Haben wir eine Seele?

Mit Beginn der 1920er Jahre bilden sich in der deutschen Philosophie die Disziplinen der Philosophischen Anthropologie und der Lebensphilosophie aus, deren Grundfragen in den 1990er Jahren eine Renaissance erleben.
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Consul
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Mi 5. Nov 2025, 22:45

Der letzte Teil des Video-Transkripts:
41:35: Also mit den Methoden der modernen Wissenschaften lässt sich die Seele auf jeden Fall nicht nachweisen. Aber wir sind der Messapparat unserer eigenen inneren Welt und Lebenserfahrung. Ein Messinstrument für die Seele ist noch nicht erfunden worden, aber das ist ja jetzt kein Beweis für die Nichtxistenz der Seele. Ich meine, wie kann ein materielles Objekt wie das Gehirn sowas Immaterielles hervorbringen wie Göthes Faust? Und könnte das nicht auch für die Seele gelten?
Wenn ich in mich hineinhöre, und das wird ihnen genauso gehen, dann spüren Sie doch sowas Lebendiges. Also ich auf jeden Fall, was sich mit der Zeit immer wieder verwandelt hat und verändert. Und vielleicht ist es dieses Gefühl, diese Erfahrung ist vielleicht das Entscheidende. Das ist sozusagen des Pudelskern. Ich meine, im Zweifel behalte ich doch lieber etwas, das nicht existiert, bevor ich etwas abgebe, dass mein Ich im Innersten zusammenhält."
Ich verstehe den letzten Satz nicht. Was will uns der Autor damit sagen?
(Der Text, den Lesch aufsagt, ist nicht von ihm selbst verfasst worden, sondern von dem Drehbuchautor Alexander Hogh.)
Anyway, Gegenfrage: Wie kann ein immaterielles Objekt wie die Seele sowas Immaterielles hervorbringen wie Göthes Faust? Wie kann eine immaterielle Seele überhaupt irgendwelche Bewusstseins-/Geisteszustände hervorbringen?
(Mir ist übrigens nicht klar, worauf sich "das" im obigen Satz "Und könnte das nicht auch für die Seele gelten?" bezieht.)



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Jörn P Budesheim
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Do 6. Nov 2025, 08:24

ab min 1:04 hat geschrieben : Ich habe nun - ach - Physik, Philosophie und Astronomie durchaus studiert. Ich habe geforscht, viel gelesen, geschrieben – aber die Antwort auf die Frage, was die Welt im Innersten zusammenhält, die habe ich immer noch nicht bekommen. Dafür würde ich einiges geben. Wenn mir jemand diese Antwort geben könnte – da geht’s mir genau wie Goethes Faust.
ab min 40:33 hat geschrieben : Liebe, Freundschaft, das Gefühl tiefer Verbundenheit berühren uns dort, wo wir unsere Seele verorten. Das sind die Momente, in denen wir intensiv fühlen – Momente, die uns zum Staunen bringen, in denen wir unsere Seele zu spüren glauben.

Dieses starke Gefühl, dass da etwas in uns ist, fühlt sich wahrhaftig an und hat offenbar auch ganz reale Auswirkungen auf unsere Lebenswelt. Soziologen konnten nachweisen, dass Menschen, die diese Momente der Ergriffenheit in ihrem Alltag häufiger erleben, sich sozialer und empathischer verhalten – menschlicher.

Kein Wunder also, dass uns unsere Seele lieb und teuer ist, selbst wenn sie gar nicht existieren sollte.
Consul hat geschrieben :
Mi 5. Nov 2025, 22:45
Der letzte Teil des Video-Transkripts:
41:35: ... Ich meine, im Zweifel behalte ich doch lieber etwas, das nicht existiert, bevor ich etwas abgebe, dass mein Ich im Innersten zusammenhält."
Ich verstehe den letzten Satz nicht. Was will uns der Autor damit sagen?
Faust ist ja gewissermaßen die Klammer des Videos. Sollte Lesch also einen Pakt mit dem Teufel schließen – als Gegenleistung für absolute Erkenntnis? Damit ist das Thema eröffnet: „Aber kann ich denn überhaupt etwas verkaufen, von dem ich gar nicht weiß, ob es überhaupt existiert?“ Absolute Erkenntnis liefert das Video natürlich nicht. "Denn" die Naturwissenschaften verfügen ohnehin nicht über die passenden Messinstrumente – etwa eine Waage, die 21 Gramm anzeigen könnte. Stattdessen gilt: „Wir sind der Messapparat unserer eigenen inneren Welt.“: „Liebe, Freundschaft, das Gefühl tiefer Verbundenheit berühren uns dort, wo wir unsere Seele verorten. Das sind die Momente, in denen wir intensiv fühlen – Momente, die uns zum Staunen bringen, in denen wir unsere Seele zu spüren glauben.“

Absolute (naturwissenschaftliche) Erkenntnis haben wir also nicht. Heißt, das, dass Lesch den Pakt mit dem Teufel schließen sollte? Nein: „Ich meine, im Zweifel behalte ich doch lieber etwas, das nicht existiert, bevor ich etwas abgebe, das mein Ich im Innersten zusammenhält.“ – Bevor ich es also dem Teufel verkaufe. Das ist - vermute ich - bewusst "paradox" formuliert, schätze ich.

