Schematische Ostrakisierung

Dieser Teil des Forums befaßt sich mit politischen, sozialen und historischen Aspekten der aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten.
Benutzeravatar
AndreaH
Beiträge: 441
Registriert: Mo 18. Jan 2021, 21:04
Wohnort: Österreich

So 7. Aug 2022, 01:34

Nauplios hat geschrieben :
Sa 30. Jul 2022, 17:59
Die Vorstellung, daß die Rezeption der Quellen die Quellen der Rezeption schafft führt auf den Gedanken der Ursprünglichkeit, auf den einer Ursprungsquelle, aus der heraus die erste Rezeption erfolgt.

"Eine Betrachtungsweise wie die hier vorzuschlagende sucht nicht historisch oder philologisch zu klären, was 'der Mythos' ursprünglich oder in einer bestimmten Phase unserer Geschichte bzw. Vorgeschichte gewesen sein mag; vielmehr wird er als immer schon in Rezeption übergegangen verstanden. Wenn man meint, eine solche Betrachtungsweise sei sekundär und daher auch von sekundärem Interesse, so geht man von einem Unterschied zwischen dem Objekt und seinen Verständnisweisen aus, den die Naturwissenschaften verbindlich gemacht haben, in denen jedes Resultat über einen Gegenstand seine Vorgänger verdrängt und einem 'nur noch' historischen Interesse überliefert. Als Gegenstand der Geisteswissenschaften haben die wirkenden Werke keinen Vorrang vor den Resultaten ihrer Wirkung, weil und sofern es keine besondere Dignität ihres Ursprunges - zum Beispiel in einer Metaphysik der Kunst als originärer Hervorbringung, sei es mithilfe der Musen, der Magie oder der Inspiration, sei es durch das Genie selbst - mehr gibt. Produktion und Rezeption sind äquivalent, sofern die Rezeption sich zu artikulieren vermochte. Um so etwas wie die 'Rückgewinnung des verlorenen Sinnes' geht es gerade nicht. (...) Das Ursprüngliche bleibt Hypothese, deren einzige Verifikationsbasis die Rezeption ist. (...) Die Antithese von schöpferischer Ursprünglichkeit und hermeneutischer Nachläufigkeit ist unbrauchbar ..." (Hans Blumenberg; Wirklichkeitsbegriff und Wirkungspotential des Mythos; in: "Terror und Spiel"; S. 28)

In die Dimension des Ursprungs können wir nicht zurück. Selbst wenn wir es könnten, wäre dort nichts zu holen, was uns einen "eigentlichen Sinn" erschließen lassen würde. Immer schon sind wir - auch dort, wo wir produzieren - in Rezeption eingebettet. Das ist eigentlich Rezeptionsästhetik in nuce.
In meiner Lehrzeit sagte mir einmal mein damaliger Chef: "Andrea, wenn du etwas verstehen und lernen möchtest, solltest du zuhören können!"
Er sagte es nicht etwa, weil ich ihm ins Wort viel.
Er wollte mir vielmehr die Wichtigkeit aufzeigen, dass wenn man jemanden vor sich hat, der sich auf einem Gebiet besser auskennt oder der Erfahrungen gesammelt hat, demjenigen sollte man zuhören können.
Sich selbst zurückzunehmen fällt nicht immer leicht, doch es lohnt sich, denn der Fokus verändert sich.
Daher habe ich derzeit meinen Schwerpunkt auf das Lesen gelegt. ;) Ich lese gerne bei euch mit!
Ich finde "Geschichte" selbst interessant, ihr einfach zuhören und sie wahrzunehmen ohne sie zu bewerten.
Manchmal entsteht dann wie bei einem Mosaik ein Bild.




Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 19292
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

So 7. Aug 2022, 10:05

Lesen ist gut.

Schreiben ist aber auch nicht schlecht. ;)

Beim Schreiben "zwingt" man sich dazu, das, was man vielleicht bloß vage oder implizit denkt, in Form zu bringen. Das kann, muss aber natürlich nicht, z.b ein Klärungsprozess sein.




