Tiere sind keine Sachen

Ethische Fragen und ihre rationale Begründbarkeit bewegen das philosophische Denken in einer Zeit, in der die Politik wieder über "Werte" debattiert und vertraute Grundlagen des politischen Handelns zur Disposition stehen.
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NaWennDuMeinst
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Mo 31. Aug 2020, 19:41

Im Bürgerliches Gesetzbuch (BGB) der BRD, § 90a Tiere heißt es:

"Tiere sind keine Sachen. Sie werden durch besondere Gesetze geschützt.".

Gleich gefolgt von:

"Auf sie sind die für Sachen geltenden Vorschriften entsprechend anzuwenden, soweit nicht etwas anderes bestimmt ist."


Quelle: BGB, https://www.gesetze-im-internet.de/bgb/ ... immt%20ist.

Irgendwie klingt das leicht schizophren.
Mir ist klar, dass der Gesetzgeber mit dem einleitenden Satz die Absicht erklären wollte, Tiere nicht als Sachen zu betrachten.
Auch kennen wir in der BRD Tierschutzgesetze, die zum Beispiel Tierquälerei unter Strafe stellen. Damit erkennt man an, dass Tiere Bedürfnisse haben, die nicht einfach ignoriert werden können und über die sich nicht leichtfertig hinweg gesetzt werden darf.
Trotzdem fehlt mir die letzte Konsequenz. Wenn Tiere per Erklärung keine Sachen sind, wieso kommen dann Gesetze, die für (leblose) Sachen geschaffen worden sind, bei ihnen zur Anwendung?



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Stefanie
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Mo 31. Aug 2020, 20:26

Nun ja....die Regelungen für Personen lassen sich wohl schlecht anwenden...es geht ja nicht nur um Rechte, sondern auch um Pflichten. Tiere müsste dann auch Pflichten haben. Haben sie die, und können sie diese verstehen? Wer wird verklagt, wenn der Hund einen beißt?
Oder es geht um so was wie Einsichtsfähigkeit, Geschaftsfähigkeit, Schuld, usw. Deine Katze knurrt dich höchstens an.



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NaWennDuMeinst
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Di 1. Sep 2020, 00:15

Stefanie hat geschrieben :
Mo 31. Aug 2020, 20:26
Nun ja....die Regelungen für Personen lassen sich wohl schlecht anwenden...
Da gebe ich Dir Recht. Die Regelungen für Personen sind also nicht anwendbar. Die Regelungen für Sachen stehen im Widerspruch zu dem wie wir Tiere definieren (nämlich nicht als Sachen). Wenn also beides nicht anwendbar ist, gibt es vielleicht noch ein Drittes? Eines das unserer Vorstellung davon was Tiere sind mehr entgegenkommt?



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Jörn Budesheim
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Mi 2. Sep 2020, 06:30

Indien erkennt Delfine offiziell als Personen an

Gerlingen, 30. Juli 2013 – Diese richtungsweisende Entscheidung ist weltweit einmalig: Die indische Regierung hat Delfine offiziell als nicht-menschliche Personen anerkannt. Somit steht ihnen das Recht auf Leben und Freiheit jetzt per Gesetz zu. Für die indischen Delfine bringt dies zahlreiche Veränderungen mit sich, beispielsweise die Schließung von Delfinarien und der Abbruch von Bauprojekten für künftige Einrichtungen. In ihrer Erklärung bestätigte die indische Regierung, es sei von wissenschaftlicher Seite aus eindeutig, dass Cetaceen (Wale und Delfine) hochintelligente und empfindsame Lebewesen sind. Daraus ergibt sich die Konsequenz, sie als nicht-menschliche Personen anzuerkennen und unter den gleichen rechtlichen Schutz wie Menschen zu stellen. Die Tierrechtsorganisation PETA Deutschland e.V. gratuliert Indien zu dieser Entscheidung und beabsichtigt, die Anerkennung von Delfinen als nicht-menschliche Personen auch von der deutschen Regierung einzufordern. Denn nur so können Delfine ihre Freiheit behalten oder sie zurückgewinnen.

„Indiens Anerkennung von Delfinen als nicht-menschliche Personen ist ein historisches Ereignis“, so Dr. Tanja Breininge (PETA) „Diesen Schritt zur Anerkennung auf das Recht von Leben und Freiheit wünschen wir uns auch für Delfine in Deutschland. Hier leben derzeit 18 Delfine in Gefangenschaft unter extrem beengten, artwidrigen Bedingungen.“

Im Ozean schwimmen Delfine täglich über 100 km weit, tauchen bis zu 300 m tief und leben in großen Sozialverbänden. Wissenschaftler bestätigen ihnen eine Intelligenz, die der unseren nicht nachsteht, und ein Selbstbewusstsein, mit dem sie sich ihrer Gefangenschaft sehr wohl bewusst sind.

https://www.peta.de/indien-erkennt-delf ... uliert-zur



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Jörn Budesheim
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Mi 2. Sep 2020, 06:35

Stefanie hat geschrieben :
Mo 31. Aug 2020, 20:26
Nun ja....die Regelungen für Personen lassen sich wohl schlecht anwenden...es geht ja nicht nur um Rechte, sondern auch um Pflichten.
Rechte und Pflichten hängen aber nicht zwingend zusammen. Neugeborene zum Beispiel haben ein Recht auf Leben, aber Pflichten wahrnehmen können sie nicht.



