Post- und Antihumanismus

Ethische Fragen und ihre rationale Begründbarkeit bewegen das philosophische Denken in einer Zeit, in der die Politik wieder über "Werte" debattiert und vertraute Grundlagen des politischen Handelns zur Disposition stehen.
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Stefanie
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So 10. Sep 2023, 20:44

Wenn ich, wie in der letzten Zeit, öfters über Humanismus gestolpert bin, habe ich dabei eine bestimmte Vorstellung, was gemeint ist. Dann dachte ich mir, lese doch mal nach, was genau damit gemeint ist.
Und bin dabei auf Posthumanismus und Antihumanismus gestoßen. Zum Teil wird Posthumanismus und Antihumanismus gleichgesetzt, mal nicht. Kurz, ich habe mich im Dickicht verlaufen. Allein schon solche Aussagen wie Jenseits des Menschen, oder allein das Wörtchen "Post."
Was ist gemeint mit diesen zwei Ansichten?

Dazu ein Artikel von Rosi Braidotti, der etwas länger ist und kompliziert, wie ich finde.
Jenseits des Menschen: Posthumanismus
https://www.bpb.de/shop/zeitschriften/a ... humanismus
Einige Zitate daraus, so als Beginn.

In der posthumanen Situation gilt es, einen neuen Konsens darüber herzustellen, was zur fundamentalen Referenzeinheit des Humanen zählt.Zur Auflösung der Fußnote[3] Diese grundlegende Frage stellt den aktuellen Status des Menschen an die Spitze der gesellschaftlichen wie der akademischen Agenda – genauer: die Frage nach der Struktur der politischen und ethischen Subjektivität des Menschen.

Die Bedingungen des Posthumanen entstehen durch die Annäherung von Post- und Antihumanismus einerseits und Anti- und Postanthropozentrismus andererseits. Häufig überlappen sich beide Stränge, beziehen sich jedoch jeweils auf unterschiedliche intellektuelle Genealogien und Traditionen. Der Antihumanismus konzentriert sich auf die Kritik des humanistischen Ideals vom "Menschen/Mann" (man) als universellem Repräsentanten des Menschen (human), während sich der Antianthropozentrismus gegen die Hierarchie der Arten wendet und ökologische Gerechtigkeit fordert. Der Begriff "posthuman" bezeichnet die Herausbildung einer neuen Perspektive, die nicht allein einen Kulminationspunkt beider Stränge, sondern einen qualitativen Sprung bedeutet.

Der Posthumanismus wird auf der Basis des Untergangs vom "Menschen" – dem einstigen Maß aller Dinge – postuliert; er stellt indes kein einfaches und einheitliches Phänomen dar, denn tatsächlich gibt es zahlreiche Humanismen und daher ebenso viele Traditionen und genealogische Linien des Antihumanismus: "den romantischen und positivistischen Humanismus, durch welche die europäischen Bourgeoisien ihre Herrschaft über [die Moderne] begründet haben, [den] revolutionären Humanismus, der die Welt erschütterte, und [den] liberalen Humanismus, der ihn zu zähmen suchte, [den] Humanismus der Nazis und [den] Humanismus ihrer Opfer und Gegner, [den] antihumanistischen Humanismus Heideggers und [den] humanistischen Antihumanismus Foucaults und Althussers, [den] säkularen Humanismus von Huxley und Dawkins oder [den] Posthumanismus von Gibson und Haraway".Zur Auflösung der Fußnote[15]