Da scheint es – so Lesch – etwas zu geben, das zwar nicht die Welt, wie zu Beginn des Videos à la Faust, so doch immerhin mein Ich im Innersten zusammenhält.
Consul hat geschrieben :
Mi 5. Nov 2025, 22:45
Der letzte Teil des Video-Transkripts:
41:35: .... Ich meine, wie kann ein materielles Objekt wie das Gehirn sowas Immaterielles hervorbringen wie Goethes Faust? Und könnte das nicht auch für die Seele gelten?
(Mir ist übrigens nicht klar, worauf sich "das" im obigen Satz "Und könnte das nicht auch für die Seele gelten?" bezieht.)
Ich lese das so: Wenn das Gehirn sowas Immaterielles hervorbringen kann wie Goethes Faust, warum dann nicht auch sowas Immaterielles wie die Seele.




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Jörn P Budesheim
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Do 6. Nov 2025, 08:49

Ich habe eine KI mit dem gesamten bisherigen Faden und auch dem Video gefüttert. Hier ein Ausschnitt des Outputs:
Gemini hat geschrieben : Indem Sie sich weigern, die Frage im Rahmen von Substanz vs. Nicht-Substanz zu führen, plädieren Sie dafür, dass die Philosophie die Fülle der seelischen Erscheinungen und die Singularität des menschlichen Seelenlebens (Kunst, Kultur, Selbstreferenz) ernst nehmen muss, anstatt sich vorschnell in einen metaphysischen Dualismus oder Materialismus zwängen zu lassen.

Ihre Beiträge im Dialog stellen somit eine metaphilosophische Kritik dar: Sie hinterfragen, ob die traditionelle philosophische Frage nach der Natur der Seele überhaupt mit der Sprache der Substanz adäquat erfasst werden kann.
Gar nicht schlecht für eine KI :-) Vor diesem Hintergrund lässt sich vielleicht auch meine "Forderung" nach Beispielen verstehen. Ich will nicht die Fülle unseres (Er-)Lebens vorschnell ein paar sterilen, abstrakten Begriffe opfern.




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Jörn P Budesheim
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Do 6. Nov 2025, 09:02

Lesch hat geschrieben : Ich meine, wie kann ein materielles Objekt wie das Gehirn sowas Immaterielles hervorbringen wie Goethes Faust?
Ich glaube übrigens nicht, dass „ein materielles Objekt wie das Gehirn so etwas Immaterielles [...] wie Goethes Faust“ hervorbringt. Das ist mir erstens zu unidirektional gedacht. Denn – wenn man schon so sprechen will – bringt natürlich Faust mindestens ebenso Goethes Gehirn hervor.

Und zweitens ist es ja nicht das Gehirn, das Faust „hervorbringt“, sondern die leibhaftige Person Goethe – und mit ihr vieles, vieles andere: die Literaturgeschichte, die kulturellen Traditionen, die Geschichte der Region, die Mythen und vieles mehr. Und natürlich der Faust selbst. Auch hier erscheint mir die Fokussierung auf ein einzelnes Ding, das etwas „hervorbringt“, verfehlt.




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Jörn P Budesheim
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Do 6. Nov 2025, 17:55

Ich glaube auch nicht, dass man die Frage nach der Seele einfach so behandeln muss, als wäre sie identisch mit der Frage nach dem mind-body-Problem.




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Consul
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Do 6. Nov 2025, 21:13

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 6. Nov 2025, 08:24
Faust ist ja gewissermaßen die Klammer des Videos. Sollte Lesch also einen Pakt mit dem Teufel schließen – als Gegenleistung für absolute Erkenntnis? Damit ist das Thema eröffnet: „Aber kann ich denn überhaupt etwas verkaufen, von dem ich gar nicht weiß, ob es überhaupt existiert?“ Absolute Erkenntnis liefert das Video natürlich nicht. "Denn" die Naturwissenschaften verfügen ohnehin nicht über die passenden Messinstrumente – etwa eine Waage, die 21 Gramm anzeigen könnte. Stattdessen gilt: „Wir sind der Messapparat unserer eigenen inneren Welt.“: „Liebe, Freundschaft, das Gefühl tiefer Verbundenheit berühren uns dort, wo wir unsere Seele verorten. Das sind die Momente, in denen wir intensiv fühlen – Momente, die uns zum Staunen bringen, in denen wir unsere Seele zu spüren glauben.“

Absolute (naturwissenschaftliche) Erkenntnis haben wir also nicht. Heißt, das, dass Lesch den Pakt mit dem Teufel schließen sollte? Nein: „Ich meine, im Zweifel behalte ich doch lieber etwas, das nicht existiert, bevor ich etwas abgebe, das mein Ich im Innersten zusammenhält.“ – Bevor ich es also dem Teufel verkaufe. Das ist - vermute ich - bewusst "paradox" formuliert, schätze ich.

