PS. zu Elke Heidenreich, Rassismus usw.

Ethische Fragen und ihre rationale Begründbarkeit bewegen das philosophische Denken in einer Zeit, in der die Politik wieder über "Werte" debattiert und vertraute Grundlagen des politischen Handelns zur Disposition stehen.
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Jovis
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Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 22. Okt 2021, 06:56
Aber viele der Dinge, die den Rassismus weitertragen, vorbereiten, zementieren etc waren sicherlich dennoch da: Texte, Bilder, Geschichten, Filme, Sarotti-Schokolade, Mohren Apotheken, etc. pp.
Eine sehr einprägsame Begegnung als Kind mit diesem Thema - ich konnte es kaum fassen, als mir das eben wieder einfiel - war der Kinderreim

„Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?
Niemand!
Und wenn er kommt?
Laufen alle, alle weg!“

und der wohlige Schauer beim johlenden Auseinanderstieben.




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Fr 22. Okt 2021, 09:38

Was ist eigentlich mit s.g. "positiven Rassismus"? "Unterläuft" der nicht auch gerade den "Wohlmeinenden"?



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Nauplios
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Fr 22. Okt 2021, 11:45

Da gerade von den "Wohlmeinenden" die Rede ist: am Sonntag wird in Schifferstadt der Ernst-Johann-Literaturpreis verliehen. In diesem Jahr geht die Auszeichnung an Elke Heidenreich. In der Begründung heißt es: "Konformität ist ihre Sache nicht." Der Preis wird von der Stadt Schifferstadt vergeben, deren Bürgermeisterin Ilona Volk sich im Juni seherisch äußert: "Ich freue mich, dass wir mit Elke Heidenreich eine Preisträgerin gewinnen, mit der wir noch viel Freude haben werden." ;) (Quelle)

Im Gespräch mit Gisela Steinhauer gestern auf der Frankfurter Buchmesse stellt Elke Heidenreich ihr neues Buch mit dem richtungsweisenden Titel Hier geht's lang! vor. Dabei geht sie auch auf den Vorwurf des Rassismus ein: Elke Heidenreich im Gespräch




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Friederike
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Fr 22. Okt 2021, 12:21

1+1=3 hat geschrieben :
Fr 22. Okt 2021, 09:38
Was ist eigentlich mit s.g. "positiven Rassismus"? "Unterläuft" der nicht auch gerade den "Wohlmeinenden"?
"Unterlaufen" trifft es sicher gut. Wenn man das "Rasse"-Grundmuster verinnerlicht hat -was alles rationale Reflektieren nicht plötzlich auflösen kann- dann ist das so. Es wird noch einige Zeit dauern, bis die Wahrnehmung der Hautfarben der Wahrnehmung der Nasen oder Münder o.ä. entspricht.




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Jörn Budesheim
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Fr 22. Okt 2021, 13:18

Friederike hat geschrieben :
Fr 22. Okt 2021, 12:21
1+1=3 hat geschrieben :
Fr 22. Okt 2021, 09:38
Was ist eigentlich mit s.g. "positiven Rassismus"? "Unterläuft" der nicht auch gerade den "Wohlmeinenden"?
"Unterlaufen" trifft es sicher gut. Wenn man das "Rasse"-Grundmuster verinnerlicht hat -was alles rationale Reflektieren nicht plötzlich auflösen kann- dann ist das so. Es wird noch einige Zeit dauern, bis die Wahrnehmung der Hautfarben der Wahrnehmung der Nasen oder Münder o.ä. entspricht.
Was wäre denn (d)eine Alternative oder Ergänzung zum Reflektieren?



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Friederike
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Fr 22. Okt 2021, 13:54

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 22. Okt 2021, 13:18
Was wäre denn (d)eine Alternative oder Ergänzung zum Reflektieren?
Achtsamkeit. Wie das rassistische Konzept im "Wohlmeinen" immer noch mitläuft, das ist mir bewußt geworden, als ich die Anmerkung von @1+1=3 las. Ich überlegte kurz und mir fiel auf, daß ich seit einigen Jahren die schwarze Hautfarbe schöner finde als die weiße Hautfarbe. Aber diese Beurteilung scheint mir nur umgedreht. Sie hat immer noch die Rasse als Unterscheidungsmerkmal zur Voraussetzung. Also Aufmerksamkeit und Thematisierung.




