Ist jedes Leben gleich viel wert?

Ethische Fragen und ihre rationale Begründbarkeit bewegen das philosophische Denken in einer Zeit, in der die Politik wieder über "Werte" debattiert und vertraute Grundlagen des politischen Handelns zur Disposition stehen.
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Alethos
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Sa 13. Feb 2021, 22:00

Peter Singer hat geschrieben : Nein, das Leben eines stark dementen Patienten, der seine Kinder nicht mehr erkennt, ist nicht gleich viel wert wie das einer Person, die mental intakt ist. Dies haben Ökonomen versucht mit dem Konzept der Lebensqualität zu erfassen. Sie fragen die Leute, zu welchen Abwägungen sie bereit wären, wenn sie ein längeres Leben, dafür aber mit gewissen Behinderungen wählen könnten. Zum Beispiel: Man ist Quadriplegiker, kann seine Arme und Beine nicht mehr bewegen, muss Tag und Nacht im Bett verbringen, und dann kommt einer und sagt: Wir können Sie heilen, aber statt die 20 Jahre, die Sie jetzt noch haben, haben Sie nachher nur noch 10 Jahre zu leben. Wenn die Leute Ja sagen, dann halten sie das Leben als Quadriplegiker für 50 Prozent weniger wert als das Leben ohne Behinderung. Mit solchen Fragen bekommt man zumindest eine Idee davon, wie die Leute eine bestimmte Lebensqualität bewerten. In der Theorie könnten wir das auch mit einem Leben im Lockdown, mit den Jobverlusten, der Zunahme von Depressionen und anderem so machen. Leider sind diese Modelle noch zu ungenau. Wenn man das alles wüsste, könnte man wirklich besser entscheiden, welche Massnahmen in der Pandemie die richtigen wären.

https://nzzas.nzz.ch/wissen/peter-singe ... ld.1601597



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Jörn Budesheim
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So 14. Feb 2021, 07:08

Peter Singer hat geschrieben : Nein, das Leben eines stark dementen Patienten, der seine Kinder nicht mehr erkennt, ist nicht gleich viel wert wie das einer Person, die mental intakt ist.
Das ist grauenvoll.



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Burkart
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So 14. Feb 2021, 08:48

Tja, wer soll bzw. darf denn bei "Ist jedes Leben gleich viel wert?" den Wert bzw. dessen Kriterien festlegen?
Unser individuelle, menschliche Gerechtigkeitssinn sagt gerne "wird sind alle gleich viel wert".
Aber ist dem so bzw. inwiefern?

Mir scheint, dass gerne der Stempel "alle gleich viel wert" benutzt wird, um Menschen zu beruhigen.
Nur spätestens in der Wirtschaft bzw. dem Leben ist es nicht mehr so, wenn man z.B. die Auswirkungen von Reichtum und Armut sieht, was letztlich dann sowohl Auswirkungen auf Qualität wie auf Quantität auf das Leben hat.

Letztlich ist es immer ein Ringen zwischen uns Menschen, wer welche Rechte und Möglichkeiten hat und damit dem Leben so mehr oder weniger Wert geben kann.



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iselilja
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So 14. Feb 2021, 09:38

Singer hat vollkommen recht, den Wert (oder auch Sinn) eines Lebens kann doch nur ein Mensch für sich selbst beurteilen/bewerten/bestimmen. Insofern wären die Methoden, die er nennt, angemessen, um wenigstens grob herauszufinden, ob - nennen wir sie mal - verschriftlichte Wertevorstellungen überhaupt das widerspiegeln, was Menschen dazu empfinden.




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transfinitum
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So 14. Feb 2021, 09:42

Alethos hat geschrieben :
Sa 13. Feb 2021, 22:00
Peter Singer hat geschrieben : Nein, das Leben eines stark dementen Patienten, der seine Kinder nicht mehr erkennt, ist nicht gleich viel wert wie das einer Person, die mental intakt ist.

https://nzzas.nzz.ch/wissen/peter-singe ... ld.1601597
ich denke auch, dass man sich mit der Aussage "jedes Leben ist gleich viel wert" etwas vormacht. In der Realität ist es so, dass das Leben stark mit einem Nutzen (oder mit dem finanziellen Besitz) verbunden ist, den jemand für die Gesellschaft oder eine Gemeinschaft oder Familie darstellt. Ein Obdachloser hat quasi keinen Nutzen für niemanden, er lebt auf Kosten anderer und bettelt um Mitleid und Geld und kann nicht für sich selbst sorgen. Hingegen haben Stars oder "wichtige" Politiker oder Mitglieder der Königsfamilie einen hohen Status und diese werden dann "ernst" genommen und sind so wichtig, dass sie sogar einen Bodyguard haben, der auf sie aufpasst oder einen Diener oder einen Chauffeur, der sie bedient und überall hinfährt.

