Schematische Ostrakisierung

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Nauplios
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"Hätte nicht diese schematische Ostrakisierung stattgefunden, dann hätte er eher über seine Vergangenheit gesprochen." (Dieter Henrich; Ins Denken ziehen. Eine philosophische Autobiographie; S. 101)

"Was mich zu der Entscheidung gebracht hat, in die Waffen-SS einzutreten, war keine wirkliche Anhängerschaft an die Nazi-Ideologie." (Hans Robert Jauss im Gespräch mit Maurice Olender; Le Monde; 06. September 1996)

"Nach heutiger Rechtsauffassung zu NS-Verbrechen, die das funktionale Sein und Mitwirken am Tatort als Mittäterschaft versteht ('funktionelle Mittäterschaft'), kann es keinen Zweifel daran geben, daß Jauss ein Kriegsverbrecher war." (Jens Westemeier; Hans Robert Jauss. Jugend, Krieg und Internierung; S. 272)

"Er [Jauss] war nur Soldat." (Wolfgang Schuller; Anatomie einer Kampagne. Hans Robert Jauß und die Öffentlichkeit; S. 92)

Der 09. November 2014 markiert in der causa Jauss ein wichtiges Datum. An diesem Abend fand im Audimax der Universität Konstanz eine denkwürdige Theateraufführung statt. Gegeben wurde Gerhard Zahners Stück "Die Liste der Unerwünschten", Szenen aus dem Leben von Hans Robert Jauß mit Luc Feit in der Rolle des Hans Robert Jauß.

Zahners Stück, die Umstände seiner Aufführung an der Universität Konstanz, das Gutachten Westemeiers sowie die Reaktionen darauf und die Vorgeschichte zum "Fall Jauß" will ich in diesem Thread kurz darstellen, um die Frage, wie wir Vergangenheit erfahren und erinnern ins Allgemeine aufzuweiten.




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Mo 25. Jul 2022, 22:54

Als am 30. Januar 1933 Hitler zum Reichskanzler ernannt wird, ist Hans Robert Jauss zwölf Jahre alt. Vier Wochen vorher war sein Vater dem nationalsozialistischen Lehrerbund beigetreten; Mitglied der NSDAP wurde er am 01. Januar 1940.
Die Mutter Marianne tritt 1934 in die NS-Frauenschaft ein. Beide treten aus der Kirche aus und schließen sich den "Deutschen Christen" an, einer rassistischen und vor allem antisemitischen Gruppe, die sich nach dem Führerprinzip organisiert und als "SA Jesu Christi" versteht.

Hans Robert Jauß ist von seinem Elternhaus, aber auch durch den Besuch der Schule frühzeitig mit der Ideologie des Nationalsozialismus bekannt geworden. Auch seine große Jugendliebe Heida Vollmar tritt nach der Erlangung des Reifezeugnis in die NSDAP ein, ebenso sein enger Schulfreund Robert Egelhof. Zu diesem Zeitpunkt trägt Jauß bereits die Uniform der Waffen-SS, zu der er sich mit 17 Jahren freiwillig meldet.

In der Waffen-SS ist sein letzter Dienstgrad der eines SS-Hauptsturmführers, was dem eines Hauptmanns in der Wehrmacht entsprach. Schon bei der HJ ist Jauß den Vorgesetzten positiv aufgefallen; 1936 qualifiziert er sich für einen Führungslehrgang, auf dem er in "Rassekunde" unterrichtet wird. Auch als Offizier der Waffen-SS wird Jauß durch seine Führungsstärke auffallen. Die nationalsozialistischen Ideale hat er verinnerlicht wie viele, die ihre Kindheit und Jugend im Dritten Reich erlebten. In seinem Gutachten für die Universität Konstanz schreibt Jens Westemeier achtzig Jahre später: "Hans Robert Jauß war (...) die idealtypische Sozialfigur des begeisterten NS-Aktivisten." (Hans Robert Jauß. Jugend, Krieg und Internierung; S. 35)




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Mo 25. Jul 2022, 23:19

Als am 01. September 1939 das Deutsche Reich Polen überfällt, ist die Kriegsbegeisterung unter den Jugendlichen groß. Viele junge Männer melden sich freiwillig zur Wehrmacht. Auch Jauß meldet sich freiwillig, aber nicht zur Wehrmacht, sondern zum bewaffneten Arm der SS, zur sogenannten SS-Verfügungstruppe. Hitler hatte am 17. August 1938 verfügt: "Sie [die Waffen-SS] ist eine stehende bewaffnete Truppe, zu meiner ausschließlichen Verfügung. In den Reihen des Heeres nach Bewährung im Felde in die Heimat zurückgekehrt, werden die Verbände der Waffen-SS die Autorität besitzen, ihre Aufgaben als Staatspolizei durchzuführen."

