Consul hat geschrieben : ↑ Sa 9. Mai 2026, 20:52
Dynamis hat geschrieben : ↑ Sa 9. Mai 2026, 10:21
Das Ich ist ein Prozess der Selbstbestimmung, der Selbsthervorbringung.
Das ist unmöglich, weil sich nichts und niemand selbst hervorbringen und gänzlich selbst bestimmen kann. Das würde widersprüchlicherweise ein bereits bestehendes Wesen mit der gegebenen Fähigkeit zur Selbsterschaffung und -bestimmung
voraussetzen.
Da unterläuft dir eine Verwechslung. Du verwechselst
Voraussetzung mit
Negation. Die Aussage, dass das Ich sich in einem Prozess der Selbstbestimmung selbst hervorbringt, setzt kein "bereits bestehendes Wesen" voraus, sondern
negiert, dass es ein solches Wesen gibt. Der Prozess der Selbsterschaffung ist niemals an einem Ende angelangt, er ist immer unfertig, unabgeschlossen.
Consul hat geschrieben : Was habe ich mir überhaupt unter einem Selbstbestimmungsprozess oder -akt vorzustellen?
Auch das hängt von deiner Selbstbestimmung ab. Wenn du eine Vorstellung davon entwickelst, was Selbstbestimmung ist, ist die Entwicklung dieser Vorstellung ebenfalls ein Teil von deinem Selbstbestimmungsprozess. Ich habe bereits in meiner vorherigen Antwort auf Jörn auf diesen Punkt hingewiesen:
Dynamis hat geschrieben : ↑ Sa 9. Mai 2026, 12:53
Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Sa 9. Mai 2026, 10:41
Dynamis hat geschrieben : ↑ So 19. Apr 2026, 22:44
Wenn ich einen Lebensplan habe, bin ich dadurch unbestimmt.
Der Begriff Bestimmung hat viele Nuancen, ich glaube, es ist wichtig, sich das zu vergegenwärtigen:
Genau. Das Übergehen von der Unbestimmtheit zur Bestimmtheit kann auch an dem Begriff selbst aufgezeigt werden. Was genau "Bestimmung" bedeuten soll, kann noch näher bestimmt werden. Durch die weitere Bestimmung kann dann zwischen
Fremdbestimmung und
Selbstbestimmung unterschieden werden. Deswegen ist der Begriff der Bestimmung der "sich selbst bestimmende Begriff" (§11, GPR).
Zumindest hast du dich schon auf diesen Selbstbestimmungsprozess eingelassen, indem du diesen Selbstbestimmungsprozess folgendermaßen bestimmst:
Consul hat geschrieben :
Wie oft findet so etwas statt? – Gewiss nicht ständig und ununterbrochen, sodass ich als Selbstbestimmungsakt nur während der sporadisch stattfindenden und zeitlich nicht kontinuierlich verbundenen Selbstbestimmungsakte existieren würde und dazwischen nicht.
Aber diese Form der Selbstbestimmung ist nicht alternativlos. Eine Selbstbestimmung ist auch anhand von Eigenschaften möglich, die nichts mit Selbstbestimmungsakten zu tun haben. Wenn du beispielsweise sagst "ich schlafe schlecht", dann bestimmst du dich über deinen Schlaf. Du beziehst dich dann in deiner Selbstbestimmung auf denjenigen Zeitraum, in dem du nicht aktiv mit Selbstbestimmungsakten beschäftigt bist. Diese Selbstbestimmung kannst du dann auch zum Anlass für deine Willensausübung nehmen. Du kannst in ein Schlaflabor gehen, um deinen Schlaf untersuchen zu lassen und ein Mittel gegen die Schlaflosigkeit zu finden.
Viele Formen der Diskriminierung laufen darauf hinaus, dass jemand durch Eigenschaften bestimmt wird, die nicht durch seine Selbstbestimmung beeinflussbar sind. Nehmen wir Rassismus, Sexismus, Ableismus, usw. Es gibt auch so etwas wie eine
internalisierte Diskriminierung, also wo jemand tatsächlich glaubt, dass er ein höher- oder minderwertiger Mensch ist, weil er diese oder jene nicht beeinflussbare Eigenschaften besitzt. Selbstbestimmung kann sich also sowohl auf beeinflussbare als auch auf nicht beeinflussbare Eigenschaften beziehen.
Consul hat geschrieben :
Anyway, der Begriff eines Selbstbestimmungsprozesses ohne ein davon verschiedenes, sich selbst bestimmendes Substrat, eines Selbstbestimmungsaktes ohne einen davon verschiedenen, sich selbst bestimmenden Akteur ergibt für mich keinen Sinn.
Die antisubstanzialistische Prozessontologie lehne ich generell ab: Ein Fluss ist kein "reines", "freies" Fließen, sondern fließendes Wasser. Subtrahiere das Wasser (als Prozesssubstrat) und du subtrahierst damit den ganzen Fluss, weil kein wasserfreies Fließen übrig bleibt!
Naja, die Frage ist halt, ob diese Ablehnung mehr ist als nur bloße Antipathie.
Consul hat geschrieben :
Nein, ich bin nicht als grundlegend unbestimmtes Wesen, sondern als bestimmtes menschliches Lebewesen auf die Welt gekommen; und ich bin großteils durch Vererbung, Sozialisation und Lebensumstände fremdbestimmt. Ich habe keine Tabula-rasa-Freiheit zur Selbstbestimmung.
Wenn du in eine Kastengesellschaft hineingeboren wirst, wirst du tatsächlich durch "Vererbung, Sozialisation und Lebensumstände" fremdbestimmt. Das liegt dann allerdings nicht daran, dass du "als bestimmtes menschliches Lebewesen auf die Welt gekommen" bist, sondern daran, wie die Gesellschaft strukturiert ist.
Consul hat geschrieben :
Die Ontologie ist nicht gescheitert!
Du wähnst Widersprüche dort, wo keine sind, sondern nur mehr oder weniger vage Begriffe wie <Organismus>, welcher in Grenzfällen wie den Hensel-Zwillingen zwei verschiedene Deutungen zulässt.
Dass ich nicht bloß "Widersprüche dort, wo keine sind" hineininterpretiere, lässt sich ja auch jetzt wieder nachweisen:
Der
Widerspruch entsteht dadurch, dass du a) einerseits selbst zugestehst, dass bei "Grenzfällen wie den Hensel-Zwillingen zwei verschiedene Deutungen" möglich seien, b) hier die ganze Zeit eine bestimmte dieser beiden Deutungen vertreten hast. Danach gefragt, wie du deine Deutung begründest, hast du lediglich auf die anatomischen Daten verweisen - obwohl sie zwei verschiedene Deutungen zulassen. Ein Widerspruch!