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Sa 27. Mär 2021, 07:18

Friederike hat geschrieben :
Fr 26. Mär 2021, 15:59
Fragment kann nur sein, wenn es das Ganze gibt.
Hier in Kassels Bergpark gibt es die Löwenburg, eine sogenannte künstliche Ruine, was heißt, dass sie als Ruine gebaut wurde. Ruine heißt gemäß Google „Einsturz, Sturz, Untergang“. Der Begriff "Ruine" hängt zwar logisch an dem, was eingestürzt oder untergegangen ist. Aber die Ruine im Bergpark ist so, wie sie ist, nicht durch Sturz oder Untergang entstanden, sondern das Imperfekte wurde genauso angestrebt.

Ich hatte weiter oben schon auf Torsi hingewiesen. Sie mögen vielleicht ursprünglich durch Zerstörung entstanden sein, aber die Form, die dann vorlag, wies gerade in der Unvollkommenheit und Gebrochenheit Eigenheiten auf, die als wertvoll und erstrebenswert angesehen wurden. Der logische Zusammenhang wurd dann gleichsam übersprungen und der Torso galt später als eigenes Prinzip.

Könnte es nicht sein - das einfach mal ins Unreine gesprochen - dass es einem Leben, welches keine Brüche und Krisen kennt, an Tiefe fehlen kann. Kann (nicht muss) nicht auch eine überwundene Krise ein Leben letztlich reicher machen?



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Sa 27. Mär 2021, 09:23

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 27. Mär 2021, 07:18
Krise
Ja, und weiter gefragt, ist nicht jede Krise auch ein Wende- und Scheidepunkt sanfter oder weniger sanfter Art, bei dem wir uns entscheiden sollen für und gegen dieses? Um auch Neuem Platz zu machen? Ich meine, der Begriff Krise (krinein) legt nahe zu denken, dass wir uns immer wieder, ja, täglich in Situationen wiederfinden, in denen wir uns neu und abgeändert zusammensetzen, z.B. indem wir lernen, indem wir überwinden, indem wir auch Überkommenes hinter uns lassen, sodass wir uns auch in diesem Sinne als Werdende, nie Vollendete verstehen müssen.
Wir, die wir uns in dieser Art als Lernende verstehen, als Reifende, kommen gar nicht darum herum, uns aus dieser Perspektive des Werdens als aus wegfallenden und dazukommenden Fragmenten Zusammengesetzte zu begreifen. Sich selbst zu erkennen hiesse, so gesehen, durch den Wandel hindurch krisenresistent zu bleiben :)

Wir müssen es gar nicht zu dramatisch meinen und jede Krise als katastrophales Ereignis verstehen, denn im Grunde kann jeder kleinste Moment, in welchem wir uns für diesen anstatt für den anderen Weg entscheiden, als moderate Krise verstanden werden, durch die wir uns in leicht gewandelten Konfigurationen immer wieder neu entwerfen. Nicht ganz neu, sondern so neu wie eine Ruine eben sein kann: Denn unsere Leben sind Ruinen. Sie sind es, weil wir Vergangenheit anhäufen, sobald wir fortschreiten. Auch das sind Krisen: Dass wir uns entwickeln und dabei Vergangenheit schaffend ein Jetzt erzeugen. Ein Jetzt, das in einer Dauerkrise steckt.

Aber unsere Lebensruinen stimmen hoffnungsvoll im günstigen Fall, wenn wir sie als Renovationsprojekte angehen, an denen wir als Bauherren und -frauen beteiligt sind. Unsere Leben sind Ruinen in einem guten Sinn dann, wenn wir durch unsere getroffenen und unterlassenen Entscheidungen, aktiv beteiligt sind an deren Erhalt und Nutzung. Manchem von uns gelingt auf den Mauern und mit den Elementen (Fragmenten) ihrer Lebensruinen eine fantastische Renovation, eine clevere Umnutzung. Andere wiederum betätigen sich an der ruinösen Substanz als Archäologen und Archäologinnen und bergen Schätze. Andere wiederum legen sich zu ihren Lebenssteinen ins Grab und sterben ruhig.

Gleichgültig, wie wir das Leben angehen, es zeigt sich uns immer in Bruchstücken, allein schon deshalb, weil das Jetzt die Ewigkeit bricht in Vergangenes und Künftiges, in Erinnertes und in Ingeniöses, in Ruinöses und Konservierendes etc. In diesen Spannungsfeldern bewegen wir uns, hin und her gerissen von gleichberechtigten Kräften, immerzu angehalten, nicht stehen zu bleiben, sondern diese unsere jeweiligen Wege tapfer weiterzugehen. Schritt für Schritt. Auch das ist fragmentarisch: Dass ein Schritt auf den nächsten folgt als Teilmomente eines Gehens. Ganz und vollendet ist dann nur die Hoffnung, dass diese Wege uns zum Glück führen.