Posthumane kritische Theorie erwächst aus all diesen kritischen Strömungen, bewegt sich jedoch in andere Richtungen. Ausgehend von der Tatsache, dass "Wir" nicht in derselben Art und Weise und in demselben Maß "menschlich" sind, halte ich eine Herangehensweise an das "Menschliche" für notwendig, die den Begriff nicht als neutralen, sondern als hierarchischen versteht – eine, die den Zugang zu Privilegien und Ermächtigungen aufzeigt, die sowohl mit der humanistischen Tradition als auch mit der anthropozentrischen "Ausnahme" in Verbindung stehen. Mit Blick auf postkoloniale und feministische Theorien möchte ich herausstreichen, dass – wenn historisch das Humane als Träger der Verteilung von Macht diente – das Posthumane darauf zielt, ein alternatives systematisches Konzept hervorzubringen. Das bedeutet: Der Posthumanismus bringt eine qualitative Veränderung der Perspektive mit sich und nicht etwa nur eine quantitative Zunahme neuer Untersuchungsgegenstände nichtmenschlicher Art – seien dies Tiere, Pflanzen, Mineralien und technologische oder außerirdische Materie. Mein Ansatz zielt auf verleiblichte (embodied) und eingebettete (embedded) Darstellungen vielschichtiger und komplexer Machtbeziehungen, die die Struktur des "Mensch-Seins" bilden und daher auch die unseres "Posthuman-Werdens" ausmachen.Zur Auflösung der Fußnote[18]

Und ein kurzer Zeitungsartikel

https://www.nzz.ch/feuilleton/posthuman ... ld.1704597



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Jörn Budesheim
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Mo 11. Sep 2023, 13:11

Hier ein kurzer, gut lesbarer Artikel aus der Zeit, den ich mir herausgesucht habe, weil mich die anderen Texte heute zu schnell ermüdet haben, vielleicht versuche ich es morgen noch einmal damit: https://www.zeit.de/2023/02/rosi-braido ... hilosophie




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Mo 11. Sep 2023, 13:36

[Offtopic] Rosi Braidotti, Haraway Donna, Bruno Latour ... Wenn ich früher das kunstforum aufschlug, dauerte es meist nicht länger als ein paar Minuten, bis mir einer dieser Namen über den Weg lief. In manchen Bereichen der Kunst herrscht eine unglaubliche philosophische Monotonie, jeder liest die gleichen Texte. Das ist bitter. Das Kunstforum habe ich deswegen irgendwann gekündigt, es hat mich angeekelt. In dem kurzen Text der Zeit wird als Beispiel die Biennale in Venedig genannt. Ich habe die Ausstellung selbst nicht gesehen. Aber die Berichte und Bilder haben einen guten Eindruck hinterlassen, man kann nur spekulieren, wie viel besser sie gewesen wäre, wenn Rosi Braidotti und andere Kausderwelch-Philosophen nicht die Ideengeber gewesen wären :-)

Was ich damit sagen will: Ich bin diesen Namen Rosi Braidotti, Haraway Donna, Bruno Latour nicht unbedingt zugetan :-) [/Offtopic]




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Ich hab jetzt auch den Artikel aus der NZZ gelesen - heftig
So wird es zum Zeichen der Zeit, dass wir in einem nie gekannten Ausmass die Wahl haben, den Menschen als Objekt zu sehen. Dann ist sein Wert nur so gross wie die Menge an Output, den er aus sich herausholt. Die Würde des Einzelnen steht in direkter Abhängigkeit zur Bereitschaft, sich laufend im Dienst der erwünschten Leistungskurve zu optimieren.

Die drastische Folge schildert Harari so: «Die wichtigste ökonomische Frage des 21. Jahrhunderts dürfte sein, was wir mit all den überflüssigen Menschen anfangen. Was sollen bewusste Menschen tun, sobald wir über hochintelligente nicht-bewusste Algorithmen verfügen, die fast alles besser können?»

Hier klingt die totalitäre Gefahr des Posthumanismus an.




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Stefanie
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Mo 11. Sep 2023, 19:36

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mo 11. Sep 2023, 13:11
Hier ein kurzer, gut lesbarer Artikel aus der Zeit, den ich mir herausgesucht habe, weil mich die anderen Texte heute zu schnell ermüdet haben, vielleicht versuche ich es morgen noch einmal damit: https://www.zeit.de/2023/02/rosi-braido ... hilosophie
Der Artikel ist nicht frei verfügbar. Also bei mir nicht.



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Jörn Budesheim
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Mo 11. Sep 2023, 19:56

Ich habe kein Abo und konnte ihn mir heute anschauen, aber jetzt ist er tatsächlich hinter einer Bezahlsperre.




