Fußabdruck

Ethische Fragen und ihre rationale Begründbarkeit bewegen das philosophische Denken in einer Zeit, in der die Politik wieder über "Werte" debattiert und vertraute Grundlagen des politischen Handelns zur Disposition stehen.
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Jörn Budesheim
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Do 24. Nov 2022, 14:16

Sich selbst an die Nase fassen - reicht das? Vermutlich nicht. Aber das ist noch kein Grund, es zu lassen: "Individuelles und politisches Handeln ist kein Widerspruch." Lesenswerter Artikel, wie ich finde.

https://taz.de/Oekologischer-Fussabdruc ... /!5892875/




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Lucian Wing
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Do 24. Nov 2022, 16:43

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 24. Nov 2022, 14:16
Sich selbst an die Nase fassen - reicht das? Vermutlich nicht. Aber das ist noch kein Grund, es zu lassen: "Individuelles und politisches Handeln ist kein Widerspruch." Lesenswerter Artikel, wie ich finde.

https://taz.de/Oekologischer-Fussabdruc ... /!5892875/
Das Problem im politischen Bereich ist, dass Politik in einem liberalen Rechtsstaat keine Möglichkeit hat, den Verbrauch oder die Emissionen zielgerecht zu begrenzen. Das Einsparen trifft immer überdimensional diejenigen, die ohnehin wenig zu hohen Werten beitragen. 1 % der Weltbevölkerung, nämlich die Superreichen, sind für 16 % der Emissionen von CO2 verantwortlich. In Deutschland sind 10 % der Bevölkerung, also 8,3 Mio. Menschen, für 26 % verantwortlich. Aber so, wie im Sozialbereich mit der Gießkanne ausgegossen wird, werden Maßnahmen zu Einsparungen, da sie überwiegend über den Geldbeutel wirken sollen,durch gleichmäßiges Zurückschneiden im Prinzip auf die ärmeren Schichten abgeladen.

Meine Eltern sind zusammen 175 Jahre alt. Ich würde meinen Kopf wetten, dass die zusammen in 175 Jahren weniger CO2-Emissionen verursacht haben mit ihrer Lebensweise ohne Reisen, Auto, Computer, Fernseher, Handy, dazu großenteils Selbstversorgung und vieles, vieles mehr (also uch weniger) als eine Klimapäpstin wie Louisa Neubauer. Nur: was bedeutet das jetzt?

Der Beitrag des Einzelnen - das ist nichts als ein moralischer Appell, der sich unterm Strich überhaupt nicht rechnet. Wir können heute alle auf Autos und Fleisch verzichten. Das würde sich im Weltklima nicht niederschlagen aber in der Arbeitslosenstatistik stark, und niemand wüsste, woher welches Essen dann kommen soll.

Es gibt nur eine Chance: lernen, mit der Situation umzugehen. Wenn ich mir zum Beispiel das nicht vorhandene deutsche Wassermanagement anschaue, dann kann man sehen, wie wenig da getan wird. Bei mir um die Ecke gab es mal eine lokale Brauerei, die aus dem Wasser von hier Bier braute. Als die aufhörte, war das Wasser natürlich noch da. Da gibt's jetzt einen hübschen Brunnen, aus dem das Wasser fließt - und zwar direkt in die Kanalisation. Obwohl es 100 m weiter einen Teich gibt, der aus dem letzten Loch pfeift, und über den sich die umliegenden Gärten versorgen ließen im Sommer. Aber wir denken halt immer entweder moralisch oder im Großen, aber nie pragmatisch. Brandenburg versteppt? Na dann. Komisch, dass die Israelis mit ihrer absoluten Überbevölkerung und Niederschlagsarmut Bewässerung auf die Reihe bekommen. Aber wir zahlen gerne den Landwirten hier ihre Ernteausfälle wegen Trockenheit. Ist ja der Klimawandel schuld. Da lassen wir uns nicht lumpen. Und produzieren so die Trägheit, die wir dann wieder moralisch geißeln.