Benutzeravatar
Nauplios
Beiträge: 2265
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

So 7. Aug 2022, 12:09

AndreaH hat geschrieben :
So 7. Aug 2022, 01:34

Daher habe ich derzeit meinen Schwerpunkt auf das Lesen gelegt. ;) Ich lese gerne bei euch mit!
Liest Du denn nur "bei uns mit" oder liest Du auch anderes, Andrea? ;)



neptunem procul e terra spectare furentem
(vom Land aus das fern rasende Meer anschauen)

- Horaz -

Benutzeravatar
AndreaH
Beiträge: 441
Registriert: Mo 18. Jan 2021, 21:04
Wohnort: Österreich

Mo 8. Aug 2022, 00:29

Neben meiner Lektüre lese ich hauptsächlich bei euch mit. :)




Timberlake
Beiträge: 734
Registriert: Mo 16. Mai 2022, 01:29
Wohnort: Shangrila 2.0

Mo 8. Aug 2022, 00:35

AndreaH hat geschrieben :
So 7. Aug 2022, 01:34

In meiner Lehrzeit sagte mir einmal mein damaliger Chef: "Andrea, wenn du etwas verstehen und lernen möchtest, solltest du zuhören können!"
und in meiner Lehrzeit sagte ich mir damals selbst : Timberlake, wenn du jemanden etwas verstehen und lernen lassen möchtest, spolltest du Fragen stellen können .
  • Die Mäeutik des Sokrates
    Die Geburtshilfe, die Sokrates leistet, besteht in seiner Technik des zielführenden Fragens. Mit ihr bringt er seine Gesprächspartner dazu, vorhandene irrige Vorstellungen zu durchschauen und aufzugeben. Das führt oft dazu, dass sie in eine Ratlosigkeit (Aporie) geraten. Im weiteren Verlauf des Gesprächs kommen sie aber auf neue Gedanken. Diese werden wiederum mittels der Fragetechnik auf ihre Stimmigkeit überprüft. Schließlich gelingt es dem mäeutisch Befragten, entweder den tatsächlichen Sachverhalt selbst zu entdecken oder sich zumindest der Wahrheit anzunähern. Diese Hilfe beim Suchen und Finden von Erkenntnissen, wobei auf Belehrung konsequent verzichtet wird, erscheint in Platons Darstellung als spezifisch sokratische Alternative zur konventionellen Wissensvermittlung durch Weiterreichen und Einüben von Lehrstoff.
.. zielführendes Fragen, um seine Gesprächspartner dazu zu bringen , vorhandene irrige Vorstellungen zu durchschauen und aufzugeben. Damit diese "Mäeutik des Sokrates" funktioniert, sollte der Gesprächspartner allerdings auch antworten. Platons Dialoge, im Allgemeinen und der von Platon beschriebene Dialog zwischen Menon und Sokrates , bezüglich .... eines Sklaven , den Sokrates auf diese Weise Mathematik erklärt ... , im Besonderen, geben dafür ein beredtes Zeugnis ab.
AndreaH hat geschrieben :
So 7. Aug 2022, 01:34

Sich selbst zurückzunehmen fällt nicht immer leicht, doch es lohnt sich, denn der Fokus verändert sich.
Daher habe ich derzeit meinen Schwerpunkt auf das Lesen gelegt. ;) Ich lese gerne bei euch mit!
Ich finde "Geschichte" selbst interessant, ihr einfach zuhören und sie wahrzunehmen ohne sie zu bewerten.
Manchmal entsteht dann wie bei einem Mosaik ein Bild.


Um dazu auf das Thema dieses Threads zurück zu kommen und du gerne bei uns mitgelesen hast , du also über unseren Dialog informiert bist ..
Timberlake hat geschrieben :
Di 2. Aug 2022, 20:26
Was würdest du denn meinen, mit wem von uns beiden würdest du die Rolle des Theophan bzw. des Adrast besetzen?