Da scheint es – so Lesch – etwas zu geben, das zwar nicht die Welt, wie zu Beginn des Videos à la Faust, so doch immerhin mein Ich im Innersten zusammenhält.
Mir ist immer noch nicht klar, worauf die schwammigen Aussagen in dem Video letztlich hinauslaufen, was die eigentliche Botschaft ist. Geht es etwa um eine Art pascalsche Wette zugunsten des Seelenglaubens? Handelt es sich womöglich um subtile Werbung für den Seelenglauben mit dem Ziel, diesen interessant und attraktiv erscheinen zu lassen?
Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 6. Nov 2025, 08:24
Consul hat geschrieben :
Mi 5. Nov 2025, 22:45
Der letzte Teil des Video-Transkripts:
41:35: .... Ich meine, wie kann ein materielles Objekt wie das Gehirn sowas Immaterielles hervorbringen wie Goethes Faust? Und könnte das nicht auch für die Seele gelten?
(Mir ist übrigens nicht klar, worauf sich "das" im obigen Satz "Und könnte das nicht auch für die Seele gelten?" bezieht.)
Ich lese das so: Wenn das Gehirn sowas Immaterielles hervorbringen kann wie Goethes Faust, warum dann nicht auch sowas Immaterielles wie die Seele.
Eine Seele als eine Art von Substanz ist entweder eine okkulte materielle, "kryptophysische" Substanz, d.i. ein "feinstofflicher", dreidimensionaler "Seelenkörper", oder eine immaterielle, aphysische Substanz, d.i. ein unstofflicher, nulldimensionaler "Seelenpunkt". Ersteres entspricht dem volkstümlichen Seelenbegriff (der auch in esoterischen Theorien vorkommt), während Letzteres dem philosophischen (cartesianischen) Seelenbegriff entspricht.

In einem Gehirn als einem dreidimensionalen Körper mit einer (wahrnehmbaren) äußeren Gestalt und einem (beobachtbaren) hochkomplizierten inneren Gefüge finden allerlei energetisch-materielle Vorgänge statt, die psychische Ereignisse/Zustände verursachen, verwirklichen können.
In einem nulldimensionalen Seelenpunkt ohne irgendeine äußere Gestalt und ohne irgendein inneres Gefüge kann gar nichts stattfinden oder geschehen, da ein Etwas von der Größe eines mathematischen Punktes kein Inneres hat. Ein Seelenpunkt ist (wie ein mathematischer Punkt) ein absolut statisches Ding ohne innere Bewegung oder Dynamik, sodass er auch keine Ursache psychischer Ereignisse/Zustände sein kann. (Cartesianische Seelenpunkte befinden sich nicht einmal irgendwo im Raum, sodass sie auch nicht zu äußerer Bewegung fähig sind.)

Ein Seelenpunkt ohne psychische Zustände oder Eigenschaften – der sich somit auch keine literarischen Texte wie Goethes Faust ausdenken kann – ist aber ein begrifflicher Selbstwiderspruch, da seelische Substanzen per definitionem psychische Zustände/Eigenschaften haben. Nun stellt sich jedoch heraus, dass dies grundsätzlich unmöglich ist, sodass es nulldimensionale Seelensubstanzen oder "Seelenpunkte" nicht geben kann. Ein sogenannter Seelenpunkt ist in Wahrheit ein seelenloser, "toter" Punkt, der nichts fühlen und nichts denken kann.
Es bleibt also nur die theoretische Möglichkeit, dass es sich bei Seelensubstanzen um "geisterhafte", "gespenstische" Körper (ausgedehnte stoffliche Gebilde) handelt, um "Seelenkörper" oder "Geisterkörper" (= okkulte materielle, "kryptophysische" Substanzen).



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Do 6. Nov 2025, 21:38

Consul hat geschrieben :
Do 6. Nov 2025, 21:13
Eine Seele als eine Art von Substanz ist entweder eine okkulte materielle, "kryptophysische" Substanz, d.i. ein "feinstofflicher", dreidimensionaler "Seelenkörper"
"Muthmaßlicher Stoff des Geister-Organismus – Licht und Äther"

(Kast, Joseph. Ernster Blick in das künftige Leben, oder, Das Reich der Geister. Würzburg: J. Dorbath, 1818. S. 110) [GoogleBooks]
Hier werden Seelen zu "ätherischen Wesen" oder "Lichtwesen", also zu körperlich-stofflichen Wesen besonderer Art.



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Do 6. Nov 2025, 22:55

"Die Seelenauffassung des cartesianischen Dualismus lässt sich in sechs Aussagen zusammenfassen:

(a) Die Seele ist einfach. Sie ist kein aus grundlegenderen Teilchen zusammengesetztes Gebilde.

(b) Die Seele ist ursprünglich. Sie ist kein emergentes Gebilde, sondern eine fundamentale Substanz, die sich aus keiner anderen Substanz ableiten lässt.

(c) Die Seele ist nichträumlich. Sie ist eine nichtphysische Substanz und daher nichträumlich und nichtausgedehnt. Sie ist vielmehr eine immaterielle Substanz, die den physischen Raum in keiner Weise bewohnt.