Was der Einzelne tun kann? Weiß ich nicht. Ich tu nichts. Außer eben, dass ich mehr zahlen muss, auch wenn ich es mir nicht wirklich leisten kann. Mir geht's inzwischen mit dem Thema wie dem Hauptmann im Woyzeck beim Betrachten des Drehens des Mühlrads: ich werd melancholisch.



Als ich vierzehn war, war mein Vater so unwissend. Ich konnte den alten Mann kaum in meiner Nähe ertragen. Aber mit einundzwanzig war ich verblüfft, wieviel er in sieben Jahren dazu gelernt hatte. (Mark Twain)

Timberlake
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Fr 25. Nov 2022, 00:49

Lucian Wing hat geschrieben :
Do 24. Nov 2022, 16:43
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 24. Nov 2022, 14:16
Sich selbst an die Nase fassen - reicht das? Vermutlich nicht. Aber das ist noch kein Grund, es zu lassen: "Individuelles und politisches Handeln ist kein Widerspruch." Lesenswerter Artikel, wie ich finde.

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Meine Eltern sind zusammen 175 Jahre alt. Ich würde meinen Kopf wetten, dass die zusammen in 175 Jahren weniger CO2-Emissionen verursacht haben mit ihrer Lebensweise ohne Reisen, Auto, Computer, Fernseher, Handy, dazu großenteils Selbstversorgung und vieles, vieles mehr (also uch weniger) als eine Klimapäpstin wie Louisa Neubauer. Nur: was bedeutet das jetzt?


.
Schon mal was von der Redewendung "Kleinvieh macht auch Mist" gehört und gelesen . Es sind die vielen "kleinen" Fussabdrücke , die in Summe diesen Mist mit unserer Zukunft machen. Das bedeutet , das jetzt!



  • Ökologischer Fußabdruck und Klimakrise:Wir haben uns verrechnet

    Nicht die Konzerne, nicht die Politik müssten sich ändern, sondern nur der Konsum des Einzelnen. Das ist der Vorwurf, der dem Fußabdruck gemacht wird. Wis­sen­schaft­le­r:in­nen am MIT haben einmal ausgerechnet, dass selbst ein obdachloser US-Amerikaner ohne Auto einen Fußabdruck von über 8 Tonnen Kohlendioxid im Jahr hätte. In einer fossilen Gesellschaft kann niemand seinen Fußabdruck auf einen Wert senken, der die Welt nachhaltig machen würde.
Ich würde viel mehr fragen wollen , was bedeutet das jetzt , was das MIT ausgerechnet hat?




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Jörn Budesheim
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Lucian Wing hat geschrieben :
Do 24. Nov 2022, 16:43
Meine Eltern sind zusammen 175 Jahre alt. Ich würde meinen Kopf wetten, dass die zusammen in 175 Jahren weniger CO2-Emissionen verursacht haben mit ihrer Lebensweise ohne Reisen, Auto, Computer, Fernseher, Handy, dazu großenteils Selbstversorgung und vieles, vieles mehr (also uch weniger) als eine Klimapäpstin wie Louisa Neubauer. Nur: was bedeutet das jetzt?
Was genau bedeutet der Ausdruck "Klimapäpstin"?

Ich kenne deine Eltern natürlich nicht, aber du schreibst, sie betrieben großenteils Selbstversorgung. Ich könnte mir vorstellen, dass bei ihnen galt, was auch bei uns galt: Lebensmittel schmeißt man nicht einfach weg. Warum eigentlich? Das hat bei uns niemand gefragt. Sie stellen einfach einen fraglosen Wert dar. Das ist allerdings bei vielen anderen Sachen, die man tun kann, um den eigenen CO₂-Fußabdruck zu reduzieren, meines Erachtens ebenso. Es gibt vieles, was man nicht verschwenden sollte und vieles, was man wertschätzen sollte, was zugleich gut für Klima ist. Das heißt für mich: Was ich deswegen bereits tue, werde ich weiter tun, selbst, wenn infrage steht, ob dieser Weg für sich allein genommen zum Ziel führt.

