Das Toleranz Paradoxon

Ethische Fragen und ihre rationale Begründbarkeit bewegen das philosophische Denken in einer Zeit, in der die Politik wieder über "Werte" debattiert und vertraute Grundlagen des politischen Handelns zur Disposition stehen.
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Stefanie
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Mi 29. Nov 2017, 07:23

Nach dem Motto, was ich immer schon mal loswerden wollte und fragen wollte...und werfe folgenden Text in den Raum...mal schauen was passiert.


Ich zitiere aus einem Zeitungsartikel, da es dem Originaltext entspricht:

https://www.welt.de/print-welt/article1 ... eranz.html
"Weniger bekannt ist das Paradox der Toleranz: Uneingeschränkte Toleranz führt mit Notwendigkeit zum Verschwinden der Toleranz. Denn wenn wir die unbeschränkte Toleranz sogar auf die Intoleranten ausdehnen, wenn wir nicht bereit sind, eine tolerante Gesellschaftsordnung gegen die Angriffe der Intoleranz zu verteidigen, dann werden die Toleranten vernichtet werden und die Toleranz mit ihnen.

Damit wünsche ich nicht zu sagen, dass wir z. B. intolerante Philosophien auf jeden Fall gewaltsam unterdrücken sollten; solange wir ihnen durch rationale Argumente beikommen können und solange wir sie durch die öffentliche Meinung in Schranken halten können, wäre ihre Unterdrückung sicher höchst unvernünftig. Aber wir sollten für uns das Recht in Anspruch nehmen, sie, wenn nötig, mit Gewalt zu unterdrücken; denn es kann sich leicht herausstellen, dass ihre Vertreter nicht bereit sind, mit uns auf der Ebene rationaler Diskussion zusammenzutreffen, und beginnen, das Argumentieren als solches zu verwerfen; sie können ihren Anhängern verbieten, auf rationale Argumente - die sie ein Täuschungsmanöver nennen - zu hören, und sie werden ihnen vielleicht den Rat geben, Argumente mit Fäusten und Pistolen zu beantworten.

Wir sollten daher im Namen der Toleranz das Recht für uns in Anspruch nehmen, die Unduldsamen nicht zu dulden. Wir sollten geltend machen, dass sich jede Bewegung, die Intoleranz predigt, außerhalb des Gesetzes stellt, und wir sollten eine Aufforderung zur Intoleranz und Verfolgung als ebenso verbrecherisch behandeln wie eine Aufforderung zum Mord, zum Raub oder zur Wiedereinführung des Sklavenhandels.
Aus: Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Mohr Siebeck, Tübingen. Zwei Bände. 524 und 575 S., je 29 EUR. "

Toleranz ist in den letzten Jahren wieder zu einem Thema geworden. Welche "Seite" definiert Toleranz und für welche Werte steht Toleranz.
Ist es wirklich ein Paradoxon wie es Popper darstellt?
Mit dem Text habe ich an einer Stelle ein Problem, nämlich mit der Stelle, in der Popper von Gewalt spricht.



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Jörn Budesheim
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Do 30. Nov 2017, 05:31

Popper hat geschrieben : Aber wir sollten für uns das Recht in Anspruch nehmen, sie, wenn nötig, mit Gewalt zu unterdrücken; denn es kann sich leicht herausstellen, dass ihre Vertreter nicht bereit sind, mit uns auf der Ebene rationaler Diskussion zusammenzutreffen, und beginnen, das Argumentieren als solches zu verwerfen; sie können ihren Anhängern verbieten, auf rationale Argumente - die sie ein Täuschungsmanöver nennen - zu hören, und sie werden ihnen vielleicht den Rat geben, Argumente mit Fäusten und Pistolen zu beantworten.
Mit dem Text habe ich an einer Stelle ein Problem, nämlich mit der Stelle, in der Popper von Gewalt spricht.
Irre ich mich oder plädiert Popper nur für das Recht auf Selbstverteidigung?



