Gott für Atheisten

Glaube und Wissen, Wesen und Formen von Religionen, ihre Bedeutung für das menschliche Leben, Grundfiguren religiösen Denkens u.ä. - Darauf wirft die Religionsphilosophie ihren Blick.
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Jörn Budesheim
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Mi 1. Jan 2020, 20:55

Tim Crane: „Die Bedeutung des Glaubens“
Mehr Religion wagen?

https://www.deutschlandfunkkultur.de/ti ... _id=465923



"Nichts ist menschlicher als der Wunsch, kein Mensch zu sein!" (Stanley Cavell)

"Die meisten Menschen würden leichter dahin zu bringen seyn, sich für ein Stück Lava im Monde, als für ein Ich zu halten." (Fichte)

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Jörn Budesheim
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Sa 22. Feb 2020, 18:32

Micha Brumlik über C. G. Jung hat geschrieben : ...Das Unbewußte wird [C. G. Jung] somit zu einer zweiten, noch nicht bekannten Persönlichkeitsstruktur erklärt, die in ihren Strebungen jedoch im Prinzip erkennbar ist. Freilich eignet ihm noch eine andere, zwar dem Bewußtsein, aber nicht der Willkür zugängliche Seite, die »Numinosität« – ein Begriff, den C.G. Jung der vergleichenden Religionsphänomenologie Rudolf Ottos entnommen hat. Numinosität »versetzt das Subjekt in den Zustand der Ergriffenheit, das heißt der willenlosen Ergebenheit«. Dieser doppelte Aspekt von Jungs Begriff des Unbewußten, einerseits ein prinzipiell zugänglicher Inhalt, andererseits ein überwältigend Ergreifendes zu sein, führte schließlich dazu, das Unbewußte zu einem empirisch erforschbaren Gott umzudeuten. Denn Gott und das Unbewußte gleichen sich darin, daß sie den Menschen überwältigen. Jung selbst weiß zwar, daß Gott und Unbewußtes nicht miteinander identisch sind92, ist aber gleichwohl der Auffassung, daß empirisch beides im Begriff des Numinosen, in jenem Medium, das religiöse Erfahrung ermöglicht, zusammenfließt. Das Numinose ist das Unbekannte schlechthin: »Der Religiöse nennt diesen absconditum Gott; der wissenschaftliche Intellekt heißt ihn das Unbewußte.« Jungs Tiefenpsychologie basiert auf einem Kommunikationsmodell zwischen endlichem menschlichen Subjekt und dem Unbewußten, Gott. Der Prozeß, der beider Kommunikation durchläuft, besitzt ein Ziel, die Individuation, die zugleich in Jungs Entwicklungspsychologie als treibende Kraft angenommen wird. Vor der Erläuterung dieser Entwicklungspsychologie soll die Möglichkeit der Kommunikation zwischen dem Individuum und seinem Unbewußten entfaltet werden...



"Nichts ist menschlicher als der Wunsch, kein Mensch zu sein!" (Stanley Cavell)

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Anders
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Sa 25. Apr 2020, 20:01

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 31. Mär 2019, 09:24
... Wieso berühren solche Zeugnisse auch Atheisten wie mich? Geht es vielleicht hier gar nicht um Gott oder "nicht Gott" sondern um ein Drittes? Welches könnte das sein? Das Erhabene?
Die Musik klingt in meinen Ohren erhaben, hingegen besingt der Text eine Erhabenheit, doch sein Inhalt will erst verständlich und glaubwürdig gemacht werden.
Die Melodie bedarf nicht besonderer Voraussetzung, um ihre Erhabenheit zu erspüren, doch anders ist's beim Text.



'Meine Taten von gestern sind mein Schicksal von heute!'
aus: Rudolf Steiner, Wiedergeburt und Karma, Wie Karma wirkt

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Jörn Budesheim
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Sa 25. Apr 2020, 20:19

Das ist sicher richtig.

Mir ging es allerdings nicht um dieses spezielle Stück, ich hätte auch andere nehmen können, sondern die grundsätzliche Möglichkeit diese Erfahrung zu machen.



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Anders
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Sa 25. Apr 2020, 20:48

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 25. Apr 2020, 20:19
Mir ging es allerdings nicht um dieses spezielle Stück, ich hätte auch andere nehmen können, sondern die grundsätzliche Möglichkeit diese Erfahrung zu machen.
Wenn ich es richtig verstehe, was du meinst, so ist diese Erfahrung doch ein Zeugnis dafür, das auch in der Seele eines Atheisten ein höher Geistiges empfunden werden und sie Anteil daran nehmen kann, was unabhängig seines Bekenntnisses ist.



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Jörn Budesheim
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So 26. Apr 2020, 09:18

Wenn solche Musik eine Sprache spricht, die sowohl Atheisten als auch gläubige Menschen verstehen, wovon handelt sie? Kann man das herausfinden, ohne Verharren auf dem je eigenen Standpunkt?