Ein weiteres Beispiel: wenn die demente Person im obigen Artikel ein Obdachloser wäre oder Angela Merkel. Wie unterschiedlich würden die Bemühungen aussehen, um die Person zu heilen? Ich bin mir sicher, dass im zweiten Fall alles menschenmögliche versucht werden würde, wohingegen im ersten Fall nur das nötige ärztliche Standardprogramm durchgeführt wird. Wenn der Obdachlose nicht mehr zu retten ist, dann wäre das ja nicht so tragisch.

Es ist ein utopischer Idealismus, den man sich vormacht, dass jedes Menschenleben gleichwert ist. Die Aussage von Burkart, dass das zu Beruhigung der Massen gesagt wird, finde ich ganz treffend. Irgendwie muss man den Kamikaze-Flieger ja dazu bekommen, dass er sein Leben opfert- für die Regierungsmänner, die im Hintergrund weiter am Leben bleiben, aber viel wichtiger sind, da sie eine gewisse gesellschaftliche Machtposition besitzen - daher müssen diese ja auch weiterleben, da sie noch gebraucht werden, im Gegensatz zu den Kamikaze-Fliegern.

Das ist in der Tat furchtbar. :x




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Jörn Budesheim
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So 14. Feb 2021, 09:47

transfinitum hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 09:42
Ein weiteres Beispiel: wenn die demente Person im obigen Artikel ein Obdachloser wäre oder Angela Merkel. Wie unterschiedlich würden die Bemühungen aussehen, um die Person zu heilen?
Aber Du bringst dieses Beispiel doch, um darauf hinzuweisen, wie ungerecht es wäre, wenn das Leben von Angela Merkel höher bewertet würde, als das Leben des Obdachlosen Peter Fritz, oder? Und das heißt doch, dass jedes menschliche Leben gleich viel wert ist, auch wenn ihm nicht gleich viel Wertschätzung entgegengebracht wird.



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Alethos
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So 14. Feb 2021, 10:42

Der folgende Beitrag zeigt eher eine Auslegeordnung meiner Gedanken, nicht ausgereifte Positionsbezüge.

Wir haben es mit Menschen zu tun, die einen Wert haben. Nach Singer bemisst sich dieser Wert sozusagen nach den Kriterien der "erwarteten Lebensdauer" und der "Lebensqualität". Ein Quadriplegiker soll anhand dieser Grössen für sich selbst bestimmen können, was ihm mehr wert ist: Länger leben, dafür mit weniger Qualität als Mehrfachgelähmter oder weniger lang zu leben, dafür mit höherer Qualität dank Bewegungsfreiheit und Autonomie. Mit diesem Szenario kann ich etwas anfangen: Wenn ich mich in diese Situation einfühle, dann würde ich diese Wahl auch gerne haben. Ich würde meinem Leben - in Szenario A und B - gerne selber einen Wert beimessen und mich für die wertvollere Option entscheiden können.
Und ich meine, dass ich dieses Selbstbestimmungsrecht bezüglich der Wertbeimessung meines Lebens habe. Aber habe ich das auch über anderes Leben?
Zurecht fragt Burkhart: Nach welchen Massstäben wir das beurteilen sollen?