Dazu ein Tipp ... wenn man deine , wie auch Nauplios Beiträge , mit den meinen vergleicht, von welchen könnte man die Aufrichtigkeit , im Umgang mit der Naziverganheit , im Allgemeinem und bezüglich dem Umgang mit Hans Robert Jauss , im Besonderen lernen ...
was würdest du denn meinen , mit wem von uns würdest du die Rolle des Theophan bzw. des Adrast besetzen! ( Um den Kontext dieser Frage zu verstehen, bitte diesen Beitrag zur Gänze wieder aufrufen) Von @Erasmus bzw. @Nauplios bekam ich bisher keine Antwort auf diese Frage und ich denke mal mit gutem Grund. Kann doch auch das Schweigen .auf eine Frage , gleichfalls ein beredtes Zeugnis ablegen.

Aus den von dir beschriebenen o.g. Gründen , brauchst du natürlich nicht anworten. In dem du von einem Fokus sprichst, der sich verändert habe und ich mit meinen Beiträge , eben genau das, bezüglich der hier diskutierten "Schematische Ostrakisierung" , gemäß der Mäeutik des Sokrates bezweckt habe , so solllte sich diese Frage eigentlich schon erübrigt haben. ;)
Zuletzt geändert von Timberlake am Mo 8. Aug 2022, 00:56, insgesamt 3-mal geändert.




Benutzeravatar
AndreaH
Beiträge: 441
Registriert: Mo 18. Jan 2021, 21:04
Wohnort: Österreich

Mo 8. Aug 2022, 00:40

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 7. Aug 2022, 10:05
Lesen ist gut.

Schreiben ist aber auch nicht schlecht. ;)

Beim Schreiben "zwingt" man sich dazu, das, was man vielleicht bloß vage oder implizit denkt, in Form zu bringen. Das kann, muss aber natürlich nicht, z.b ein Klärungsprozess sein.
Das stimmt! Schreiben fordert doch noch einmal anderes die Denkprozesse.




Benutzeravatar
Nauplios
Beiträge: 2265
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Mo 8. Aug 2022, 00:45

AndreaH hat geschrieben :
Mo 8. Aug 2022, 00:28
Neben meiner Lektüre lese ich hauptsächlich bei euch mit. :)
Ich hatte mit meiner Frage die verwegene Vorstellung verbunden, etwas mehr über den Gegenstand dieser Lektüre in Erfahrung zu bringen. :o ;)



neptunem procul e terra spectare furentem
(vom Land aus das fern rasende Meer anschauen)

- Horaz -

Timberlake
Beiträge: 734
Registriert: Mo 16. Mai 2022, 01:29
Wohnort: Shangrila 2.0

Mo 8. Aug 2022, 00:59

Nauplios hat geschrieben :
Mo 8. Aug 2022, 00:45
AndreaH hat geschrieben :
Mo 8. Aug 2022, 00:28
Neben meiner Lektüre lese ich hauptsächlich bei euch mit. :)
Ich hatte mit meiner Frage die verwegene Vorstellung verbunden, etwas mehr über den Gegenstand dieser Lektüre in Erfahrung zu bringen. :o ;)
Dann sollte doch bitteschön der Gegenstand dieser Lektüre , auch das Thema dieses Threads zum Gegenstand haben. Alles andere wäre indes für mich mit einer "verwegene Vorstellung" verbunden. ;)




Benutzeravatar
AndreaH
Beiträge: 441
Registriert: Mo 18. Jan 2021, 21:04
Wohnort: Österreich

Mo 8. Aug 2022, 22:49

Timberlake hat geschrieben :
Mo 8. Aug 2022, 00:35
AndreaH hat geschrieben :
So 7. Aug 2022, 01:34

