Mit Beginn der 1920er Jahre bilden sich in der deutschen Philosophie die Disziplinen der Philosophischen Anthropologie und der Lebensphilosophie aus, deren Grundfragen in den 1990er Jahren eine Renaissance erleben.
ein Gedanke (im psychologischen, nichtfregeschen Sinn)
Was sollte ein Gedanke im psychologischen Sinn sein? Nehmen wir ein Beispiel: Adam denkt: ‚Eva steht auf der anderen Straßenseite.‘ Daraus folgt einiges, sofern der Satz wahr ist, etwa dass auf der anderen Straßenseite eine junge Frau steht. Es folgt auch, dass sie nicht auf derselben Straßenseite steht wie Adam, dass sie nicht rennt, dass sie lebt und nicht tot ist und so weiter. Alles, was wir denken, steht in einem logischen Netz. Das ist nicht einfach Psychologie.
Hegel würde sagen, dass es so etwas wie ‚Eva steht auf der anderen Straßenseite.‘ kein Gedanke ist, sondern ein Mischmasch aus Gedanken und Sinneswahrnehmung. Die Gedanken selbst sind nichts weiter als das logische Netz, welches übrig bleibt, nachdem man von allen konkreten Bestimmungen wie z.B. Eva, Straßenseite usw. abstrahiert hat. Daher ist es in gewisser Weise eine sehr seltene und seltsame Angelegenheit für Menschen, dass sie reine Gedanken haben. Deswegen liegt es in der Zuständigkeit der Philosophie, dass sie uns zu der Entwicklung reiner Gedanken verhilft.
Hegel hat geschrieben :
In unserem gewöhnlichen Bewußtsein sind die Gedanken mit sinnlichem und geistigem geläufigen Stoffe angetan und vereinigt, und im Nachdenken, Reflektieren und Räsonieren vermischen wir die Gefühle, Anschauungen, Vorstellungen mit Gedanken (in jedem Satze von ganz sinnlichem Inhalte: »dies Blatt ist grün«, sind schon Kategorien, Sein, Einzelheit eingemischt). Ein anderes aber ist, die Gedanken selbst unvermischt zum Gegenstande zu machen. (§3, Enzyklopädie, erster Teil)
Spricht das gegen das Argument, dass aus einem Gedanken - wie dem erwähnten - logisch vieles folgt?
Ja. Kritisiert wird dabei die Prämisse des Arguments, dass die erwähnte Aussage ‚Eva steht auf der anderen Straßenseite.‘ ein Gedanke ist. Sie ist mit Gedanken vermischt, die Gedanken sind das logische Netz, von dem du gesprochen hast, aber an sich ist diese Aussage noch kein Gedanke. Die Gedanken selbst sind also schon darin enthalten, aber noch nicht explizit gemacht. Sie werden erst durch Abstraktion sichtbar, "unvermischt zum Gegenstande" gemacht.
Wut muss einen nicht zwangsläufig davon abhalten Dinge zu sehen.
Dazu sollte sie allerdings schon als Zorn daher kommen. Insbesondere in einer Zeit, wie es im folgenden Video heißt, wo die Übersicht verloren gegangen ist ...
" .. Papst Gregor hat im 7. Jahrhundert gesagt, ich bitte um Aufmerksamkeit, die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht"
Das Video habe ich mir gerade angesehen. Georg Schramm ist großartig! Wenn er heute in derselben Weise gegen Friedrich Merz austeilen würde, wie er gegen Westerwelle und die FDP ausgeteilt hat, würde er vermutlich verklagt werden...