Es ist wirklich grauenvoll, wie Jörn sagt, sich vorzustellen, dass das Leben eines betagten, greisen Demenzpatienten weniger wert sein soll als das eines jungen, kerngesunden Kinds. Es ist grauenvoll, weil wir hier zwei "Lebenswerte" miteinander verrechnen, die sich gar nicht aufwiegen lassen. Nicht wir haben doch zu bestimmen, dass das Leben von Person A aus diesen und jenen Gründen weniger wert habe, weil es sich gar nicht aus unseren Bewertungen ergibt, dass er oder sie diesen Wert hat an sich? Wie würde ich reagieren, wenn man das über meine gottseidank heute gesunde Mutter behaupten würde, dass, wenn sie an Demenz erkrankte, ihr Leben weniger wert sei als bspw. meines, das noch länger dauert und ich in Vollbesitz meiner geistigen und körperlichen Kräfte leben kann? Ich wäre entsetzt, wenn mir jemand sagte, ihr Leben sei weniger wert, weil sie für mich nicht weniger wertvoll ist, wenn sie krank oder gesund ist, sondern wertvoll ist als Mensch, als Individuum, als diese Person, als Mutter. Und sie hat diesen wert für mich doch deshalb, weil sie diesen Wert an und für sich hat: als Mensch, als Individuum, als diese Person, als Mutter.

Nicht nur würde ich also den Ethikern wie Singer sagen, dass sie mir bitte objektive Kriterien angeben sollen, wonach sich der Wert meiner Mutter bemessen soll, auf dass ich einsehen könne, ob ihre Wertberechnungen stimmten, ich würde diese Berechnungen auch hinterfragen, ganz grundsätzlich, weil es sich überhaupt nicht gehört, dass jemand über den Wert eines anderen Menschen urteile. Das scheint mir ganz grundsätzlich falsch zu sein, weil dieser Wert ganz grundsätzlich durch den Menschen selbst - durch sein Lebendigsein, sein Menschsein - wirklich und unantastbar ist.

Und doch, ich würde schon sagen, dass ich meinem Leben Wert zuschreiben darf. Es leuchtet mir durchaus ein, dass mein Leben als Quadriplegiker für mich weniger Wert hat als mein Leben als gesunder, nicht gelähmter Mensch. Da, scheint es mir, darf ich über den Wert meines Lebens urteilen. Aber die Gesellschaft soll das nicht dürfen über Individuen, wenn sie es tut, dann irrt sie sich doch fundamental in ihrer Rolle, die darin bestehen muss, jeden Einzelnen zu beschützen - unabhängig seines sozialen Status, seines sozialen Beitrags, seines Nutzens für das Ganze? Es steht uns doch nicht an, über den Wert der Menschen zu urteilen - zu keiner Zeit?
transfinitum hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 09:42
Es ist ein utopischer Idealismus, den man sich vormacht, dass jedes Menschenleben gleichwert ist.
Ich würde schon sagen, dass es ganz real ist, dass du einen Wert hast - unabhängig davon, was du denkst, was du tust und wer du bist. Das mag idealistisch klingen, weil die gesellschaftliche Realität heute eine andere ist: Weil es tatsächlich so ist, dass die Gesellschaft anders funktioniert. Weil es tatsächlich gängig ist, Sozialschmarotzern weniger Wert beizumessen als bspw. einem Mulimilliardär. Tatsache ist, dass es Privilegierte gibt und weniger Privilegierte: Aber zeigt diese Tatsache nicht vielmehr an, dass wir uns als Gesellschaft irren, wenn wir uns so zueinander verhalten? Ist es wirklich aus idealistischen Gründen, dass wir fordern, jeder Mensch müsse gleich viel Wert haben, oder entspringt diese Haltung nicht vielmehr der Einsicht in die moralische Tatsache, dass wirklich jeder Mensch gleich viel Wert habe? Diese moralische Tatsache, wenn sie denn eine ist (was ich glaube), spricht dafür, dass wir die Gesellschaft korrigieren, wenn sie sich bezüglich diesem Umstand, dass sie nicht alle gleichwertig behandelt, irrt. Das ist für mich kein Idealismus, sondern ganz gewöhnlicher Menschenverstand, der sich mit der Realität - auch mit der Realität des Sollens - konkret auseinandersetzt.

