Frage an das LLM Claude.ai:
In der Philosophie und den Geisteswissenschaften lässt sich nach meinen Beobachtungen eine Renaissance von Begriffen beobachten, die zuvor stark religiös konnotiert waren – etwa
das Heilige,
das Transzendente,
Sinn,
Seele oder
Geist etc. In diesen Bewegungen wird versucht, solche Begriffe in unserer existenziellen Erfahrungswelt zu verorten – im subjektiven Erleben ebenso wie in unseren kulturellen und sozialen Verankerungen. Die entsprechenden Debatten werden dabei nicht mehr mit technischen Begriffen wie
Substanzdualismus,
ontologischer Reduktionismus oder
Emergenz etc. geführt, da diese Begrifflichkeiten für Wesen wie uns, die sich in Sinnsphären bewegen, steril bleiben.
Claude.ai hat geschrieben :
Sie beschreiben hier präzise eine bedeutende Verschiebung im philosophischen Selbstverständnis. Was Sie ansprechen, ist im Grunde eine Rückkehr zu existenziellen und phänomenologischen Zugängen, die der technisch-analytischen Engführung der letzten Jahrzehnte eine reichere Sprache entgegensetzt.
Diese Bewegung lässt sich als Rehabilitierung der Ersten-Person-Perspektive verstehen, aber nicht im Sinne des cartesischen Subjekts, sondern als Anerkennung, dass wir als verkörperte, situierte, sinnorientierte Wesen in der Welt sind. Die technischen Debatten – Substanzdualismus vs. Funktionalismus, Supervenienz, Emergenz – behandeln uns gewissermaßen als naturwissenschaftliche Objekte, verfehlen aber systematisch das, was Charles Taylor das self-interpreting animal nennt: Wesen, für die es auf eine bestimmte Weise ankommt, wie sie leben.
Was charakterisiert diese Renaissance?
Erfahrungsgesättigte Begriffe: Statt abstrakter Ontologie wird gefragt: Was bedeutet es, eine Seele zu haben? Wie erlebt sich Transzendenz? Diese Fragen sind nicht subjektivistisch gemeint, sondern verweisen auf intersubjektive, kulturell vermittelte Erfahrungsstrukturen.
Leiblichkeit statt Körper-Geist: Der Leib als gelebte, fühlende Perspektive (Merleau-Ponty, Plessner, Fuchs) ersetzt die sterile Körper-Geist-Dichotomie. Der Leib ist immer schon sinnhaft erschlossen.
Narrative Identität: Statt zeitloser Substanz wird Seele/Selbst als narrative Struktur verstanden (MacIntyre, Ricoeur, Taylor) – wir sind die Geschichten, die wir über uns erzählen, eingebettet in größere kulturelle Narrative.
Das Unverfügbare: Ein Kernmotiv ist, dass nicht alles verfügbar, machbar, operationalisierbar ist. Das Heilige, die Würde, die Liebe haben eine Eigenlogik, die sich instrumenteller Vernunft entzieht.
Resonanz statt Funktion: Hartmut Rosas Resonanztheorie ist exemplarisch – gelungenes Leben bemisst sich nicht an Nutzenmaximierung, sondern an gelingenden Weltbeziehungen.
Diese Wende reagiert auch auf eine Krise der Moderne: Die Entzauberung hat uns funktionale Erklärungen gegeben, aber keine Orientierung. Die wiederkehrenden Begriffe – Seele, Geist, Heiliges – sind Versuche, wieder eine Sprache für das zu finden, was konstitutiv für menschliches Selbstverständnis ist, ohne in vormoderne Metaphysik zurückzufallen.
Man könnte sagen: Es geht um eine Metaphysik der zweiten Ordnung oder besser: um existenzielle Topographien – Landkarten unserer Sinnsphären, die weder naturalistisch reduktiv noch supernaturalistisch sind, sondern die Textur gelebten Lebens ernst nehmen.