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Mo 11. Sep 2023, 21:02

Darf man den Artikel als Ganzes zitieren? Ich hatte ihn mir vorhin kopiert, um ihn in Ruhe bei Gelegenheit lesen zu können.




Timberlake
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Mo 11. Sep 2023, 21:23

Stefanie hat geschrieben :
So 10. Sep 2023, 20:44
Wenn ich, wie in der letzten Zeit, öfters über Humanismus gestolpert bin, habe ich dabei eine bestimmte Vorstellung, was gemeint ist. Dann dachte ich mir, lese doch mal nach, was genau damit gemeint ist.
Und bin dabei auf Posthumanismus und Antihumanismus gestoßen. Zum Teil wird Posthumanismus und Antihumanismus gleichgesetzt, mal nicht. Kurz, ich habe mich im Dickicht verlaufen. Allein schon solche Aussagen wie Jenseits des Menschen, oder allein das Wörtchen "Post."
Was ist gemeint mit diesen zwei Ansichten?
Wie wäre es denn , wenn wir den Posthumanismus anstatt dessen mit dem Realismus gleichsetzen? Möglicherweise würde als solches das Wörtchen "Post." auf Aussagen , "diesseits" des Menschen hinauslaufen.
Stefanie hat geschrieben :
So 10. Sep 2023, 20:44

Dazu ein Artikel von Rosi Braidotti, der etwas länger ist und kompliziert, wie ich finde.
Jenseits des Menschen: Posthumanismus

Das bedeutet: Der Posthumanismus bringt eine qualitative Veränderung der Perspektive mit sich und nicht etwa nur eine quantitative Zunahme neuer Untersuchungsgegenstände nichtmenschlicher Art – seien dies Tiere, Pflanzen, Mineralien und technologische oder außerirdische Materie. Mein Ansatz zielt auf verleiblichte (embodied) und eingebettete (embedded) Darstellungen vielschichtiger und komplexer Machtbeziehungen, die die Struktur des "Mensch-Seins" bilden und daher auch die unseres "Posthuman-Werdens" ausmachen.
https://www.nzz.ch/feuilleton/posthuman ... ld.1704597
Vieleicht macht ja ein "realistische" Sichtweise auf die Struktur des "Mensch-Seins" unseres "Posthuman-Werdens" aus. Das wäre zumindest mein Ansatz , für einen Posthumanismus , der eine qualitative Veränderung der Perspektive mit sich bringt.




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Mo 11. Sep 2023, 22:01

1+1=3 hat geschrieben :
Mo 11. Sep 2023, 21:02
Darf man den Artikel als Ganzes zitieren? Ich hatte ihn mir vorhin kopiert, um ihn in Ruhe bei Gelegenheit lesen zu können.
Das würde ich wegen des Copyright nicht machen.




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Stefanie
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Di 12. Sep 2023, 08:26

Um etwas neu zu definieren oder zu beschreiben, ist es doch wohl erstmal notwendig, das" Alte" zu definieren. Also was ist Humanismus?

Interessant finde ich, wenn man versucht, eine Definition von Humanismus zu finden, diese Definitionen in der Regel ziemlich kurz ausfallen. Die Darstellung der historischen und historisch-philsophischen Entwicklung dagegen sehr ausführlich sind.
Anbei einige kurze Definitionen von Humanismus:
Der Humanismus beschäftigt sich mit dem Wesen des Menschen und spürt seiner Existenz und seinem Sinn nach. Der Humanismus orientiert sich an den Interessen, den Werten und der Würde jedes einzelnen Menschen.
Gabriel macht es in einem Interview noch kürzer: Humanismus, so wie ich ihn skizzieren möchte, heißt: die Anerkennung, dass die Menschenwürde in der Tat der Pfeiler jeder würdigen Selbstbestimmung in einer Gesellschaft ist.
In einer Definition für Kinder heißt es: Zu den Prinzipien des Humanismus gehören: Andere Menschen sollen ihre Meinung vertreten dürfen und geduldet sein (Toleranz). Es soll keine Gewalt geben. Jeder soll frei sein, Entscheidungen nach seinem Gewissen zu treffen.Auf diesen Grundlagen soll das menschliche Zusammenleben beruhen. Dazu gehören auch Güte, Mitgefühl und Freundlichkeit.