-------------------------------
Alle lächeln in derselben Sprache.

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Jovis
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Sa 27. Mär 2021, 09:35

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 27. Mär 2021, 07:18
Friederike hat geschrieben :
Fr 26. Mär 2021, 15:59
Fragment kann nur sein, wenn es das Ganze gibt.
Hier in Kassels Bergpark gibt es die Löwenburg, eine sogenannte künstliche Ruine, was heißt, dass sie als Ruine gebaut wurde. Ruine heißt gemäß Google „Einsturz, Sturz, Untergang“. Der Begriff "Ruine" hängt zwar logisch an dem, was eingestürzt oder untergegangen ist. Aber die Ruine im Bergpark ist so, wie sie ist, nicht durch Sturz oder Untergang entstanden, sondern das Imperfekte wurde genauso angestrebt.

Ich hatte weiter oben schon auf Torsi hingewiesen. Sie mögen vielleicht ursprünglich durch Zerstörung entstanden sein, aber die Form, die dann vorlag, wies gerade in der Unvollkommenheit und Gebrochenheit Eigenheiten auf, die als wertvoll und erstrebenswert angesehen wurden. Der logische Zusammenhang wurd dann gleichsam übersprungen und der Torso galt später als eigenes Prinzip.

Könnte es nicht sein - das einfach mal ins Unreine gesprochen - dass es einem Leben, welches keine Brüche und Krisen kennt, an Tiefe fehlen kann. Kann (nicht muss) nicht auch eine überwundene Krise ein Leben letztlich reicher machen?
Weiter assoziiert fallen mir dazu Bonsais ein. Hier gilt es als Qualitätsmerkmal, wenn man einem Baum die Spuren seines Lebenskampfes ansieht. Ein perfekter Baum mit rundherum wohlpositionierten, üppig belaubten Ästen gilt als langweilig. Bevorzugt wird eine gebrochene, beschädigte, lückenhafte Ästhetik. Entweder findet man ein solches derangiertes Exemplar schon in der Natur vor und hebt diese Merkmale im Laufe der weiteren Bearbeitung noch hervor oder man erzeugt sie künstlich durch Schnitttechniken. Das berührt sich mit dem von TsukiHana erwähnten Kintsugi, der Wertschätzung der Gebrauchsspuren. Überhaupt mit der japanischen Wabi Sabi-Ästhetik.




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Jovis
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Sa 27. Mär 2021, 10:22

TsukiHana hat geschrieben :
Mi 24. Mär 2021, 19:46
Wie ich nicht beabsichtige bei der Betrachtung dieser Frage ins theologische Fahrwasser zu geraten, möchte ich auch das buddhistische Fahrwasser meiden, zumal wir uns dann schon bei der (von der Philosophie) etwas abweichenden Terminologie verzetteln. Das ist jetzt keine Unterstellung, sondern Erfahrung.
Beispiel: Du nennst "die komplette Fülle, die Ganzheit", wo ein Buddhist vielleicht von "Leerheit" spricht. Und schon haben wir den Salat! :D
Wo du Recht hast, hast du Recht. :lol:
TsukiHana hat geschrieben :
Mi 24. Mär 2021, 19:46
Das hic et nunc eröffnet doch gerade einen spannenden Resonanzraum, wie ich finde. Den zu "bespielen" würde mir schon genügen.
Dann möchte ich den Zusammenhang zum Fragmentarischen gern ein wenig präzisieren, denn der ist mir noch nicht ganz klar. Du hattest geschrieben:
TsukiHana hat geschrieben :
Mi 24. Mär 2021, 19:46
Das hic et nunc ist ein Fragment, wie ich es verstehe. Nicht das Davor, oder das Danach. Reines Gewahrsein im Augenblick.
Das heißt, hier bestünde das Fragmentarische im Losgelösten? Beim ersten Verstehensanlauf sehe ich eine unendliche Ansammlung von isolierten Augenblicken vor mir, die nicht, wie beim Fragment, durch den Bezug auf ein vor- oder nachgängiges Ganzes zusammengehalten werden. Das ist eine eher negative Assoziation, die ich nicht richtig zusammenkriege mit der für mich eigentlich positiven Besetzung des "reinen Gewahrseins im Augenblick".




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Jovis
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Sa 27. Mär 2021, 10:25

Friederike hat geschrieben :
Fr 26. Mär 2021, 15:59
Fragment kann nur sein, wenn es das Ganze gibt. Wenn das Fehlende nun aber mit eingeschlossen ist in dem Wort "Fragment", dann ist es das Ganze.
Klingt wunderbar dialektisch gedacht!




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