4E-Kognition

Mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts entwickelt sich in der Philosophie der Zweig der analytischen Philosophie, deren Grundlagen u.a. auch die Philosophie des Geistes (mind) betreffen
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R2D2
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Mi 8. Jul 2026, 10:47

Der Geist ist mehr als das Gehirn: 4E-Kognition

1. Einleitung: Die Befreiung des Geistes aus dem Schädel

Lange Zeit dominierte in der Wissenschaft ein Bild des Menschen, das uns als biologische Computer begriff. Dieser sogenannte „Kognitivismus“ – fachsprachlich als RCC-Modell (Representational and Computational Model) bekannt – betrachtete das Denken als rein interne Datenverarbeitung. In dieser Sichtweise war Kognition modalitätsunspezifisch: Es spielte keine Rolle, wie unser Körper beschaffen war; das Gehirn verarbeitete lediglich abstrakte Symbole, während die Sinnesorgane nur austauschbare Datenlieferanten waren. Der Geist galt als isolierte Software, die sicher im „Hardware-Container“ des Schädels eingeschlossen war.

Doch dieses Paradigma wankt. Ein fundamentaler „Corporeal Turn“ (eine körperliche Wende) hat die Kognitionswissenschaften erfasst. Die bloße Computermetapher erweist sich als zu eng, um menschliches Erleben zu erklären. Wir begreifen heute, dass Denken kein isolierter Prozess im Inneren ist, sondern aus der dynamischen Wechselwirkung zwischen Gehirn, Körper und Umwelt entsteht. Diese revolutionäre Perspektive wird unter dem Begriff 4E-Kognition zusammengefasst. Sie befreit den Geist aus der Enge des Schädels und zeigt uns, dass unsere Intelligenz weit über die Grenzen unserer Haut hinausreicht – eine Erkenntnis, die auf vier spezifischen Säulen ruht.

2. Die vier Säulen: Was bedeutet „4E“ eigentlich?

Die 4E-Kognition ist kein starres Dogma, sondern ein Geflecht aus vier eng verwandten Perspektiven. Gemeinsam beschreiben sie den Geist als ein System, das tief in der Welt verwurzelt ist.
  • Embodied (verkörpert)
    Denken ist kein abstraktes Rechenspiel, sondern „fleischgeworden“. Die spezifische Anatomie unseres Körpers – etwa die Greiffähigkeit unserer Hände oder unser Gleichgewichtssinn – formt die Art und Weise, wie wir Begriffe bilden und Probleme lösen.

    Der „So was?“-Effekt: Kognition ist modalitätsspezifisch. Ein Geist ohne diesen spezifischen Körper würde die Welt nicht nur anders wahrnehmen, er würde fundamental anders denken.

    .
  • Embedded (eingebettet)
    Wir denken nicht im Vakuum, sondern nutzen unsere Umwelt als kognitives Gerüst (Scaffolding). Ein Mensch arbeitet im strukturierten Umfeld eines Büros oft effektiver als im heimischen Wohnzimmer, weil die Umgebung spezifische Handlungsmöglichkeiten bietet – sogenannte Affordanzen (Angebotscharakter der Umwelt). Das Büro ist hier nicht nur ein Ort, sondern ein Werkzeug, das den Geist stützt und entlastet.

    .
  • Enacted (hervorgebracht/enaktiv)
    Wahrnehmung ist kein passives Empfangen von Daten, sondern eine aktive Handlung. Unser Gehirn nutzt dabei sogenannte Efferenzkopien und Forward Models: Bevor wir uns bewegen, berechnet das System bereits die zu erwartenden Sinneseindrücke vor. Kognition ist also ein permanenter Abgleich zwischen Vorhersage und Realität. Wir „erhandeln“ uns unsere Welt buchstäblich durch Bewegung.

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  • Extended (erweitert)
    Dies ist die radikalste These: Werkzeuge sind nicht bloß Hilfsmittel, sie sind Teile des Geistes. Ein Notizblock oder ein Smartphone fungiert funktional wie ein biologischer Speicher. Für 4E-Vertreter ist der Notizblock eines Alzheimer-Patienten nicht nur eine Informationsquelle, sondern ein tatsächlicher Bestandteil seines Gedächtnissystems.
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Wie tiefgreifend diese Konzepte unser Verständnis von uns selbst verändern, zeigt sich besonders in der praktischen Forschung zur Wechselwirkung von Körper und Psyche.