Die Waffen-SS waren Hitlers politische Soldaten. Himmlers Credo war es, daß die SS eine Elitetruppe des Nationalsozialismus war und daß sie ein Modell für das nationalsozialistische Menschbild war, geprägt von Rassenwahn und Antisemitismus. Aus der SS sollte sich nach Hitler "in hundert Jahren die ganze deutsche Führerschaft" rekrutieren. Die Waffen-SS insbesondere war der ideale Ort für alle, die im NS-Staat aufsteigen wollten. Zu ihnen gehörte Jauß, Klassenbester im Gymnasium, Oberjungzugführer in der HJ und seit März 1940 SS-Schütze mit der Nummer 401359.




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Di 26. Jul 2022, 00:05

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9783835390829l.png (123.29 KiB) 508 mal betrachtet
(Hans Robert Jauß als SS-Unterscharführer 1941)

Als Hans Robert Jauß am 23. Oktober 1939 seinen Dienst bei der SS-Standarte Deutschland antritt, steht auf dem Koppelschloß seiner Uniform "Meine Ehre heißt Treue". Westemeier betont, daß es nicht nur die militärische Ausbildung war, die den Anwärtern zuteil wurde, sondern gleichgewichtet dazu die weltanschauliche Schulung in den Themen "Blut und Boden", "Judentum", "Bolschewismus", "Geschichte des deutschen Volkes" u.ä.

Bei der Vereidigung haben die Rekruten den Eid auf den Führer abzulegen: "Ich schwöre Dir, Adolf Hitler, als Führer und Kanzler des Reiches, Treue und Tapferkeit. Ich gelobe Dir und den von Dir bestimmten Vorgesetzten Gehorsam bis in den Tod." - Auch Jauß leistet diesen Eid, vermutlich am 08. November 1939 auf dem Odeonsplatz vor der Feldherrnhalle in München unter Anwesenheit von Himmler und Hitler. Der 08. November ist für die NSDAP der Tag, an dem sie u.a. der Opfer im "inneren Freiheitskampf" der Partei gedenkt. Der Hintergrund ist der Mythos von der "geschichtlichen Sendung des Führers". Hitler entgeht am Abend im Bürgerbräukeller knapp dem Bombenanschlag Georg Elsers. Jauß schreibt erleichtert in sein Tagebuch: "Eine Fügung, denn er hat seine geschichtliche Aufgabe noch nicht ganz erfüllt." (Westemeier; S. 45)




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Di 26. Jul 2022, 00:32

Am 25. März 1940 wird Hans Robert Jauß "ordentlicher SS-Mann". Er ist jetzt Angehöriger des "SS-Ordens"; auf dem rechten Kragenspiegel trägt er die doppelte Sig-Rune.

Mit der Leibstandarte Adolf Hitler, der Totenkopf-Division und der Verfügungstruppe stellt Himmlers SS drei Verbände für den Angriff auf Frankreich im Mai 1940. Die Waffen-SS hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Massaker an polnischen Juden verübt. Der Überfall auf Frankreich erfolgte über Holland und Belgien. Jauß gehört dem Granatwerferzug des III. Bataillons (SS-Regiment Deutschland) an. An den Schulfreund Robert Egelhof schreibt er: "Du fragst nach meinen Eindrücken und erinnerst mich an meine frühere Einstellung zum Krieg - als ob er etwas Unnatürliches wäre. So dachte ich noch am ersten Tag. Dann aber lernte ich einsehen, wofür ich kämpfte: nicht für eine Vergrößerung Deutschlands, nicht um das Vaterland zu verteidigen, nicht um Englands Weltmacht zu stürzen: für ein neues Europa." (Westemeier; S. 51) Das "neue Europa" ist ein SS-geführtes Europa, das die "Vernichtung der jüdischen Rasse" (Hitler 1939) zur Voraussetzung hat.




