Jörn P Budesheim hat geschrieben : ↑ Mo 22. Jun 2026, 08:15
Ich sehe hier keinen Widerspruch, sondern eher das Gegenteil. Das Recht des Stärkeren gilt, weil menschliche Beziehungen durch Verfügen ersetzt werden. Gewalt ist die Methode der Selbstjustiz gegen vermeintliche „Diebe“, die diesen Besitz bedrohen, also zum Beispiel:
„unser Land, unser Blut, unsere Sprache, unsere Frauen, unsere Vormachtstellung (als Weiße), unsere Schnitzel, unsere Autos, unsere Sichtweisen …“ Wer etwas davon angreift oder „stehlen“ will, muss nach faschistischer Logik mit Gewalt daran gehindert werden – gewissermaßen in Notwehr. Es zählt allein das Recht des Stärkeren. Die Härte, von der von Redecker spricht, ist die Reaktion des Faschisten auf den eingebildeten Verlust dieser (Phantom-)Besitztümer.
Es geht hier ja nicht um tatsächlichen Besitz. Frau von Redecker spricht davon, dass im Faschismus "Regieren und auch menschliche Beziehungen durch Verfügen ersetzt werden
sollen." Da wird also ein normativer Sollens-Anspruch formuliert. Es ist ein Unterschied, ob ich tatsächlich über etwas verfüge oder ob ich mir ein ideelles Eigentum vorstelle und mir einbilde, dass ich über diese Sache verfügen
sollte, obwohl ich faktisch nicht darüber verfüge. Die Vorstellung eines ideellen Eigentums ist auch notwendig, damit man Leute als "Diebe" oder damit man eine Handlung als "stehlen" bezeichnet. Wenn einfach nur das Recht des Stärkeren gelten würde, dann gäbe es keine Diebe. Wer stark genug ist, um eine Sache an sich zu reißen, ist nach dem Recht des Stärkeren eben der rechtmäßige Besitzer einer Sache.
Ein Eigentumsrecht, egal ob es sich um das imaginierte der Faschisten oder das staatlich etablierte handelt, wird nun einmal mit Gewalt durchgesetzt. Der Staat hat das Gewaltmonopol und dieses nutzt er, um die geltende Rechtsordnung mit Gewalt durchzusetzen. Deswegen tragen Polizisten die ganze Zeit Handschellen und Waffen mit sich herum, damit sie notfalls dem Recht aus dem StGB und dem BGB mit Gewalt Geltung verschaffen können. Jetzt denken sich die Faschisten halt: Cool, die Polizisten wenden Gewalt an, um Recht durchzusetzen, das wollen wir auch! Nur haben die Faschisten eine andere Vorstellung von Recht als die, die in unseren Gesetzbüchern niedergeschrieben ist.
Jörn hat geschrieben :
Nach meinem Verständnis hat sich von Redecker diese Frage durchaus gestellt und sie gibt – nach meinem Verständnis und verkürzt gesagt – folgende Antwort: Das „Our/Wir“ entsteht dadurch, dass Menschen, die eigentlich zersprengt, isoliert und einzeln sind, durch das faschistische „Besitz-Narrativ“ adressiert, also angesprochen werden. Diese Menschen sind aufgrund von Verlustängsten (Preiserhöhungen, unsichere Lebensverhältnisse) entsprechend ansprechbar. Sie verstehen sich dann als die rechtmäßigen Besitzer dieser „Dinge“, also als diejenigen, die gleichsam aufgerufen sind, die „richtige“ Besitzordnung (in ihrer Vorstellung: „wieder“) herzustellen.
Bis zu diesem Punkt wäre ein derartiger Aufruf noch mit einer rechtslibertären Weltanschauung vereinbar. Libertäre kennen ebenfalls eine Eigentumslogik, allerdings gibt es in ihrer Vorstellung kein Kollektiv, sondern nur Individuen, die das Eigentum an Sachen besitzen. In ihrer Weltanschauung wird dieses Eigentum durch Sozialisten weggenommen, die einfach zu viel Mitgefühl haben und deswegen dem Sozialstaat Geld in den Rachen schmeißen statt auf innovatives Unternehmertum zu setzen. Es kommt zu einer Entzweiung zwischen Faschisten und Libertären exakt bei der Frage, wem dieses Eigentum denn nun gehören soll. Bei Libertären ist es das Individuum, dem dieses Eigentum gehört. Da hat der Unternehmer dann eine große Luxus-Villa mit Swimming-Pool, welche er sich dann auch redlich erarbeitet hat. Bei Faschisten gehört das Eigentum dann dem Kollektiv. Wie man sich das faktisch vorstellen kann, ist sehr anschaulich in der Serie "The Man in the High Castle" dargestellt. Da wird der einzelnen Person die Wohnung oder das Haus dann vom Staat zugewiesen und braucht nicht mehr die Tür abzuschließen, weil das gegenseitige Vertrauen durch die Homogenisierung der Volksgemeinschaft so groß ist, dass man sich wegen Dieben keine Sorgen mehr zu machen braucht.
Jörn hat geschrieben :
Von Redecker würde Dir nach meinem Verständnis zwar zustimmen, dass es um eine „ungezügelte Volkssouveränität“ geht, würde aber betonen, dass dieses „Volk“ keine natürliche Gegebenheit ist, sondern ein Phantasma, das erst durch das faschistische Narrativ entsteht, welches dem „Wir“, also dem Volk, das Besitzansprüche hat, das „Ihr“, also „die Anderen“, also „die Diebe“, entgegenstellt.
Natürlich ist es ein Phantasma. Das muss Menschen aber nicht davon abhalten diesem Phantasma anzuhängen, nach ihrer Verwirklichung zu streben und darin ihren Sinn und ihre Erfüllung zu sehen. Also könnte man es genauso auch als "Ideal" bezeichnen, womit dann nicht gemeint ist, dass es sich um ein humanitäres Ideal handelt. Es ist also ein anderer Idealismus als bei Ärzten, die sich bei "Ärzten ohne Grenzen" engagieren. Der faschistische Idealismus ist ein anti-humanistischer Idealismus.