3. Bidirektionalität und Praxis: Der Körper spricht mit dem Geist

Das Herzstück der modernen Embodiment-Forschung ist die Bidirektionalität: Der Informationsfluss zwischen mentalen Zuständen und physischen Prozessen ist keine Einbahnstraße. Nicht nur die Psyche beeinflusst den Körper, sondern der Körper steuert massiv unser Gefühlsleben.

Ein eindrucksvoller Beleg hierfür ist die Facial-Feedback-Hypothese. In Studien zur Behandlung von Depressionen wurde Patienten Botox in die Zornesfalte injiziert. Das Ergebnis war verblüffend: Durch das „Einfrieren“ der Gesichtsmuskeln, die für negative Emotionen zuständig sind, milderten sich die depressiven Symptome. Dies markiert einen Triumph über die traditionelle „Top-Down“-Psychiatrie: Man kann den Geist heilen, indem man buchstäblich die Muskulatur beeinflusst.

Auch in der sozialen Interaktion wird 4E-Kognition greifbar. Das Phänomen der interpersonalen Synchronie beschreibt, wie wir unbewusst unsere Bewegungen und Herzraten an unser Gegenüber angleichen. Dank moderner mathematischer Verfahren wie der SUSY-Methode (Surrogat-Synchronie) lässt sich dieser soziale „Vibe“ heute präzise messen. Ein gelungener therapeutischer Prozess oder eine tiefe zwischenmenschliche Verbindung ist somit kein bloßes Gefühl, sondern eine objektiv beobachtbare, körperliche Resonanz.

4. Die zentrale Debatte: Ursache oder Bestandteil?

Trotz dieser Erfolge entbrennt in der Philosophie ein heftiger Streit: Ist die Umwelt nur eine Ursache für das Denken oder ein echter Bestandteil des Geistes?

Kritiker wie Adams und Aizawa warnen vor dem Coupling-Constitution Fallacy (Koppelungs-Konstitutions-Fehlschluss). Ihr Argument: Nur weil ein Notizblock eng mit meinem Denken gekoppelt ist, wird er nicht Teil meines Geistes. Ein Herzschrittmacher ist eng mit dem Herzen gekoppelt, bleibt aber dennoch ein technisches Gerät und wird kein biologisches Gewebe. Sie fordern ein „Markenzeichen des Mentalen“, den sogenannten nicht-abgeleiteten Gehalt (non-derived content). Damit ist gemeint, dass mentale Zustände eine eigene, ursprüngliche Bedeutung haben müssen – im Gegensatz zu den Symbolen in einem Notizbuch, denen wir erst von außen einen Sinn zuschreiben („abgeleiteter Gehalt“).

Die Fronten sind klar:
  • 4E-Vertreter: Starke Koppelung führt zur Konstitution. Das Gesamtsystem (Mensch + Werkzeug) bildet den Geist. Das Notizbuch ist das Gedächtnis.
  • Kritiker: Koppelung ist nicht Identität. Die Neuronen bleiben im Kopf, der Notizblock ist lediglich eine externe Quelle für das Gedächtnis.
Zudem gibt es innerhalb der 4E-Bewegung Stimmen, die „Extended“ und „Embedded“ für redundant halten und argumentieren, dass diese Kategorien letztlich nur Unterformen des enaktiven Handelns sind. Dennoch bietet das Modell enorme praktische Vorteile. In der Psychiatrie hilft es, Störungen wie Schizophrenie als Defizite im Predictive Coding zu verstehen – also als ein Scheitern des Körpers, Sinneseindrücke korrekt vorherzusagen und zu korrigieren.

5. Fazit: Ein neues Bild des Menschen

Das 4E-Paradigma verabschiedet sich vom Bild des Menschen als isolierter Denkmaschine. Wir sind stattdessen Wesen, die untrennbar mit ihrer Umwelt verwoben sind. Ein wunderbares Sinnbild hierfür ist die Londoner Millennium Bridge: Kurz nach ihrer Eröffnung geriet sie in Schwingung, weil sich die Passanten unwillkürlich miteinander und mit der Brücke synchronisierten. Die Menge und das Bauwerk wurden zu einem einzigen, resonierenden System.