"Für die Bekämpfung der Klimakrise ist eine Revolution nötig, in der Wirtschaft, der Mobilität, der Landwirtschaft. Der Einzelne hat es nicht in der Hand ..." (aus dem Artikel). Das bietet aber kein Argument, dass einem der eigene CO₂-Fußabdruck egal ist, denn die Dinge zu tun, die unseren Lebensraum schützen helfen, ist auch dann ein Wert, wenn dieser kleine Beitrag für sich allein genommen nicht reicht. Sicher ist die Politik gefragt. Aber Politiker fallen ja nicht vom Himmel. Sie müssen gewählt werden. Und daher sollte, wie ich finde, Politik im Idealfall von den Menschen mitgetragen werden. Es geht dabei im Kern um die Idee: "dass der Mensch sein Schicksal in der Hand hat. Wir müssen etwas ändern und ich kann etwas ändern", denn "ich" und "wir" passen zusammen, wie es dort heißt, ja sie lassen sich eigentlich gar nicht trennen.




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TAZ hat geschrieben : Eine Fallstudie der Uni Darmstadt machte dort vor ein paar Jahren eine Beobachtung: Je mehr Dächer mit Photovoltaikanlagen es in einem Stadtviertel gab, desto höher stieg die Wahrscheinlichkeit, dass sich auch die Nach­ba­r:in­nen eine Solarzelle aufs Dach bauten. Dieser Effekt wurde auch in anderen Städten und Studien beschrieben.
Auch das ist ein Argument, was man gelegentlich liest und hört. Was ein:e Einzelne:r tut, mag nicht viel bewirken, aber es kann, wenn einige folgen, daraus etwas Größeres entstehen, es wirkt irgendwie "ansteckend". Ich finde das plausibel.




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Lucian Wing
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Fr 25. Nov 2022, 10:47

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 25. Nov 2022, 08:55


"Für die Bekämpfung der Klimakrise ist eine Revolution nötig, in der Wirtschaft, der Mobilität, der Landwirtschaft. Der Einzelne hat es nicht in der Hand ..." (aus dem Artikel). Das bietet aber kein Argument, dass einem der eigene CO₂-Fußabdruck egal ist, denn die Dinge zu tun, die unseren Lebensraum schützen helfen, ist auch dann ein Wert, wenn dieser kleine Beitrag für sich allein genommen nicht reicht. Sicher ist die Politik gefragt. Aber Politiker fallen ja nicht vom Himmel. Sie müssen gewählt werden. Und daher sollte, wie ich finde, Politik im Idealfall von den Menschen mitgetragen werden. Es geht dabei im Kern um die Idee: "dass der Mensch sein Schicksal in der Hand hat. Wir müssen etwas ändern und ich kann etwas ändern", denn "ich" und "wir" passen zusammen, wie es dort heißt, ja sie lassen sich eigentlich gar nicht trennen.
Wenn die Politik eine Revolution anstoßen möchte in der Gesellschaft, dann muss sie eine Revolution von oben anzetteln. Und man sollte sich dann auch ehrlich machen, wie beispielsweise ein Bernd Ullrich aus der Zeit das ja immer deutlicher tut, und klipp und klar sagen, dass die Zeit der invididuellen Freiheiten des liberalen Rechtsstaats vorbei ist. Das BVefG kann leicht ein Recht der jungen Generation proklamieren, aber dann muss es zur Kenntnis nehmen, dass es parallel die individuellen Freiheitsrechte aus den sog. Ewigkeitsparagraphen drangeben muss, damit die eigenen Vorgaben überhaupt näherungsweise erfüllt werden könnten.

