Was heißt Glauben? Was ist Religion?

Glaube und Wissen, Wesen und Formen von Religionen, ihre Bedeutung für das menschliche Leben, Grundfiguren religiösen Denkens u.ä. - Darauf wirft die Religionsphilosophie ihren Blick.
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Jörn Budesheim
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So 26. Jan 2020, 08:14

Zum Glauben im religiösen Sinn gehört meines Erachtens (der ich ein Atheist bin) wesentlich der Bezug zu etwas Transzendentem. Das muss nicht immer ein Gott sein, aber zum Kern gehört, wenn ich mich nicht täusche, immer die Vorstellung, dass es mit den Dingen hier im Dieseits noch nicht getan ist, sondern dass das Ganze mehr ist und einen Sinn hat.

Region erschöpft sich meines Erachtens daher auch nicht darin, unverstandene natürliche Phänomene verständlich zu machen, sodass sie eigentlich überflüssig würde, soweit die Naturwissenschaften einen gewissen Stand erreicht haben. Diese Art von Glauben kann man nicht gegen eine Form des naturwissenschaftlichen Wissens eintauschen. Glaube in diesem Sinn ist nicht der Vorhof zum (naturwissenschaftlichen) Wissen. Daher ist es meines Erachtens grundlegend verkehrt, Glauben im religiösen Sinne als eine Vorform (oder gar Schwundform) des Wissens zu verstehen.

Wir haben es hier in der Regel mit einem komplexen System von Vorstellungen, Überzeugung, Glaubenssätzen zu tun, die auch keineswegs bloß deskriptiv sind, schließlich sollen sie Sinn "stiften" (erkennen/erfahrbar machen/...) und auch unsere Handlungen anleiten. Zu diesen Handlungen gehören nicht nur bestimmte Handlungen gegenüber sich selbst und den Mitmenschen, man denke an den barmherzigen Samariter, sondern auch bestimmte gemeinschaftliche Handlungen, Gottesdienste, Traditionen, Riten und ähnliches. Daher gehört zur Religion meines Erachtens in aller Regel auch, dass sie komplexe, traditionsreiche Institutionen geschaffen haben. Religion ist nach meiner Vorstellung nicht einfach Privatsache. Einer Religion gehört man an.

Wenn man etwas recherchiert, kommt man zu einer erstaunlichen Zahl: acht von zehn Menschen fühlen sich einer Religion angehörig!



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Stefanie
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So 26. Jan 2020, 18:03

Mir fällt es immer noch schwer, mir etwas unter Transzendenz vorzustellen. Ist es der Glaube an ein Leben nach dem Tod, oder an Engel und ähnliches, obwohl man weiß, dass es sowas nicht gibt?
Welches Ganzes, das dann im jenseits verortet ist? Was einen Sinn hat, das Leben oder der Tod?



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.
(Unbekannt)


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Jörn Budesheim
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Mo 27. Jan 2020, 21:18

Stefanie hat geschrieben :
So 26. Jan 2020, 18:03
... obwohl man weiß, dass es sowas nicht gibt?
Dietrich Bonhoeffer hat geschrieben : Einen Gott, den „es gibt" - gibt es nicht.
Ich meine, Bonhoeffer möchte damit sagen, dass sein Gott nicht ein Ding unter Dingen ist. Ich glaube es hat keinen Sinn, sich das Transzendente so auszumalen, als wäre es wie das Diesseitige - nur anders irgendwie - ätherischer zum Beispiel.

Ob man sich das überhaupt irgendwie ausmalen kann, ist noch mal eine andere Frage, wird nicht sogar oft darauf gepocht, das ist gerade nicht möglich ist - und dass kein Wort dafür ausreichen könnte?



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Jörn Budesheim
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Mi 29. Jan 2020, 07:33

Wenn man glaubt, Religionen basiere im Wesentlichen darauf, dass man noch kein ausreichendes naturwissenschaftliches Wissen hat, ist man vielleicht auf dem Holzweg. Das ist letztlich der Gedanke, dass im Grunde jeder Glaube Aberglaube ist. Das kann man, wenn man möchte, als empirische Theorie nehmen, die man testen kann. Die Theorie sagt ja voraus, dass, je mehr man über die Welt weiß, desto weniger Platz für den Glauben bleibt. Denn nach diesem Verständnis ist Glauben ja einfach: "nicht Wissen".

Solche Versuche, diese "empirische" Theorie zu testen, gab es tatsächlich. Dazu gab es "zwei Umfragen unter amerikanischen Naturwissenschaftlern. Die eine stammt von 1916 und die andere von 1996. Dazwischen liegen 80 Jahre, in denen viele neue wissenschaftliche Erkenntnisse zur Entstehung der Welt gesammelt wurden. Und dennoch gab es am Anteil der Wissenschaftler, die an Gott glauben, nur wenig Veränderung: 1916 gaben 40 Prozent der Befragten an, an Gott zu glauben. 80 Jahre später waren es immerhin noch 38 Prozent."