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Stefanie
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Fr 22. Okt 2021, 17:33

Was genau meint positiver Rassismus?
Sicher habe ich gerade gegoogelt, so richtig klar ist das nicht. Geht es um positive Zuschreibungen die aufgrund der Herkunft, Hautfarbe Religion, Geschlecht gemacht werden? Oder meint es umgekehrte Diskriminierung?



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Friederike
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Fr 22. Okt 2021, 17:49

Stefanie hat geschrieben :
Fr 22. Okt 2021, 17:33
Was genau meint positiver Rassismus?
Sicher habe ich gerade gegoogelt, so richtig klar ist das nicht. Geht es um positive Zuschreibungen die aufgrund der Herkunft, Hautfarbe Religion, Geschlecht gemacht werden? Oder meint es umgekehrte Diskriminierung?
Ich kann lediglich sagen, was ich darunter verstehe: Die Minderwertigkeit wird umgekehrt zu einer Höherwertigkeit, dies aber in der Beurteilung derer, die Minder- und Höherwertigkeit festlegen (die wohlmeinenden Weißen). Der Begriff "Rasse" bleibt also unberührt, daher pos. Rassismus. Schwarze oder weiße Hautfarbe bleibt somit als Unterscheidungskriterium für diese oder jene Eigenschaften erhalten.




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Stefanie
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Fr 22. Okt 2021, 18:30

Also sowas wie alle aus Kenia und Äthiopien sind Weltklasse in Langstreckenrennen, alle schwarzen Menschen aus den USA und Jamaika gewinnen Sprintrennen, schwarze Menschen leben den Blues, Asiaten zeigen keine Gefühle und Deutsche essen andauernd Sauerkraut, Engländer trinken nur Tee?



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Fr 22. Okt 2021, 19:14

Es sind m.E. (zumeist sich nachteilig für die so Charakterisierten auswirkende, da als solche "festschreibende", unzulässig einschränkende, "vor-schreibende" usw. usf.) Zuschreibungen...

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Burkart
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Fr 22. Okt 2021, 23:13