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Stefanie
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Do 30. Nov 2017, 13:07

Popper hat diese Aussage vor dem Hintergrund des 2. Weltkrieges und seinen eigenen, gemachten Erfahrungen aus der Zeit vor dem 2. Weltkrieg gemacht.
Vor diesem Hintergrund ist es mehr als verständlich, dass er, um die Toleranz zu verteidigen- als Selbstverteidigung- auch Gewalt in Betracht zieht.

Popper ist gerade wieder etwas "in" geworden, zum einem mit seinem Werk "Die offene Feinde und ihre Gesellschaft" und auch mit dem oben genannten zitierten Meinung zur Toleranz.
Hintergrund ist diesmal der Terrorismus, hauptsächlich durch den islamistischen Terror, aber auch das Aufkommen rechtspolitischer Meinungen bis hin zu rassistischen Meinungen und Handlungen.
Wir müssen nicht darüber streiten, dass terroristische Handlungen nicht zu tolerieren sind, oder rassistisches Äußerungen oder rassistisch motivierte Handlungen, die jemanden an Leib und Leben verletzen. Aber auch in diesen Fällen, wäre ein gewaltsame Verteidigung der Toleranz wirklich das geeignete Mittel, um die Toleranz zu schützen?

Wenn aber vor dem Hintergrund des Terrorismus hinsichtlich einer bestimmten Religion die Toleranz gelebt wird, die darin besteht, andere Lebensauffassungen lediglich in dem Rahmen zu dulden, der vorgegeben wird, und nicht die Toleranz gelebt wird, die darin besteht, eine mir widerstrebende Position anzuerkennen und dieser trotzdem die gleichen Rechte zu zugestehen, wie mir, verschiebt sich wohl auch die Grenze, ab wann etwas nicht mehr toleriert werden kann. Beispiel die Duldung von islamischen Gotteshäusern etc. wird als Toleranz in dem Rahmen geduldet, der durch christliche Gemeinschaft festgelegt wird, oder homosexuelle Lebenspartnerschaft wird nur in dem Rahmen toleriert, den eine christliche Vorstellung von Lebenspartnerschaft vorsieht. Das ist nur ein dulden, und kein anerkennen. Anerkennen hieße, der mir nicht genehmen Position die identischen Rechte einzuräumen, die ich für mich in Anspruch nehme.

So könnte jemand, der Toleranz lediglich als Duldung ansieht, dann einen Selbstverteidigungssituation annehmen, wenn nur ein Millimeter von der von mir - uns?- geduldeten Lebensweise abgewichen wird. Wer zieht oder bestimmte die Grenze, ab wann eine gewaltsame Verteidigung der Toleranz gerechtfertigt ist? Mal davon abgesehen, wem dieses "Recht" auf Selbstverteidigung denn nun zustehen sollte.

Lässt sich von demjenigen, der darauf besteht, eine bestimmte Religion oder eine bestimmtes Lebensmodell zu leben, ohne den anderen in seinem Leben zu beschränken, oder ohne ihn seine Rechte zu nehmen, den Vorwurf der Intoleranz machen? Ist das Tragen eines Kopftuches ein Zeichen von Intoleranz, ist das Heiraten und das öffentlich gezeigte Geknutsche von zwei Männern ein intolerantes Verhalten?
Wann liegt Intoleranz vor? Wird diese durch vorgegeben rechtliche Normen definiert? Oder von einzelnen kulturellen Gemeinschaften?

Ich habe das Goethe Zitat vergessen, welches gerne zum Thema Toleranz verwendet wird:
Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen. Dulden heißt beleidigen.
Johann Wolfgang von Goethe



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Stefanie
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Do 30. Nov 2017, 13:11

Allerdings gibt es auch die sehr sehr weiter Auffassung von Toleranz, die salopp gesagt meint, alles sei erlaubt - aber nur wenn es aus einer Richtung kommt- und wir müssten es dann hinnehmen. Siehe schön die Diskussionen zu der Aktion, als dem Höcke ein Mahnmal in klein vor die Nase gesetzt wurde.



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Stefanie
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Sa 2. Dez 2017, 23:08

Können sich heute die gewalttätigen Demonstranten gegen den Parteitag der AfD auf Popper berufen?



