Arbeit

Ursprünglich in der praktischen Philosophie beheimatet sind Theorien der Gesellschaft heute weitgehend von der Soziologie aufgegriffen worden.
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Jörn Budesheim
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Fr 6. Mai 2022, 07:36

Der Arbeitsbegriff im Wandel der Zeiten
Julia Berthold

Arbeit ist ein zentraler Begriff der Menschheit, der sich im Laufe der Geschichte grundlegend gewandelt hat. Um kaum einen Begriff ranken sich so viele kontroverse Theorien, Diskussionen, Welt- und Leitbilder. Im Folgenden soll kursorisch dargestellt werden, wie sich der "Arbeitsbegriff" gewandelt hat

https://www.bpb.de/themen/arbeit/arbeit ... er-zeiten/




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Jovis
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Fr 6. Mai 2022, 18:37

Bei meiner Ärztin im Wartezimmer hing früher ein Plakat, auf dem ein kleiner Junge irgendwo in den südamerikanischen Bergen zu sehen war, der ein noch kleineres Kind in einem Tuch auf seinem Rücken trug. Darüber der Satz: "Du trägst aber eine schwere Last." Und die Antwort des Jungen: "Ich trage doch keine Last, ich trage meinen Bruder."

Das fiel mir wieder ein, als ich überlegte, dass beispielsweise ein Neandertaler vielleicht sagen würde: "Ich arbeite doch nicht, ich suche mir was zu essen." Na ja, würde er vermutlich nicht sagen, weil er gar keine Vorstellung davon hat, was ich unter Arbeit verstehe.

Laut Hararis "Kurzer Geschichte der Menschheit" fing die "richtige Arbeit" mit der Entwicklung der Landwirtschaft und der damit einhergehenden Sesshaftwerdung der Menschen an. Nahrungsbeschaffung wurde immer anstrengender und zeitaufwändiger, in der Folge kam es zu Arbeitsteilung und sozialer Differenzierung. Arbeitsteilung scheint also ein wichtiger Aspekt zu sein, Jörn hat das ja schon angesprochen. Ist also alles, was ich (auch) für andere tue, Arbeit, alles, was ich nur für mich selbst mache, nicht? Dann würden Stefanies Ameisen durchaus Arbeit verrichten. Gerade bei staatenbildenden Tieren spricht man ja auch von Arbeitsteilung. Oder ist das ein unzulässiger Anthropomorphismus?

Interessanterweise kann man ein und dieselbe Tätigkeit mal als Arbeit bezeichnen und mal nicht. Ich stelle mir Jörns Hobbybastler vor, wie er manchmal aus dem Keller nach oben kommt und zu seiner Frau sagt: "Das ist heute richtig in Arbeit ausgeartet!"

Ist es also erst Arbeit, wenn es anstrengend wird? Und wenn es leicht von der Hand geht, vielleicht sogar noch Spaß macht, dann eher nicht? Was ist mit Leuten, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben und damit Geld verdienen? In den ersten Jahren würden sie selbst vielleicht noch gar nicht von Arbeit sprechen; aber im Laufe der Zeit, wenn Routine einsetzt, vielleicht auch wirtschaftliche Sorgen, dann allmählich schon.

Ein weiterer Aspekt ergibt sich aus dem heutigen Gegenbegriff "Freizeit". Daraus folgt ja, dass ich, während ich arbeite, nicht frei über meine Zeit verfügen kann. Das wird zwar durch flexiblere Arbeitszeiten und Home Office etwas aufgeweicht, aber prinzipiell ist Arbeitszeit weiterhin fremdbestimmte Zeit.

Die Bezahlung, die ja eigentlich so zentral ist, spielt für meinen Versuch einer Begriffsnäherung überraschenderweise die geringste Rolle. Es gibt so viel unbezahlte Arbeit!




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Jörn Budesheim
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Fr 6. Mai 2022, 19:12

Der Mann im Hobbykeller produziert jedoch nichts, was in die Gesellschaft "eingespeist" wird, also kein Produkt (kein Brötchen, keine Massage, keine Beratung, kein Auto, kein Gedicht, kein Musikstück etcetera.) Oder doch? Schließlich baut er ja die Modelleisenbahn. Aber die gilt nur seinem privaten Vergnügen - wie will man das trennen?