Jovis hat geschrieben :
Do 21. Okt 2021, 18:04
Nicht dass ich noch viel zu sagen hätte, aber versprochen ist versprochen. :-)
Dank dir :)
Burkart hat geschrieben :
Mo 18. Okt 2021, 23:58
MIt 206 cm dürfte ich dazugehören ;) Und wieviel hast du? Wenn die Frage denn erlaubt ist? :D
Na ja, ausnahmsweise. :-) Aber mit meinen 1,80 m befinde ich mich im Vergleich zu dir ja noch eher im Mittelmaß. In meiner Jugend war ich in meinem Umkreis aber tatsächlich eine Ausnahme, und wenn dann so ein unsicherer Teenager auch noch jedes zweite Mal zu hören bekommt: "... na, da wirst du es aber schwer haben einen Mann zu finden ...", dann ist das schon reichlich anstrengend.
Als Frau ist 1,80 m ja auch schon recht groß, insbesondere früher. Und als Frau ist die Größe ja auch noch etwas ungünstiger, wie man an deinem "... na, da wirst du es aber schwer haben einen Mann zu finden ..." sieht. Ok, dafür habe ich z.B. im Flugzeug noch weniger Platz für meine Beine, aber das ein anderes Thema.
Jovis hat geschrieben :
Mo 18. Okt 2021, 10:25
Burkart hat geschrieben :
So 17. Okt 2021, 19:40
Diese Zeiten sind zum Glück längst vorbei, heute passiert mir das kaum noch.
Geht mir ähnlich, manchmal vermisse ich es deshalb sogar schon ;)
Ist ja interessant, dass du diese Erfahrung auch gemacht hast (aber nein, ich vermisse das ganz und gar nicht).
Woran mag das liegen? Da kommt wohl einiges zusammen: Ich bin inzwischen sehr viel älter, werde nicht mehr einfach so angequatscht; der Typ Mann „jovial-unverschämt“ scheint seltener zu werden; die Durchschnittsgröße der Bevölkerung ist gestiegen, eine Frau mit 1,80 m fällt nicht mehr so auf …
Genau, es ist nicht mehr ganz so ungewöhnlich wie früher und irgendwie finden es die Leute auch nicht mehr ganz so spannend bzw. als etwas so Besonderes; vielleicht spielen auch Medien wie das Fernsehen eine Rolle, wo inzwischen häufiger mal ein sehr großer Mensch vorkommt (ich muss gerade an den Beißer in James Bond denken, z.B. im Moonraker).
Einen so klaren Anquatsch-Typ wie du habe ich da nicht: Z.T. sind es noch eher zur Überraschung fähige Jugendliche, sonst aber irgendwelche Leute, ob nun kleine, die sich mehr Größe wünschten oder große, die überrascht auch mal etwas nach oben schauen.
Mag sein, dass Größe und Hautfarbe insofern ein gewisser Unterschied sind. Aber ich sag mal, dass Rassismus früher (z.B. in meiner Jugend vor sagen wir 40 Jahren) in Deutschland praktisch kein Thema war […]
Das werden die Betroffenen wohl anders in Erinnerung haben. In meinem Umfeld gab es früher keine farbigen Leute – nicht einen einzigen. Kein Wunder, dass ich von Rassismus nichts mitgekriegt habe.
Genau, bei uns gab es auch keine farbigen Leute (wir hatten nur gerade mal einen gebürtigen Italiener in der Klasse) und somit auch einfach keinen Rassismus und keine Betroffenen. Den bzw. diese gab es vor allem in den USA, woher man etwas z.B. vom Ku-Klux-Clan hörte.
Aber im Zuge der jetzigen Debatte werden ja auch die 50er und 60er Jahre thematisiert, und was da manchmal zu Tage kommt, kann einem die Haare zu Berge stehen lassen. (Als ein Beispiel von vielen dieser taz-Artikel: https://taz.de/Rassismus-der-Nachkriegszeit/!5222496/ )
Es ist doch klar, dass vor rund 70 Jahren vieles anderes war, z.B. wie auch das Bild der Frau vor allem als Hausfrau und Mutter. Ich finde, man sollte die Geschichte nicht überstrapazieren und die damaligen Auffassungen halt vor allem als Geschichte ansehen. Sonst müssten einige andere Nationen viel mehr sich ihrer Geschichte bewusst werden als wir es sowieso schon tun.
[…] Insofern kann man sich fragen, warum das inzwischen zu einem geworden ist (außer - oder weil? - es einfach viel mehr Betroffene gibt)
Das ist gewiss einer der Gründe. Vielleicht gibt das sogar Anlass zur Hoffnung? Vielleicht müssen wir durch diese offene Debatte hindurch, um danach einen neuen Zustand der Normalität im Miteinander zu erreichen?
Die "Normailität" ist ständig im Fluss, letztlich gibt es sie also nicht unbedingt, solange die Menschen nicht alle gleich sind. Einige Probleme von heute gab es in unserer Jugend einfach noch nicht (so), u.a. durch viel mehr "Islam-Stämmige" oder Aussiedler bei uns, die z.T. gegen Juden oder auch einfach gegen unser normales westliches Leben sind (und ja klar sind die meisten Menschen, sagen wir gerne 99% harmlos, aber das eine Prozent kann schon völlig reichen, um bei uns zu punktuellem Chaos zu führen).
Und von wegen "offene Debatte": Wird sie wirklich geführt und werden die Stimmen gegen mehr Einwanderung in Deutschland auch hinreichend akzeptiert - und nicht nur die für sie?
Ganz wie im privaten Bereich: Über ein Problem zu sprechen ist allemal besser als es unter den Teppich zu kehren.
Das geht aber nur bei hinreichend gesprächs- und akzeptierbereiten Partnern, so meine Erfahrung.
Um es zum Vergleich zurück auf den öffentlichen Bereich zu bringen: Wie lange wird schon diskutiert etwas gegen den großen Unterschied zwischen Arm und Reich (und der schwindenden Mittelschicht) bei uns zu tun... und es passiert nichts (das Gelbe in der angehenden Koalition), weil es halt von gewissen Kreisen nicht gewünscht wird. Deren Machterhalt ist m.A.n. eigentlich mit unser größtes Problem, z.B. beim Umweltschutz (das war doch gerade ein Milliardär als kleines Beispiel, der unbedingt seine Rakete mit "Captain Kirk" u.a. starten musste; da sind noch viele große Autos mit ihren Abgasen, nicht zuletzt, weil die Geschwindigkeit auf der Autobahn unbegrenzt hoch ist usw.) oder bei immer teureren Mieten u.ä.
wobei man schon zwischen wirklich bösartigem, "klassischem" Rassismus unterscheiden sollte und dem "naiven", der eigentlich nicht böse gemeint ist, sondern primär von Betroffenen so aufgefasst wird, sagen wir ähnlich, als wenn wir beiden ständig nach der Größe gefragt werden und davon zu sehr genervt sind.
Ja, da besteht gewiss ein Unterschied. Aber ich empfinde auch den „naiven Rassismus“ nicht als so harmlos, und schon gar nicht denke ich, dass hier „primär“ eine Überempfindlichkeit der Betroffenen vorliegt. Damit würde man es sich zu einfach machen. (#metoo lässt grüßen.)
Mir scheint, dass immer mehr Menschen(gruppen) "überempfindlich" werden und ihre eigenen Interessen durchsetzen wollen anstatt sich eher Gegebenheiten anzupassen.
Sollen z.B. auch wir großen Menschen auch auf mehr unserer Rechte z.B. zu mehr Barrierefreiheit für uns pochen? Z.B. Türdurchgänge, an denen ich meinen Kopf stoßen kann, verbieten?
Letztlich scheint mir die Frage zu sein, welche Gruppen sich gegen andere durchsetzen und mit welchen größeren Konsequenzen.
Wollen wir Europäer z.B. immer mehr Einwanderer haben wie die Massen 2015 oder nun einige z.B. über Belarus oder weiter über das Mittelmeer?
Ist es z.B. Rassismus, wenn man nicht mehr Einwanderer möchte?
Tja, alles kompliziert, u.a. weil es so viel unterschiedliche Gruppen mit unterschiedlichen Interessen gibt.
Aber jetzt fehlt mir die Zeit, um diesen letzten Punkt weiter auszuführen, ich muss wieder los.
Alles klar. Ich habe auch bald keine Zeit, weil ich dann für eine Woche Urlaub und wohl weitestgehend offline sein werde.