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Jörn Budesheim
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Fr 8. Dez 2017, 11:52

Ich schätze folgende Frage ist mit diesem Paradox Poppers eng verwandt: Darf die Demokratie sich selbst abschaffen? Marie-Luisa Frick geht in "Zivilisiert streiten" dieser Frage nach. Hier > https://www.dialogos-philosophie.de/vie ... 9372#p9372



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Madison
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Fr 8. Dez 2017, 19:20

Man kann es vielleicht so ausdrücken: Intoleranz nur gegenüber Intoleranz.

Im Umkehrschluss: Toleranz ist eine Idee, die man nur leben kann, wenn diese Geisteshaltung selber toleriert wird.

Ab einem bestimmten Grad der Verwirklichung verkehrt sich die Toleranz ins Gegenteil so ähnlich wie mit der Freiheit. Eine Verabsolutierung der Freiheitsrechte würde zu einem Weniger an Freiheit führen.
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 8. Dez 2017, 11:52
Darf die Demokratie sich selbst abschaffen?

Die Weimarer Republik hat sich selbst abgeschafft. Deshalb haben wir in der BRD die sog. Ewigkeitsklausel und somit ist die verfassungsrechtliche „Normenlogik“ und GG-Dogmatik unantastbar - gottlob.




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Jörn Budesheim
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Sa 9. Dez 2017, 07:22

Wendy Brown im Interview zum Thema Toleranz. (Leider auf englisch, ich habe das Buch Philosophy Bites auch auf Deutsch vorliegen und könnte bei kritischen Stellen entsprechend aushelfen ...) Der Ausschnitt weiter unten aus dem Interview ist von Deepl übertragen und hoffentlich einigermaßen okay.

http://hwcdn.libsyn.com/p/0/4/8/0480036 ... cd78a70786

Wendy Brown im Interview zum Thema Toleranz hat geschrieben : [...]

NW: Toleranz ist vielleicht die wichtigste Tugend einer liberalen Gesellschaft, und die meisten Menschen sind für Toleranz: Sie scheint die Grundlage für jede Art von Multikulturalismus zu sein, für jede florierende Gesellschaft, die sich der Unterschiede ihrer Bürger bewusst ist. Wie kannst du dann gegen Toleranz sein?

WB: Ich bin nicht gegen Toleranz, aber ich möchte es genauer untersuchen, um zu sehen, was dieses Konzept tatsächlich bewirkt. Die allgemeine Meinung ist, dass Toleranz eine absolut herausragende Tugend ist. Jeder kluge, gesunde, zivilisierte Mensch muss für Toleranz sein. Genau hier fange ich also an und frage:"Okay, wie sieht diese Tugend aus?" Wenn man sich die Etymologie der Toleranz genau anschaut, was sehen wir dann? In allen Disziplinen, in denen dieser Begriff verwendet wird, von Bergbau, Münzprägung und Maschinenbau bis hin zu pharmazeutischer Forschung und sozialem Leben, geht es bei Toleranz immer um den Umgang mit dem unerwünschten Element oder Fremdkörper, der sich dauerhaft im Wirt etabliert. Es geht um das Element, mit dem man sich lieber nicht auseinandersetzen möchte - ob es sich nun um einen Wissenschaftler, einen Sozialtheoretiker oder einen politisch Aktiven handelt. Toleranz bedeutet immer, dass Sie mit einem Objekt der Ablehnung umgehen, einem Objekt, das anders ist und möglicherweise ein Stigma hat - und damit ein Problem darstellt. Der Gastgeber ist neutral. Der Host ist normal. Der Wirt ist ordentlich und ordentlich. Das wird toleriert. Das Objekt ist immer irgendwie problematisch.