In meiner Lehrzeit sagte mir einmal mein damaliger Chef: "Andrea, wenn du etwas verstehen und lernen möchtest, solltest du zuhören können!"
und in meiner Lehrzeit sagte ich mir damals selbst : Timberlake, wenn du jemanden etwas verstehen und lernen lassen möchtest, spolltest du Fragen stellen können .
  • Die Mäeutik des Sokrates
    Die Geburtshilfe, die Sokrates leistet, besteht in seiner Technik des zielführenden Fragens. Mit ihr bringt er seine Gesprächspartner dazu, vorhandene irrige Vorstellungen zu durchschauen und aufzugeben. Das führt oft dazu, dass sie in eine Ratlosigkeit (Aporie) geraten. Im weiteren Verlauf des Gesprächs kommen sie aber auf neue Gedanken. Diese werden wiederum mittels der Fragetechnik auf ihre Stimmigkeit überprüft. Schließlich gelingt es dem mäeutisch Befragten, entweder den tatsächlichen Sachverhalt selbst zu entdecken oder sich zumindest der Wahrheit anzunähern. Diese Hilfe beim Suchen und Finden von Erkenntnissen, wobei auf Belehrung konsequent verzichtet wird, erscheint in Platons Darstellung als spezifisch sokratische Alternative zur konventionellen Wissensvermittlung durch Weiterreichen und Einüben von Lehrstoff.
.. zielführendes Fragen, um seine Gesprächspartner dazu zu bringen , vorhandene irrige Vorstellungen zu durchschauen und aufzugeben. Damit diese "Mäeutik des Sokrates" funktioniert, sollte der Gesprächspartner allerdings auch antworten. Platons Dialoge, im Allgemeinen und der von Platon beschriebene Dialog zwischen Menon und Sokrates , bezüglich .... eines Sklaven , den Sokrates auf diese Weise Mathematik erklärt ... , im Besonderen, geben dafür ein beredtes Zeugnis ab.
AndreaH hat geschrieben :
So 7. Aug 2022, 01:34

Sich selbst zurückzunehmen fällt nicht immer leicht, doch es lohnt sich, denn der Fokus verändert sich.
Daher habe ich derzeit meinen Schwerpunkt auf das Lesen gelegt. ;) Ich lese gerne bei euch mit!
Ich finde "Geschichte" selbst interessant, ihr einfach zuhören und sie wahrzunehmen ohne sie zu bewerten.
Manchmal entsteht dann wie bei einem Mosaik ein Bild.


Um dazu auf das Thema dieses Threads zurück zu kommen und du gerne bei uns mitgelesen hast , du also über unseren Dialog informiert bist ..
Timberlake hat geschrieben :
Di 2. Aug 2022, 20:26
Was würdest du denn meinen, mit wem von uns beiden würdest du die Rolle des Theophan bzw. des Adrast besetzen?

Dazu ein Tipp ... wenn man deine , wie auch Nauplios Beiträge , mit den meinen vergleicht, von welchen könnte man die Aufrichtigkeit , im Umgang mit der Naziverganheit , im Allgemeinem und bezüglich dem Umgang mit Hans Robert Jauss , im Besonderen lernen ...
was würdest du denn meinen , mit wem von uns würdest du die Rolle des Theophan bzw. des Adrast besetzen! ( Um den Kontext dieser Frage zu verstehen, bitte diesen Beitrag zur Gänze wieder aufrufen) Von @Erasmus bzw. @Nauplios bekam ich bisher keine Antwort auf diese Frage und ich denke mal mit gutem Grund. Kann doch auch das Schweigen .auf eine Frage , gleichfalls ein beredtes Zeugnis ablegen.

Aus den von dir beschriebenen o.g. Gründen , brauchst du natürlich nicht anworten. In dem du von einem Fokus sprichst, der sich verändert habe und ich mit meinen Beiträge , eben genau das, bezüglich der hier diskutierten "Schematische Ostrakisierung" , gemäß der Mäeutik des Sokrates bezweckt habe , so solllte sich diese Frage eigentlich schon erübrigt haben. ;)
;) ich bin in der Philosophie autodidaktisch unterwegs Timberlake. Aus diesem Grund bin ich auch nicht der optimalste Gesprächspartner für dich.
Daher passt für mich "das Zuhören" wie angegossen und für dich "das Fragen" stellen.




Antworten