Während er im Keller seinem Hobby nachgeht, macht seine Frau ganz traditionell den Haushalt. Das könnte man unter Dienstleistung fassen, ist also im Unterschied zu dem, was der Mann tut, klarerweise eine Arbeit.




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Jörn Budesheim
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Fr 6. Mai 2022, 19:29

Jovis hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 18:37
Ist es also erst Arbeit, wenn es anstrengend wird?
Das würde jede leichte Tätigkeit ausschließen, deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass es sich dabei um eine notwendige Zutat handelt.

Bisher fallen mir vorläufig folgende notwendige Zutaten ein:
  • Arbeit gibt es nur in arbeitsteiligen Gesellschaften
  • Es muss also verschiedene Arbeiten (die jedoch auch in irgendeiner Form zusammen spielen) geben und dementsprechend Spezialist:innen
  • Eine Person die arbeitet, weiß, dass sie arbeitet.
  • Die Arbeit hat irgendein Ziel, das mit der arbeitsteiligen Gesellschaft, in die sie eingebettet ist, in irgendeiner Form verknüpft ist.
  • Es es muss auch Nicht-Arbeit geben. Heute ist das in der Regel Freizeit, was das in anderen Zeiten war, weiß ich nicht so richtig, aber irgendwelche Ruhephasen muss es natürlich auf jeden Fall gehen.
  • Es muss in der Gesellschaft irgendeine Form von "Tausch"/Ausgleich geben, sonst hätte die arbeitsteilige Gesellschaft ja keinen Sinn.
  • ...
Was ist zuviel? Was fehlt?




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Burkart
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Fr 6. Mai 2022, 19:56

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 19:29
Jovis hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 18:37
Ist es also erst Arbeit, wenn es anstrengend wird?
Das würde jede leichte Tätigkeit ausschließen, deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass es sich dabei um eine notwendige Zutat handelt.

Bisher fallen mir vorläufig folgende notwendige Zutaten ein:
  • Arbeit gibt es nur in arbeitsteiligen Gesellschaften
  • Es muss also verschiedene Arbeiten (die jedoch auch in irgendeiner Form zusammen spielen) geben und dementsprechend Spezialist:innen
  • Eine Person die arbeitet, weiß, dass sie arbeitet.
  • Die Arbeit hat irgendein Ziel, das mit der arbeitsteiligen Gesellschaft, in die sie eingebettet ist, in irgendeiner Form verknüpft ist.
  • Es es muss auch Nicht-Arbeit geben. Heute ist das in der Regel Freizeit, was das in anderen Zeiten war, weiß ich nicht so richtig, aber irgendwelche Ruhephasen muss es natürlich auf jeden Fall gehen.
  • Es muss in der Gesellschaft irgendeine Form von "Tausch"/Ausgleich geben, sonst hätte die arbeitsteilige Gesellschaft ja keinen Sinn.
  • ...
Was ist zuviel? Was fehlt?
Hm...
Ich sehe es nicht so, dass sie zwangsweise ab arbeitsteiligen Gesellschaften gebunden sein soll... bzw. was heißt "arbeitsteilig" genau?
Wenn z.B. Steinzeitmenschen zusammen auf Jagd gehen und jemand dazu keine Lust hat, mag er dies auch schon als "Arbeit" angesehen haben, also als etwas, was er lieber meiden würde.
Insofern sehe ich auch nicht, dass es Spezialisten geben muss.

Ob eine Person immer weiß, dass sie arbeitet... Z.T. gehen Arbeit und Nicht-Arbeit ineinander über, z.B. wenn man sich für Arbeit/Job freiwillig(?) fortbildet.
Auch kann etwas, was man erst freiwillig tut, später mal zu Arbeit werden (wenn sie anfängt zu nerven).

Arbeit hat sicherlich ein Ziel, wie sehr viel im Leben, z.B. auch viele Hobbys.