In meinem Land gibt es zum Beispiel die historische Tradition oder Mythologie der nördlichen Toleranz gegenüber Schwarzen, im Gegensatz zu der Bigotterie des Südens. Gewiss, eine solche Toleranz ist besser als Sklaverei, Lynchjustiz und Entjungferung. Aber Toleranz ist nicht Freiheit, Gleichheit oder Gerechtigkeit - Toleranz bedeutet vielmehr, dass der eine die Existenz des anderen ertragen kann, anstatt dass Ynit ihn gewaltsam konfrontiert. Toleranz bedeutet auch, dass Sie jemandem erlauben, unter bestimmten Bedingungen, Einschränkungen und Verhaltensgrenzen zu existieren. Das ist genau das, was ich erforschen wollte: Warum wurde so viel über Toleranz im Iggous, in den Vereinigten Staaten, in einem zunehmend multikulturellen Europa und im globalen Zivilisationsdiskurs geredet? Warum wurde Toleranz zum Mantra der Vereinten Nationen? Bei genauerem Hinsehen muss jedoch klargestellt werden, dass dieser Begriff immer dann verwendet wurde, wenn es darum ging, etwas oder jemanden in den Griff zu bekommen.

NW: Aber brauchen wir nicht Toleranz, um mit anderen Menschen zusammenzuleben?

WB: Natürlich brauchen wir sie, um mit unseren Nachbarn und Kollegen, manchmal auch mit unseren Kindern, zurechtzukommen. Wir müssen bestimmte Dinge tolerieren, wir müssen Musik ertragen, die wir nicht mögen, Küchengerüche, die wir lieber nicht bemerkt hätten, müssen das Verhalten einiger Zeitgenossen im öffentlichen Verkehr ertragen, und so weiter. Wir halten es für das Beste - und da stimme ich zu -, wenn wir diese Dinge ohne großen Aufwand bewältigen. Aber diese Art von Toleranz unterscheidet sich sehr von der Toleranz, von der ich spreche. Diese Toleranz ist absolut notwendig, damit sich jeder Einzelne von uns mit der Welt auseinandersetzen kann. Was mich beunruhigt, ist, wenn Toleranz zum politischen Prinzip erhoben und als Ersatz für den Diskurs über Gerechtigkeit, Gleichheit oder gar Freiheit verwendet wird. Ich möchte nur sagen, dass, wenn man Toleranz auf diese Weise zu einem politischen Prinzip macht, die Formen der Macht, um die es hier geht, in der Regel verschleiert werden. Ungleichheiten werden verschleiert; manchmal dient sie auch als Ersatz für egalitäre Projekte.

NW: Können Sie uns ein Beispiel dafür geben, was Sie meinen?

WB: Sicher. Ich verdeutliche es Ihnen anhand eines Beispiels aus den US-Wahlen 2008. Einige Ihrer Hörer/Leser wissen vielleicht, dass es auf vielen Stimmzetteln Anträge gab, die die Rechtmäßigkeit der Homosexuellenehe in Frage stellten. All diese Anträge hatten Erfolg. Das heißt, in den vier Staaten, in denen dies auf dem Stimmzettel stand, wurde die Homosexuellenehe für illegal erklärt — für gewöhnlich mit dem Argument, die Ehe sollte offiziell definiert werden als eine Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau. Ich erwähne das bloß deshalb, weil viele Leute, die mit diesen Anträgen zu tun hatten, sagten - darunter auch der Herausforderer John McCain und die Herausforderin des Vizepräsidentenamts Sarah Palin — »wir sind nicht für die Homosexuellenehe, sondern wir sind für Toleranz [gegenüber Homosexuellen]«. Genau das sagte auch George Bush in seiner Amtszeit als Präsident.
Sieht man sich das einmal genauer an, wird einem schnell klar, dass hier gesagt wird: »Wir sind nicht für die Gleichstellung der Homosexuellenehe mit der herkömmlichen Ehe, aber wir sind für Toleranz.« Das bedeutet doch im Klartext, dass bestimmte Leute toleriert werden, sie gelten aber nicht als gleichberechtigt. Und genau in dieser Weise kam die Toleranz innerhalb der westlichen Moderne zum Einsatz: Ständig dient sie als Ersatz für Gleichheit oder als Ergänzung zur Gleichheit. Nochmals: Das ist für sich betrachtet nicht schlimm oder lebensbedrohlich, wenn die Alternative Auslöschung, Verfolgung oder Tod oder den Ausschluss von bestimmten Grundrechten bedeutet. Ich bin also nicht gegen Toleranz, aber ich denke, dass unsere Tendenz, einfach rundum zufrieden zu sein, wenn wir den Begriff »Toleranz« auch nur hören, ein Problem darstellt.[...]