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Di 26. Jul 2022, 01:05

Jauß' Beförderung zum SS-Sturmmann erfolgte am 09. November 1940. Als Abiturient, ehemaliger HJ-Führer und weil er sich an der Front "bewährt" hatte, besaß er die Voraussetzung zum Lehrgang an einer der Junkerschulen des Dritten Reichs. Die Junkerschulen waren die Elite-Schmieden der Waffen-SS. "Führeranwärter wurden nicht gegen ihren Willen an die Junkerschulen geschickt." (Westemeier; S. 55). Im Frühjahr 1941 nahm Jauß in Radolfzell vom 01. März bis 31. Mai am 04. Kriegs-Reserve-Führer-Anwärter-Lehrgang teil. Das obige Photo zeigt ihn in Radolfzell. 147 Teilnehmer bestanden den Lehrgang; Jauß war der viertjüngste.

Am 22. Juni 1941 überfiel Nazi-Deutschland die Sowjetunion. Jauß schreibt am 27. Juni in einem Feldpostbrief: "Es ist ja fast wie ein Naturgesetz, wie sich uns ein Nachbar nach dem andern zum Kampfe stellt, wie wir uns mit jedem erst messen müssen, ehe wir als neue Größe aufsteigen können." (Westemeier; S. 62)

Seit 1940 hatte die SS damit begonnen, "germanische" Freiwillige anzuwerben. Niederländern stand beispielsweise der Weg zur SS-Standarte Westland offen. In der Terminologie der Waffen-SS waren es "ausländische Freiwillige", die sich zum "Kampf gegen den Bolschewismus" gemeldet hatten. Später ging daraus die Freiwilligen-Legion Niederlande hervor, Jauß' neuer Verband ab August 1941.




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Di 26. Jul 2022, 01:36

"Ebenso war mir nicht unbekannt, daß auch hin und wieder im Osten Kriegsgefangene erschossen worden sind, jedoch im Rahmen der Gegenseitigkeit; denn diese Kriegsgefangenen wurden meist dann von der Waffen-SS erschossen, wenn man erfahren hatte, daß auf der Feindseite deutsche Kriegsgefangene auf der Feindseite umgebracht waren. Wenn mir schließlich noch vorgehalten wird, daß seitens der Waffen-SS nachweislich eine Reihe von Kriegsverbrechen ausgeübt worden seien, so bestreite ich entschieden, von diesen Verbrechen etwas gehört zu haben. Diese meine Nichtkenntnis bezieht sich nicht nur auf die SS-Divisionen Das Reich und Nederlande, denen ich angehört habe, sondern auch auf alle anderen Waffen-SS-Einheiten." (Spruchkammerakte Jauß, Vernehmung Jauß vom 14. 10. 1947)

Am 01. August 1942 übernimmt Jauß die Führung der 12. Maschinen-Gewehr-Kompanie. Ihm unterstehen zu diesem Zeitpunkt mehr als hundert Männer. Ursprünglich sollte eine MG-Kompanie 177 Mann mit 12 schweren MGs stark sein. Jauß liegt mit dem III. Bataillon vor Leningrad und ist beteiligt am "Leningrader Ring". Die Belagerung Leningrads (heute St. Petersburg) dauerte 872 Tage. Fast eine Million Menschen starben, die meisten verhungerten infolge der Blockade durch Wehrmacht und SS.




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Di 26. Jul 2022, 02:01

"Ein abgeschossener Arm, eine Fliegerbombe in einer friedlichen Stadt, ein Massengrab - alles für sich betrachtet ist sinnlos (...) Aber ist das Kämpfen sinnlos, das Bestehen einer Gefahr, die unerschütterliche Haltung vor dem Tod, die Kameradschaft im Graben? Sieh, hier gibt es einen ganz persönlichen Sinn für mich und auch für dich einmal." (Hans Robert Jauß am 20.11.1942 in einem Feldpostbrief an seinen Bruder Gerhard.)