Ich verstehe unter Humanismus genau dieses, so in Kürze. Es ist der Umgang der Menschen untereinander, das gegenseitige Achten. Humanismus beschreibt das Verhältnis von Mensch zu Mensch und die daraus sich ergebene Verantwortung eines jedes einzelnen.



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Di 12. Sep 2023, 08:55

Frau Braidotti schreibt: In der posthumanen Situation gilt es, einen neuen Konsens darüber herzustellen, was zur fundamentalen Referenzeinheit des Humanen zählt. Diese grundlegende Frage stellt den aktuellen Status des Menschen an die Spitze der gesellschaftlichen wie der akademischen Agenda – genauer: die Frage nach der Struktur der politischen und ethischen Subjektivität des Menschen.

Ich widerspreche nicht dem Befund, dass der Mensch in den vergangenen Jahrhunderten die sog. Humanistischen Ideale nicht befolgt hat. Natürlich war und ist das Idealbild des humanistischen Menschen weiß und männlich und es gibt strukturelle Ungleichheiten. Das humanistische Ideal hat zudem im 2. Weltkrieg völlig versagt. Es ändert sich aber doch gerade ziemlich viel.

Aus dem nzz Artikel: Demgegenüber versteht sich der Posthumanismus als Philosophie, die darauf ausgerichtet ist, traditionelle Konzeptionen des Menschseins grundsätzlich zu überwinden. Posthuman bedeutet darum die Überwindung der Menschheit, wie wir sie kennen.
Im Zusammenhang mit dem obigen Zitat von Frau Braidotti bedeutet das wohl wirklich die Abschaffung der Subjektivität, also der Mensch soll sich in seiner Individualität und seinem Ich entledigen, oder wie ist das gemeint? Wer denkt dann noch und vor allem wer übernimmt Verantwortung für sein und unser Verhalten? Was ist dann noch die humane Referenzeinheit?
Das ist doch mehr ein sich Stehlen aus der Verantwortung.
Mir ist dieser Posthumanismus nicht wirklich klar.



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Di 12. Sep 2023, 08:55

Janina Loh, Trans- und Posthumanismus zur Einführung, Einleitung hat geschrieben : Der Transhumanismus will den Menschen weiterentwickeln, optimieren, modifizieren und verbessern. Aber obwohl von ihm eine Aufforderung an die Menschen wie jene des Paulus an die Epheserinnen und Epheser ergehen könnte - »Legt von euch ab den alten Menschen [...] und zieht den neuen Menschen an« (Neues Testament, Brief des Paulus an die Epheser 4, 22/24) -, könnte er dem christlichen Denken nicht ferner stehen. Die transhumanistische Methode ist die technologische Transformation des Menschen zu einem posthumanen Wesen. In diesem Sinne kann man nicht sagen, dass der TH »den« Menschen zu überwinden sucht, sondern er will durch den Menschen, wie er ihn gegenwärtig erkennt, hindurch (»trans«) zu einem Posthumanen gelangen, zu einem Menschen x.0 (...). Die menschliche Evolution wird im TH als generell unabgeschlossen verstanden (...). Die Technik spielt im transhumanistischen Denken die Rolle des Mediums und Mittels zum Zweck der Optimierung des Menschen zu einem Menschen x.0.