Nichtarbeit ist z.B. Entspannung, ggf. einfach Nichtstun, z.B. Schlafen.

Nur so meine Ideen, die "Arbeit" halt als schwammigen Begriff sehen.



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Jörn Budesheim
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Fr 6. Mai 2022, 20:00

Jovis hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 18:37
Bei meiner Ärztin im Wartezimmer hing früher ein Plakat, auf dem ein kleiner Junge irgendwo in den südamerikanischen Bergen zu sehen war, der ein noch kleineres Kind in einem Tuch auf seinem Rücken trug. Darüber der Satz: "Du trägst aber eine schwere Last." Und die Antwort des Jungen: "Ich trage doch keine Last, ich trage meinen Bruder."

Das fiel mir wieder ein, als ich überlegte, dass beispielsweise ein Neandertaler vielleicht sagen würde: "Ich arbeite doch nicht, ich suche mir was zu essen." Na ja, würde er vermutlich nicht sagen, weil er gar keine Vorstellung davon hat, was ich unter Arbeit verstehe.
Schönes Beispiel. Dass die Arbeit entstand als die Menschen sesshaft wurden, kann ich mir auch sehr gut vorstellen.




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Jovis
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Fr 6. Mai 2022, 21:08

Die Etymologie des Wortes ist überraschend:

"[...] wahrscheinlich eine Bildung zu einem im germanischen Sprachbereich untergegangenen Verb mit der Bedeutung »verwaist sein, ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdingtes Kind sein«, das zu indogermanisch * orbh- »verwaist; Waise« gehört (vergleiche Erbe). Eng verwandt ist die slawische Wortgruppe um russisch rabóta »Arbeit« (siehe Roboter). Das gemeingermanische Wort bedeutete ursprünglich im Deutschen noch bis in das Neuhochdeutsche hinein »schwere körperliche Anstrengung, Mühsal, Plage«." (Duden)

Das heißt, vom Wortursprung her ist Arbeit tatsächlich mit - sogar sehr großer - Anstrengung verbunden. Die Waise kann ich aber nicht so richtig einordnen. Zwar kann ich mir gut vorstellen, dass Waisenkinder schwere Arbeit verrichten mussten, denn sie waren schutz- und rechtlos und konnten ausgebeutet werden. Aber das Thema Arbeit wird doch wohl auch früher noch viele weitere Aspekte gehabt haben, da finde ich es verwunderlich, dass ausgerechnet diese Randerscheinung zum Wortstamm wird.




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Stefanie
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Fr 6. Mai 2022, 21:10

Natürlich gibt es Spezialisten. Allein im vorherrschenden Dienstleistungssektor, Verwaltungen, Behörden etc. Buchhaltung, Personalabteilung, Marketing, IT, Versicherungsmathematiker, versicherungsmakler. Oder im Handwerk. Die Kfz Mechatronikerin repariert das Auto des glasers, kann aber keine Fensterscheibe einsetzen. Geht's du zum Orthopäden, wenn du Zahnschmerzen hast? Der Maurer macht die Wände, der elektrische Abteilung legt die Stromkabel, umgekehrt dürfte ziemlich schief gehen.



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Fr 6. Mai 2022, 21:27

Arbeit = die notwendigen Verrichtungen, Maßnahmen usw., um ein gewünschtes "Ziel/Ergebnis..." zu erhalten.



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Burkart
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Fr 6. Mai 2022, 21:31

Stefanie hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 21:10
Natürlich gibt es Spezialisten. Allein im vorherrschenden Dienstleistungssektor, Verwaltungen, Behörden etc. Buchhaltung, Personalabteilung, Marketing, IT, Versicherungsmathematiker, versicherungsmakler. Oder im Handwerk. Die Kfz Mechatronikerin repariert das Auto des glasers, kann aber keine Fensterscheibe einsetzen. Geht's du zum Orthopäden, wenn du Zahnschmerzen hast? Der Maurer macht die Wände, der elektrische Abteilung legt die Stromkabel, umgekehrt dürfte ziemlich schief gehen.
Falls du dich auf mich beziehst: Ich wollte nur sagen, dass es keine Spezialisten geben muss, um über "Arbeit" sprechen zu können - also Arbeit kann Tätigkeit auch ohne Spezialisierung sein.