(d) Die Seele ist unsterblich. Die Seele ist wesenmäßig unsterblich und unzerstörbar.

(e) Die Seele ist rational. Damit meint der Cartesianer, dass die Seele diejenige Substanz ist, mit der alle rationalen Fähigkeiten des Menschen verbunden sind. Somit ist es allein die Seele, die denkt, will und wählt, selbst wenn sie den Körper benutzen muss (d. h. das Gehirn), um dies zu vollbringen (zumindest im verkörperten Zustand).

(f) Die Seele ist die Person. Die Person ist die Seele. Der Körper ist lediglich der Mechanismus, durch den die Person handelt und sich in der Welt ausdrückt. Die Kontinuität der Person beinhaltet daher nur die Kontinuität der immateriellen Seele: Eine körperliche Kontinuität ist nicht erforderlich." [Google Translate mit Änderungen meinerseits]

(Cortez, Marc. "Embodied Souls, Ensouled Bodies: An Exercise in Christological Anthropology and its Significance for the Mind/Body Debate." PhD diss., University of St. Andrews, St. Andrews/Scotland, 2006. pp. 185-6)
Cartesianische Seelen sind also sowohl unausgedehnte (nulldimensionale) als auch unverortete (außerräumliche) Dinge, was sie von Seelen oder Geistern im volkstümlichen Sinn wesentlich unterscheidet. Siehe die Zitate in diesem älteren Beitrag von mir!



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Jörn P Budesheim
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Fr 7. Nov 2025, 10:14

Consul hat geschrieben :
Do 6. Nov 2025, 22:55
Cartesianische Seelen sind also sowohl unausgedehnte (nulldimensionale) als auch unverortete (außerräumliche) Dinge
Ich glaube nicht, dass das eine korrekte Interpretation ist. Etwas, was nicht räumlich ist, kann man nicht mit räumlichen Prädikaten beschreiben. Was nicht räumlich ist, ist also nicht außerräumlich, weil das eine räumliche Angabe ist. Und das Unausgedehnte ist auch nicht nulldimensional.




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Fr 7. Nov 2025, 19:06

Jede Sprache, so lese ich gerade, hat ein Wort für die Seele. Dennoch scheint es keine festgezurrte Definition des Begriffes zu geben. Manche haben sogar Angst vor ihm, weil sie befürchten als unwissenschaftlich oder unaufgeklärt zu gelten. Ist der Umstand, dass wir nicht wissen, was die Seele ist, obwohl wir ein Wort dafür haben, vielleicht ein Teil dieser Seelenlandschaft, die immer wieder neu erkundet werden muss?




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Fr 7. Nov 2025, 19:58

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 7. Nov 2025, 10:14
Consul hat geschrieben :
Do 6. Nov 2025, 22:55
Cartesianische Seelen sind also sowohl unausgedehnte (nulldimensionale) als auch unverortete (außerräumliche) Dinge
Ich glaube nicht, dass das eine korrekte Interpretation ist. Etwas, was nicht räumlich ist, kann man nicht mit räumlichen Prädikaten beschreiben. Was nicht räumlich ist, ist also nicht außerräumlich, weil das eine räumliche Angabe ist. Und das Unausgedehnte ist auch nicht nulldimensional.
* Das Adjektiv "außerräumlich" bedeutet "nicht innerräumlich", "nicht innerhalb des Raumes befindlich", "raumtranszendent", und nicht (widersprüchlicherweise) "innerhalb eines Raumes außerhalb des Raumes befindlich". (Nicht widersprüchlich ist hingegen "innerhalb eines >3D-Raumes (Hyperraumes) außerhalb des 3D-Raumes befindlich".)

*
"unausgedehnt = Gegenteil von ausgedehnt, zur Bezeichnung einer metaphysischen oder mathematischen Eigenschaft, keine Ausdehnung besitzend, unteilbar, untrennbar. Dinge, die keine Ausdehnung im Raume haben, unausgedehnt sind, kann man sich nur wie einen mathematischen Punkt vorstellen."

GRIMM: https://www.dwds.de/wb/dwb/unausgedehnt
Hoffman & Rosenkrantz schreiben:
"We remind the reader that zero-dimensional means 'spatial, but lacking extension'; hence, a soul is not zero-dimensional, but lacking spatial dimensionality altogether."
———
"Wir erinnern den Leser daran, dass nulldimensional 'räumlich, aber ohne Ausdehnung' bedeutet; von daher ist eine Seele nicht nulldimensional, sondern ihr fehlt jegliche räumliche Dimensionalität." [meine Übers.]

(Hoffman, Joshua, & Gary S. Rosenkrantz. Substance among Other Categories. Cambridge: Cambridge University Press, 1994. p. 28)
Brentano schreibt:
"Etwas anderes ist es, sich nicht als ausgedehnt und etwas anderes, sich als unausgedehnt mit der positiven Eigentümlichkeit eines Nulldimensionalen zu erkennen zu geben[.]"