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Stefanie
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Sa 23. Okt 2021, 16:47

Genau, bei uns gab es auch keine farbigen Leute (wir hatten nur gerade mal einen gebürtigen Italiener in der Klasse) und somit auch einfach keinen Rassismus und keine Betroffenen
Das war bei mir sowohl in der Grundschule wie auch auf dem Gymnasium ähnlich. Übrigens auch noch im Studium.
Nur weil keine farbigen Menschen da waren bzw. sind, bedeutet nicht, dass es keinen Rassismus gab bzw. gibt.
Das Fehlen von Kindern mit sog. Migrationshintergrund gerade in Gymnasien kann und ist meistens eine Folge von Diskriminierung und Ausgrenzung. In dem Ort, in dem ich aufgewachsen und zur Schule gegangen bin, gab und gibt es eine große Gemeinde türkische stämmiger MitbügerInnen. Davon waren zu meiner Zeit keine Kinder auf dem Gymnasium. Sie waren in der benachtbaren Hauptschule. Später vereinzelt in der Realschule, aber im Gymnasium absolut unterrepräsentiert. Immer noch.
In kaum einem anderen europäischen Land hängt der Verlauf der schulischen und späteren Bildung von der Herkunft und am sozialen Status ab, wie in Deutschland. Der Umstand, dass es keine farbigen Mitschüler oder mit Migrationshintergrund gab, ist kein Beleg dafür, dass es keinen Rassismus gab und gibt, sondern es ist genau anders rum, es ist ein Beleg dafür, dass es Rassismus und Diskriminierung gab und gibt.