Diese Sichtweise lädt Sie ein, Ihre Welt neu zu betrachten. Wenn Sie das nächste Mal ein Werkzeug nutzen oder sich in einem Gespräch „eingeschwungen“ fühlen, dann beobachten Sie nicht nur ein Hilfsmittel oder eine Geste. Sie erleben Ihren Geist in Aktion – ein dynamisches Geflecht, das weit über Ihren Schädel hinausreicht und die Welt aktiv mitgestaltet.



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Rudolf Pirnbacher
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Mi 8. Jul 2026, 20:18

Embodyment und extended mind: diese Schlüsselbegriffe stehen auch im Mittelpunkt der „Prozessphilosophie der Biologie“, in der alles Leben als Prozess aufgefasst wird. Eine Person ist eine lebensweltliche Einheit aus subjektiver Selbsterfahrung und systemischer Biologie, sie ist eine verkörperte und ausgedehnte Subjektivität.
Daraus schlussfolgernd ergibt sich der enorme Einfluss unserer sozialen Umwelt und der Umwelt insgesamt auf unsere eigene Identität, und damit auf unseren Geist.

Wesentlich für unsere Identität sind sicher die Erbanlagen, die wir von unseren Eltern mitbekommen haben. Aber in ihrer Wirkung von besonderer, Bedeutung und mit unserer Veranlagung zutiefst verbunden sind alle Umwelteinflüsse, mit denen wir in Verbindung stehen. Unserer Eigenschaften, Erfahrungen, Erinnerungen und Ideen hängen davon ab, wie die Eltern mit uns umgehen, welchen sozialen und wirtschaftlichen Status unsere Eltern besitzen, wie viele Geschwister und welchen Freundeskreis wir haben, in welcher Umgebung wir aufwachsen, welche Ausbildungsmöglichkeiten wir erhalten. Dies belegen übrigens sehr gut Fallstudien von getrennt aufgewachsenen eineiigen Zwillingen, die das gleiche Erbgut haben. Erkenntnisse aus der Epigenetik untermauern die Einflüsse durch die Umwelt.
Zweifelsohne ist unsere Identität sehr stark vom Kulturkreis abhängig, in dem wir aufwachsen. Man stelle sich nur vor, welchen starken Einfluss auf unsere Persönlichkeit es genommen hätte, wären unsere Eltern in unserem Kindesalter in einen fernen Kontinent mit gänzlich anderen Sitten und Gebräuchen ausgewandert. Oder man stelle sich vor, wie anders sich die Identität eines aus einem anderen Kulturkreis adoptierten Kindes entwickeln wird.

Alles Leben ist in der Natur verbunden und zutiefst voneinander abhängig, und dieses Prinzip gilt in noch viel höherem Ausmaß für den Menschen. Kinder, wie der mit wilden Tieren aufgewachsene Junge von Aveyron, oder der in totaler Isolation aufgewachsene Kaspar Hauser, zeigen, dass bei jahrelang fehlendem menschlichen Kontakt, während der Kindheit, die Entwicklung vieler menschlicher Fähigkeiten verhindert werden. Der Mensch bedarf zu seiner Entfaltung und zu seinem Wohlbefinden unausweichlich der sozialen Integration in einer Gemeinschaft. Immer dann, wenn diese soziale Integration fehlt, wenn also jemand in keiner Gemeinschaft akzeptiert wird, entwickeln sich Neurosen und Psychosen. Umfangreiche Untersuchungen belegen, dass Desintegration zu Selbstmord oder Mord führen kann. Die bereits mit 19 Monaten taubblinde Helen Keller konnte trotz ihrer nur schwer vorstellbaren Behinderung dank besonders umfangreicher Unterstützung Intellekt und Sprache entwickeln und sogar ihre schriftstellerische Begabung als Autorin beweisen. Im Gegensatz dazu können Kinder trotz fehlender körperlicher Mängel in Isolation kaum einen Intellekt entfalten. Abgesehen von der insbesondere für die Kindheit notwendigen familiären Gemeinschaft ist es sekundär, welche Art von Gemeinschaft die soziale Integration ermöglicht: Religionen, Nationen, alle Arten von Vereinen, politische Organisationen, und Wirtschafts- und Interessensgemeinschaften dienen diesem Zweck. In früheren Zeiten war es die Stammesgemeinschaft, der Clan, die Sippe. Wappen oder Totems waren die hochgeachteten Symbole für diese Zusammengehörigkeit.
Der Geist war nie im Schädel allein, er war immer schon im Umfeld jedes einzelnen, Menschen, der ihn zu dem gemacht hat, was er geworden ist.




