Leben als Fragment

Mit Beginn der 1920er Jahre bilden sich in der deutschen Philosophie die Disziplinen der Philosophischen Anthropologie und der Lebensphilosophie aus, deren Grundfragen in den 1990er Jahren eine Renaissance erleben.
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Jovis
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Sa 27. Mär 2021, 11:00

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mi 24. Mär 2021, 09:39
Ich mag die Metapher des Naturwissenschaftlers Carlo Rovelli: "Eher als ein Gemälde auf einer einzelnen Leinwand ist die Welt eine Überlagerung vieler Leinwände..." Nimmt man eine Leinwand davon in den Blick, mag sie einem als war Fragment erscheinen, als ein Ausschnitt aus einem Gemälde auf einer einzelnen Leinwand. Aber vielleicht ist sie bloß ein Stück aus einer Vielfalt ohne Totalität. (Dabei fällt mir auf, dass der Begriff Ausschnitt für viel Zusammenhänge besser passen mag als Fragment.)
Vielfalt ohne Totalität - Fragment ohne Ganzes? (Ich denke laut vor mich hin.) Klingt für mich erst einmal verlockend, aber nein - das geht nicht. Man sollte den Begriff nicht beliebig ausdehnen, dann bedeutet er nichts mehr. Fragment bezieht sich nun einmal auf ein Ganzes.

Aber Vielfalt ohne Totalität, das geht (rein logisch). Jede dieser Leinwände stellt ein Stück der Welt dar und beansprucht ihren Platz darin - keine Nische, Alethos, diese Verkleinerung hatte mich gestört, merke ich gerade, sondern einen gleichberechtigten Platz neben allen anderen Leinwänden.

Der Zusammenhang zum Fragmentgedanken würde dann nicht über das Bruchstück, sondern über das Stück gebildet werden können. Jede dieser Leinwände ist in sich vollständig, auch wenn sie nur einen Ausschnitt darstellt (und sich immer in Bearbeitung befindet, also nie abgeschlossen ist).




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Jovis
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Sa 27. Mär 2021, 19:19

Alethos hat geschrieben :
Sa 27. Mär 2021, 09:23
Denn unsere Leben sind Ruinen.
Alethos, ich mag deine Art, Begriffe aufzugreifen, sie in ihrer ganzen Tiefe auszuloten und große poetische Wortfelder zu schaffen. Aber ich glaube, die Ruine hast du in diesem Zusammenhang etwas überstrapaziert. Jörn hatte die künstliche Ruine als Beispiel dafür gebracht, dass Fragmentarisches einen ästhetischen Reiz entwickeln kann (so wie auch die Beispiele Torso und Skizzen) und auf diese Weise nicht als etwas Mangelhaftes angesehen wird, sondern einen eigenständigen Wert erhält, also nicht trotz, sondern wegen seines Unvollendetseins. Aber das nun aufs Leben zu übertragen, finde ich etwas gewagt. Ich kenne niemanden, der sein Leben nach rein ästhetischen Gesichtspunkten gestaltet, es also absichtlich wie eine künstliche Ruine ausschauen lassen würde (irgendein morbider Dandy des fin de siècle vielleicht?). Wenn man die Ruine aber im Sinne des alltäglichen Sprachgebrauchs nimmt, so möchte ich niemandem wünschen, dass sein Leben einer Ruine gleicht, egal wie schön die Blumen daraus sprießen. Natürlich gibt es Leben, die ruinös sind, und bewundernswert, wem es gelingt, die Bruchstücke soweit wieder zusammenzufügen, dass ein Weiterleben erträglich wird. Aber das zu verallgemeinern zu dem Satz "Unsere Leben sind Ruinen", weil wir "Vergangenheit anhäufen, sobald wir fortschreiten" - also nein, wirklich ... das geht mir zu weit. :-)




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NaWennDuMeinst
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Sa 27. Mär 2021, 21:41

Wenn ich das Fragmentarische im Zusammenhang mit dem Leben denke, dann fällt mir dazu vor allem ein, dass wir nicht jedes Leben leben können.
Da die Lebenszeit begrenzt ist können wir nicht die ganze Fülle des Lebens erleben, sondern immer nur Fragmente davon.
Das muss man nicht negativ finden, ein Mensch kann bei seinem letzten Atemzug wohl denken dass sein Leben genau so wie es gelaufen ist erfüllend war und dass es nichts zu vermissen gibt.
Aber in einem übergeordnetem Sinne leben wir alle nur einen Teil des Lebens. Im Idealfall den den wir uns selbst ausgesucht haben..