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NaWennDuMeinst
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Fr 6. Mai 2022, 21:51

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Do 5. Mai 2022, 18:50
Ich meine so etwas: Arbeiten auf dem Feld, Arbeiten im Büro, Arbeiten auf der Baustelle, Arbeiten im Gericht, Arbeiten auf der Kanzel, Arbeiten im Krankenhaus und so weiter
Mir fällt dazu zunächst Geld ein. Ich muss arbeiten um Geld zu verdienen um dann davon leben zu können.
Ich arbeite also primär um zu leben (ich lebe nicht um zu arbeiten).

Wobei ich einschränken möchte, dass Arbeit mich auch (zumindest teilweise) erfüllt. Ich habe Spaß an den Aufgabenstellungen die sich während meiner Arbeit ergeben.
Und ich habe (meistens) Vergnügen daran mit anderen Menschen zusammen zu arbeiten. Insofern ist Arbeit auch ein wichtiger Teil meines Lebens und nicht einfach nur Beiwerk oder eine ungeliebte Notwendigkeit.

Gelegentlich hört man von mir den Satz "Das artet ja in Arbeit aus", wenn eine Sache, die eigentlich nicht als Arbeit empfunden wird (Spielen zum Beispiel), anstrengend und aufwändig wird, was darauf hindeutet, dass ich zumindest zum Teil auch Arbeit als etwas empfinde was man nicht gerne freiwillig macht (etwas das mit ungewollter Anstrengung verbunden ist). Ist Anstrengung also ein Teil der Definition von Arbeit?
Zumindest aber wenn ich sage "Ich gehe zu Arbeit" meine ich damit nicht, dass ich jetzt losgehe und (ungewollte) Anstrengungen verrichte.
Es stimmt also und stimmt nicht.
Keine Ahnung.
Zuletzt geändert von NaWennDuMeinst am Fr 6. Mai 2022, 22:05, insgesamt 2-mal geändert.



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Stefanie
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Fr 6. Mai 2022, 22:04

Burkart hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 21:31
Stefanie hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 21:10
Natürlich gibt es Spezialisten. Allein im vorherrschenden Dienstleistungssektor, Verwaltungen, Behörden etc. Buchhaltung, Personalabteilung, Marketing, IT, Versicherungsmathematiker, versicherungsmakler. Oder im Handwerk. Die Kfz Mechatronikerin repariert das Auto des glasers, kann aber keine Fensterscheibe einsetzen. Geht's du zum Orthopäden, wenn du Zahnschmerzen hast? Der Maurer macht die Wände, der elektrische Abteilung legt die Stromkabel, umgekehrt dürfte ziemlich schief gehen.
Falls du dich auf mich beziehst: Ich wollte nur sagen, dass es keine Spezialisten geben muss, um über "Arbeit" sprechen zu können - also Arbeit kann Tätigkeit auch ohne Spezialisierung sein.
Gibt es dazu ein Beispiel? Mir fällt gerade echt kein Beispiel ein.



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Fr 6. Mai 2022, 22:08

Stefanie hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 22:04
Burkart hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 21:31
Stefanie hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 21:10
Natürlich gibt es Spezialisten. Allein im vorherrschenden Dienstleistungssektor, Verwaltungen, Behörden etc. Buchhaltung, Personalabteilung, Marketing, IT, Versicherungsmathematiker, versicherungsmakler. Oder im Handwerk. Die Kfz Mechatronikerin repariert das Auto des glasers, kann aber keine Fensterscheibe einsetzen. Geht's du zum Orthopäden, wenn du Zahnschmerzen hast? Der Maurer macht die Wände, der elektrische Abteilung legt die Stromkabel, umgekehrt dürfte ziemlich schief gehen.
Falls du dich auf mich beziehst: Ich wollte nur sagen, dass es keine Spezialisten geben muss, um über "Arbeit" sprechen zu können - also Arbeit kann Tätigkeit auch ohne Spezialisierung sein.
Gibt es dazu ein Beispiel? Mir fällt gerade echt kein Beispiel ein.
Ein menschliches Maultier? :-D
(Ich meine damit: Es gibt ja zum Beispiel die typischen Helferjobs. Also Jobs die keine wirklich Qualifikation benötigen. Jemand der den ganzen Tag nur Schutteimer von der Baustelle trägt ist sicher kein Spezialist. Wofür auch? Fürs Eimertragen?)