August 1979. In Innsbruck findet der IX. Kongreß der Association Internationale de Littérature Comparée statt. Hans Robert Jauß ist ein international anerkannter Literaturwissenschaftler, das Gesicht der deutschen Romanistik, Gründungsmitglied der Universität Konstanz. Hier in Insbruck ist er in der Welt der Gelehrten. Auf der Tagung leitet er die Sektion "Literarische Kommunikation und Rezeption". Seine Autorität in der Literaturwissenschaft ist international anerkannt und unbestritten.

An diesem Kongreß nimmt auch ein 27-jähriger Amerikaner teil, Earl Jeffrey Richards, der im Jahr davor erst in vergleichender Literaturwissenschaft promoviert worden war. Richards geht auf Jauß zu und fragt ihn, ob es wahr sei, daß er Mitglied der SS gewesen sei. Jauß sieht ihn kurz an, dreht sich wortlos um und geht.




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Di 26. Jul 2022, 02:43

"Bei diesem Angriff der Einheit Jauß hatten die Partisanen mindestens 50 bis 55 Tote." (Gefechtsbericht des SS-Untersturmführers Jan Hendrik Wessel vom 04. Oktober 1943)

Hans Robert Jauß wird im Herbst 1943 mit seiner Einheit zur Partisanenbekämpfung im heutigen Kroatien eingesetzt, in der Nähe von Zagreb. Der Einsatz in Kroatien dauert knapp vier Monate. Jauß' Kompanie ist an "Sühnemaßnahmen" gegen "Banditen" beteiligt. Das Dorf Petrovsko wird von der Waffen-SS niedergebrannt, zwei Kinder werden dabei in einem Haus verbrannt, zwei weitere Menschen erschossen.

"Hans Robert Jauß nahm als Kompanieführer mit seiner Einheit am sog. Bandenkampf wie auch an Sühnemaßnahmen teil. Eine individuelle Tatbeteiligung an der Vernichtung Petrovskos und umliegender Weiler sowie der Ermordung von Antun Antolić kann mit Dokumenten nicht belegt werden. Ein forensischer Beweis muss nach 70 Jahren ausbleiben. (...) Durch seine Funktion als Kompanieführer trug Jauß Mitverantwortung an den Verbrechen des Bataillons, dem seine Kompanie angehörte. Es ist völlig ausgeschlossen, daß er als Kompanie- und Marschgruppenführer im Einsatz von den Verbrechen keine Kenntnis hatte." (Westemeier; S. 116f.)




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Nauplios
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Di 26. Jul 2022, 03:18

hans-robert-jauss.jpg
hans-robert-jauss.jpg (1.4 MiB) 493 mal betrachtet
(Hans Robert Jauß)

Es sind hoch dotierte Gastprofessuren, die Jauß 1973 an die Columbia University führen, 1976 zur Elite-Universität nach Yale und Berkeley (1983). Er kann es sich sogar leisten, einen Ruf nach Yale abzulehnen.

Elite-Universität - das Wort hat an dieser Stelle einen seltsamen Klang.

Im Mai 1985 besuchten Kohl und Reagan den Soldatenfriedhof in Bitburg. Auf diesem Friedhof waren auch Angehörige der Waffen-SS beerdigt. In den USA gab es ebenso wie in der Bundesrepublik eine Debatte. Für das Thema "Waffen-SS" war man auch an der Princeton University sensibilisiert als es um die Ehrenmitgliedschaft von Jauß in der "Modern Language Association of America" (MLA) ging. Ralf Freedman, Lehrstuhlinhaber für vergleichende Literaturwissenschaften an der Princeton University schrieb an Jauß, bei den Mitgliedern der MLA bestünden Fragen hinsichtlich einer Mitgliedschaft von Jauß in der SS und bat um kollegiale Aufklärung.

Die Vergangenheit holt Hans Robert Jauß ein. Eine glänzende wissenschaftliche Karriere wird immer mehr überschattet von der Karriere in der Waffen-SS.