Anders als dem TH ist dem Posthumanismus (PH) nicht mehr primär an "dem" Menschen gelegen, sondern er hinterfragt die tradierten, zumeist humanistischen Dichotomien wie etwa Frau/Mann, Natur/Kultur oder Subjekt/Objekt, die zur Entstehung unseres gegenwärtigen Menschen- und Weltbilds maßgeblich beigetragen haben. Der PH möchte »den« Menschen überwinden, indem er mit konventionellen Kategorien und dem mit ihnen einhergehenden Denken bricht. So gelangt der PH an einen philosophischen Standort hinter oder jenseits (»post«) eines spezifischen und für die Gegenwart essenziellen Verständnisses des Menschen. Dieser PH als Kritik des humanistischen Menschenbildes wird in Anlehnung an Stefan Herbrechter kritischer PH (2009: 7) genannt, im Folgenden abgekürzt mit »kPH«. Auch der kPH hat eine Vision des Posthumanen, die allerdings nicht in einer verbesserten Variante des jetzigen Menschen zu sehen ist wie im TH, sondern in einem neuen Verständnis vom Menschen. Aufgrund der fundamentalen Umwälzungen, die mit einer radikalen Hinterfragung des Humanismus einhergehen, wird in dieser Strömung darüber hinaus in letzter Instanz auch der Kosmos im Ganzen einer Totalrevision unterzogen (Braidotti ...). Das »Kritische« des kPH ist mit seinen Ursprüngen in der »critical and cultural theory« und dem Poststrukturalismus auch im Sinne einer Literatur- und insbesondere Kulturkritik zu verstehen, die die kritische Lektüre wissenschaftlicher und fiktionaler Texte unternimmt (...).

Zwischen TH und kPH ist eine weitere Strömung zu verorten, die zuweilen als technologischer PH (...) bezeichnet wird, im Folgenden abgekürzt mit »tPH« (...). Sowohl kPH als auch tPH haben nicht primär eine Veränderung »des« Menschen im Blick. Aus diesem Grund stellen beide Variationen des PH dar. Allerdings ist dem tPH nicht an einer Infragestellung tradierter Kategorien oder an einer Kritik des (humanistischen) Menschenbildes gelegen, sondern primär an der Erschaffung einer artifiziellen Alterität, die die menschliche Spezies ablösen und damit »den« Menschen überwinden soll. Auf dem Weg dorthin soll zwar auch der Mensch von den technologischen Errungenschaften profitieren, er werde modifiziert und so zu einer weitaus besseren Version seiner selbst - insbesondere durch die Verschmelzung mit sogenannten Nanobots, worauf später das Mind Uploading folgt, das »Hochladen« des menschlichen Geistes auf einen Computer (...). Jedoch stellen diese Entwicklungen, die von einigen Transhumanist*innen als Grund dafür angeführt werden, den tPH als dem transhumanistischen Paradigma zugehörig zu betrachten (...), eher automatische Schritte auf einem Weg dar, auf dem es nicht an erster Stelle um den Menschen, gar um einen Menschen x.0, geht, sondern vorrangig um die Kreation einer maschinellen »Superspezies« ...




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Jörn Budesheim
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So 17. Sep 2023, 13:11

Thomas Fuchs, Verteidigung des Menschen, Grundfragen einer verkörperten Anthropologie hat geschrieben :

Jenseits des Menschen? Kritik des Transhumanismus
  • Es ist uns ja sogar lästig, Mensch zu sein – ein Mensch mit wirklichem, eigenem Fleisch und Blut; wir schämen uns dessen, halten es für eine Schmach und trachten lieber danach, irgendwelche phänomenalen Allgemeinmenschen zu sein. […] Bald werden wir so weit sein, dass wir von einer Idee gezeugt werden. F. J. Dostojewski (1864/2006: 146)
Einleitung: Zwischen Naturalismus und Kulturalismus