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Stefanie
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Fr 6. Mai 2022, 22:10

Jovis hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 21:08
Die Etymologie des Wortes ist überraschend:

"[...] wahrscheinlich eine Bildung zu einem im germanischen Sprachbereich untergegangenen Verb mit der Bedeutung »verwaist sein, ein zu schwerer körperlicher Tätigkeit verdingtes Kind sein«, das zu indogermanisch * orbh- »verwaist; Waise« gehört (vergleiche Erbe). Eng verwandt ist die slawische Wortgruppe um russisch rabóta »Arbeit« (siehe Roboter). Das gemeingermanische Wort bedeutete ursprünglich im Deutschen noch bis in das Neuhochdeutsche hinein »schwere körperliche Anstrengung, Mühsal, Plage«." (Duden)

Das heißt, vom Wortursprung her ist Arbeit tatsächlich mit - sogar sehr großer - Anstrengung verbunden. Die Waise kann ich aber nicht so richtig einordnen. Zwar kann ich mir gut vorstellen, dass Waisenkinder schwere Arbeit verrichten mussten, denn sie waren schutz- und rechtlos und konnten ausgebeutet werden. Aber das Thema Arbeit wird doch wohl auch früher noch viele weitere Aspekte gehabt haben, da finde ich es verwunderlich, dass ausgerechnet diese Randerscheinung zum Wortstamm wird.
Aus dem von Jörg verlinkten Artikel:

Zugleich wurde Handarbeit aber auch in diesen Zeiten als Plackerei und Mühsal wahrgenommen, ein Doppelcharakter, der sich heute noch in den Sprachwurzeln von „arbeiten“ (sich plagen, quälen), „labour“ (sich abmühen) gegenüber „work“ bzw. „werken“ (kreatives Schaffen) wiederfindet. Dieselben Wurzeln hat im Übrigen auch das französische Wort für Arbeit (travail). Es kommt vom lateinischen „tripalium“ (tripalare=quälen), was sowohl eine Vorrichtung zum Beschlagen von wilden Pferden wie auch ein Folterwerkzeug meinte. Auch das Äquivalent für „Arbeit“ im Griechischen („ponos“=Mühe, Qual, Leid) hat dieselbe negative Bedeutung.



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Stefanie
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Fr 6. Mai 2022, 22:15

NaWennDuMeinst hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 22:08
Stefanie hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 22:04
Burkart hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 21:31

Falls du dich auf mich beziehst: Ich wollte nur sagen, dass es keine Spezialisten geben muss, um über "Arbeit" sprechen zu können - also Arbeit kann Tätigkeit auch ohne Spezialisierung sein.
Gibt es dazu ein Beispiel? Mir fällt gerade echt kein Beispiel ein.
Ein menschliches Maultier? :-D
(Ich meine damit: Es gibt ja zum Beispiel die typischen Helferjobs. Also Jobs die keine wirklich Qualifikation benötigen. Jemand der den ganzen Tag nur Schutteimer von der Baustelle trägt ist sicher kein Spezialist. Wofür auch? Fürs Eimertragen?)
Diese Jobs gibt es bei uns nicht mehr wirklich. Auch der Umgang mit Schaufel und Eimer will gelernt sein, Effizienz, Ergonomie, Haltung, Griff, oh beim auskippen kann auch was schiefgehen.
Reinigung wie bei Reinigungskräften ist auch nicht einfach mal so eben wischen.