Ich habe ähnlich lautende Fragen nicht nur Claude gestellt, sondern auch Gemini, Perplexity und ChatGPT. Die jeweiligen Recherchen der LLMs haben meine Vermutung bestätigt, dass es in den letzten Jahrzehnten tatsächlich eine solche „Renaissance“ gibt. Worin sie im Detail besteht, wurde verschieden, bin auch durchaus ähnlich, ausformuliert. Mein eigenes Gefühl beruht natürlich nur auf meiner bescheidenen Leseerfahrung und kann dementsprechend schlicht falsch sein. Die Recherchen der LLMs hingegen stützen sich auf Dutzende, wenn nicht Hunderte von Quellen, sodass ich vermute, dass zumindest ein Körnchen Wahrheit in meiner Beobachtung, dass die entsprechenden Begriffe eine Renaissance erleben steckt. Eine Garantie gibt es natürlich nicht.
Irgendwo in den Tiefen meiner kleinen Bibliothek habe ich ein Buch über „das Heilige“, das versucht, diesen Begriff
vollständig säkular zu rekonstruieren und zu verstehen. Nach meinem Verständnis und nach meiner Erinnerung geht es darin darum, den Begriff in der universellen Erfahrungswelt des Menschen zu verankern – auf eine Weise, die auch ohne religiösen Bezug zugänglich ist. Das ist für mich als Atheist und jemandem, dem Esoterik ganz fremd ist natürlich zentral – als Atheist und Nicht-Esoteriker allerdings, der nicht bereit ist, auf die Vielfalt und Buntheit unseres Lebens in der Philosophie zugunsten naturalistischer Verkürzungen zu verzichten. Wenn ich mich recht erinnere, wird in dem Buch argumentiert, dass die Erfahrung des Heiligen primär ist und die religiöse Deutung erst sekundär hinzutritt. Das heißt: Zuerst waren die entsprechenden Erfahrungen der Menschen da, und die religiöse Interpretation dieser Erfahrung kam später hinzu – sie ist möglich, aber nicht notwendig. Das halte ich für plausibel. In ähnlicher Weise ließe sich auch beim Begriff der Seele argumentieren.
Und darum geht es nach meinem Verständnis (nicht nur, aber auch) in dem Start-Video. Es ist sicherlich auch kein Zufall, dass ein Naturwissenschaftler als Moderator gewählt wurde. Und er macht ja auch klar, dass die Naturwissenschaft auf diese Frage keine Antwort geben kann, auch wenn es versucht wurde. Auch wenn wir er selbst religiös ist, gibt das Video am Schluss eine fragende Antwort, die auf unseren lebensweltlichen Erfahrungen basiert.
Desmond Morris hat geschrieben : Wir halten uns vielleicht lieber für gefallene Engel
Ich habe – noch als Jugendlicher – zwei Bücher von Desmond Morris gelesen: Der nackte Affe und Der malende Affe. Beide waren sehr aufschlussreich und auch unterhaltsam. Für mich war natürlich das Buch über den malenden Affen besonders wichtig. Dennoch ist Morris bei weitem kein Philosoph. Das, was er zu sagen hat, berührt die Fragen, um die es hier nach meinem Verständnis geht, wenn überhaupt, nur am Rande.
In meinem säkularen Verständnis hat die Seele nichts mit gefallenen Engeln zu tun – eher im Gegenteil. Viel bedeutsamer erscheint mir der Umstand, dass wir verletzliche und sterbliche Wesen sind … und darum auch wissen. Dennoch ist der Verweis auf die Engel sprechend und typisch: Diese Sichtweise möchte immer alles, was nicht in ihr Raster passt, ins Okkulte, Esoterische oder Übernatürliche verschieben. In unserer Wirklichkeit hingegen geht alles, wie es manchmal formuliert wird, „immer mit rechten Dingen zu“. Aber unser Leben in seiner ganzen Fülle in dieser natürlichen Welt gehört eben auch zu den rechten Dingen.