(Brentano, Franz. Kategorienlehre. 1933. Hrsg. v. Alfred Kastil. Nachdr., Hamburg: Meiner, 1985. S. 270)
Mögliche Definitionen:
1. "nulldimensional" = "extensionslos"
2. "nulldimensional" = "extensionslos & raumimmanent"
3. "adimensional" = "dimensionslos" = "extensionslos & raumtranszendent"

Hoffman & Rosenkrantz verwenden "nulldimensional" im zweiten Sinn, sodass für sie unausgedehnte cartesianische Seelen (wie Gott) aufgrund ihrer Außerräumlichkeit nicht nulldimensional, sondern adimensional sind.
Wenn Hoffman & Rosenkrantz recht haben, dann sind cartesianische Seelen als außerräumliche Wesen sowohl extensionslos als auch dimensionslos – was bedeutet, dass sie nicht einmal die Größe eines mathematischen Punktes haben. (Dimensionslosigkeit impliziert Extensionslosigkeit, aber Extensionslosigkeit impliziert nicht Dimensionslosigkeit. Geometrische Punkte sind extensionslos, aber nicht dimensionslos.) Solche Seelen haben folglich kein Volumen von 0 m^3, weil die Maßeinheit Volumen auf sie überhaupt nicht anwendbar ist. Der angebliche Grund für die Dimensionslosigkeit cartesianischer Seelen ist, wie gesagt, deren Außerräumlichkeit oder Raumtranszendenz.

Es stellt sich nun aber erstens die besondere Frage, ob der Begriff einer (göttlichen oder nichtgöttlichen) Seele als einer adimensionalen immateriellen/spirituellen Substanz nicht noch viel unsinniger und unverständlicher ist als der Begriff einer Seele als einer nulldimensionalen (punktgroßen) immateriellen/spirituellen Substanz.
Zweitens stellt sich die allgemeine Frage, ob Raumimmanenz wirklich ein inhaltliches Wesensmerkmal des Begriffs der Nulldimensionalität ist, d.h. ob punktgroße Dinge notwendigerweise an irgendeinem Raumpunkt verortet sein müssen. – Ich bin mir nicht sicher, ob das stimmt.

P.S.:
In der Naturwissenschaft ist von dimensionslosen Größen die Rede. Größen sind Quantitäten, aber hier geht es um eine andere Kategorie von Entitäten, nämlich Objekte oder Substanzen. Eine Seele als Substanz (Seelensubstanz) ist keine Quantität.



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Fr 7. Nov 2025, 20:54

Consul hat geschrieben :
Fr 7. Nov 2025, 19:58
Brentano schreibt:
"Etwas anderes ist es, sich nicht als ausgedehnt und etwas anderes, sich als unausgedehnt mit der positiven Eigentümlichkeit eines Nulldimensionalen zu erkennen zu geben[.]"

(Brentano, Franz. Kategorienlehre. 1933. Hrsg. v. Alfred Kastil. Nachdr., Hamburg: Meiner, 1985. S. 270)
Brentano ist Substanzdualist und nennt die Seele als psychologisches Subjekt eine "nulldimensionale Substanz". Ob er menschliche Seelen nicht nur für unausgedehnt, sondern auch für unverortet hält, konnte ich bisher nicht herausfinden.



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Jörn P Budesheim
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Fr 7. Nov 2025, 21:00

Im Frühling dieses Jahres hat das Museum für Sepulkralkultur in Kassel nach der Farbe der Seele gefragt. Hier mein Versuch einer Antwort:

Die Farbe der Seele

Deine Seele ist grün wie das Moos
im Schatten deiner Ferse

Sie ist leicht wie der Kiesel
den deine Hand wiegt

Sie ist hoch wie der Himmel
der dich vom Mond trennt

Ihr Name öffnet deine Lippen
und weitet meine Brust




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Fr 7. Nov 2025, 22:02

Zur Geschichte des Seelenbegriffs:

Rudolf Eisler: Wörterbuch der philosophischen Begriffe > Seele

Die unterschiedlichen Seelenauffassungen können in folgende Hauptklassen eingeteilt werden:

1. substanzialistische vs. antisubstanzialistische/attributistische Seelenauffassungen
2. materialistische vs. anti-/immaterialistische Seelenauffassungen

Daraus ergeben sich vier Unterklassen von Seelenauffassungen:

I. materialistisch-substanzialistisch
II. immaterialistisch-substanzialistisch
III. materialistisch-attributistisch
IV. immaterialistisch-attributistisch