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NaWennDuMeinst
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Fr 6. Mai 2022, 22:48

Stefanie hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 22:15
NaWennDuMeinst hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 22:08
Stefanie hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 22:04


Gibt es dazu ein Beispiel? Mir fällt gerade echt kein Beispiel ein.
Ein menschliches Maultier? :-D
(Ich meine damit: Es gibt ja zum Beispiel die typischen Helferjobs. Also Jobs die keine wirklich Qualifikation benötigen. Jemand der den ganzen Tag nur Schutteimer von der Baustelle trägt ist sicher kein Spezialist. Wofür auch? Fürs Eimertragen?)
Diese Jobs gibt es bei uns nicht mehr wirklich.
Helferjobs? Aber sicher gibt es die noch. Denk mal zum Beispiel an die Erntezeit. Da werden vor allem Hände gebraucht. Zum Pflücken.
Oder Leute die den ganzen Tag Papiertüten kleben.
Und im Baugewerbe gibt es natürlich jede Menge Helferjobs nach wie vor.
Auch der Umgang mit Schaufel und Eimer will gelernt sein
Wenn Du den Begriff Spezialist so deutest, dann ist jeder zu jedem Zeitpunkt ein Spezialist, denn schliesslich muss man jeden Handgriff den man macht sich irgendwann mal eingeprägt haben,
So würde ich den Begriff des Spezialisten nicht auffassen. Spezialisten sind für mich eher Menschen die Fähigkeiten und Qualifikationen erworben haben, die andere Menschen nicht einfach so haben. Qualifikationen für die auch langwierige Ausbildungen nötig sind. Und solche werden bei den Helferjobs nicht verlangt.



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Burkart
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Fr 6. Mai 2022, 23:06

Stefanie hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 22:04
Burkart hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 21:31
Stefanie hat geschrieben :
Fr 6. Mai 2022, 21:10
Natürlich gibt es Spezialisten. Allein im vorherrschenden Dienstleistungssektor, Verwaltungen, Behörden etc. Buchhaltung, Personalabteilung, Marketing, IT, Versicherungsmathematiker, versicherungsmakler. Oder im Handwerk. Die Kfz Mechatronikerin repariert das Auto des glasers, kann aber keine Fensterscheibe einsetzen. Geht's du zum Orthopäden, wenn du Zahnschmerzen hast? Der Maurer macht die Wände, der elektrische Abteilung legt die Stromkabel, umgekehrt dürfte ziemlich schief gehen.
Falls du dich auf mich beziehst: Ich wollte nur sagen, dass es keine Spezialisten geben muss, um über "Arbeit" sprechen zu können - also Arbeit kann Tätigkeit auch ohne Spezialisierung sein.
Gibt es dazu ein Beispiel? Mir fällt gerade echt kein Beispiel ein.
Ich meinte dazu:
"Wenn z.B. Steinzeitmenschen zusammen auf Jagd gehen und jemand dazu keine Lust hat, mag er dies auch schon als "Arbeit" angesehen haben, also als etwas, was er lieber meiden würde."
-> Also die gemeinsame Jagd als Arbeit ohne Spezialisierung. Dass jemand beim Jagen dann mal diese oder jene Rolle einnimmt, würde keine grundlegende Spezialisierung bedeuten.

Denkbar wäre heutzutage auch eine (andere) homogene Gruppe von Gleichgesinnten, z.B. eine (kleine) Gruppe von Softwareentwicklern oder von Erziehern/Lehrern. (Dass jeder Mensch bestimmte Schwerpunkte hat, macht sie noch nicht (unbedingt) zu Spezialisten.)



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Stefanie
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Fr 6. Mai 2022, 23:28

Meine Arbeit setzt eine langjährige Ausbildung und Qualifikation voraus. Nur bin ich auf andere Arbeiten angewiesen, wie z.B. auf den Empfang bzw. Telefonzentrale. Die können unser Telefonanlage was das Weiterleiten, Verbinden, Halten angeht, technisch perfekt bedienen, ich nicht. Das sind auch Spezialisten, die da sitzen, auch ohne eine vorherige passende Berufsausbildung. Ich schmeiß die Leute immer aus der Leitung, wenn ich zu einer Kollegin weiter verbinden will.
Helferjobs wie Erntehelfer für den Spargel ist das Ausüben einer komplexe Tätigkeit und anstrengend, das kann nicht jeder.