But I, being poor, have only my dreams; I have spread my dreams under your feet;
Tread softly because you tread on my dreams.
(William Butler Yeats)

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iselilja
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So 28. Mär 2021, 09:22

NaWennDuMeinst hat geschrieben :
Sa 27. Mär 2021, 21:41

Aber in einem übergeordnetem Sinne leben wir alle nur einen Teil des Lebens. Im Idealfall den den wir uns selbst ausgesucht haben..
An diesen Gedanken anknüpfend lässt sich sicherlich auch sagen, dass das individuell gelebte Leben immer nur ein Teil (Bruchteil?) eines gemeinschaftlichen Lebens ist. Denn was anderes Leben sein kann/könnte sehen wir ja eigentlich nur daran, dass es bei anderen Individuen auftaucht.

Erinnert ein wenig an die Frage, was man noch alles gern tun würde, wenn man doch nur genug Zeit hätte. Ich glaube es war Kublai Khan, der tatsächlich Mediziner damit beauftragte, nach dem ewigen Leben zu suchen, weil er noch so viel vor hatte.




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Friederike
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So 28. Mär 2021, 10:09

Jovis hat geschrieben :
Mi 24. Mär 2021, 19:00
[...] was mich an dem Satz "Das Leben ist ein Fragment" ursprünglich so angezogen hat: Unser Leben ist immer irgendwie mangelhaft, defizitär, egal auf welches Ganze das auch bezogen sein mag. Aber - das spielt keine Rolle! Es ist als Fragment schön, wertvoll, kostbar. Das Defizitäre wird nicht geleugnet oder soll weggearbeitet werden. Es wird einfach anerkannt.
Auch wenn es pathetisch klingt (mir ist so ... Bild ) - wenn es gelingt, das Ungenügende, Mangelhafte total anzuerkennen, dann verwandelt sich der Schmerz in Freude. Onein, :lol: das geschieht nicht oft, aber manchmal ist es so. Die absoluten Highlights im Glücklichsein. Das ist mir gestern Abend, während ich tanzte, noch eingefallen, als ich in die Nähe dieses Glücksgefühls kam ...




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Friederike
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So 28. Mär 2021, 10:21

NaWennDuMeinst hat geschrieben :
Sa 27. Mär 2021, 21:41
Wenn ich das Fragmentarische im Zusammenhang mit dem Leben denke, dann fällt mir dazu vor allem ein, dass wir nicht jedes Leben leben können.
Oja, die unzähligen Möglichkeiten, die wir versäumt haben wahrzunehmen, weil wir nicht alle Möglichkeiten leben können ...




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Jörn Budesheim
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So 28. Mär 2021, 10:34

Ich war nie in Tokio, aber habe ich es versäumt in Tokio zu sein?



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iselilja
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So 28. Mär 2021, 10:37

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 28. Mär 2021, 10:34
Ich war nie in Tokio, aber habe ich es versäumt in Tokio zu sein?
Das hängt wohl davon ab, ob Du jemals nach Tokio wolltest. Erfahren wolltest, wie es sich im Frühjahr zwischen Kirschblütenbäumen und stickigen Straßen leben lässt. :-) Oder was auch immer man an Tokio interessant finden mag.




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Jörn Budesheim
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Das kann gut sein. Aber heißt das, dass man eine Möglichkeit versäumt hat, wenn man sie nicht ergriffen hat? Das würde schließlich bedeuten, dass man in jeder Situation unendlich vieles versäumt!



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AndreaH
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Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 28. Mär 2021, 11:02
Das kann gut sein. Aber heißt das, dass man eine Möglichkeit versäumt hat, wenn man sie nicht ergriffen hat? Das würde schließlich bedeuten, dass man in jeder Situation unendlich vieles versäumt!
Ich denke eher es geht darum, dass man dieses "versäumen" als einen Teil akzeptiert. Eher als eine Fülle sieht, von denen man auswählen kann.
Es hatte ja in dem Moment,  als man etwas nicht ergriffen hat, etwas anderes einen größeren Wert gehabt.
Durch dieses sich selbst offenlegen, was man wirklich will, kann man doch viel klarer  Wünsche nachstreben, die Gelegenheiten ergreifen, wenn sie sich anbieten und dadurch vielleicht auch Träume erfüllen hinter denen man wirklich steht.



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iselilja
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Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 28. Mär 2021, 11:02
Das kann gut sein. Aber heißt das, dass man eine Möglichkeit versäumt hat, wenn man sie nicht ergriffen hat? Das würde schließlich bedeuten, dass man in jeder Situation unendlich vieles versäumt!
Genau das bedeutet es. :-) Deshalb empfehlen ja auch viele Menschen, möglichst viel von der Welt zu sehen. Ob als Tourist oder was auch immer.. wer nicht weiß was er verpasst/versäumt, bleibt gewissermaßen im Rahmen seines individuellen Tellerrandes. Ob das dann schlecht ist oder nicht.. wer weiß.