Timberlake
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Di 26. Jul 2022, 10:50

Nauplios hat geschrieben :
Mo 25. Jul 2022, 18:27
"Hätte nicht diese schematische Ostrakisierung stattgefunden, dann hätte er eher über seine Vergangenheit gesprochen." (Dieter Henrich; Ins Denken ziehen. Eine philosophische Autobiographie; S. 101)
Dann wäre "er" aber eine Ausnahme gewesen. Schließlich kann von einer schematische Ostrakisierung .. sprich einer Verbannung, auf Grund eines Scherbengerichts .. von ehemaligen Nazis , insbesonderer in der BRD keine Rede sein ..
  • Globke, Filbinger, Fassbinder, Walser, Flick
    Bundeskanzler Konrad Adenauer beruft den Juristen Hans Globke zum Staatssekretär. Globke war unter Hitler an der Ausarbeitung der Nürnberger Rassegesetze beteiligt. Adenauer kommentiert die Debatte mit den Worten: „Man schüttet kein schmutziges Wasser weg, solange man kein sauberes hat.
Wo hätten denn dieses , wieder zu Amt und Ehren kommende "schmutzige Wasser" jemals über ihre Vergangenheit gesprochen?


Wenn Nazis nicht von ihrer Vergangeheit sprechen , dann doch wohl eher wegen des "schematischen" Ekels ...
Das mir dieser Ekel durchaus selbst ein Begriff ist , wird im übrigen dadurch deutlich, dass ich seiner Zeit in der DDR , als Soldat im Wachregiment "Feliks Dzierzynski" in einer Organisation verankert war , die in seiner , wohlgemerkt .. reinen Funktion! , mit der Waffen SS vergleichbar ist. Somit ich einmal davon ausgehe , dass ich gleichfalls "schmutziges Wasser" gewesen wäre. Konjunktiv ! .. einer Gnade , der späten Geburt sei dank.




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Nauplios
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Di 26. Jul 2022, 13:45

Am 09. November 1944 wird Hans Robert Jauß mit gerade mal 23 Jahren zum SS-Hauptsturmführer der Reserve befördert. "Nach Durchsicht der vorliegenden Unterlagen konnte bisher kein jüngerer SS-Hauptsturmführer nachgewiesen werden." (Westemeier; S. 152)

Jauß gehört zu diesem Zeitpunkt der Brigade Charlemagne an. Seit Juni 1943 erlaubte es das Vichy-Regime in Frankreich jungen Franzosen in die Waffen-SS einzutreten. "Die französische Führung der Brigade Charlemagne sowie die Inspektion der französischen Freiwilligenverbände hatten es mit zahlreichen Dienstvergehen (...) zu tun." (Westemeier; S. 153)

Edgar Puaud war französischer Brigadegeneral der Charlemagne. Er befahl den französischen Führern seiner Brigade alle störenden "Elemente" aus der Brigade "auszusortieren".

"Puaud als Kommandeur (...) sowie Gamory-Dubourdeau als Regimentskommandeur (...) hatten das letzte Wort. Sie erhielten die Listen, überprüften, änderten, fassten zusammen und unterschrieben sie. (...) Diese 'Listen der Unerwünschten' [les indésirables] führten nicht nur die 'Aussortierten' auf. Es wurden auch diejenigen aufgenommen, die bereits seit längerer Zeit, insbesondere wegen Fahnenflucht und unerlaubter Entfernung von der Truppe, als Untersuchungshäftlinge arrestiert waren ... Die deutsche Inspektion [nahm] inhaltlich und en detail keinen Einfluß." (Westemeier; S. 155)

Der von der Universität Konstanz beauftragte Gutachter Jens Westemeier kommt zu folgendem Schluß:

"Die Selektion der politisch und machtpolitisch 'Unerwünschten' (...) war ein interner französischer Vorgang. (...) Jauß hatte mit der Erstellung der Liste, also einem Mix aus 'Unerwünschten' und Untersuchungshäftlingen, nichts zu tun. Er hat weder 'Unerwünschte' auf die Liste gesetzt, noch die Zusammenstellung abgezeichnet." (Westemeier; S. 156)




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Jörn Budesheim
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Di 26. Jul 2022, 13:50

Kannst du andeuten, welches Ziel du in diesem Faden verfolgst?




Timberlake
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Di 26. Jul 2022, 14:15

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 26. Jul 2022, 13:50
Kannst du andeuten, welches Ziel du in diesem Faden verfolgst?