Dostojewskis Zitat wirkt prophetisch: Ein gewöhnlicher Mensch aus Fleisch und Blut zu sein, wird immer mehr zu einem Makel. Angesichts der von uns geschaffenen Maschinen beginnen wir, uns unserer eigenen Unvollkommenheit zu schämen. Es scheint sich eine grundsätzliche Transformation des bisherigen Menschenbildes anzukündigen, charakterisiert durch folgende Merkmale:
  • Die Evolution gilt als ein Prozess fortschreitender Differenzierung und Optimierung des Lebens, ihr Resultat ist jedoch zu jedem Zeitpunkt kontingent. Niemand hat uns so gewollt. Die menschliche Natur kann daher nicht mehr als vorgegebene Konstante betrachtet werden. Sie ist veränderbar und unserer Selbstgestaltung zugänglich.
  • Der Mensch in seinem gegenwärtigen Entwicklungsstand wird als grundlegend unvollkommen angesehen. Das Resultat der Evolution ist nur ein blindwüchsig entstandenes und daher schlecht konstruiertes, fehlerhaftes Produkt. Unsere Wahrnehmung ist anfällig für alle Arten von Täuschungen und Illusionen, unser Denken zumeist einseitig und von Vorurteilen verzerrt. Unsere Erinnerungen sind unzuverlässig, unsere Entscheidungen in hohem Maß irrational. Vor allem aber sind unsere Körper fragil, vulnerabel, dem Altern unterworfen und hinfällig; unsere Sterblichkeit ist die größte Zumutung, die die Natur für uns bereithält. Die menschliche Natur ist daher nicht nur veränderbar, sondern auch in jeder Hinsicht optimierungsbedürftig. Wir sollten selbst die Verantwortung für unsere weitere Entwicklung übernehmen, statt sie wie bisher einer blinden Evolution und dem Zufall zu überlassen.
  • Die körperliche Existenz wird nicht mehr in erster Linie als Ermöglichung des Lebensvollzugs betrachtet, sondern zunehmend als Einschränkung der persönlichen Freiheit. Es erscheint immer weniger akzeptabel, von körperlichen Vorbedingungen oder Prozessen abhängig zu sein. Propagiert werden verschiedenste Formen der Aufrüstung und Optimierung des Körpers bis hin zur gentechnologischen oder neurobiologischen Umgestaltung der menschlichen Natur.

Solche Ideen finden seit zwei bis drei Jahrzehnten unter dem Begriff des Transhumanismus vor allem in der angloamerikanischen Welt zunehmende Verbreitung. Transhumanisten sehen in Bio-, Nano- und Computertechnologien die Möglichkeit, die mangelhafte menschliche Natur zu optimieren. Jeder Mensch soll das Recht erhalten, seine psychischen und physischen Möglichkeiten, sein Geschlecht, sein Aussehen oder seine Intelligenz nach Wunsch bestimmen und erweitern zu können (Kurzweil 2005; Bostrom 2018). In einer weiteren Stufe prognostizieren Techno-Utopisten wie Hans Moravec, Ray Kurzweil und andere die Verschmelzung von Mensch und Maschine: Cyborgs (cybernetic organisms) könnten die nächste Stufe der Evolution bilden und uns zu heute noch unvorstellbaren Gipfeln der Intelligenz und Lebenserwartung führen. Diese Utopien reichen bis hin zur phantastischen Vorstellung, den eigenen Geist in Form von reiner Information auf andere Substrate zu über73tragen (»mind transfer«, »mind uploading«)

[...]




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Stefanie
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So 17. Sep 2023, 19:01

Diese Texte muss ich erstmal verdauen.



Der, die, das.
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Timberlake
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So 17. Sep 2023, 23:49

Stefanie hat geschrieben :
So 17. Sep 2023, 19:01
Diese Texte muss ich erstmal verdauen.
Apropos " verdauen" ..


Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 17. Sep 2023, 13:11
Thomas Fuchs, Verteidigung des Menschen, Grundfragen einer verkörperten Anthropologie hat geschrieben :