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NaWennDuMeinst
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Mi 2. Sep 2020, 13:47

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mi 2. Sep 2020, 06:30
Indien erkennt Delfine offiziell als Personen an

Gerlingen, 30. Juli 2013
Das war 2013, also vor 7 Jahren.
Und? Hat sich was getan seit dem? Sind Delfine in Deutschland inzwischen auch als nicht-menschliche Personen anerkannt?
Ich glaube nicht.
(Ich würde übrigens gar nicht darauf bestehen, kluge Meeressäuger als Personen zu betrachtet. Ein Gesetz das den Fang und die Gefangenschaft dieser Tiere zum Zwecke der kommerziellen Ausbeutung verbietet wäre ja auch schon mal ein Anfang.)



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Jörn Budesheim
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NaWennDuMeinst hat geschrieben :
Mi 2. Sep 2020, 13:47
Das war 2013, also vor 7 Jahren.
Und? Hat sich was getan seit dem? Sind Delfine in Deutschland inzwischen auch als nicht-menschliche Personen anerkannt?
Wofür oder wogegen möchtest du damit argumentieren?



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NaWennDuMeinst
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Mi 2. Sep 2020, 16:28

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Mi 2. Sep 2020, 14:16
NaWennDuMeinst hat geschrieben :
Mi 2. Sep 2020, 13:47
Das war 2013, also vor 7 Jahren.
Und? Hat sich was getan seit dem? Sind Delfine in Deutschland inzwischen auch als nicht-menschliche Personen anerkannt?
Wofür oder wogegen möchtest du damit argumentieren?
Argumentieren? Erstmal weder für noch gegen irgendwas. Ich wollte damit einfach nur mal festhalten, dass es inzwischen 7 Jahre her ist, dass Delfine in Indien zu nicht-menschlichen Personen erklärt wurden. In Deutschland hat das aber wohl niemanden interessiert und es nimmt sich offenbar auch niemand zum Vorbild ausser eben die üblichen Verdächtigen, die das ja auch vorher schon gefordert haben.
7 Jahre. Zeit genug für Änderungen wäre ja gewesen.
Woran liegt's also?



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Jörn Budesheim
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Mi 2. Sep 2020, 16:42

Der Beitrag zeigt, dass es keineswegs selbstverständlich ist, dass (den anderen) Tieren der Personenstatus nicht zugestanden wird. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. In der Schweiz, so liest man, ist die Würde der Kreatur jetzt Teil der Verfassung - auch das ist ein wichtiger Punkt. Aber "das Tier" gibt es ja auch nicht. Zwischen einem Wurm und einem Gorilla gibt es ja nicht nur einen Unterschied an Stärke.

Schwieriges Thema, das steht jedenfalls fest.



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Stefanie
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Mi 2. Sep 2020, 20:53

NaWennDuMeinst hat geschrieben :
Di 1. Sep 2020, 00:15
Stefanie hat geschrieben :
Mo 31. Aug 2020, 20:26
Nun ja....die Regelungen für Personen lassen sich wohl schlecht anwenden...
Da gebe ich Dir Recht. Die Regelungen für Personen sind also nicht anwendbar. Die Regelungen für Sachen stehen im Widerspruch zu dem wie wir Tiere definieren (nämlich nicht als Sachen). Wenn also beides nicht anwendbar ist, gibt es vielleicht noch ein Drittes? Eines das unserer Vorstellung davon was Tiere sind mehr entgegenkommt?
Von mir aus könnte man überall, wo es passt, zusätzlich zu Sachen auch Tiere nennen. Dürfte aber auch einigen aus unterschiedlich Gründen nicht passen.

Ich würde es aber nicht bei den Regelungen machen, in dem es um die Teilung von Sachen geht, das klingt doch unpassend, dann von der Teilung von Tieren zum reden.

Ein Baby ist schon bei der Geburt Trägerin von Rechten und Pflichten. Beides wird solange, bis sie es selber kann, von anderen für das Baby wahrgenommen, ausgeübt und durchgesetzt.

Die Frage wurde gestartet mit einem Zitat aus dem Gesetz und ich überlege, wie man das BGB anpassen könnte.

Kommt irgendwer auf die Idee, Mord auf Tiere auszuweiten, und für die Vergiftung eines Hundes den Täter lebenslang einzusperren?



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NaWennDuMeinst
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Sa 5. Sep 2020, 12:34

Es artet am Ende immer in eine Form von Schizophrenie aus.
Auch auf der anderen Seite. Nun sind also Delfine in Indien "nicht-menschliche Personen". Das ist gut.
Aber warum nur Delfine? Warum nicht auch Kühe? Oder Schweine. Begründet wird der Personenstatus bei Delfinen mit ihrer Intelligenz, ihrem Selbstbewusstsein und ihrer daraus folgenden Leidensfähigkeit (?).
Mit dem selben Argument grenzen wir aber auch Tiere vom Menschen ab, was stark kritisiert wird. Auf der einen Seite soll es also als Argument nicht zulässig sein Menschen mehr Rechte zuzugestehen, weil sie diese Eigenschaften haben, andersrum kann man so aber Delfine von Kühen abgrenzen?
Ich weiß der Begriff "Kriterium" wird hier nicht gerne gehört, aber um Willkür zu vermeiden muss doch irgendwie auch festgelegt werden ab wann ein Tier (und welches Tier) bestimmte Rechte haben soll, und warum.
Man könnte zum Beispiel ein Stufenrechtesystem einführen. Je höher entwickelt eine Lebensform ist, desto mehr Rechte erhält sie. Das scheitert aber daran sich darauf zu einigen wie weit entwickelt eine Lebensform ist, denn woran machen wir das fest?



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