Ich glaube nicht an ein Solidarität stiftendes größeres "Wir". Gerade dort, wo die tatsächlichen Effekte eines besseren Verhaltens eine bestimmte quantitative Größe darstellen würden, lebt man völlig unter sich, und dort traut sich keiner ran. Und Timberlake hat ja seinen Punkt in dem, was er zitiert: Alles, was der Einzelne spart oder vermeidet, worauf er überhaupt Einfluss nehmen kann, geschieht in einem Bereich, der schon um ein Vielfaches über dem Zuträglichen liegt. Alan Weisman hat in "Countdown" Wissenschaftler zitiert, wonach ein erträgliches Maß für die gesamte Erde bei etwa 2 Mrd. Einwohnern mit einem Lebensstil wie etwa in den Dreißigerjahren läge. Das lässt sich, aller Effizienzgewinne und Technik zum Trotze, nicht erreichen. Die Industrieländer können und wollen das nicht, die Schwellenländer ebenfalls, und der Rest will auch erst einmal dahin, wo die mit dem höchsten Wohlstand heute sind.

Insofern sage ich eben: Ich tu nichts (mehr). Weil meine persönliche Erfahrung zeigt, dass es vollkommen sinnlos war, kein "Wir" gestiftet hat. Mir kommen die moralischen Phrasen inzwischen zu den Ohren raus (deshalb auch die "Päpstin", deren "Wir" ich mich nicht zugehörig fühle). Die Menschen ändern ihr Verhalten, wenn sie es müssen oder wenn sie Begeisterung packt. Deshalb wären die Förderung und Propagierung eines praktischen Erfinder- und Unternehmergeistes der bessere Stimulus als die ewigen moralischen Bußpredigten. Und dann nicht Jura, Psychologie, Politik- oder Sozialwissenschaften studieren, sondern rein in die MINT-Fächer. Dort wird an der Zukunft gebastelt.



Als ich vierzehn war, war mein Vater so unwissend. Ich konnte den alten Mann kaum in meiner Nähe ertragen. Aber mit einundzwanzig war ich verblüfft, wieviel er in sieben Jahren dazu gelernt hatte. (Mark Twain)

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Lautet dein Argument (ganz einfach formuliert) so?: "Ich mache nichts, weil wir eh nichts mehr machen können. Weder als Einzelne noch alle zusammen."




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Lucian Wing
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Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 25. Nov 2022, 12:00
Lautet dein Argument (ganz einfach formuliert) so?: "Ich mache nichts, weil wir eh nichts mehr machen können. Weder als Einzelne noch alle zusammen."
Nein, sondern weil alles, was ich selbst (ob freiwillig oder nicht, spielt keine Rolle) schon beigetragen habe, bevor es überhaupt modern wurde, nichts genützt hat. Das ist der individuelle Teil. Der andere besteht aus zwei Teilen: Auf der Einzelmenschenebene sollen diejenigen in die Pflicht genommen werden, die über alle Maßen hinaus für den Ausstoß von CO2 und den Ressourcenverbrauch verantwortlich sind und auf Gesamtebene muss klar sein, dass Deutschland zwar einen symbolischen, aber keinen klima-wirksamen Beitrag leisten kann, dass also nichts ohne die die großen Länder geht: USA, China, Indien, Russland.



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Fr 25. Nov 2022, 13:26

Lucian Wing hat geschrieben :
Fr 25. Nov 2022, 13:21
alles, was ich selbst (ob freiwillig oder nicht, spielt keine Rolle) schon beigetragen habe, bevor es überhaupt modern wurde, [hat] nichts genützt.
Daraus folgt jedoch nicht, dass es nichts nützt, nachdem es "modern" wurde.




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Fr 25. Nov 2022, 13:37

Lucian Wing hat geschrieben :
Fr 25. Nov 2022, 13:21
Auf der Einzelmenschenebene sollen diejenigen in die Pflicht genommen werden, die über alle Maßen hinaus für den Ausstoß von CO2 und den Ressourcenverbrauch verantwortlich sind.
Auf dieser Einzelmenschenebene gehören wir in Deutschland ohnehin alle zu denen, die über alle Maßen hinaus für den Ausstoß von CO₂ und den Ressourcenverbrauch verantwortlich sind. Und angenommen man würde eine Grenze einziehen (du darfst nicht mehr CO₂ ausstoßen als X) dann würde schließlich diejenigen, die besonders viel CO₂ ohnehin besonders in die Pflicht genommen.