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Jörn Budesheim
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Sa 9. Dez 2017, 07:28

Madison hat geschrieben :
Fr 8. Dez 2017, 19:20
Ewigkeitsklausel
Bundeszentrale für politische Bildung hat geschrieben : Ewigkeitsklausel

Diese Rechte gelten ewig
Von der „Ewigkeitsklausel“ hört man im Zusammenhang mit dem Grundgesetz. Gemeint ist damit, dass einige Bestimmungen, die im Grundgesetz festgelegt sind, niemals aufgehoben werden können. Sie sind “ewig“, das heißt, sie sind wirksam, solange das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland gilt.


Freiheit, Demokratie, Föderalismus

Die "Ewigkeitsklausel" gilt unter anderem für das Grundrecht: „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Dies ist im Grundgesetz in Artikel 1 niedergeschrieben. Eine „Ewigkeitsklausel“ gilt auch für den Beschluss, dass die Bundesrepublik Deutschland ein föderaler Staat ist. Damit ist gemeint, dass die verschiedenen Bundesländer zusammen die Bundesrepublik bilden und dass das auch so bleiben muss. Diese unveränderlichen Bestimmungen oder Klauseln wurden mit Bedacht in die Verfassung geschrieben. Die Väter und Mütter des Grundgesetzes wollten Deutschland davor bewahren, dass je wieder wie im Nationalsozialismus die Freiheitsrechte der Verfassung außer Kraft gesetzt werden können. Freiheit und Demokratie und die föderative Staatsform sind in Deutschland unveränderbar.

http://www.bpb.de/nachschlagen/lexika/1 ... itsklausel



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novon
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So 10. Dez 2017, 00:20

Toleranz bedarf Bidirektionalität, gegenseitigen Akzeptierens. Bad News für Intoleranz quasi...




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Jörn Budesheim
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So 10. Dez 2017, 07:16

Ein Klima gegenseitiger Toleranz ist zwar das Ideal und absolut wünschenswert, wenn man Toleranz aber daran knüpft, dann ist das vielleicht schon der erste Schritt in die falsche Richtung, befürchte ich. Nehmen wir dazu ein Beispiel. Neben Karl wohnen ein paar Gruftis mit ziemlich schrägen Weltsichten und entsprechendem Auftritt. Karl ist den Grufties gegenüber völlig tolerant, während diese ihn für einen unverbesserlichen Spießer halten und sich intolerant zeigen. Karl schert sich nicht darum, es hält ihn nicht davon ab, die ihm fremde Lebensweise zu tolerieren.



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Jörn Budesheim
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So 10. Dez 2017, 10:40

Karl liegt richtig - nach meinem Dafürhalten. Er koppelt seine Toleranz des Fremden nicht an eine "Gegenleistung".



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Alethos
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Problematisch wird es, wenn Karl an der Ausübung seiner toleranten Lebensweise gehindert wird, z.B. wenn man ihm mit Gewalt droht, falls er weiterhin so tolerant und offen ist. Dann erst ergeben sich Probleme, weil die Toleranz und die Intoleranz in ein reales Spannungsverhältnis geraten.