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Jörn Budesheim
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Sa 7. Mai 2022, 06:02

Ich hoffe, dass nwdm nicht liest, dass Softwareentwickler keine Spezialisten sind.




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Jörn Budesheim
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Sa 7. Mai 2022, 06:35

Irgendwie ist die Suche nach guten Quellen gar nicht so einfach. Hier der Eintrag "Arbeit" des Philomag:
Arbeit

Eine bewusste und meistens auch, außer im Falle der Sklaverei, freiwillig ausgeübte Tätigkeit. Die Geschichte dieses Begriffs durchläuft drei Etappen: Ursprünglich als göttliche Strafe verstanden (so wurde Adam nach seiner Vertreibung aus dem Paradies zur Arbeit verdammt), soll der Ausdruck seinen Ursprung im lat. tripalium haben, einer Art Werkzeug, zuerst eingesetzt, um Pferde im Zaum zu halten, und später auch als Folterinstrument. Diese Bedeutung setzt die Arbeit als Quelle von Leid dem Spiel entgegen ...

https://www.philomag.de/lexikon/arbeit
Interessant finde ich dabei den Hinweis auf die Vertreibung aus dem Paradies, was meiner Intuition entspricht, dass Tiere nicht arbeiten und der frühe Mensch vermutlich ebensowenig.

............................

Diese Hausarbeit aus dem Hauptseminar müsste man zwar kaufen, um die Details zu sehen, aber auch die Einleitung mag den einen oder die andere interessieren:
Philosophische Betrachtungen zum Thema "Arbeit"

Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
28 Seiten, Note: 1,0
KATHARINA STRÖHL (AUTOR:IN)

https://www.grin.com/document/179211
Ein Auszug daraus:
2.1. Arbeit – philosophisch gesehen

Philosophisch betrachtet, gehört Arbeit ganz grundsätzlich zum menschlichen Handeln. Handeln ist, nach dem Wörterbuch philosophischer Grundbegriffe, ein „jedes Sichbetätigen des Menschen, an dem sein Organismus beteiligt ist und für das er sich verantwortlich fühlt“.[5] Handeln ist eine praktische Tätigkeit, die mit dem Menschen zugehörigen zentralen Werkzeugen, – physisch gesehen – der menschlichen Hand und – psychisch gesehen – dem menschlichen Geist, in Kombination ausgeführt wird. Sobald sich eine Handlung auf die Außenwelt richtet, definiert die Philosophie sie als Arbeit.[6] Dem voraus geht die Vorstellung, dass man mit der geplanten Tätigkeit etwas Nützliches schaffen kann. Etwas Nützliches, welches nicht nur der eigenen Person, sondern der Gesellschaft zugutekommt.[7] „Die Arbeitskompetenz ist ein intellektuelles Moment“, das heißt, „[d]er Weg zur Ausführung der Arbeit geht über die Fähigkeit dazu“.[8] Die Arbeitsmotivation ist der Grund für die Ausführung der Arbeit.[9] Es kann nun konstatiert werden, dass Arbeit – philosophisch gesehen – als Grundgeschehen menschlichen Daseins betrachtet werden kann (, welches nicht nur zur Einkommenssicherung abgetan werden kann) ...
Wenn es stimmt, dass Arbeit eine anthropologische Konstante ist, dann ist meine Idee, dass es auch nicht arbeitende Menschen gibt, natürlich perdü. Ich habe auch schon Google dazu gefragt, ob es uns bekannte Kulturen gibt, die keine Arbeit kennen, war aber bisher erfolglos. Möglicherweise gehört Arbeit ja tatsächlich zum Begriff des Menschseins, da müsste man noch etwas tiefer einsteigen.

"Die Arbeitsmotivation ist der Grund für die Ausführung der Arbeit." Das fehlt in meiner eigener Liste weiter oben. Ist das plausibel? Mein Gefühl ist, dass die Arbeitsmotivation, wenn auch immer sie bestehen mag, dazu gehört. Oder? Sind Sklaven, die das philomag als Gegenbeispiel zur Freiwilligkeit gebracht hat, auch bei dieser Frage ein Problem?




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