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Es kommt noch etwas anderes hinzu: Vielleicht fällt einem der Rassismus gegen Schwarze weniger auf, wenn keine Schwarzen da sind, das heißt aber nicht, dass es den Rassismus und die Rassisten nicht gibt. Die rassistischen Muster können nichtsdestotrotz vorhanden sein.



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Burkart
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Sa 23. Okt 2021, 18:02

Stefanie hat geschrieben :
Sa 23. Okt 2021, 16:47
Genau, bei uns gab es auch keine farbigen Leute (wir hatten nur gerade mal einen gebürtigen Italiener in der Klasse) und somit auch einfach keinen Rassismus und keine Betroffenen
Das war bei mir sowohl in der Grundschule wie auch auf dem Gymnasium ähnlich. Übrigens auch noch im Studium.
Stimmt, im Studium wüsste ich es auch nicht.
Nur weil keine farbigen Menschen da waren bzw. sind, bedeutet nicht, dass es keinen Rassismus gab bzw. gibt.
Er mag ja woanders gewesen sein, aber halt nicht an der Schule oder in der Uni, wo es keine farbigen Menschen gab. Unsere Polin im Studium haben wir übrigens gut integriert.
Das Fehlen von Kindern mit sog. Migrationshintergrund gerade in Gymnasien kann und ist meistens eine Folge von Diskriminierung und Ausgrenzung.
Oder halt das Fehlen der Kinder überhaupt.
In dem Ort, in dem ich aufgewachsen und zur Schule gegangen bin, gab und gibt es eine große Gemeinde türkische stämmiger MitbügerInnen.
Das war bei uns in den 70er Jahren noch nicht so.
Davon waren zu meiner Zeit keine Kinder auf dem Gymnasium. Sie waren in der benachtbaren Hauptschule. Später vereinzelt in der Realschule, aber im Gymnasium absolut unterrepräsentiert. Immer noch.
Also, mein bester junger Bekannter, der bald 21 Jahre alt wird, war einer der eher wenigen Deutschen auf seinem Gymnasium im Hamburg. Zumindest da schien die Unterrepräsentation nicht zu gelten.
In kaum einem anderen europäischen Land hängt der Verlauf der schulischen und späteren Bildung von der Herkunft und am sozialen Status ab, wie in Deutschland.
Das stimmt sicherlich. Und solange Rechte (mit)regieren wie bald die Gelben, wird sich das auch nicht unbedingt wesentlich ändern.
Der Umstand, dass es keine farbigen Mitschüler oder mit Migrationshintergrund gab, ist kein Beleg dafür, dass es keinen Rassismus gab und gibt, sondern es ist genau anders rum, es ist ein Beleg dafür, dass es Rassismus und Diskriminierung gab und gibt.
Das kann, muss aber nicht sein. Wie gesagt, wenn es gar keine entsprechende Menschen gibt/gäbe, wäre die Idee deines Beleges fehlerhaft.
Jörn hat geschrieben : Es kommt noch etwas anderes hinzu: Vielleicht fällt einem der Rassismus gegen Schwarze weniger auf, wenn keine Schwarzen da sind, das heißt aber nicht, dass es den Rassismus und die Rassisten nicht gibt. Die rassistischen Muster können nichtsdestotrotz vorhanden sein.
However...sind wir denn auch alienfeindlich, auch wenn es keine Aliens gibt? Na ja, vielleicht.

By the way: Rassistische Muster einfach zu 100% zu verteufeln ist zu einseitig, macht es aber natürlich einfach.
Ist wünsche mir z.B. nicht, dass wir von Massen von Menschen aus Afrika überschwemmt werden, die halt nun mal oft eine andere Hautfarbe haben.