Wie auch immer: Aber mir ist nicht klar, welchen Zusammenhang es zwischen diesem Wunsch von dir gibt und der Frage, was jede:r selbst tun kann?




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Jörn Budesheim
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Fr 25. Nov 2022, 13:58

Mein Gefühl ist, dass wir einen (radikalen) kulturellen Wandel brauchen. Den kann es aber nicht gegen die Einzelnen geben, der muss von möglichst vielen getragen werden.




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Lucian Wing
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Fr 25. Nov 2022, 14:38

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 25. Nov 2022, 13:58
Mein Gefühl ist, dass wir einen (radikalen) kulturellen Wandel brauchen. Den kann es aber nicht gegen die Einzelnen geben, der muss von möglichst vielen getragen werden.
Im Prinzip ist es ganz einfach zu verstehen. Ein solcher Wandel wäre in etwa fast so, als würde man ein Volk von Indigenen in die Stadt stecken und sagen, das ist jetzt eure neue Kultur. Nur halt umgekehrt, aber kulturell gesehen bedeutet es für uns hyperkomplex organisierte Wilden in etwa das gleiche.

Es ist doch mit der CO2-Reduzierung auch gar nichts getan außer fürs Klima. Nichts gegen die Vermüllung und die Überfischung der Meere, nichts gegen die Zerstörung der Landschaft und der Böden, nichts gegen das Artensterben. Usw.

Es hat sich niemals in der Geschichte der Menschheit eine Hochkultur freiwillig zurückentwickelt.

Dann noch zwei praktische Punkte:

1. Die Idee eines CO2-Kontos habe ich auch einmal vorgetragen. Allerdings unter der Überschrift einer Ökodiktatur (wie sie auch meinen Eltern immer vorschwebte). Das könnten wir heute theoretisch schaffen, obwohl wir in Deutschland schon für die Impf-App zu blöd waren. Bargeld abschaffen und nur noch mit Handy zahlen, und jeder Einkauf wird entsprechend seiner CO2-Bilanz vom individuellen CO2-Konto abgebucht. Übertragungen sind verboten, Eingespartes kann auf den nächsten Zeitpunkt übertragen werden, Ein bestimmtes Maß für die Sicherung des täglichen Überlebens darf nicht unterschritten werden. Je näher man dem unabdingbaren Minimum im Monat kommt, desto weniger Artikel aus dem nicht notwendigen Bereich können gekauft werden. Dann hast du "Klimagerechtigkeit". Aber keinen liberalen Rechtsstaat mehr.

2. Wir sind mithilfe der Gleichberechtigung natürlich als Gesellschaft komplexer geworden. Wenn ein Ehepaar arbeitet , Kinder hin oder her, dann sind die darauf angewiesen, dass abends um 7 im Supermarkt immer noch das ganze Angebot vorhanden ist. Das heißt aber auch, es bedarf dazu ungeheuerer Mengen von vorgehaltenen Nahrungsmitteln zur Auswahlsicherung (also nicht nur eine Sorte X oder Y), was bedeutet, das immer einer großer Teil weggeworfen werden wird. Das ließe sich wiederum nur digital im Dreieck Produzent, Handel, Konsument lösen.

Das wäre die Aufgabe derjenigen, die sich heute an die Straße pappen, statt etwas Sinnvolles zu tun (zu studieren).



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Jörn Budesheim
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Fr 25. Nov 2022, 14:58

Lucian Wing hat geschrieben :
Fr 25. Nov 2022, 14:38
Im Prinzip ist es ganz einfach zu verstehen. Ein solcher Wandel wäre in etwa fast so, als würde man ein Volk von Indigenen in die Stadt stecken und sagen, das ist jetzt eure neue Kultur. Nur halt umgekehrt, aber kulturell gesehen bedeutet es für uns hyperkomplex organisierte Wilden in etwa das gleiche.
Ich sehe nicht, warum das so sein sollte. Was ist deine Begründung dafür? Das klingt so, als würdest du glauben, wir müssten uns dazu "zurück" zu "Naturvölkern" entwickeln. Das unterstellt aber - ohne Begründung - dass jede hoch entwickelte Technologie "zerstörerisch" sein müsste.