Jenseits des Menschen? Kritik des Transhumanismus

Dostojewskis Zitat wirkt prophetisch: Ein gewöhnlicher Mensch aus Fleisch und Blut zu sein, wird immer mehr zu einem Makel. Angesichts der von uns geschaffenen Maschinen beginnen wir, uns unserer eigenen Unvollkommenheit zu schämen. Es scheint sich eine grundsätzliche Transformation des bisherigen Menschenbildes anzukündigen, charakterisiert durch folgende Merkmale:
  • Der Mensch in seinem gegenwärtigen Entwicklungsstand wird als grundlegend unvollkommen angesehen. Das Resultat der Evolution ist nur ein blindwüchsig entstandenes und daher schlecht konstruiertes, fehlerhaftes Produkt. Unsere Wahrnehmung ist anfällig für alle Arten von Täuschungen und Illusionen, unser Denken zumeist einseitig und von Vorurteilen verzerrt. Unsere Erinnerungen sind unzuverlässig, unsere Entscheidungen in hohem Maß irrational.
    [...]
Wenn der Mensch , als Resultat der Evolution , nur ein blindwüchsig entstandenes und daher schlecht konstruiertes, fehlerhaftes Produkt ist und der Hummanismus ein zielwüchsig entstandenes und daher gut konstruiertes, fehlerfreies Produkt erfordert, kann man denn überhaubt ein Posthumanismus postulieren, also etwas , was nach einem Hummanismus kam?




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Quk
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Mo 18. Sep 2023, 09:47

Meiner Ansicht nach liegt der erste Fehler in der Annahme, in einer dynamisch-chaotisch-indeterminierten Welt könne ein fehlerfreies Wesen existieren. Wenn das möglich wäre, müsste man das Lernen abschaffen und diesem Wesen ein Allwissen einpflanzen; nicht nur das, es müsste ein Alleskönner sein. Gott müsste es sein.




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Mi 20. Sep 2023, 01:31

Quk hat geschrieben :
Mo 18. Sep 2023, 09:47
Meiner Ansicht nach liegt der erste Fehler in der Annahme, in einer dynamisch-chaotisch-indeterminierten Welt könne ein fehlerfreies Wesen existieren. Wenn das möglich wäre, müsste man das Lernen abschaffen und diesem Wesen ein Allwissen einpflanzen; nicht nur das, es müsste ein Alleskönner sein. Gott müsste es sein.
Bliebe dann eigentlich nur noch zu klären , in wie fern in einer solchen dynamisch-chaotisch-indeterminierten Welt das möglich ist , was ein Posthumanismus bedingt.
Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 17. Sep 2023, 13:11
Thomas Fuchs, Verteidigung des Menschen, Grundfragen einer verkörperten Anthropologie hat geschrieben :

Jenseits des Menschen? Kritik des Transhumanismus

Einleitung: Zwischen Naturalismus und Kulturalismus

Dostojewskis Zitat wirkt prophetisch: Ein gewöhnlicher Mensch aus Fleisch und Blut zu sein, wird immer mehr zu einem Makel. Angesichts der von uns geschaffenen Maschinen beginnen wir, uns unserer eigenen Unvollkommenheit zu schämen. Es scheint sich eine grundsätzliche Transformation des bisherigen Menschenbildes anzukündigen, charakterisiert durch folgende Merkmale:
Wie dem auch sei die von uns geschaffenen Maschinen sind ganz sicher nicht aus einer solchen einer dynamisch-chaotisch-indeterminierten Welt hervorgegangen und wenn man sich dazu diesbezüglich die Robotergesetze , auch Asimov’schen Gesetze genannt, in Erinnerung ruft, so scheinen die von uns geschaffenen Maschinen zu dem , was ein Posthumanismus bedingt , tatsächlich sehr viel geeigneter zu sein. Es sei denn ...




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Quk
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Mi 20. Sep 2023, 09:22

Du meinst also, unsere Welt sei bisher determiniert gewesen, sie sei also eine rein kausal ablaufende Geschichte frei von jeglichen inkausalen Ereignissen?

Grammatikfrage:

Was meinst mit "was ein Posthumanismus bedingt"? Meinst Du wirklich "ein" oder ein abgekürztes "einen"?
Die Frage ist wichtig, weil sie die Bedingungsrichtung klärt. Denn es kann zweierlei bedeuten:

Richtung 1: Das Etwas bedingt den Posthumanismus (den Posthumanismus bedingt das Etwas)

Richtung 2: Der Posthumanismus bedingt das Etwas (das Etwas bedingt der Posthumanismus)

Danach würde ich gerne erfahren, worauf Du schaust, wenn Du dieses "Etwas" untersuchst.
Schaust Du auf die Kausaliäten? Schaust Du auf die Produkte des Posthumanismus?