Man mag unterstellen, dass universelle Menschenrechte einem Ideal folgen, dass sie aus Idealismus entstehen, dass diese Rechte nur Idealität haben, aber keine Faktizität. Aber es spräche auch unter diesen Vorzeichen des Vorwurfs des Idealismus nichts dagegen zu sagen, dass die Idee der Gleichheit, Geschwisterlichkeit und Freiheit ganz real sei und gut begründet in der Faktizität. Selbst also, wenn man mir unterstellen wollte, ich sei Idealist, ein Weltverbesserer, ein Gutmeinender, ein Gutmensch: Selbst da würde ich doch begründen können, warum ich glaube, dass es richtig ist, die Welt zu verbessern oder es gut zu meinen und ein guter Mitmensch zu sein: Weil das Gute real ist, weil es Tatsachen gibt, die wirklich dafür sprechen, so und so zu handeln. Faktisch dafür sprechen. Objektiv und alles andere als wertneutral.
Zuletzt geändert von Alethos am So 14. Feb 2021, 11:13, insgesamt 1-mal geändert.



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Jörn Budesheim
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So 14. Feb 2021, 11:00

Alethos hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 10:42
Nicht nur würde ich also den Ethikern wie Singer sagen, dass sie mir bitte objektive Kriterien angeben sollen ...
Auf den ersten Blick kann ich vielen, was du sagst zustimmen, ohne im Detail bereits darüber nachgedacht zu haben. Aber an dieser unseligen Stelle, mit dem Kriterien, die ich zitiert habe, kommen wahrscheinlich in diesem philosophischen Leben nicht mehr zusammen :)



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transfinitum
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Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 09:47
transfinitum hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 09:42
Ein weiteres Beispiel: wenn die demente Person im obigen Artikel ein Obdachloser wäre oder Angela Merkel. Wie unterschiedlich würden die Bemühungen aussehen, um die Person zu heilen?
Aber Du bringst dieses Beispiel doch, um darauf hinzuweisen, wie ungerecht es wäre, wenn das Leben von Angela Merkel höher bewertet würde, als das Leben des Obdachlosen Peter Fritz, oder? Und das heißt doch, dass jedes menschliche Leben gleich viel wert ist, auch wenn ihm nicht gleich viel Wertschätzung entgegengebracht wird.
ja, das Beispiel habe ich gebracht, weil das Gesagte stark von dem abweicht, wie gehandelt wird. Es wird gesagt, dass jedes Leben gleichviel wert ist, aber dieser Gedanke lässt sich schwer im aktuellen Geschehen finden. :(
Sollte die Wertschätzung dann nicht auch gleich sein, wenn die Leben gleichviel wert sind?




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Alethos
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So 14. Feb 2021, 11:17

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 11:00
Alethos hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 10:42
Nicht nur würde ich also den Ethikern wie Singer sagen, dass sie mir bitte objektive Kriterien angeben sollen ...
Auf den ersten Blick kann ich vielen, was du sagst zustimmen, ohne im Detail bereits darüber nachgedacht zu haben. Aber an dieser unseligen Stelle, mit dem Kriterien, die ich zitiert habe, kommen wahrscheinlich in diesem philosophischen Leben nicht mehr zusammen :)
Ja, dieses leidige kleine Wörtchen, das so kritisch beäugt immer wieder zum Anlass genommen wird für die kleine Krise einer Kritik. :)



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Alethos
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So 14. Feb 2021, 11:20

transfinitum hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 11:14
Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 09:47
transfinitum hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 09:42
Ein weiteres Beispiel: wenn die demente Person im obigen Artikel ein Obdachloser wäre oder Angela Merkel. Wie unterschiedlich würden die Bemühungen aussehen, um die Person zu heilen?
Aber Du bringst dieses Beispiel doch, um darauf hinzuweisen, wie ungerecht es wäre, wenn das Leben von Angela Merkel höher bewertet würde, als das Leben des Obdachlosen Peter Fritz, oder? Und das heißt doch, dass jedes menschliche Leben gleich viel wert ist, auch wenn ihm nicht gleich viel Wertschätzung entgegengebracht wird.
ja, das Beispiel habe ich gebracht, weil das Gesagte stark von dem abweicht, wie gehandelt wird.
Ja, es gibt eine Diskrepanz. Ist diese nun aber eher ein Zeichen dafür, dass die Handlungen falsch sind oder dass Menschenleben nicht gleichwertig sind?