Friedrich Jodl ist beispielsweise ein Vertreter einer antisubstanzialistischen/attributistischen Seelenauffassung:
"Die Summe der in der inneren Wahrnehmung gegebenen Bewusstseinserscheinungen pflegt man unter der substantivischen Bezeichnung "Seele" zusammenzufassen, diese auch wohl als den substantiellen Träger der bewussten Prozesse, auf welchen alle bezogen werden, anzusehen. Dies ist unbedenklich, solange der symbolische Charakter dieses Ausdrucks streng gewahrt und stets im Auge behalten wird, dass derselbe nichts weiter bedeutet als eine sprachliche Abbreviatur für die Totalität dessen, was in den Bewusstseinserscheinungen selbst gegeben ist. Jeder Versuch, die logisch-grammatikalische Geltung dieses Ausdrucks in eine ontologische zu verwandeln, und die Seele der Gesamtheit dessen, was im Bewusstsein vorgeht, als reales Subjekt und dem physischen Organismus als eine von demselben verschiedene, selbstständige und trennbare Substanz gegenüberzustellen, verwickelt in unlösbare Schwierigkeiten und muss von der Wissenschaft auf das Entschiedenste zurückgewiesen werden. Die Seele hat nicht Zustände oder Vermögen, wie Denken, Vorstellen, Freude, Hass u.s.w., sondern diese Zustände in ihrer Gesammtheit sind die Seele, gerade so, wie die physiologischen Prozesse in ihrer Gesamtheit eben das sind, was wir "Leben" nennen, ohne dass dies als eine besondere Kraft oder Substanz neben ihnen existierte. Im Sinne der alten Seelen-Substanz-Lehre ist die heutige wissenschaftliche Psychologie allerdings Psychologie ohne Seele[.]"

(Jodl, Friedrich. Lehrbuch der Psychologie. Stuttgart: J. G. Cotta, 1896. S. 31-2)
"Obwohl sie in verschiedenen Ausprägungen auftreten, lassen sich nur zwei Auffassungen zur ontologischen Natur der Seele unterscheiden: der 'Attributivismus', demzufolge die Seele eine Eigenschaft ist, und der 'Substantialismus', demzufolge die Seele ein Ding ist. 'Dinge' (oder 'Objekte' oder 'Individuen') sind die Entitätstypen, die typischerweise die Werte der Variablen der Prädikatenlogik erster Stufe liefern und die geteilte Referenz von zählbaren [zählbare Gegenstände bezeichnenden] Substantiven oder sortalen Ausdrücken bilden. Sie werden üblicherweise als unabhängige Entitäten charakterisiert, die eigenständig existieren können; klare Beispiele hierfür sind 'ein Mann' oder 'ein Pferd'. Ihr vielleicht herausragendstes Merkmal ist, dass sie als Subjekte von Eigenschaften erster Stufe dienen, wie etwa Weißheit und Dreieckigkeit. Als Subjekte von Eigenschaften exemplifizieren 'Dinge' Eigenschaften; sie sind die Entitäten, die weiß und dreieckig sind." [Google Translate]

(Granger, Herbert. Aristotle's Idea of the Soul. Dordrecht: Springer, 1996. p. 6)



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Fr 7. Nov 2025, 22:44

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Fr 7. Nov 2025, 21:00
Im Frühling dieses Jahres hat das Museum für Sepulkralkultur in Kassel nach der Farbe der Seele gefragt.
Ein Weiß, das niemals endet —
jedes Pünktchen ein Kristall.
Alle spiegeln alle,
und das immer —
überall.




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Sa 8. Nov 2025, 03:08

Buchtipp:

* von Stuckrad, Kocku. Die Seele im 20. Jahrhundert: Eine Kulturgeschichte. Paderborn: Fink/Brill, 2019.

(Was für ein Name!)



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Sa 8. Nov 2025, 08:19

Frage an das LLM Claude.ai:
In der Philosophie und den Geisteswissenschaften lässt sich nach meinen Beobachtungen eine Renaissance von Begriffen beobachten, die zuvor stark religiös konnotiert waren – etwa das Heilige, das Transzendente, Sinn, Seele oder Geist etc. In diesen Bewegungen wird versucht, solche Begriffe in unserer existenziellen Erfahrungswelt zu verorten – im subjektiven Erleben ebenso wie in unseren kulturellen und sozialen Verankerungen. Die entsprechenden Debatten werden dabei nicht mehr mit technischen Begriffen wie Substanzdualismus, ontologischer Reduktionismus oder Emergenz etc. geführt, da diese Begrifflichkeiten für Wesen wie uns, die sich in Sinnsphären bewegen, steril bleiben.
Claude.ai hat geschrieben : Sie beschreiben hier präzise eine bedeutende Verschiebung im philosophischen Selbstverständnis. Was Sie ansprechen, ist im Grunde eine Rückkehr zu existenziellen und phänomenologischen Zugängen, die der technisch-analytischen Engführung der letzten Jahrzehnte eine reichere Sprache entgegensetzt.

Diese Bewegung lässt sich als Rehabilitierung der Ersten-Person-Perspektive verstehen, aber nicht im Sinne des cartesischen Subjekts, sondern als Anerkennung, dass wir als verkörperte, situierte, sinnorientierte Wesen in der Welt sind. Die technischen Debatten – Substanzdualismus vs. Funktionalismus, Supervenienz, Emergenz – behandeln uns gewissermaßen als naturwissenschaftliche Objekte, verfehlen aber systematisch das, was Charles Taylor das self-interpreting animal nennt: Wesen, für die es auf eine bestimmte Weise ankommt, wie sie leben.

Was charakterisiert diese Renaissance?