Nach meinem Eindruck , so wie Nauplios sich in die Nazivergangenheit Hans Robert Jauß vertieft ..
Nauplios hat geschrieben :
Mo 25. Jul 2022, 18:27
"Hätte nicht diese schematische Ostrakisierung stattgefunden, dann hätte er eher über seine Vergangenheit gesprochen." (Dieter Henrich; Ins Denken ziehen. Eine philosophische Autobiographie; S. 101)

.. so hat dieser Faden bzw. dieser Thread zum Ziel, das nach zu holen, was Hans Robert Jauß , auf Grund der "schematische Ostrakisierung", versäumt hat und zwar über eben jene Vergangenheit zu sprechen. Insofern mich seine Motive dazu interessieren würden.
Nauplios hat geschrieben :
Di 26. Jul 2022, 02:01
"Ein abgeschossener Arm, eine Fliegerbombe in einer friedlichen Stadt, ein Massengrab - alles für sich betrachtet ist sinnlos (...) Aber ist das Kämpfen sinnlos, das Bestehen einer Gefahr, die unerschütterliche Haltung vor dem Tod, die Kameradschaft im Graben? Sieh, hier gibt es einen ganz persönlichen Sinn für mich und auch für dich einmal." (Hans Robert Jauß am 20.11.1942 in einem Feldpostbrief an seinen Bruder Gerhard.)

August 1979. In Innsbruck findet der IX. Kongreß der Association Internationale de Littérature Comparée statt. Hans Robert Jauß ist ein international anerkannter Literaturwissenschaftler, das Gesicht der deutschen Romanistik, Gründungsmitglied der Universität Konstanz. Hier in Insbruck ist er in der Welt der Gelehrten. Auf der Tagung leitet er die Sektion "Literarische Kommunikation und Rezeption". Seine Autorität in der Literaturwissenschaft ist international anerkannt und unbestritten.

An diesem Kongreß nimmt auch ein 27-jähriger Amerikaner teil, Earl Jeffrey Richards, der im Jahr davor erst in vergleichender Literaturwissenschaft promoviert worden war. Richards geht auf Jauß zu und fragt ihn, ob es wahr sei, daß er Mitglied der SS gewesen sei. Jauß sieht ihn kurz an, dreht sich wortlos um und geht.
So könnte ich mir vorstellen , dass Nauplios damit versucht seine "Autorität in der Literaturwissenschaft" zu relativieren. In dem , so zu mindest mein Eindruck , ein direkter Zusammenhang damit bisher nicht ersichtlich ist , nach meiner Einschätzung bisher allerdings ein vergeblicher Versuch.
Zuletzt geändert von Timberlake am Di 26. Jul 2022, 14:37, insgesamt 1-mal geändert.




Erasmus
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Di 26. Jul 2022, 14:28

Timberlake hat geschrieben :
Di 26. Jul 2022, 14:15
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 26. Jul 2022, 13:50
Kannst du andeuten, welches Ziel du in diesem Faden verfolgst?

Nach meinem Eindruck , so wie Nauplios sich in die Nazivergangenheit Hans Robert Jauß vertieft ..
Nauplios hat geschrieben :
Mo 25. Jul 2022, 18:27
"Hätte nicht diese schematische Ostrakisierung stattgefunden, dann hätte er eher über seine Vergangenheit gesprochen." (Dieter Henrich; Ins Denken ziehen. Eine philosophische Autobiographie; S. 101)

.. so hat dieser Faden bzw. dieser Thread zum Ziel, das nach zu holen, was Hans Robert Jauß , auf Grund der "schematische Ostrakisierung", versäumt hat und zwar über eben jene Vergangenheit zu sprechen. Insofern mich seine Motive dazu interessieren würden.
Welche Motive? Nicht zu sprechen, oder zu tun, was er tat?




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Nauplios
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Di 26. Jul 2022, 14:31

2013 - Jauß starb 1997 - wendet sich ein Rechtsanwalt an den Konstanzer Professor für Neuere Deutsche Literatur und allgemeine Literaturwissenschaft Albrecht Koschorke. Der Anwalt Gerhard Zahner hat ein Theaterstück verfaßt über Hans Robert Jauß verfaßt und möchte es an der Konstanzer Universität aufführen lassen, just dort im Audimax, in dem Jauß am 13. April 1967 seine berühmte Antrittsvorlesung gehalten hatte.