So, weiter Koffer packen und dann ab morgen wohl eine Woche offline sein :) (Und leider kaum unter Ausländern auf Mein Schiff 1; MSC-Schiffsreisen sind insofern interessanter.)



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Burkart hat geschrieben :
Sa 23. Okt 2021, 18:02
... von Massen von Menschen aus Afrika überschwemmt ...
Was soll man dazu eigentlich noch sagen?



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Sa 23. Okt 2021, 18:29

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 23. Okt 2021, 18:17
Burkart hat geschrieben :
Sa 23. Okt 2021, 18:02
... von Massen von Menschen aus Afrika überschwemmt ...
Was soll man dazu eigentlich noch sagen?
Vielleicht, dass es eine nicht ganz unbegründete Angst ist, wenn man vernünftig und langfristig darüber nachdenkt?



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Sa 23. Okt 2021, 18:59

Ich frage nicht eher, was das für ein Menschenbild ist, wenn man von Massen spricht und von Überschwemmungen.



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Sa 23. Okt 2021, 19:31

Tupoka Ogette exit RACISM hat geschrieben :
Ich nenne den Zustand, in dem weiße Menschen leben, bevor sie sich aktiv und bewusst mit Rassismus beschäftigen, ›Happyland‹. Den Begriff hat ein Manager eines großen Kommunikationsunternehmens am Ende einer meiner Workshops geprägt. Er sagte:

»Frau Ogette, ich habe das Gefühl, vierzig Jahre meines Lebens in ›Happyland‹ gelebt zu haben. Und Sie haben mich jetzt da rausgeschubst. Es fühlt sich an, als wäre ein Tornado durch meinen Kopf geweht.«

Happyland ist eine Welt, in der Rassismus das Vergehen der Anderen ist. In Happyland wissen alle Bewohner*innen, dass Rassismus etwas Grundschlechtes ist. Etwas, das es zu verachten gilt. Rassismus ist in Happyland enorm moralisch aufgeladen. Rassismus ist NPD, Baseballschläger, Glatzen und inzwischen auch die AfD. Es ist Hoyerswerda, Hitler und der Ku-Klux-Klan. Der Begriff ist nicht ambivalent, denn rassistisch ist, wer schlecht ist. Darüber gibt es in Happyland einen Konsens. Gelernt hat die*der Happyländer*in dies seit seiner oder ihrer* Kindheit. Immer wieder wurde es ihm oder ihr* eingebläut. Im Selbstverständnis der Happyländer und -länderinnen* hat das Wort ›Rassismus‹ keinen Platz. Auch andere verwandte ›Ismen‹ sind dort wenig vertreten. Kein Wunder also, dass mit Rassismus in Zusammenhang stehende Begriffe regelmäßig zum Unwort des Jahres gekürt werden – wie ›ausländerfrei‹ im Jahr 1991 oder auch ›Gutmensch‹ im Jahr 2015. Hinzu kommt, dass man in Happyland davon ausgeht, dass Rassismus etwas mit Vorsatz zu tun hat. Damit man etwas rassistisch nennen kann, muss es mit Absicht gesagt oder getan worden sein. Des Rassismus bezichtigt werden kann also nur jemand, der oder die* vorsätzlich beschließt, dass die nun folgende Handlung oder das im Folgenden Gesagte rassistisch sein soll. Eine Wirkung, die der Verursachende derselben nicht beabsichtigt hat, liegt entsprechend nur im Auge des Betrachters und der Verursachende trägt keinerlei Verantwortung dafür. Auch Absicht und Wirkung bilden in Happyland keine kausale Kette und haben – wenn überhaupt – nur sehr wenig miteinander zu tun. Die*der Happyländer*in entscheidet, wann und wie das Gesagte beim Empfangenden ankommt, wie es sich anfühlt oder anzufühlen hat. »Ich habe es nicht so gemeint, also musst Du nicht so beleidigt tun.«

[...]