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Lucian Wing
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Fr 25. Nov 2022, 17:01

Neue Technik ist kein Kulturwandel. Mit Technik erreichen wir ein paar der selbstgesteckten Ziele, wir verbessern manche Situation, aber wir schaffen keine neue Kultur. Ein Kulturwandel würde bedeuten, ein anderes Welt- und Menschenbild zu haben, auf dessen Basis etwas Neues entstehen könnte. Aber genau daran zweifle ich, nicht an der Technik. Der technologische Wandel lässt sich bestens innerhalb des aktuellen Systems erreichen. Ein Kulturwandel aber nicht, selbst wenn wir alle grün und woke und Freitagszukünftler wären. Münchhausen ist ein Märchen.



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Nauplios
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Fr 25. Nov 2022, 17:41

Du hast acht auf alle meine Pfade
und siehst auf die Fußstapfen meiner
Füße.

(Hiob 13, 27)

Ganz am Rande

Der Fußabdruck als Nachhaltigkeitsfaktor für die Inanspruchnahme der Biosphäre hat in seiner Nachbarschaft den Fingerabdruck, der den Täter überführt. Spuren auf der Erde zu hinterlassen erregt Verdacht. Das ist auf dem Mond anders. Mit Stolz berichtete die Presse angesichts der geplanten neuerlichen Mondlandung im Rahmen des Artemis-Programms, daß die Fußabdrücke von Armstrong und Aldrin im mare tranquilitatis vom 21. Juli 1969 heute immer noch zu sehen sind. Zu den kühnen Erwartungen der Raumfahrt gehört von Anbeginn, eines Tages auf Spuren fremden Lebens zu stoßen, auch daß der Mensch irgendwann den Fuß auf eine zweite Erde setzen könnte - eine Form interstellarer Landnahme.

"So ist die Landnahme für uns nach Aussen (gegenüber anderen Völkern) und nach Innen (für die Boden- und Eigentumsordnung innerhalb eines Landes) der Ur-Typus eines konstituierenden Rechtsvorganges." (Carl Schmitt; Der Nomos der Erde; S 17)


768x432.jpg
Fußabdruck von Neil Armstrong auf dem Mond
768x432.jpg (93.57 KiB) 268 mal betrachtet




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Jörn Budesheim
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Fr 25. Nov 2022, 19:55

Nauplios hat geschrieben :
Fr 25. Nov 2022, 17:41
Der Fußabdruck als Nachhaltigkeitsfaktor für die Inanspruchnahme der Biosphäre hat in seiner Nachbarschaft den Fingerabdruck, der den Täter überführt.
Der Fingerabdruck, so kenne ich es aus Krimis, wird einem abgenommen, manchmal auch unter Zwang. Den Fußabdruck ermittelt man jedoch für sich allein und freiwillig, zumindest kenne ich es so. Weder meinen Fingerabdruck noch nach meinem Fußabdruck musste ich allerdings jemals vorweisen.

Letztlich geht es in diesem Faden aber nicht um den sog. CO2 Fußabdruck, das ist sozusagen nur der Aufhänger, vielmehr geht es um die Spannung (wenn es denn eine ist) aus individuellem Handeln und "politischem Handeln" oder wie man es immer nennen soll.