Erfahrungsgesättigte Begriffe: Statt abstrakter Ontologie wird gefragt: Was bedeutet es, eine Seele zu haben? Wie erlebt sich Transzendenz? Diese Fragen sind nicht subjektivistisch gemeint, sondern verweisen auf intersubjektive, kulturell vermittelte Erfahrungsstrukturen.

Leiblichkeit statt Körper-Geist: Der Leib als gelebte, fühlende Perspektive (Merleau-Ponty, Plessner, Fuchs) ersetzt die sterile Körper-Geist-Dichotomie. Der Leib ist immer schon sinnhaft erschlossen.

Narrative Identität: Statt zeitloser Substanz wird Seele/Selbst als narrative Struktur verstanden (MacIntyre, Ricoeur, Taylor) – wir sind die Geschichten, die wir über uns erzählen, eingebettet in größere kulturelle Narrative.

Das Unverfügbare: Ein Kernmotiv ist, dass nicht alles verfügbar, machbar, operationalisierbar ist. Das Heilige, die Würde, die Liebe haben eine Eigenlogik, die sich instrumenteller Vernunft entzieht.

Resonanz statt Funktion: Hartmut Rosas Resonanztheorie ist exemplarisch – gelungenes Leben bemisst sich nicht an Nutzenmaximierung, sondern an gelingenden Weltbeziehungen.

Diese Wende reagiert auch auf eine Krise der Moderne: Die Entzauberung hat uns funktionale Erklärungen gegeben, aber keine Orientierung. Die wiederkehrenden Begriffe – Seele, Geist, Heiliges – sind Versuche, wieder eine Sprache für das zu finden, was konstitutiv für menschliches Selbstverständnis ist, ohne in vormoderne Metaphysik zurückzufallen.

Man könnte sagen: Es geht um eine Metaphysik der zweiten Ordnung oder besser: um existenzielle Topographien – Landkarten unserer Sinnsphären, die weder naturalistisch reduktiv noch supernaturalistisch sind, sondern die Textur gelebten Lebens ernst nehmen.
Ich habe ähnlich lautende Fragen nicht nur Claude gestellt, sondern auch Gemini, Perplexity und ChatGPT. Die jeweiligen Recherchen der LLMs haben meine Vermutung bestätigt, dass es in den letzten Jahrzehnten tatsächlich eine solche „Renaissance“ gibt. Worin sie im Detail besteht, wurde verschieden, bin auch durchaus ähnlich, ausformuliert. Mein eigenes Gefühl beruht natürlich nur auf meiner bescheidenen Leseerfahrung und kann dementsprechend schlicht falsch sein. Die Recherchen der LLMs hingegen stützen sich auf Dutzende, wenn nicht Hunderte von Quellen, sodass ich vermute, dass zumindest ein Körnchen Wahrheit in meiner Beobachtung, dass die entsprechenden Begriffe eine Renaissance erleben steckt. Eine Garantie gibt es natürlich nicht.

Irgendwo in den Tiefen meiner kleinen Bibliothek habe ich ein Buch über „das Heilige“, das versucht, diesen Begriff vollständig säkular zu rekonstruieren und zu verstehen. Nach meinem Verständnis und nach meiner Erinnerung geht es darin darum, den Begriff in der universellen Erfahrungswelt des Menschen zu verankern – auf eine Weise, die auch ohne religiösen Bezug zugänglich ist. Das ist für mich als Atheist und jemandem, dem Esoterik ganz fremd ist natürlich zentral – als Atheist und Nicht-Esoteriker allerdings, der nicht bereit ist, auf die Vielfalt und Buntheit unseres Lebens in der Philosophie zugunsten naturalistischer Verkürzungen zu verzichten. Wenn ich mich recht erinnere, wird in dem Buch argumentiert, dass die Erfahrung des Heiligen primär ist und die religiöse Deutung erst sekundär hinzutritt. Das heißt: Zuerst waren die entsprechenden Erfahrungen der Menschen da, und die religiöse Interpretation dieser Erfahrung kam später hinzu – sie ist möglich, aber nicht notwendig. Das halte ich für plausibel. In ähnlicher Weise ließe sich auch beim Begriff der Seele argumentieren.

Und darum geht es nach meinem Verständnis (nicht nur, aber auch) in dem Start-Video. Es ist sicherlich auch kein Zufall, dass ein Naturwissenschaftler als Moderator gewählt wurde. Und er macht ja auch klar, dass die Naturwissenschaft auf diese Frage keine Antwort geben kann, auch wenn es versucht wurde. Auch wenn wir er selbst religiös ist, gibt das Video am Schluss eine fragende Antwort, die auf unseren lebensweltlichen Erfahrungen basiert.
Desmond Morris hat geschrieben : Wir halten uns vielleicht lieber für gefallene Engel
Ich habe – noch als Jugendlicher – zwei Bücher von Desmond Morris gelesen: Der nackte Affe und Der malende Affe. Beide waren sehr aufschlussreich und auch unterhaltsam. Für mich war natürlich das Buch über den malenden Affen besonders wichtig. Dennoch ist Morris bei weitem kein Philosoph. Das, was er zu sagen hat, berührt die Fragen, um die es hier nach meinem Verständnis geht, wenn überhaupt, nur am Rande.