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Jörn Budesheim
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Nur für den Fall, dass es jemand nicht kennt: Ever tried. Ever failed. No matter. Try again. Fail again. Fail better. (Samuel Beckett)



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Friederike
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So 28. Mär 2021, 15:00

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 28. Mär 2021, 11:02
Das kann gut sein. Aber heißt das, dass man eine Möglichkeit versäumt hat, wenn man sie nicht ergriffen hat? Das würde schließlich bedeuten, dass man in jeder Situation unendlich vieles versäumt!
Vielleicht wird es verständlicher, was ich mit dem Versäumnis von Möglichkeiten gemeint habe, wenn ich sage, daß mir hauptsächlich "ich habe nicht genug geliebt" im Kopf herumgeisterte.




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iselilja
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So 28. Mär 2021, 15:43

Friederike hat geschrieben :
So 28. Mär 2021, 15:00
Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 28. Mär 2021, 11:02
Das kann gut sein. Aber heißt das, dass man eine Möglichkeit versäumt hat, wenn man sie nicht ergriffen hat? Das würde schließlich bedeuten, dass man in jeder Situation unendlich vieles versäumt!
Vielleicht wird es verständlicher, was ich mit dem Versäumnis von Möglichkeiten gemeint habe, wenn ich sage, daß mir hauptsächlich "ich habe nicht genug geliebt" im Kopf herumgeisterte.
Ich glaube das ist das, was viele Menschen meinen, wenn sie glauben, ihr Leben müsse irgendwie intensiver sein. Jede Sekundes des Lebens am besten nutzen um glücklich zu sein, um was zu erleben, nichts auslassen etc.

Ich glaube, das geht nicht nur nicht, weil man ja irgendwo auch chillen muss und einfach garnichts tun will.. einfach nur dasein und andererseits ist das vermutlich auch ein Grund, warum Menschen zu Drogen greifen, die ihnen einen gewissen Intensitätslevel garantieren.

Hm.




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Jörn Budesheim
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So 28. Mär 2021, 17:05

Bild

This is Peter Thiel. We pay pal for his immortality.

"Nicht weit entfernt von der [Golden Gate Bridge] im südlichen Teil der San Francisco Bay Area, liegt das Silicon Valley, wo namhafte Unternehmen Milliarden investieren, um den Traum vom Sieg über den Tod mit wissenschaftlichen Strategien zu verwirklichen. Ihre Maxime lautet: »Gleichheit ist out, Unsterblichkeit ist in«. Das Versprechen ewigen Lebens wird von derselben verschwindend kleinen Gruppe propagiert, an die es sich eigentlich richtet; Unsterblichkeit muss man sich leisten können. Zu dieser Gruppe gehören etwa Ray Kurzweil, Leiter der technischen Entwicklung bei Google, oder Peter Thiel, Mitbegründer von PayPal, mit einem geschätzten Privatvermögen von 2,2 Milliarden US-Dollar, Geldgeber für die Tea Party und den Wahlkampf Donald Trumps." (Thomas Macho, in "das Leben nehmen")



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Jovis
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Mo 29. Mär 2021, 10:06

NaWennDuMeinst hat geschrieben :
Sa 27. Mär 2021, 21:41
Wenn ich das Fragmentarische im Zusammenhang mit dem Leben denke, dann fällt mir dazu vor allem ein, dass wir nicht jedes Leben leben können.
Da die Lebenszeit begrenzt ist können wir nicht die ganze Fülle des Lebens erleben, sondern immer nur Fragmente davon.
Das muss man nicht negativ finden, ein Mensch kann bei seinem letzten Atemzug wohl denken dass sein Leben genau so wie es gelaufen ist erfüllend war und dass es nichts zu vermissen gibt.
Aber in einem übergeordnetem Sinne leben wir alle nur einen Teil des Lebens. Im Idealfall den den wir uns selbst ausgesucht haben..
Das hieße, das Fragmentarische ergäbe sich u.a. auch aus unserer relativen Freiheit. Das Leben einer Wanze ist ganz, rund, vollständig. So, wie es ist, kann es nicht anders sein. Wir dagegen haben Wahlmöglichkeiten. Andrea spricht von der Fülle, aus der man auswählen kann. Dem einen sich zuwenden bedeutet aber immer, sich von vielem anderen abzuwenden. Wählen heißt immer, ein Teil zu wählen. Und aus all diesen vielen kleinen und großen Teilen setzt sich dann unser Leben immer weiter zusammen. Nicht als Stückwerk, sondern organisch, wir sind ja lebende Wesen. Ob man dieses Fragmentarische bedauert oder akzeptiert, liegt wohl zu einem großen Teil daran, wie es zu den jeweiligen Entscheidungen (Alethos' Krisen) gekommen ist, ob man sie aus voller Überzeugung oder eher durch den Druck der Umstände getroffen hat z.B. Es wird wohl meist beides vorliegen, in unterschiedlichen Mischungen (nicht bei jeder Entscheidung, aber in der Summe): Freude über Wahlmöglichkeiten, Bedauern über nicht ergriffene Möglichkeiten.