Timberlake
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Fr 25. Nov 2022, 21:04

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 25. Nov 2022, 08:55
. Es geht dabei im Kern um die Idee: "dass der Mensch sein Schicksal in der Hand hat. Wir müssen etwas ändern und ich kann etwas ändern", denn "ich" und "wir" passen zusammen, wie es dort heißt, ja sie lassen sich eigentlich gar nicht trennen.
Ist das so , hat das der Mensch sein Schicksal tatsächlich in der Hand ?
  • Der seiner selbst gewisse Geist. Die Moralität
    Die sittliche Welt zeigte den in ihr nur abgeschiedenen Geist, das einzelne Selbst, als ihr Schicksal und ihre Wahrheit. Diese Person des Rechts aber hat ihre Substanz und Erfüllung außer ihr. Die Bewegung der Welt der Bildung und des Glaubens hebt diese Abstraktion der Person auf, und durch die vollendete Entfremdung, durch die höchste Abstraktion, wird dem Selbst des Geistes die Substanz zuerst zum allgemeinen Willen und endlich zu seinem Eigentum. Hier also scheint das Wissen endlich seiner Wahrheit vollkommen gleich geworden zu sein, denn seine Wahrheit ist dies Wissen selbst, und aller Gegensatz beider Seiten verschwunden, und zwar nicht für uns oder an sich, sondern für das Selbstbewußtsein selbst.
    Hegel .. Phänomenologie des Geistes

Für Hegel hätte der Mensch erst dann sein Schicksal der Hand , wenn sich der Mensch . um es mit seinen Worten zu formulieren .. , die sittliche Welt, die sich ihm zunächst einmal nur als einen , vom ihm abgeschiedenen Geist zeigt, sich zu seinem allgemeinen Willen und endlich zu seinem Eigentum gemacht hat. Als solches zeigt sich dem Einzelnen die sittliche Welt als sein Schicksal und als seine Wahrheit . Ein Schicksal und eine Wahrheit unmittelbar verknüpft mir dem eigenen ökologischen Fußabdruck. Ist er zu groß , so hat man sich die sittliche Welt ganz sicher nicht , zu seinem allgemeinen Willen und endlich zu seinem Eigentum gemacht. Dann hat der "einzelne Selbst", bezüglich der "sittlichen Welt" , sein Schicksal und seine Wahrheit ganz sicher nicht in der Hand. Eigentlich sollte vielleicht nicht die "Bewegung der Welt" des Glaubens aber ganz sicher die Welt der Bildung , eine solche "vollendete Entfremdung" von der sittliche Welt , vermeiden helfen.
Keine Frage .. gerade die Gebildeten , mit dem Wissen um die Bedeutung des ökologischen Fußabdruck , sind um dessen Verringerung bemüht. Je nach dem leider allzu oft von den Normalos als Ökofreaks belächelt oder verschrien. Dabei zeichnet diese Freaks das aus , was Hegel als den "seiner selbst gewisse Geist" bezeichnet .




Timberlake
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Fr 25. Nov 2022, 21:50

Lucian Wing hat geschrieben :
Fr 25. Nov 2022, 17:01
Neue Technik ist kein Kulturwandel. Mit Technik erreichen wir ein paar der selbstgesteckten Ziele, wir verbessern manche Situation, aber wir schaffen keine neue Kultur. Ein Kulturwandel würde bedeuten, ein anderes Welt- und Menschenbild zu haben, auf dessen Basis etwas Neues entstehen könnte. Aber genau daran zweifle ich, nicht an der Technik. Der technologische Wandel lässt sich bestens innerhalb des aktuellen Systems erreichen. Ein Kulturwandel aber nicht, selbst wenn wir alle grün und woke und Freitagszukünftler wären. Münchhausen ist ein Märchen.
Was wäre denn , wenn die von mir im vorigen Beitrag erwähnten Ökofreaks die Normalos wären. Könnte man auf einer solcher Basis tatsächlich noch eine Kultur der Wegwerfgesellschaft aufrechterhalten? Wir reden hier im Grunde genommen über das , was die Marktwirtschaft auszeichnet und zwar das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage.

