Freundschaft in finsteren Zeiten

Ethische Fragen und ihre rationale Begründbarkeit bewegen das philosophische Denken in einer Zeit, in der die Politik wieder über "Werte" debattiert und vertraute Grundlagen des politischen Handelns zur Disposition stehen.
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Stefanie
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Registriert: Mi 19. Jul 2017, 20:09

So 24. Mär 2024, 20:17

Der deutsch-israelische Philosoph Omri Boehm wurde zu Beginn der diesjährigen Leipziger Buchmesse für sein Buch "Radikaler Universalismus" mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet.

Dies ist seine Dankesrede.
https://www.zeit.de/kultur/2024-03/leip ... eundschaft

Die Freundschaft zwischen Mendelssohn und Lessing ist nicht nur der Ursprung der tragischen "jüdisch-deutschen Symbiose" – Lessing hat Nathan den Weisen bekanntlich dem Charakter seines jüdischen Freundes nachempfunden –, sondern, nicht minder bedeutsam, der christlich-jüdisch-muslimischen Verständigung: Nathans Ringparabel hat drei Ringe, nicht zwei. Dieses Verständigungsideal ist ein stolzes europäisches, doch Lessing hatte gute Gründe, seinen Ursprung außerhalb des Kontinents zu verorten – Nathan der Weise spielt in Jerusalem. Neben Kants bekanntem Essay ist Lessings Nathan wohl die kühnste Antwort, die wir auf die Frage kennen: Was ist Aufklärung?

Für Kant ist Aufklärung Menschlichkeit, die sich in der Freiheit, selbst zu denken, ausgedrückt. Für Lessing ist sie Menschlichkeit, die sich in der Freiheit zur Freundschaft ausgedrückt. An einigen entscheidenden Stellen des Stücks verkündet Nathan: "Kein Mensch muss müssen." Erst im Lichte dieser Behauptung der Freiheit kommt das bekannte Motto des Stücks zum Leuchten, als Nathan in alle Richtungen ausruft: "Wir müssen, müssen Freunde sein!" Doch in welchem Verhältnis steht die Aufklärung Kants zu der Lessings, das Ideal des Selbstdenkens zu dem der Freundschaft?

Im Jahr 1959 erhielt Hannah Arendt den Lessing-Preis der Stadt Hamburg. Ihre Dankesrede "Von der Menschlichkeit in finsteren Zeiten" könnte auch den Titel An die Freunde Lessings tragen. Wenn es normalerweise das Denken erhellt, die Dinge ins Licht des öffentlichen Diskurses zu bringen, so ist eine finstere Zeit für Arendt eine, in der das Licht der Öffentlichkeit das Denken verdunkelt. Das öffentliche Gespräch, die tragende Säule der Aufklärung, begeht Verrat; das Vertrauen in ein gemeinsames menschliches Leben ist zerstört. Aber: "Noch in den finstersten Zeiten", so argumentiert Arendt, "haben wir das Recht, eine gewisse Erleuchtung zu erwarten", die von dem "flackernden (…) Licht [kommt], das einige (einzigartige) Männer und Frauen (…) unter fast allen Umständen (…) auf die Zeitspanne werfen, die ihnen auf Erden gegeben ist."

In solch dunklen Momenten suchen wir nach alternativen Säulen. Eine Alternative ist die Brüderlichkeit, la fraternité – die bedingungslose Solidarität, die sich unter verfolgten Gruppen durch die Verbundenheit mit der eigenen Identität herausbildet. Arendt zweifelt nicht daran, dass eine solche Bindung oft notwendig ist und Größe hervorbringt; sie betont jedoch, dass sie durch die Reduzierung der Menschheit auf die Identität der "Verfolgten und Versklavten" einen Rückzug ins Private darstellt. Die Solidarität der Brüderlichkeit erstreckt sich nicht darüber hinaus auch auf diejenigen, die in der Lage sind, universell Verantwortung für die Welt zu übernehmen. Außerdem hängt die Logik von Brüderlichkeit und Identität davon ab, was man mit anderen gemeinsam hat und nicht vom Unterschied zu ihnen. (...)

Eine zweite Alternative in dunklen Zeiten ist die Wahrheit. Genauer gesagt, die "selbstevidenten" Wahrheiten, die unabhängig von Zugehörigkeit von allen geteilt werden können und somit als Säule der gemeinsamen Existenz dienen. Doch Arendt weiß sehr wohl, dass der Rückgriff auf die Wahrheit in dunklen Zeiten fragwürdig geworden ist, da selbstevidente Wahrheiten in modernen Gesellschaften zur Seite geschoben wurden. "Wir dürfen unsere Augen nur nicht schließen", schreibt sie, "um zu erkennen, dass wir uns in einem wahren Trümmerfeld (…) befinden (…) (das) schließlich die Öffentlichkeit gerade diejenigen 'bekanntesten Wahrheiten' als allen ohne Weiteres einleuchtend voraussetzt, an die doch insgeheim kaum noch einer glaubt."