Deshalb macht man sich in Happyland auch vielmehr Sorgen darüber, rassistisch genannt zu werden, als sich tatsächlich mit Rassismus und dessen Wirkungsweisen zu beschäftigen. Fragt man die Bewohner*innen Happylands, wie es denn so um Rassismus steht in dieser Welt, wird er*sie mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass das kein großes Thema mehr ist. Mehr noch, Happyländer*innen sind überzeugte Nicht-Rassisten. Nichts läge ihnen ferner, als jemanden bewusst auszugrenzen. Jedenfalls ist das nicht Teil ihres Selbstverständnisses. Sie halten sich für offen und tolerant. Das liegt daran, dass nicht nur das Wort, sondern auch die Gedanken daran aus Happyland verbannt wurden ...



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Sa 23. Okt 2021, 20:01

Tupoka Ogette, exit RACISM hat geschrieben : Im Gymnasium, später in Berlin, sollte ich im Geschichtsunterricht über meine Heimat erzählen. »Also in Leipzig…«, fing ich an. »Nein«, sagte die Lehrerin mit ernstem Blick, »Deine richtige Heimat, im Busch.« Meine Erfahrungen decken sich oft eins zu eins mit denen meiner Schwarzen oder PoC-Workshopteilnehmer*innen. Seien es Erwachsene oder Kinder. Letztens, in einem Seminar der Heinrich-Böll-Stiftung, bat ich die Schwarzen und die Teilnehmenden of Color mal Sprüche aufzuschreiben, die sie nie wieder hören wollen. Die Frage »Woher kommst Du« war in verschiedenen Versionen in vier der 15 genannten Sätze enthalten.

[...]

Als Kind habe ich oft gedacht, dass ich vielleicht tatsächlich nicht hierher gehöre, wenn es doch so viele sagen.

[...]

In einem Interview fragte mich die Journalistin letztens: »Was bedeutet Heimat für Sie?« Ich sagte: »Heimat ist der Ort, an dem ich mich nicht erklären muss.« Kurz danach ging ich zum Arzt wegen Magenproblemen. Noch bevor sie mich begrüßt und mir einen Sitz anbietet, sagt die Ärztin: »So, und wo sind Ihre Wurzeln?« »In Deutschland«, sage ich. »Nein, nein, da ist doch noch mehr«, sagt sie. »Tansania«, sage ich resigniert. »Aha«, sagt sie, sichtlich erleichtert. »Und wo sind Ihre Wurzeln?«, frage ich. »Das werden Sie nicht kennen, in der Lausitz, bei Dresden.« »Oh«, sage ich, »ich bin in Leipzig geboren, dann sind unsere Wurzeln ja gar nicht so weit voneinander entfernt.« »Na ja, aber NUR DIE HALBEN!«, ruft sie entsetzt. Nach einer gefühlten Ewigkeit fragt sie: »Warum sind Sie heute hier in der Praxis?« »Magenprobleme«, sage ich. »Könnte Stress sein«, sagt sie. »Ja«, sage ich nachdenklich. »Könnte.«



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Sa 23. Okt 2021, 20:06

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 23. Okt 2021, 18:59
Ich frage nicht eher, was das für ein Menschenbild ist, wenn man von Massen spricht und von Überschwemmungen.
Es ist kein Einzelmenschenbild, sondern das der Abstraktion von sehr vielen Menschen.
Wenn wir z.B. bei hier bei statista reinschauen, sollen im Jahr 2100 fast sieben Mal so viele Menschen in Afrika als wie bei uns in Europa leben.

Was meinst du, was passiert, wenn von ihnen ein größerer Teil meint, dass das Klima bei uns in Europa angenehmer ist, als das dann u.U. zu trockene bei ihnen, und sich dann auf den Weg nach Europa macht? Also nicht die bisher nur wenigen im MIttelmeer bisher u.ä.?
Und trotzdem versuchen wir Europäer ja schon heute zu verhindern, dass mehr Menschen einfach so zu uns kommen und zahlen z.B. Erdogan dafür Geld, sehen aktuell Belarus' Führung als Bedrohung in der Hinsicht an usw.
Ok, Trump hat seine Mauer nicht bekommen, aber in Amerika haben sie wohl ein ähnliches Problem.



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