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iselilja
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So 10. Dez 2017, 14:58

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 30. Nov 2017, 05:31
Popper hat geschrieben : Aber wir sollten für uns das Recht in Anspruch nehmen, sie, wenn nötig, mit Gewalt zu unterdrücken; denn es kann sich leicht herausstellen, dass ihre Vertreter nicht bereit sind, mit uns auf der Ebene rationaler Diskussion zusammenzutreffen, und beginnen, das Argumentieren als solches zu verwerfen; sie können ihren Anhängern verbieten, auf rationale Argumente - die sie ein Täuschungsmanöver nennen - zu hören, und sie werden ihnen vielleicht den Rat geben, Argumente mit Fäusten und Pistolen zu beantworten.
Mit dem Text habe ich an einer Stelle ein Problem, nämlich mit der Stelle, in der Popper von Gewalt spricht.
Irre ich mich oder plädiert Popper nur für das Recht auf Selbstverteidigung?
In dem Punkt vertrete ich durchweg Poppers Auffassung. Dabei geht es mE nicht konkret um irgend ein Recht, sondern um die Notwendigkeit einer konsensualen Basis, auf deren Grundlage Toleranz (und natürlich auch andere soz. Werte) überhaupt behandelbar sind. Fehlt diese Grundlage, bleibt nur die Usurpation von Rechten, die man zum eigenen Lebenserhalt als nötig betrachtet.

Übersetzt heißt das schlichtweg: Wenn kein Konsens möglich ist (bspw. die gegenseitige Toleranz), muss einer dem anderen weichen - ergo Gewalt. Mir scheint dies auch alternativlos zu sein.. zumindest findet sich in der Geschichte kein einziges Beispiel, wo eine an und in sich gut funktionierende Gesellschaftsform einer "Bedrohung der eigenen Lebensweise" freiwillig gewichen ist.




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Stefanie
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So 10. Dez 2017, 19:45

Nochmal zu Popper. Er beschreibt auch das Paradox der Freiheit und an mehreren Stellen erwähnt er, das diese zusammenhängen, das zu Freiheit, zur Demokratie und zur Toleranz.

Hier eine Kurzbeschreibung zur Freiheit:

http://denkstil.bankstil.de/das-paradox ... l-r-popper



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novon
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Mo 11. Dez 2017, 00:41

iselilja hat geschrieben :
So 10. Dez 2017, 14:58
In dem Punkt vertrete ich durchweg Poppers Auffassung. Dabei geht es mE nicht konkret um irgend ein Recht, sondern um die Notwendigkeit einer konsensualen Basis, auf deren Grundlage Toleranz (und natürlich auch andere soz. Werte) überhaupt behandelbar sind. Fehlt diese Grundlage, bleibt nur die Usurpation von Rechten, die man zum eigenen Lebenserhalt als nötig betrachtet.
Sicher...?
iselilja hat geschrieben :
So 10. Dez 2017, 14:58
Übersetzt heißt das schlichtweg: Wenn kein Konsens möglich ist (bspw. die gegenseitige Toleranz), muss einer dem anderen weichen - ergo Gewalt. Mir scheint dies auch alternativlos zu sein.. zumindest findet sich in der Geschichte kein einziges Beispiel, wo eine an und in sich gut funktionierende Gesellschaftsform einer "Bedrohung der eigenen Lebensweise" freiwillig gewichen ist.
Wie ist "möglich" hier von dir verwendet? Prinzipiell würde ich annehmen, dass so ziemlich alles möglich ist. Und neben Konsens käme im Zweifel auch Kompromiss ganz gut hin, um Konfrontation zu vermeiden. Was meinst du hier mit "möglich"?




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iselilja
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Mo 11. Dez 2017, 20:27

novon hat geschrieben :
Mo 11. Dez 2017, 00:41
Sicher...?
Ja.
novon hat geschrieben :
Mo 11. Dez 2017, 00:41
Wie ist "möglich" hier von dir verwendet? Prinzipiell würde ich annehmen, dass so ziemlich alles möglich ist. Und neben Konsens käme im Zweifel auch Kompromiss ganz gut hin, um Konfrontation zu vermeiden. Was meinst du hier mit "möglich"?
Analog zum Konsens ist auch beim Kompromiss nur dann Erfolg zu erwarten, wenn es eine minimale Basis an Übereinstimmungen gibt. Solange bspw. nur eine Seite sagt, uns interessieren eure Vorschläge nicht, sieht es mit dem "alles möglich" nicht so rosig aus.