Das Theaterstück von Zahner trägt den Titel "Die Liste der Unerwünschten". Sein Text ist meines Wissens nie veröffentlicht worden und auch Recherchen im Internet führen nicht weiter. (Falls jemand den Text dieses Stückes im Netz finden sollte, bitte einen Link dahin hier einstellen.)

Die Universitätsleitung hat 2014 mitgeteilt, sie habe einen Gutachter beauftragt, die Biographie von Jauß von 1939 bis 1945 sowie dessen "ideologische Wurzeln" zu erforschen. - Noch bevor dieses Gutachten fertig ist, kommt es mit Erlaubnis des Rektors Ulrich Rüdiger zur Aufführung von Zahners Einpersonenstück. Die Person ist Hans Robert Jauß, der Text hat die Form eines autobiographischen Monologs. Inhaltlich geht es darum, Jauß habe französische Freiwillige auf ihre Eignung zum Dienst in der SS geprüft und diejenigen, die seinen Eignungstest nicht bestanden hätten, in das KZ Stutthoff bei Danzig verbringen lassen. Diese Ausselektierten seien gemeint mit der "Liste der Unerwünschten".

Das von ihr selbst bestellte Gutachten Westemeiers ("Jauß hatte mit der Erstellung der Liste nichts zu tun") liegt der Universität noch nicht vor!

Der Konstanzer "seemoz", eine kleine örtliche Online-Zeitschrift, verfaßt nach der Aufführung von Zahners Theaterstück mehrere Artikel zur causa Jauß, u.a. "Konzentrationsgeruch" im Audimax. Der Südkurier greift die Sache auf und dann schalten sich die Feuilletons der überregionalen Tageszeitungen ein.




Timberlake
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Di 26. Jul 2022, 14:49

Erasmus hat geschrieben :
Di 26. Jul 2022, 14:28
Timberlake hat geschrieben :
Di 26. Jul 2022, 14:15
Jörn Budesheim hat geschrieben :
Di 26. Jul 2022, 13:50
Kannst du andeuten, welches Ziel du in diesem Faden verfolgst?

Nach meinem Eindruck , so wie Nauplios sich in die Nazivergangenheit Hans Robert Jauß vertieft ..
Nauplios hat geschrieben :
Mo 25. Jul 2022, 18:27
"Hätte nicht diese schematische Ostrakisierung stattgefunden, dann hätte er eher über seine Vergangenheit gesprochen." (Dieter Henrich; Ins Denken ziehen. Eine philosophische Autobiographie; S. 101)

.. so hat dieser Faden bzw. dieser Thread zum Ziel, das nach zu holen, was Hans Robert Jauß , auf Grund der "schematische Ostrakisierung", versäumt hat und zwar über eben jene Vergangenheit zu sprechen. Insofern mich seine Motive dazu interessieren würden.
Welche Motive? Nicht zu sprechen, oder zu tun, was er tat?
.. weder noch .. wenn Nauplios sich zu den , von mir vermuteten Motiv bekennt , als da wäre ....

Timberlake hat geschrieben :
Di 26. Jul 2022, 14:15
Nauplios hat geschrieben :
Di 26. Jul 2022, 02:01
"Ein abgeschossener Arm, eine Fliegerbombe in einer friedlichen Stadt, ein Massengrab - alles für sich betrachtet ist sinnlos (...) Aber ist das Kämpfen sinnlos, das Bestehen einer Gefahr, die unerschütterliche Haltung vor dem Tod, die Kameradschaft im Graben? Sieh, hier gibt es einen ganz persönlichen Sinn für mich und auch für dich einmal." (Hans Robert Jauß am 20.11.1942 in einem Feldpostbrief an seinen Bruder Gerhard.)

August 1979. In Innsbruck findet der IX. Kongreß der Association Internationale de Littérature Comparée statt. Hans Robert Jauß ist ein international anerkannter Literaturwissenschaftler, das Gesicht der deutschen Romanistik, Gründungsmitglied der Universität Konstanz. Hier in Insbruck ist er in der Welt der Gelehrten. Auf der Tagung leitet er die Sektion "Literarische Kommunikation und Rezeption". Seine Autorität in der Literaturwissenschaft ist international anerkannt und unbestritten.