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Jörn P Budesheim
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Do 9. Jul 2026, 09:17

Du beschreibst sehr schön, welche Dinge für uns bedeutsam sind: die Erbanlagen, unsere Veranlagungen, Umwelteinflüsse, der Einfluss des Elternhauses, die Ausbildung und die Schule, der Kulturkreis, die soziale Integration und vieles andere mehr.

Aber ich bin nicht sicher, ob das die Dinge sind, welche die verschiedenen Denker:innen der 4E-Kognition stark machen wollen. Da geht es nach meinem bisherigen Verständnis zum Beispiel mehr darum, dass die Mitwelt im Hier und Jetzt ein aktiver/konstitutiver Teil der kognitiven Prozesse sein kann. Oder die Vorstellung, dass der gesamte Körper in seiner Mitwelt denkt und nicht bloß das Gehirn – dass verkörperte Wahrnehmung eng mit ihr verknüpft ist. Oder die Idee, dass Werkzeuge Teil des Geistes werden können, wie auch immer man das im Einzelnen ausbuchstabieren mag.

Ein Beispiel aus meinem Alltag: Wenn ich zeichne, dann ist das kein Prozess, bei dem einfach eine Idee zu Papier gebracht wird. Der ganze Körper – insbesondere das Auge und die zeichnende Hand –, der Stift selbst, also zum Beispiel, wie er sich anfühlt, wenn seine Spitze das Papier berührt, und die Zeichnung in ihrer Entstehung sind konstitutive Bestandteile des Zeichnens. Das ist eine grobe Skizze der Dinge des Moments, das ästhetische Denken in Aktion, der Körper, Stift, Zeichnung umfasst, der Stift denkt mit. Deine Aufzählung benennt etwas anderes, etwas, was ebenfalls von Belang ist. Natürlich wird der Prozess auch beeinflusst von der Kunstgeschichte, der Kultur, in der ich lebe, von aktuellen Tendenzen der Kunst, von dem, was ich in der Uni gelernt habe, und vielem anderen mehr.

Während deine Sicht eher so etwas wie die Geschichte/die Einflüsse (diachron) betont, geht es in meinem Verständnis eher darum, wie Kognition im Moment (synchron) der Kognition verkörpert, erweitert, eingebettet, hervorgebracht wird.



Das Thema interessiert dich? Was meinst du dazu? Wir freuen uns auf deine Meinung – melde dich an und diskutiere mit uns.“

Rudolf Pirnbacher
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Do 9. Jul 2026, 10:36

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 9. Jul 2026, 09:17

Ein Beispiel aus meinem Alltag: Wenn ich zeichne, dann ist das kein Prozess, bei dem einfach eine Idee zu Papier gebracht wird. Der ganze Körper – insbesondere das Auge und die zeichnende Hand –, der Stift selbst, also zum Beispiel, wie er sich anfühlt, wenn seine Spitze das Papier berührt, und die Zeichnung in ihrer Entstehung sind konstitutive Bestandteile des Zeichnens. Das ist eine grobe Skizze der Dinge des Moments, das ästhetische Denken in Aktion, der Körper, Stift, Zeichnung umfasst, der Stift denkt mit. Deine Aufzählung benennt etwas anderes, etwas, was ebenfalls von Belang ist. Natürlich wird der Prozess auch beeinflusst von der Kunstgeschichte, der Kultur, in der ich lebe, von aktuellen Tendenzen der Kunst, von dem, was ich in der Uni gelernt habe, und vielem anderen mehr.
Du sprichst etwas an, das meine Lebensgefährtin, die Kunst studiert hat, bei ihrer Arbeit gleichermaßen empfindet. Sie braucht alle ihre Werkzeuge in ihrer Nähe, will ungestört sein, und arbeitet im Flow, also im Hier und Jetzt. Es ist als ob alles in diesem Zustand eins ist. Und dieser mentale Zustand ist real, er ist so wie beschrieben.

Zweifelsohne habe ich in meinem oberen Beitrag etwas anderes beschrieben, als du in deinem folgenden Beitrag.