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transfinitum
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So 14. Feb 2021, 13:55

Alethos hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 11:20
transfinitum hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 11:14
Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 09:47


Aber Du bringst dieses Beispiel doch, um darauf hinzuweisen, wie ungerecht es wäre, wenn das Leben von Angela Merkel höher bewertet würde, als das Leben des Obdachlosen Peter Fritz, oder? Und das heißt doch, dass jedes menschliche Leben gleich viel wert ist, auch wenn ihm nicht gleich viel Wertschätzung entgegengebracht wird.
ja, das Beispiel habe ich gebracht, weil das Gesagte stark von dem abweicht, wie gehandelt wird.
Ja, es gibt eine Diskrepanz. Ist diese nun aber eher ein Zeichen dafür, dass die Handlungen falsch sind oder dass Menschenleben nicht gleichwertig sind?
zugegeben, gute Frage, die mich zum Nachdenken bringt. Ich muss gestehen, dass ich mir diese bisher noch nie gestellt habe, da ich von von Ersterem ausgegangen war.




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Stefanie
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So 14. Feb 2021, 14:05

Es ist vielleicht auch eine Frage wer mit wem verglichen wird.
Auf der eine Seite eine fitte 80 jährige Seniorin und auf der anderen Seite eine Seniorin mit Demenz/Alzheimer.
Letztere hat ganz andere Bedürfnisse und Bedarfe als die fitte 80 jährige.
Gibt man der Demenzkranken das, was sie braucht, stellt sich die Ausgangsfrage wahrscheinlich nicht.
In dem man fragt, was hat der Mensch für Vorlieben gehabt, beim Essen, in der Freizeit, welcher Beruf hat sie ausgeübt, Musik, Sport, etc. Ist es notwendig, jemanden Lebensmittel vorzusetzen, die er oder sie nie gemocht hat? Oder einer Vegetarierin Fleisch vorzusetzen?
Das ist ein Aufwand, der derzeit aus personellen und finanziellen Gründen nicht geleistet werden kann.
In einem Pflegeheim wurde mal festgestellt, dass bei bestimmten Gerichten, z.B. hartgekochte Kartoffeln, über die Hälfte wieder ungegessen zurück ging. Nach Recherchen wurde festgestellt, dass einem Teil der Senioren die Kartoffeln schlicht zu hart waren und ein anderer Teil sich weigerte, die durch eine Pflegekräfte zerdrückten Kartoffeln zu essen, diese Leute wollten das nicht. Das Essen wurde umgestellt.
Ein typisches Zeichen für Demenz ist ein unglaublicher Bewegungs- und Laufdrang. (In derzeitigen Quarantäne Situationen ein großes Problem). Es wird Geld und Zeit in Technik investiert, um dieses Weglaufen zu verhindern.
Ich sage, lasst sie laufen! Angepasste Angebote bereitstellen. Baut anders, mehr Personal.
Es ist nicht die Aufgabe von jemanden mit Demenz, sich an die Angehörigen zu erinnern. Er oder sie kann es ab einem bestimmten Punkt nicht mehr. Das wird sich auch nicht ändern, derzeit. Die Angehörigen können es nicht erzwingen, sie müssen damit klar kommen. Ich habe dann als Angehörige zurück zu stecken. Wenn sich jemand über Besuch freut, aber nicht weiß, wer diese Person ist oder verwechselt, was bringt's in der Situation, dies auf klären zu wollen.
In einem halbbiographschen Roman beschreibt der Autor eine Szene, wie er seine Vater besucht, der ihn nicht mehr erkennt, und den Vater dabei beobachtet, wie er sich mit einem anderen Mann mit Demenz unterhielt, in einer Sprache, wo der Sohn nicht viel verstand, und die beiden alten Herren höchst vergnügt dabei waren. Romantitel: der alte König in seinem Exil von Arno Geiger.

Wir müssen uns davon trennen, unsere Vorstellungen übertragen zu wollen. Nur weil jemand dement ist, bedeutet dass nicht automatisch, dass diese nicht ihre eigenen Vorstellungen über ihr Leben hat, was sie wünscht, hören und sehen will. Es ist nur etwas schwerer, dies herauszubekommen. Aber dann haben diese Menschen auch ein lebenswertes Leben, wenn wir es beachten, es ist nur anders, als das einer 80 jährigen fitten Dame.
Nicht nur die Demenz ist das Problem, sondern unser Umgang damit.