An diesem Kongreß nimmt auch ein 27-jähriger Amerikaner teil, Earl Jeffrey Richards, der im Jahr davor erst in vergleichender Literaturwissenschaft promoviert worden war. Richards geht auf Jauß zu und fragt ihn, ob es wahr sei, daß er Mitglied der SS gewesen sei. Jauß sieht ihn kurz an, dreht sich wortlos um und geht.
So könnte ich mir vorstellen , dass Nauplios damit versucht seine "Autorität in der Literaturwissenschaft" zu relativieren. In dem , so zu mindest mein Eindruck , ein direkter Zusammenhang damit bisher nicht ersichtlich ist , nach meiner Einschätzung bisher allerdings ein vergeblicher Versuch.
Weil es insbesondere in der Nazizeit um das "Befehlen und Gehorchen" ging , wüsste ich unter Bezugnahme auf Nietzsche noch ein anderes Motiv ..

  • Der Wollende nimmt dergestalt die Lustgefühle der ausführenden, erfolgreichen Werkzeuge, der dienstbaren »Unterwillen« oder Unter-Seelen – unser Leib ist ja nur ein Gesellschaftsbau vieler Seelen – zu seinem Lustgefühle als Befehlender hinzu. L'effect c'est moi: es begibt sich hier, was sich in jedem gut gebauten und glücklichen Gemeinwesen begibt, daß die regierende Klasse sich mit den Erfolgen des Gemeinwesens identifiziert. Bei allem Wollen handelt es sich schlechterdings um Befehlen und Gehorchen, auf der Grundlage, wie gesagt, eines Gesellschaftsbaus vieler »Seelen«: weshalb ein Philosoph sich das Recht nehmen sollte, Wollen an sich schon unter den Gesichtskreis der Moral zu fassen: Moral nämlich als Lehre von den Herrschafts-Verhältnissen verstanden, unter denen das Phänomen »Leben« entsteht.
    Nietzsche .. Jenseits von Gut und Böse
Zuletzt geändert von Timberlake am Di 26. Jul 2022, 15:12, insgesamt 7-mal geändert.




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Nauplios
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Di 26. Jul 2022, 15:02

Es geht am Beispiel von Jauß um die Sicht auf die Vergangenheit, in seinem Fall um die Sicht auf die NS-Vergangenheit. Zwei der großen Themen des Romanisten Jauß waren ja die Zeit und die Erinnerung. Seinen letzten Vortrag hielt Jauß am 15. Februar 1997: "Das Verstehen von Geschichte und seine Grenzen". Jauß konnte seinen Vortrag nicht beenden, da er bereits todkrank war; sein Nachfolger Karlheinz Stierle übernahm das für ihn. Zwei Wochen später starb er.

"Die noch verbliebene Frage, wie eine historische Hermeneutik mit Befunden von Unmenschlichkeit in der Geschichte fertig wird, die sich aller Sinnkonstitution versagen, möchte ich nicht mehr selbst beantworten." (Hans Robert Jauß; "Das Verstehen von Geschichte und seine Grenzen", in: "Probleme des Verstehens"; S. 210)

Ich gehe nicht davon aus, daß wir in diesem Thread die von Jauß angesprochene "historische Hermeneutik" leisten können, auch nicht, daß die "verbliebene Frage" hier beantwortet werden kann. Vielleicht lassen sich einzelne Aspekte dieser Hermeneutik ansprechen - vor dem Hintergrund der Jauß'schen Biographie und vor dem Hintergrund dessen, was Jauß als Initiator gemeinsam mit Hans Blumenberg, Clemens Heselhaus, Reinhart Koselleck, Dieter Henrich, Manfred Fuhrmann, Siegfried Kracauer u.a. dann in der Gruppe "Poetik und Hermeneutik" entwickelte.




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Stefanie
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Di 26. Jul 2022, 15:14

Es gibt einen Film basierend auf dem Theaterstück

https://www.didi-danquart.de/antrittsvorlesung.html



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
Königinnen ziehen ihr Schwert.
(Unbekannt)

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Jörn Budesheim
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Di 26. Jul 2022, 15:19

Was ist historische Hermeneutik? Verstehen der Geschichte?




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