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Jörn Budesheim
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So 26. Apr 2020, 10:11

Wobei ich zugeben muss, dass ich in meinem Atheismus ziemlich fest bin...



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Jörn Budesheim
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Fr 15. Mai 2020, 06:12

Ich habe zwei sehr schöne Zitate gefunden, die sehr gut hierher aber auch den Thread über das Staunen und die Kunstpassen.
Richard Feynman hat geschrieben : Unsere Dichter schreiben nicht über diese besondere Art von religiöser Erfahrung, die Wissenschaftler machen; unsere Künstler versuchen nicht, deren staunenerregende Erkenntnisse anschaulich werden zu lassen. Ich frage mich, weshalb. Wird denn keiner von unserem heutigen Bild des Universums inspiriert? Der Wert der Wissenschaft bleibt unbesungen.
Nicola Gess in Staunen hat geschrieben : Raoul Schrotts Bücher stehen im Zeichen des neuzeitlichen Erhabenen, einer Erfahrung des »Unfaßbaren der Natur«, der der Mensch als ein »Nichts im Hinblick auf das Unendliche« ausgesetzt ist. Der Mensch reagiere darauf, so Schrott, auf zweierlei Weise: mit dem »Trotz und Trost« der Wissenschaft, die eine »Art Experimentaltheologie« liefere, die jedoch (anders als die Religion) »hinterfragt, begründet, erklärt und das Entsetzen zu überwinden versucht, indem sie ihr Begriffsgebäude an seine Stelle setzt«. Und mithilfe der Dichtung, die ähnlich vorgehe: »[A]uch sie vergleicht, muss in sich kohärent sein und weist ihre eigenen Strukturen auf«, fragt jedoch – hierin wiederum der Religion verwandter – auch nach der Bedeutung, die dieses Wissen für den Menschen hat, und lässt es »in Bildern imaginierbar werden«



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Alethos
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Sa 16. Mai 2020, 23:05

"Der Wert der Wissenschaft bleibt unbesungen." - ein grandioser Satz!



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Alle lächeln in derselben Sprache.

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Jörn Budesheim
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Do 17. Sep 2020, 20:04

Ronald Dworkin, Religion ohne Gott, Klappentext hat geschrieben : Das Zentrum wahrer Religiosität, so der bekennende Atheist Albert Einstein, bilde das »Wissen um die Existenz des für uns Undurchdringlichen, der Manifestationen tiefster Vernunft und leuchtendster Schönheit«. In diesem Sinne sei er, Einstein, ein tiefreligiöser Mensch. Aber was ist religiös an einer solchen Haltung, in der Gott offensichtlich keine Rolle spielt? Mit dieser Frage beschäftigte sich Ronald Dworkin in seinen Einstein-Vorlesungen, die er bis kurz vor seinem Tod zu diesem Buch ausgearbeitet hat. Religion, so seine Antwort, bezeichnet eine Sicht auf die Welt, die von einem Glauben an objektive Werte getragen wird – etwa daran, dass Geschöpfe eine Würde haben, dass ein Leben erfüllt oder verfehlt sein kann oder dass Schönheit, die uns den Atem raubt, sich nicht als pures Produkt unserer Sinnesorgane erklären lässt. Auch Theisten teilen diese Werte, meinen aber, sie seien gottgegeben. Für Dworkin verhält es sich genau umgekehrt: Die Idee eines Gottes rührt daher, dass es diese Werte wirklich gibt. Und an Gott (oder Götter) zu glauben ist eine Weise, dies auszudrücken, aber nicht die einzige. Von der Physik über die Politik bis hin zum Recht erkundet Religion ohne Gott den Perspektivenwechsel, der mit einem solchen gottlosen Verständnis von Religion verbunden ist. Das Buch, das mit einer eindrucksvollen Reflexion über Tod und Unsterblichkeit schließt, ist das Vermächtnis eines bekennenden religiösen Atheisten. Es weitet den Blick für das, was wichtig ist.



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Stefanie
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Do 17. Sep 2020, 21:29

Hmm. Wenn ich gefragt werde, an wen oder was ich glaube, wenn ich sage, es gibt keinen Gott, antworte ich meistens, an den Menschen bzw. die Menschlichkeit. Bin ich jetzt im Sinne des o.g. Text religiös?
(Wenn die Frage von jemand kommt, der mir blöd kommt, sage ich schon mal, ich glaube an mich)



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.
(Unbekannt)

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Jörn Budesheim
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Fr 18. Sep 2020, 06:41

Ich vermute nicht.

Der Klappentext des Buches hat mich an diesen Thread hier erinnert, daher habe ich es hierhin gepackt. Ich überlege, ob ich das Buch kaufe, bin aber nicht sicher.



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Timelaios
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Do 8. Okt 2020, 08:51

Eher nicht. Aber der verstorbene M.Holzach lohnt sich, falls Du es igdw findest. :-)




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