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Jovis
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Mo 29. Mär 2021, 10:30

iselilja hat geschrieben :
So 28. Mär 2021, 12:42
Deshalb empfehlen ja auch viele Menschen, möglichst viel von der Welt zu sehen. Ob als Tourist oder was auch immer.. wer nicht weiß was er verpasst/versäumt, bleibt gewissermaßen im Rahmen seines individuellen Tellerrandes. Ob das dann schlecht ist oder nicht.. wer weiß.
Viel hilft viel. ;) Gesellen wurden früher nicht umsonst auf Wanderschaft geschickt, sie sollten im wahrsten Sinne des Wortes ihren Horizont erweitern, der früher ja noch sehr viel enger war als bei uns heute. Und ich denke, dass es in vielen Fällen wohl tatsächlich so ist: Wer sich immer wieder Fremdem, Neuem aussetzt, erweitert auch seinen geistigen Horizont, bekommt mehr Vorstellungen von anderen Lebensentwürfen, hat im Idealfall dann auch mehr Verständnis dafür. Ob das allerdings mit dem heutigen Massentourismus so gut klappt, möchte ich bezweifeln. Obwohl man das vielleicht nicht unterschätzen sollte: Sofern man seine Urlaubstage nicht nur zwischen Strand und Hotel verbringt, sondern auch mal aus dem Ferienghetto herauskommt, eröffnet sich einem ja doch ein Stück weit eine andere Welt. Als ich das erste Mal tatsächlich durch eine italienische Stadt gelaufen bin, war ich überwältigt von den Farben, der Enge, der Wärme ... Das kannte ich alles von Bildern und Filmen, aber es tatsächlich zu spüren, war ganz etwas anderes.

Ob die Breite der Erfahrung allerdings etwas am grundsätzlich fragmentarischen Charakter des Lebens ändert, steht auf einem anderen Blatt. Außerdem gibt es ja auch noch die Dimension der Tiefe, die man ohne Ortswechsel ausloten kann. Wobei sich das gewiss gegenseitig befruchtet.




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iselilja
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Mo 29. Mär 2021, 16:51

Jovis hat geschrieben :
Mo 29. Mär 2021, 10:30
aber es tatsächlich zu spüren, war ganz etwas anderes.
Da ist was dran... Dokumentationen, die einem gewissermaßen die Welt in ihrer Fülle eröffnen, bedienen ja i.d.R. nur zwei Sinne - Augen und Ohren. Etwas mit allen Sinnen zu erleben ist etwas anderes. Und in dem Moment ist auch garnichts fragmentiert. Alles ist dann so vollständig, wie es nur sein kann im Leben. ;-) Mehr geht wohl nicht - ich wüsste auch nicht wie.




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Jörn Budesheim
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Mo 29. Mär 2021, 19:00

Noch mal ein Wort zu Ganzes und Teil: von hier aus sehe ich die Rückseite des kleinen Kanisters Leinöl. Der Gegenstand meiner Wahrnehmung ist der Kanister selbst und zwar natürlich der ganze Kanister, auch wenn in meinem Gesichtsfeld nur die Rückseite erscheint. Gewissermaßen habe ich hier beides, also wenn man so will: two in one. Das sind also nicht sich ausschließende "Gegensätze", ich kann einen Teil und das Ganze in eins haben. Kann man das auf die Wahrnehmung des eigenen Lebens übertragen? Erlebe ich mein Leben in jedem Ausschnitt als Ganzes?



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iselilja
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Mo 29. Mär 2021, 19:34

Schwer zu sagen. Ich würde meinen, dass es wohl auch davon abhängt, wie umfassend man hier "als Ganzes" verstanden wissen will. Es gibt da durchaus verschiedene Ebenen. Ein paar wurden ja schon angesprochen.

Wenn mir bspw. ein Mensch gerade fehlt.. dann denke ich, könnte ich machen was ich will, er würde mir dennoch fehlen. Was genau soll das sein, das ganze Leben, was man zumeist (mir geht es oftmals so) als bloß zeitlich ganzen Rahmen betrachtet.. im Sinne von lebenslang?

Oder ließe sich "fragmentarisch" vielleicht auch so verstehen, dass man niemals alle Ebenen des eigenen Lebens zufriedenstellend oder gar vollständig abdecken kann.




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