Fritzle
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Mi 20. Sep 2023, 10:11

Der wie ich finde beste Beitrag dazu überhaupt:



Absolute Empfehlung!




Nick Nickless
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Mi 20. Sep 2023, 10:35

Nach dem Humanismus unterscheidet sich der Mensch vom Tier durch die universale Vernunft und das Leibliche entspricht dieser bestmöglich, als deren Ausdruck (wie jeder Künster weiß), er ist das animal rationale; bloß leiblich-tierisch gesehen ist er dagegen ein Mängelwesen, zu kurz gekommen bei der Austeilung der natürlichen Gaben. Der Mensch kann also nicht wesensmäßig verbessert, sondern nur seine Anlagen können entfaltet werden, und deshalb macht der vernünftige Mensch sich auch keine Tatoos auf den Leib (als Litfasssäule zu irgendwelchen dritten Zwecken). Dass er sich hier und da irrt, dass es Fehler gibt, liegt eben in seiner Leiblichkeit, und solche Art Vollkommenheit ist ganz gleichgültig; auf die Vernunft kommt es an, und nicht auf das Zufällige und Gleichgültige. Irren ist menschlich.

Wer natürlich die Vernunft gleich von Anfang an bestreitet oder entsprechende Annahmen macht, der wird darüber natürlich nicht mit Vernunft reden wollen. Unvernünftige Reden, Menschen und Zeitalter, die sich darin gefallen, Vernunft mit Vernunft zu bestreiten, gibt es natürlich, so wie es auch die unvernünftigen Tiere gibt, die man einsperrt oder tötet, wenn sie dem Menschen gefährlich werden. Auch das widerspricht nicht der vernünftigen Einrichtung der Welt, denn die Vernunft des Menschen ist auf Freiheit ausgerichtet, was die Leiblichkeit und eben auch die Freiheit, Unsinn zu reden oder Verbrechen zu begehen, mit einschließt. Ein Mensch mit seinen Fehlern ist mehr wert als tausend Engel. Die Vernunft macht die Würde des Menschen aus, deshalb: »Wenn die Gerechtigkeit (also die Vernunft, das Sittengesetz) untergeht, hat es keinen Wert mehr, dass Menschen auf Erden leben« (Kant). (Auch die Natur als Organismus scheint den Satz zu kennen)

Das ist Humanismus. Kann man natürlich kritisieren; und es gibt andere Auffassungen, die die Vernunft und die Endlichkeit des Menschen irgendwie in Übereinstimmung zu bringen suchen. Aber wenn man - wie in diesem Thread bislang - immer nur unter wechselnden Titeln Dinge vorbringt, die aller Vernunft unmittelbar den Boden entziehen, dann ist das weniger als ein Mückenstich, - nur Inhumanität. Und überdies zum Gähnen langweilig.

Aber dann, nachdem man den Irrationalismus rauf- und runtergepredigt und Nietzsche nächst Steve Jobs zu seinem Propheten erklärt hat, nachdem man den Irrationalismus zum alleinigen Bildungs- und Erziehungsinhalt erklärt hat, vor dem alle auf dem Bauch zu liegen haben, nachdem man das humanistische Gymnasium in ein Banausen-Trainings-Center umgewandelt und selbst das Wort »Humanismus« im Sinne korrekter Sprachregelung in sein Gegenteil umgelogen hat (s. Gabriel), - nach all dem sich dann noch über die Schlechtigkeit der Welt zu beschweren, ist einfach nur noch dummdreist. »Denn nichts kann Schädlicheres und eines Philosophen Unwürdigeres gefunden werden, als die pöbelhafte Berufung auf vergeblich widerstreitende Erfahrung, die doch gar nicht existieren würde, wenn jene Anstalten zu rechter Zeit nach den Ideen getroffen würden, und an deren Statt nicht rohe Begriffe, eben darum, weil sie aus Erfahrung geschöpft worden, alle gute Absicht vereitelt hätten.« (Kant).

Das ist Humanismus.




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