Cee
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Do 1. Feb 2018, 11:39

iselilja hat geschrieben :
Mo 11. Dez 2017, 20:27
...Solange bspw. nur eine Seite sagt, uns interessieren eure Vorschläge nicht, sieht es mit dem "alles möglich" nicht so rosig aus.
Ja, das ist so.

Ernst Böckenförde, Rechtsphilosoph u. ehem. Verfassungsrichter, hat dazu geschrieben:
„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“
(Mehr dazu unter Böckenförde-Diktum in der Wikipedia.)

Wenn also von Maas bis AFD derzeit die Meinungsfreiheit beschnitten werden soll (zB durch Einschränkung des Erlaubten, zB durch Neudefinition des Geschützten), ist das der falsche Weg. Bei einer Gesellschaft, die sowieso mit der moralischen Substanz und der Homogenität ein Problem hat.

Cee.




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Friederike
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Do 1. Feb 2018, 18:39

Cee hat geschrieben : Ernst Böckenförde, Rechtsphilosoph u. ehem. Verfassungsrichter, hat dazu geschrieben:
„Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann. Das ist das große Wagnis, das er, um der Freiheit willen, eingegangen ist. Als freiheitlicher Staat kann er einerseits nur bestehen, wenn sich die Freiheit, die er seinen Bürgern gewährt, von innen her, aus der moralischen Substanz des einzelnen und der Homogenität der Gesellschaft, reguliert. Anderseits kann er diese inneren Regulierungskräfte nicht von sich aus, das heißt mit den Mitteln des Rechtszwanges und autoritativen Gebots zu garantieren suchen, ohne seine Freiheitlichkeit aufzugeben und – auf säkularisierter Ebene – in jenen Totalitätsanspruch zurückzufallen, aus dem er in den konfessionellen Bürgerkriegen herausgeführt hat.“
(Mehr dazu unter Böckenförde-Diktum in der Wikipedia.)

Wenn also von Maas bis AFD derzeit die Meinungsfreiheit beschnitten werden soll (zB durch Einschränkung des Erlaubten, zB durch Neudefinition des Geschützten), ist das der falsche Weg. Bei einer Gesellschaft, die sowieso mit der moralischen Substanz und der Homogenität ein Problem hat.
Du gehst ja noch weiter als Böckenförde, wenn Du sagst/schreibst, die dt. Gesellschaft habe insgesamt Probleme mit der Homogenität und der moralischen Substanz. Das heißt, Du meinst vermutlich die Mehrheit aller einzelnen BürgerInnen. Die "moralische Substanz", was verstehst Du darunter? Moralische Werte wie Solidarität, Gerechtigkeit, Toleranz ....? Und das mit der Homogenität verstehe ich auch noch nicht recht. Es ist wohl eher gemeint, daß die dt. Gesellschaft zu inhomogen ist?




Segler
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Registriert: Mi 26. Jul 2017, 20:34

Do 1. Feb 2018, 20:15

Toleranz hat Grenzen, wenn sie nicht als vollständige Selbstaufgabe definiert wird.


Beispiele:

1. Eine Gruppe der Bürger konvertiert zu einer Religion, die Menschenopfer zwingend vorschreibt. Die Opfer stellen sich freiwillig zur Verfügung. Über den Tötungsakt hinaus wird keinerlei Gewalt angewandt.

Wie tolerant kann man sein?

2. Eine Gruppe von Mitbürgern mit Migrationshintergrund sieht es als Notwendigkeit an, Frauen zu entrechten und zu unterdrücken.

Wie tolerant kann man sein?

3. Eine politische Partei erklärt Intoleranz gegenüber jeder abweichenden Meinung zum obersten Ziel.

Wie tolerant kann mein sein?

4. Eine politische Partei vertritt einen radikalen Antisemitismus. Sie fordert die Einführung von Vernichtungslagern für Semiten.

Wie tolerant kann man sein?

5. Eine politische Partei verfolgt erklärtermaßen das Ziel die freiheitlich-rechtliche Grundordnung der Bundesrepublik in eine Diktatur zu verändern.

Wie tolerant kann man sein?


Kann man eine dieser Position anerkennen? Kann man sie auch nur dulden?




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