Beispiel

Umweltauswirkungen des Luftverkehrs
Die gesunkenen Preise von Flügen und deren einfache Verfügbarkeit haben zu einem enormen Anstieg der Flugreisen insgesamt geführt und dadurch die verkehrsbedingten Treibhausgasemissionen vervielfacht. Deutschlandweit stiegen die Emissionen des Luftverkehrs zwischen 1990 und 2014 um 85 % an, von knapp 15 Mio. Tonnen 1990 auf ca. 26–27 Mio. Tonnen 2014. Die spezifischen Treibhausgasemissionen des Luftverkehrs lagen 2010 bei 1.540 g CO2-Äquivalent/Tonnenkilometer und resultieren nicht nur aus dem reinen CO2-Ausstoß, sondern ergeben sich auch aus weiteren klimaschädlichen Wirkungen durch Stickoxide, Ruß, Kondensstreifen und Zirruswolken, die vom Luftverkehr verursacht werden.[4] Durch die jährlichen Wachstumsraten des Luftverkehrs von derzeit 7,1 %[5] werden die Einsparungen durch sparsamere Antriebe bei weitem zunichtegemacht.


Mit diesem Wissen , fragen die ganz sicher keine Flugreisen nach. Somit für den Fall, dass die Ökofreaks die Normalos wären, schon mal diese "Kultur" ein jähes Ende finden wird. Die werden auch nur noch in s.g. Unverpackt-Läden einkaufen. Somit die Anbieter, wenn sie denn weiter ihre Produkte verkaufen wollen , gar nicht umhin kommen sich dementsprechend an zu passen.
Zuletzt geändert von Timberlake am Fr 25. Nov 2022, 22:26, insgesamt 1-mal geändert.




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Lucian Wing
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Fr 25. Nov 2022, 22:21

Timberlake hat geschrieben :
Fr 25. Nov 2022, 21:50
Somit für den Fall, dass die Ökofreaks die Normalos wären, schon mal diese "Kultur" ein jähes Ende finden wird.
Nein. Und jetzt denkst Du mal selber nach. Ohne Zitate, ohne Hegel oder Nietzsche. Nur DU ganz allein.
Du hast NULL von dem verstanden, was ich schrieb. NULL.



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Fr 25. Nov 2022, 22:30

Lucian Wing hat geschrieben :
Fr 25. Nov 2022, 22:21
Timberlake hat geschrieben :
Fr 25. Nov 2022, 21:50
Somit für den Fall, dass die Ökofreaks die Normalos wären, schon mal diese "Kultur" ein jähes Ende finden wird.
Nein. Und jetzt denkst Du mal selber nach. Ohne Zitate, ohne Hegel oder Nietzsche. Nur DU ganz allein.
Du hast NULL von dem verstanden, was ich schrieb. NULL.
Ok wenn du meinst , dass ich NULL verstanden habe , Was hast du denn von dem verstanden, was ich schrieb? Nur DU ganz allein. ;)

Das Prinzip der Marktwirtschaft , auf das ich mich , ganz ohne Zitate, von Hegel oder Nietzsche. berufen habe , hast du doch wohl noch verstanden .. oder?

Nur mal zur Erinnerung ..

Angebot und Nachfrage

Angebot

Als Angebot wird die Menge an vorhandenen Gütern und Dienstleistungen im Markt bezeichnet, die zum Verkauf oder Tausch angeboten werden.
 
Nachfrage

Die Nachfrage hingegen bezeichnet die Absicht von Haushalten und Unternehmen, Waren und Dienstleistungen gegen Geld oder andere Waren im Tausch zu erwerben.
 
Marktgleichgewicht

Der Schnittpunkt von Angebot und Nachfrage bestimmt das Marktgleichgewicht. In der freien Marktwirtschaft stimmen somit Angebot und Nachfrage überein. Als wichtigste Determinante wird der Preis angesehen.
Steigt die angebotene Menge, die Nachfrage bleibt jedoch gleich, so sinkt der Preis der Ware. Solche Veränderungen können mithilfe von Angebots- und Nachfragefunktion dargestellt werden und durch Verschiebungen der Kurven die unterschiedlichen Auswirkungen auf Angebotsmenge und Preis des Gutes bestimmt werden.
Gemäß Hegel würde beim Ökofreak nicht der Preis als wichtigste Determinante angesehen werden , sondern die "sittliche Welt" , um es mal mit seinen Worten zu formulieren. Und jetzt denkst Du mal selber nach.




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