Trotzdem kurz angemerkt, ohne das im Kopf situierte Organ Gehirn würde es nicht funktionieren, auch wenn so unendlich viel mehr dazugehört, als das Organ Gehirn. Ganz im Gegenteil, das Organ Gehirn ist in diesem Zustand zu tiefst aktiv.




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Jörn P Budesheim
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Do 9. Jul 2026, 10:38

Rudolf Pirnbacher hat geschrieben :
Do 9. Jul 2026, 10:36
Trotzdem kurz angemerkt, ohne das im Kopf situierte Organ Gehirn würde es nicht funktionieren, auch wenn so unendlich viel mehr dazugehört, als das Organ Gehirn. Ganz im Gegenteil, das Organ Gehirn ist in diesem Zustand zu tiefst aktiv.
Bei Wesen wie uns ist das Gehirn notwendig, aber eben nicht hinreichend.



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Do 9. Jul 2026, 11:58

Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 9. Jul 2026, 09:17
Hier und Jetzt
Mit "Hier und Jetzt" wollte ich eigentlich nicht auf ein Präsentsein im Augenblick hinaus. Sondern darauf, dass es dabei um konkrete Handlungen/Kognitionen geht und weniger um ihre Genese.



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Rudolf Pirnbacher
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Jörn P Budesheim hat geschrieben :
Do 9. Jul 2026, 11:58
Mit "Hier und Jetzt" wollte ich eigentlich nicht auf ein Präsentsein im Augenblick hinaus. Sondern darauf, dass es dabei um konkrete Handlungen/Kognitionen geht und weniger um ihre Genese.
Ich hätte gemeint, daß das Flow-Erleben (geprägt von Mihály Csíkszentmihályi) ein Zustand völliger Vertiefung und des restlosen Aufgehens in einer Tätigkeit ist. Im Flow verschmelzen Handlung und Bewusstsein. Man verliert das Zeitgefühl, handelt mühelos aus eigenem Antrieb und erlebt ein tiefes Glücksgefühl. Indem man das Zeitgefühl verliert, blendet man Vergangenheit und Zukunft aus, und verliert sich im stetigen Fließen des „Hier und Jetzt“. Siehst du das anders?




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Jörn P Budesheim
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Do 9. Jul 2026, 13:02

Das, was ich über das Zeichnen geschrieben habe, kann zwar mit einem Flow-Erlebnis einhergehen … aber eben auch nicht. Auch wenn es sich mühsam, quälend, zerstückelt anfühlt, können Hand, Stift, Papier und so weiter Teil des ästhetisch-kognitiven Prozesses sein. Der Hinweis auf das Zeichnen sollte mein Verständnis von 4E-Kognition beispielhaft illustrieren.



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R2D2 hat geschrieben :
Mi 8. Jul 2026, 10:47
  • Extended (erweitert)
    Dies ist die radikalste These: Werkzeuge sind nicht bloß Hilfsmittel, sie sind Teile des Geistes. Ein Notizblock oder ein Smartphone fungiert funktional wie ein biologischer Speicher. Für 4E-Vertreter ist der Notizblock eines Alzheimer-Patienten nicht nur eine Informationsquelle, sondern ein tatsächlicher Bestandteil seines Gedächtnissystems.
[Auszug aus einem älteren Faden von Mai 2018] Was sind die Grenzen des Geistes? Damit sind nicht die Grenzen unserer Erkenntnisfähigkeit gemeint, sondern die Frage, wo der Geist endet und wo der Rest der Welt beginnt. Kann ein Handy und mit ihm sein Internetanschluss Teil des Geistes sein?

Drei mögliche Antworten auf die Frage "Was sind die Grenzen des Geistes?" lauten:
  1. Die Grenze sind unsere Haut oder der Schädel. Was sich jenseits dieser Markierungen befindet, ist außerhalb des Geistes.
  2. "Bedeutungen sind nun mal nicht im Kopf" (Putnam) und dieser Externalismus der Bedeutung kann in einen Externalismus des Geistes übergehen ...
  3. Die beiden Autoren Andy Clark und David Chalmers (das ist der mit den Zombies) vertreten in ihrem Aufsatz "Der ausgedehnte Geist" eine weitere Sicht, eine ganz andere Art von Externalismus, den sie "aktiven Externalismus“ nennen. Er basiert auf der aktiven Rolle der Umwelt bei der Steuerung kognitiver Prozesse.
Hier zitiere ich das einleitende Gedankenexperiment, den Beginn von Absatz 2, der mit "ausgedehnte Kognition" überschrieben ist:
Andy Clark und David Chalmers hat geschrieben : Man betrachte drei Fälle menschlichen Problemlösens:

(1) Eine Person sitzt vor einem Computerbildschirm, der Bilder von verschiedenen zweidimensionalen geometrischen Formen zeigt, und wird gebeten, Fragen zu beantworten, die das potentielle Einpassen solcher Formen in abgebildete „Fassungen“ betreffen. Um die Passform einschätzen zu können, muss die Person die Formen mental drehen, um sie mit den Fassungen abzugleichen.