In meinem säkularen Verständnis hat die Seele nichts mit gefallenen Engeln zu tun – eher im Gegenteil. Viel bedeutsamer erscheint mir der Umstand, dass wir verletzliche und sterbliche Wesen sind … und darum auch wissen. Dennoch ist der Verweis auf die Engel sprechend und typisch: Diese Sichtweise möchte immer alles, was nicht in ihr Raster passt, ins Okkulte, Esoterische oder Übernatürliche verschieben. In unserer Wirklichkeit hingegen geht alles, wie es manchmal formuliert wird, „immer mit rechten Dingen zu“. Aber unser Leben in seiner ganzen Fülle in dieser natürlichen Welt gehört eben auch zu den rechten Dingen.




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Consul
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Sa 8. Nov 2025, 17:43

Consul hat geschrieben :
Fr 7. Nov 2025, 20:54
Brentano ist Substanzdualist und nennt die Seele als psychologisches Subjekt eine "nulldimensionale Substanz". Ob er menschliche Seelen nicht nur für unausgedehnt, sondern auch für unverortet hält, konnte ich bisher nicht herausfinden.
Ich habe etwas gefunden:
"Wir müssen uns also das Subjekt aller unserer Bewußtseinszustände als eine unräumliche Substanz denken, die nicht einen Teil des Leibes selbst bildet, als ein geistiges, d.h. null-dimensionales Wesen. Als solches an keiner Stelle des Gehirns lokalisiert, nicht selbst im Raume, steht es keinem Punkte desselben örtlich näher als einem anderen, und kann eben darum auf jeden Teil des Gehirns gleich unmittelbar einwirken und von jedem unmittelbar eine Einwirkung empfangen."

(Brentano, Franz. Religion und Philosophie. Hrsg. v. Franziska Mayer-Hillebrand. Bern: Francke, 1954. S. 231)
Für ihn ist eine Seele also ein "null-dimensionales Wesen", das "nicht selbst im Raume" ist, d.i. ein ausdehnungsloses und ortloses Wesen. Innerräumlichkeit ist für ihn offenkundig keine notwendige Bedingung für Nulldimensionalität. Brentanosche Seelen sind extensionslos & lokationslos, aber nicht dimensionslos (adimensional).



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Consul
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Sa 8. Nov 2025, 18:32

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Sa 8. Nov 2025, 08:19
Frage an das LLM Claude.ai:
In der Philosophie und den Geisteswissenschaften lässt sich nach meinen Beobachtungen eine Renaissance von Begriffen beobachten, die zuvor stark religiös konnotiert waren – etwa das Heilige, das Transzendente, Sinn, Seele oder Geist etc. In diesen Bewegungen wird versucht, solche Begriffe in unserer existenziellen Erfahrungswelt zu verorten – im subjektiven Erleben ebenso wie in unseren kulturellen und sozialen Verankerungen. Die entsprechenden Debatten werden dabei nicht mehr mit technischen Begriffen wie Substanzdualismus, ontologischer Reduktionismus oder Emergenz etc. geführt, da diese Begrifflichkeiten für Wesen wie uns, die sich in Sinnsphären bewegen, steril bleiben.
Die seit langem geführte rationale philosophisch-wissenschaftliche Diskussion über die Seele, den Geist oder die Psyche ist mitnichten "steril"; und es gehört zur Kernaufgabe analytisch-kritischen Denkens, Begriffe zu hinterfragen: Welche Bedeutung, welchen Sinn oder Inhalt hat der Begriff B? Ist der Umfang von B die leere Menge oder nicht? Gibt es tatsächlich etwas, das unter B fällt?

Wenn der intellektuell-rationale, analytisch-kritische Blick auf religiöse oder religiös konnotierte Begriffe wie die oben erwähnten von volkstümlichen oder lebensweltlichen Erzählungen (Sagen, Legenden, Märchen) verstellt wird, dann waten wir (wieder) durch die neblig-trüben Sümpfe des Mythischen, Mystischen und Esoterischen. Der Mythos hat seinen berechtigten Platz in der Kunst, aber in der Philosophie und der Wissenschaft sollte der Logos vorherrschen.



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Jörn P Budesheim
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Sa 8. Nov 2025, 18:52

Consul hat geschrieben :
Sa 8. Nov 2025, 18:32
Die seit langem geführte rationale philosophisch-wissenschaftliche Diskussion über die Seele, den Geist oder die Psyche ist mitnichten "steril"; ...
Das habe ich nicht geschrieben. Im Gegenteil: Ich plädiere ja gerade für eine erneute Diskussion über Seele und Geist. Und soweit ich recherchiert habe, erleben diese Begriffe tatsächlich eine Renaissance – allerdings in einer Perspektive, in der der Mensch selbst wieder vorkommt, und nicht in einer Betrachtungsweise, wo er in einer mysteriösen Tiefenontologie verschwindet - wie in Treibsand.




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