Ich denke, Arendt hat recht. Dass kaum jemand die Aussage "Folgende Wahrheiten erachten wir als selbstverständlich: Dass alle Menschen gleich geschaffen sind" heutzutage akzeptiert, ist nahezu offensichtlich; über die Wahrheit von "Die Würde des Menschen ist unantastbar" sind die meisten noch bereit, den Anschein zu wahren. Der Kerngedanke von Radikaler Universalismuswar es, davor zu warnen, dass ein solcher Posthumanismus nicht nur eine akademische Nuance oder politische Anekdote ist, und unter Berufung auf Kant zu zeigen, dass wir – in der Theorie und in der Praxis – unsere Beziehung zu solchen Wahrheiten wieder aufbauen können. Ziel des Buches war es, Kants Begriff der Menschheit als moralische und nicht als biologische Kategorie zu bewahren und damit die Flut des dunklen Posthumanismus einzudämmen, der die identitäre Linke, die identitäre Rechte und – nicht weniger wichtig – die identitäre Mitte infiziert hat, deren vermeintlicher Gegensatz zur Identität allzu oft auf die Brüderlichkeit der Privilegierten hinausläuft.
(...)
Doch Arendt geht in dunklen Zeiten in eine andere Richtung. Sie hält sich nicht an Kant, sondern an Lessing, nämlich an Freundschaft als Alternative zur Wahrheit oder Identität – genauer gesagt, an das Ideal der Freundschaft, das Lessing von Aristoteles übernahm – als öffentliche Angelegenheit zwischen Bürgern und nicht als private, persönliche Sache. Das Hauptmerkmal einer solchen Freundschaft ist (angeblich) ihr Gegensatz zur Wahrheit. Im Namen der Freundschaft und der Menschlichkeit müsse die Wahrheit beiseitegeschoben werden. "Die dramatische Spannung (von Nathan der Weise)", so schreibt Arendt, "(liegt) einzig in dem Konflikt (…), in den Freundschaft und Menschlichkeit mit der Wahrheit geraten können. Schließlich und endlich besteht ja die Weisheit des Nathans nur darin, dass er bereit ist, die Wahrheit der Freundschaft zu opfern." In diesem Opfer liegt nicht nur Nathans Weisheit, sondern auch sein Aufklärungsideal. Dieses vermeintliche Spannungsverhältnis zwischen kalter Wahrheit und warmer, toleranter Menschlichkeit ist fast zu einem Axiom geworden. Ich behaupte hier, dass dieses Axiom falsch ist.
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Und Kant? Es ist bemerkenswert, dass, während das aristotelische Interesse an der Freundschaft in der späteren Philosophie fast verschwand, es Kant, der Philosoph der Autonomie, war, der sie als philosophisches Thema wiederentdeckte und es wagte, unsere "Pflicht zur Freundschaft" als "Schema" – der kantische Fachbegriff – der Behandlung des Menschen als Zweck und nicht als Mittel zu erklären. Insofern dient die Idee der Freundschaft als Brücke zwischen dem abstrakten Begriff, der am Höhepunkt von Kants gesamter Philosophie steht, und der konkreten Erfahrung. Wenn man sich ein Bild davon machen will, was es bedeutet, Menschen als bloße Mittel zu behandeln, dann schaue man auf die Sklaverei, und was es bedeutet, sie als Zweck zu behandeln, dann sehe man sich die Freundschaft an.
Erinnern wir uns, dass Aufklärung für Kant Selbstdenken ist. Allerdings ist Selbstdenken nicht etwas, das man allein tun kann. Er argumentiert, dass wir nicht in der Lage wären, sehr "viel" oder gar "richtig" zu denken, wenn wir nicht "mit anderen", mit denen wir "kommunizieren", zusammen denken könnten. Öffentlichkeit ist notwendig für Aufklärung und Vernunft. Doch Kant ist sich bewusst, dass wir unter bestimmten Umständen ganz einfach "gezwungen" sind, wesentliche Teile unserer Urteile zurückzuhalten. Wir würden gern unsere Position über "Regierung, Religion und so weiter" diskutieren, können aber nicht riskieren, sie in der Öffentlichkeit zu teilen. Wenn wir aber einen Freund haben, dem wir vertrauen, können wir uns ihm "eröffnen" und sind "nicht ganz allein" mit unseren Gedanken "wie in einem Gefängnis". Das Wort "eröffnen" ist das Herzstück der Idee der Freundschaft. Wo sich die Öffentlichkeit verdunkelt und das Licht, das für das Selbstdenken notwendig ist, schwindet, erlaubt uns die Freundschaft, unser Denken zu eröffnen und die transformative Kraft, ja das revolutionäre Potenzial des Selbstdenkens in dunklen Zeiten zu bewahren. C. S. Lewis hat einmal gesagt, dass jede echte Freundschaft "eine Art Sezession – oder gar Rebellion … ein Nest des potenziellen Widerstands" ist, und Kant würde dem zustimmen.
(...)
Und was ist mit der deutsch-jüdischen Freundschaft? Da, wo sie besteht, ist sie ein wahres Wunder, eines, das mir besonders am Herzen liegt. Aber dieses Wunder muss jetzt vor Entwertung geschützt werden. Es kann keine deutsch-jüdische Freundschaft geben, wenn sie in diesen dunklen Zeiten keinen Platz für die schwierigen Wahrheiten hat, die im Namen der jüdisch-palästinensischen Freundschaft gesagt werden müssen. Jede andere Vorstellung würde Mendelssohns und Lessings Modell beschämen. Nathans Ringparabel hat drei Ringe, nicht zwei, und auch für uns wird es nicht weniger als drei Ringe geben. Wegen der Freundschaft muss die Wahrheit nicht geopfert werden, ganz im Gegenteil, harte Wahrheiten müssen offen ausgesprochen werden, denn wir sollen Freunde bleiben.
Hier ist die Rede von Arendt https://www.dialogos-philosophie.de/vie ... php?t=1477

Mir gefällt u.a. an diesem Text, dass der Autor verschiedene Ansätze von verschiedenen Autoren und Autorinnen einbaut. Arendt, Lessing, Kant, und auch Aristoteles, dessen Teil ich nicht kopiert habe.

Hier findet man die angesprochene Ringparabel
https://www.projekt-gutenberg.org/lessi ... ap004.html



Der, die, das.
Wer, wie, was?
Wieso, weshalb, warum?
Wer nicht fragt bleibt dumm!
(Sesamstraße)

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