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Jörn Budesheim
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Mi 29. Jan 2020, 16:51

Ich meine auch, das "Transzendente" ist in der Religion vor allem etwas "Normatives". (Wie auch immer man es besser formulieren sollte.) Ich schätze, dass das Gros der Religionen so etwas wie Gebote hat, also etwas, woran man das Handeln orientieren soll. Die Vorstellung, dass es Gutes gibt. Weshalb ja auch das Theodizee-Problem von so großem Belang ist.



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Jörn Budesheim
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Do 30. Jan 2020, 07:25

Ein Gedanke, den ich gestern irgendwo aufgeschnappt habe: Nicht Unwissenheit führte zum Glauben. Sondern Wissen. Namentlich der Eintritt in den Bereich der ewigen Wahrheiten der Mathematik und der Geometrie. Diese Erkenntnisse führten zu einer Art "Gottesschock", wie es dort hieß.

(Es gehört zu den modernen Vorurteilen, Glaube sei eine höhere Form von Dummheit.)



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Alethos
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So 2. Feb 2020, 14:47

Der Glaube ist die innere Einstellung, die die Ewigkeit denkbar macht.

Von den Sinnen wissen wir um die Veränderungen von allem, wir wissen vom Vorläufigen, vom Vergänglichen, den bewegten Bewegern. Der Glaube hingegen bietet einen Blick auf alles so, als ergäben diese Vielen ein Gesamt und als ob sie in einem höheren Zusammenhang ein Ganzes bildeten. Der Glaube kann niemals Wissen sein, weil man wissen nur kann aus der Optik des Partiellen, das man weiss. Man versteht dieses und jenes, weil man es konkret erforschen kann. Man erkennt seine äusseren Zusammenhang zu anderem und leitet so von diesem jenes ab.
Der Glaube aber bietet vielmehr einen anderen Zugang zur Wirklichkeit, die sich uns nur im Denken und Fühlen erschliesst und dem Empirischen prinzipiell verborgen bleiben muss. Denn es ist nicht ein empirischer Bereich von Wirklichkeit, der sich dem Glauben als Gegenstand bietet, sondern ein Bereich, der einen gedachten, introspektiven Vorgang voraussetzt, der in das Innere des Zusammenhangs der Dinge führt. Deshalb heisst es das Transzendente, weil es sich nie zeigen kann als nur in der Kontemplation von allem gleichzeitig, was den menschlichen Verstand übersteigen muss. Er ist auf die kategoriale Wirklichkeit ausgelegt, die es beim Blick auf das Wesen des inneren Zusammenhangs von allem nicht geben kann.



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Jörn Budesheim
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Alethos hat geschrieben :
So 2. Feb 2020, 14:47
Der Glaube ist die innere Einstellung, die die Ewigkeit denkbar macht.
Ja, kann gut sein, dass das ein richtiger* Punkt ist!


*Ich hatte eigentlich "wichtiger" Punkt ins Tablet gesprochen, und das passt ja auch :)



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Alethos
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Mo 3. Feb 2020, 19:05

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 2. Feb 2020, 15:38
Alethos hat geschrieben :
So 2. Feb 2020, 14:47
Der Glaube ist die innere Einstellung, die die Ewigkeit denkbar macht.
Ja, kann gut sein, dass das ein richtiger* Punkt ist!


*Ich hatte eigentlich "wichtiger" Punkt ins Tablet gesprochen, und das passt ja auch :)
Die Wege des Tablets sind nicht so unergründlich, es macht einfach Fehler :)



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Di 4. Feb 2020, 05:51

Ja, tiefere Wahrheiten über sich selbst oder das Tablett darf man sich auf diesem Wege nicht erhoffen ;)



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Jörn Budesheim
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So 9. Feb 2020, 13:42

Karl-Heinz Ott über Hölderlin hat geschrieben : In »Heimkunft« heißt es [...]: »Schweigen müssen wir oft; es fehlen heilige Namen«. Wo die Namen fehlen, gibt es auch die Götter nicht mehr. Nur durch Anrufung lassen sie sich wieder zum Leben erwecken. Indem man sie besingt, holt man sie zurück.



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Jörn Budesheim
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So 9. Feb 2020, 17:27

Karl-Heinz Ott hat geschrieben : Der frühe Hegel unterscheidet zwischen objektiver Religion und subjektiver Religion, denen er als Drittes die Volksreligion zu:u Seite stellt. Die objektive besteht aus Dogmen und Institutionen, die den lebendigen Geist zum toten Buchstaben versteinern lassen. Bei der subjektiven dagegen regiert das individuelle Gefühl. Jeder macht sich thier seine eigenen Vorstellungen von Gott, von der Wahrheit, vom Unendlichen; ein verbindliches Glaubensgerüst gibt es nicht. Da die subjektive Religiosität aber eine private Angelegenheit bleibt, kann sie schwerlich Gemeinschaft stiften, man lebt sie für sich allein aus oder nur mit Gleichgesinnten. Die Volksreligion hingegen kennt zwar auch keine Priester und keinen Vatikan, doch sie bildet, wie Hegel formuliert, eine »unsichtbare Kirche«, die sich in öffentlichen Feiern kundtut. Diese Art von Religion sieht Hegel in der Antike verwirklicht.



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