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.
(Unbekannt)

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Stefanie
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So 14. Feb 2021, 14:45

Es ist auch zu fragen, welcher Sprache man sich bedient.
In dem zitierten Textausschnitt und Eingangsbeispiel wird von Patient gesprochen. Erstmal suggeriert es, dass hier etwas heilbar wäre, wie bei einem Patienten im Krankenhaus nach einer Blinddarmoperation. Demenz ist aber derzeit nicht heilbar.
Zweitens kommt das Wort Patient aus dem Lateinischen und meint dulden, leiden.
Der alte Mensch mit Demenz leidet und erduldet sein Schicksal. Wenn man dies von vorne herein so sieht, kommt man schnell dazu, eine Lebensqualität abzusprechen.



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.
(Unbekannt)

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AndreaH
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Registriert: Mo 18. Jan 2021, 21:04
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Fr 19. Feb 2021, 13:44

Alethos hat geschrieben :
So 14. Feb 2021, 11:20


Ja, es gibt eine Diskrepanz. Ist diese nun aber eher ein Zeichen dafür, dass die Handlungen falsch sind oder dass Menschenleben nicht gleichwertig sind?
Mich hat dieses Thema in den letzten Tagen nicht losgelassen, ich fand es sehr interessant darüber nachzudenken. Ich habe nicht einmal die Ruhe gefunden.... um in andere Büchern zu lesen. ;)

Ich denke schon das jeder Mensch gleich viel Wert ist.
Ich sehe auch viele Punkte so, wie sie hier bereits von allen beschrieben wurden.

Denke, dass wir als Gesellschaft und zusätzlich die jeweilig betroffene Person selbst sehr stark diesen Wert
verändern/verändert durch Beurteilung und Bewertung der jeweiligen Situation.


Nehmen wir, Hawking als Beispiel.


https://www.derstandard.at/story/200007 ... -gestorben


Ich möchte hier nicht annähernd beurteilen oder festlegen, dass dieser Mann mit seiner Situation gut zurecht kam. Nur er selbst könnte diesbezüglich Stellung dazu nehmen. Aber ich sage mal, er kam mit seiner Situation mit Sicherheit leichter zurecht, als ich es selbst könnte, wenn ich in seiner Situation wäre! Warum?! Ich denke, weil für mich körperliche Einschränkungen persönlich gesehen eine zu große Bedeutung hätten. Ich liebe Sport, als Mutter möchte ich meine Kinder versorgen. Mein gesamtes Arbeitsleben, mein Freizeitbereich und vieles was meine Persönlichkeit betrifft sind so ausgelegt, dass ich mir so eine Situation nicht annähernd vorstellen kann und möchte.

Hawking musste mit vielen seiner persönlichen Verluste zurechtkommen. Einen Bereich schränkte aber diese Krankheit nicht ein: seine geistige Gesundheit, seine Forschungsarbeit, seiner Arbeitswelt,...
Das waren die Bereiche, die schon vor seiner Erkrankung, einen großen Teil in seinem Leben erfüllten. Diese Bereiche konnte er auch weiterhin trotz seiner Krankheit ausleben.

Wäre Hawking ein Profisportler würde ihn diese Krankheit wohl weitaus mehr in seiner persönlichen beruflichen Welt treffen.
Aber was würde dagegen sprechen, wenn dieser Sportler der plötzlich mit einer solchen Krankheit zurecht kommen müsste, seine Konzentration einfach auf Bereiche legt die er noch hat......
und dort sucht was ihn persönlich erfüllen kann?!

Das gleiche gilt für mich auch bei Demez und anderen Krankheiten oder Situationen mit denen man plötzlich zurecht kommen muss.

Es gibt viele Menschen die müssen schon zu Beginn ihres Lebens mit einer schwierigen außergewöhnlichen Lage zurecht kommen, oft schafft diese Ausgangslage auch neue schwierige Situationen.

Auf die Welt selbst, kommt jeder Mensch aber mit dem gleichen Wert.
Der Wert den uns als Mensch in unserer Persönlichkeit auszeichnet. Das was uns in unserer Persönlichkeit erfüllt.
In seiner Basis, denke ich ist daher dieser Wert bei jedem Menschen gleich.



Es sind Begegnungen mit Menschen die das Leben lebenswert machen!

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