Wie dem auch sei:
Timberlake hat geschrieben :
Um damit zugleich die Frage zu verknüpfen, geht es bei der Gier und Habgier des "Ich", um eine Selbstauffassung oder Selbstbestimmung? Das man sich zu dessen Bestimmung , weil noch unbestimmt , ein Buch herausholt, würde ich allerdings nur insofern für möglich halten, wie das man dieses "Ich" , wie bei dieser Pflanze, verallgemeinert. Wenn ein Buch existiert, in dem man dazu bei sich selbst nachschlagen kann, dann bestenfalls gedanklich im Kopf : "Aha, ich bin bezüglich der Gier und Habgier so und so, damit bin ich bestimmt"
Schramm thematisiert ja, dass Religion Habgier thematisiert hat. Vermutlich wurden also schon jede Menge Bücher geschrieben, die Habgier thematisieren. Die kann man natürlich zur weiteren Selbstbestimmung lesen. Das nennt sich dann Bildung:
Hegel hat geschrieben :
Die auf die Triebe sich beziehende Reflexion bringt, als sie vorstellend, berechnend, sie untereinander und dann mit ihren Mitteln, Folgen usf. und mit einem Ganzen der Befriedigung - der Glückseligkeit - vergleichend, die formelle Allgemeinheit an diesen Stoff und reinigt denselben auf diese äußerliche Weise von seiner Roheit und Barbarei. Dies Hervortreiben der Allgemeinheit des Denkens ist der absolute Wert der Bildung. (§20, GPR)
Das lässt sich auch mit dem Diskussionsgegenstand verknüpfen, mit dem Jörn und Consul gerade beschäftigt sind. Was sind Gedanken in ihrer reinen Form? Um Gedanken in ihrer reinen Form zu erhalten, ist es nicht ausreichend, dass man sich einfach so spontan etwas durch den Kopf gehen lässt. Vielmehr wird Bildung benötigt. Beispielsweise gelangt man erst durch naturwissenschaftliche Bildung dahin, dass man nicht nur fallende Einzelgegenstände sieht, sondern beispielsweise die Newtonsche Mechanik kennenlernt, dadurch ein allgemeines Gesetz von der Schwerkraft kennenlernt und dadurch die physikalische Welt in Gedanken erfasst. Nachdem man auf diese Weise den allgemeinen Gehalt physikalischer Phänomene herausgefunden hat, kann man sie wieder auf konkrete Phänomene anwenden und konkrete Berechnungen durchführen.
Und genauso gelangt man durch psychologische und spirituelle Bildung dahin, dass man sich einen reinen Gedanken vom "Ganzen der Befriedigung - der Glückseligkeit" macht und in der Anwendung dieses Gedankens auf seine Triebe seine Habgier überwindet.
Von einer Aussage habe ich gar nicht gesprochen. Übrigens auch nicht von Wahrnehmungen.
Ich weiß. Du hast ‚Eva steht auf der anderen Straßenseite.‘ als "Gedanke" bezeichnet. Gerade das kritisiere ich ja. Sätze sind nun einmal keine Gedanken. Der Satz ‚Eva steht auf der anderen Straßenseite.‘ ist erst einmal nur eine sprachliche Einheit, eben ein Satz. Und diese sprachliche Einheit bezieht sich nun einmal nicht nur auf das, was man denkt, sondern auch auf die Sinneswahrnehmung. Wenn man nicht in der sinnlichen Wahrnehmung merken würde, dass da eine Person steht, die man als Eva wiedererkennt, würde der Satz überhaupt keinen Sinn ergeben.
Eine Denkung, ein Denkvorgang, (im engeren Sinn) ein inneres Sagen eines Aussagesatzes (Denken als inneres Sprechen).
Hegel kritisiert diese Gleichsetzung von Denken und Sprechen, diese Charakterisierung des Denkens als "inneres Sagen eines Aussagesatzes", meines Erachtens zurecht:
Hegel hat geschrieben :
Wie Druck und Stoß mechanische Verhältnisse sind, so wissen wir auch mechanisch, auswendig, insofern die Worte ohne Sinn für uns sind und dem Sinne, Vorstellen, Denken äußerlich bleiben; sie sind sich selbst ebenso äußerlich, eine sinnlose Aufeinanderfolge. (§195, Enzyklopädie, erster Teil)