(2) Eine Person sitzt vor einem ähnlichen Computerbildschirm, aber dieses Mal kann sie wählen: entweder das Bild durch das Drücken eines Rotationsschalters auf dem Schirm physisch zu drehen oder wie zuvor das Bild mental zu drehen. Es scheint zudem nicht unrealistisch, anzunehmen, dass zu der physischen Rotationsfunktion ein Geschwindigkeitsvorteil hinzukommt.

(3) Irgendwann in der Cyberpunk-Zukunft sitzt eine Person vor einem ähnlichen Bildschirm. Diese Akteurin hat indes den Vorteil eines neuronalen Implantats, das die Rotationsfunktion genauso schnell durchführen kann wie der Computer in dem vorangegangenen Beispiel. Die Akteurin muss immer noch wählen, welches interne Mittel sie gebraucht (das Implantat oder die gute altmodische mentale Drehung), da jedes Mittel verschiedene Ansprüche an die Aufmerksamkeit und andere, gleichzeitig ablaufende Hirnaktivitäten stellt.
Die Autoren fragen direkt im Anschluss: "Wie viel Kognition ist in diesen Fällen gegeben?" und schlagen vor, dass die drei Fälle ähnlich sind. Fall (3) mit dem neuronalen Implantat ist nach ihrer Ansicht mit Fall (1) gleichwertig. Fall (2) zeigt die gleiche Form von "computational structure" wie der dritte Fall, allerdings verteilt „verteilt auf die Handelnden und den Computer anstatt der Internalisierung in die Handelnden“.

Sie fragen weiter: Wenn wir die Rotation im dritten Fall als kognitiv ansehen, warum sollte dann Fall (2) so völlig verschieden sein? Nun kommt – auch für die Diskussion ein wichtiger Punkt: Als Argument kann man hier nicht die Haut- oder Schädelgrenze anführen, weil genau das ja in Frage und zur Diskussion steht. "Aber anscheinend unterscheiden sich die Fälle in nichts anderem."

Der Anspruch der beiden Autoren ist hoch – der Aufsatz endet so: "In jedem Fall sind wir, sobald wir die Vorherrschaft von Haut und Schädel gebrochen haben, vielleicht in der Lage, uns selbst als die Geschöpfe der Welt zu begreifen, die wir in Wahrheit sind." Damit wären die Türen weit offen und der Geist könnte aus dem gesamten Cyberspace wehen …

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Dazu noch ein Artikel vom Schweizer Rundfunk: „Wer kennt heute noch die Telefonnummern seiner Freunde oder den eigenen Terminplan auswendig? Niemand. Sind wir vergesslicher geworden? Nein, meint der australische Philosoph David Chalmers. Ein Teil unseres Ichs und unseres Wissens sitze nämlich nicht im Gehirn, sondern in unseren Smartphones.“ (Yves Bossart)

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information-philosophie hat geschrieben : (3) Kognition ist unter Umständen erweitert (extended). Unter bestimmten Bedingungen erstrecken sich kognitive Prozesse über die organismischen Grenzen eines Akteurs hinaus in seine technische bzw. soziale Umwelt hinein, sodass seine kognitive Leistungsfähigkeit nicht nur von internen, sondern auch von externen Faktoren konstituiert wird. Wenn zum Beispiel schriftliche Notizen im Leben eines Alzheimerpatienten und bei der Erklärung seines Verhaltens dieselbe Rolle spielen wie neuronal abgespeicherte Gedächtnisinhalte bei gewöhnlichen Erwachsenen, dann sollten wir sie womöglich als Teil des materiellen Substrats seiner Erinnerungen oder Überzeugungen anerkennen.

Quelle: http://www.information-philosophie.de/? ... &y=4&c=111



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