Ich habe folgendes Narrativ kritisiert:
Dynamis hat geschrieben : ↑ So 28. Jun 2026, 16:57
Der Faschismus wird auf das Recht des Stärkeren reduziert. Die Faschisten sind nur Möchtegern-Cäsaren, hungrig nach Macht, ohne eigene Ideale.
Ich verstehe nicht, in welchem Zusammenhang die Spengler-Zitate zu dieser Kritik stehen. Ich habe dem Spengler dieses Narrativ nicht vorgeworfen. Ich habe anderen Leuten dieses Narrativ vorgeworfen und diese Leute auch explizit genannt.
Daher gehe ich erst einmal auf diesen Teil deines Kommentars ein, weil ich da noch einen Zusammenhang zu meiner Kritik erkennen kann:
Timberlake hat geschrieben : ↑ So 28. Jun 2026, 20:26
Sei diese Kultur rechtspopulistisch , linkspopulistisch oder auch, worauf die etablierten Parteien großen Wert legen, die Mitte dessen. Wenn also der Politikwissenschaftler Andreas Püttmann "stattdessen" eine tiefere kulturelle Entwicklung hin, zu einen zunehmenden gesellschaftlichen Narzissmus sieht , bei dem individuelle Ansprüche, Selbstbezogenheit und das Gefühl, zu kurz zu kommen, stärker werden als Gemeinsinn, Verantwortung und demokratische Solidarität, möglicherweise erleben wir gerade eine Phase der langsamen Vergreisung dieser Mitte. Sie also verwelkt, während dessen der Rechtspopulismus, mit seinen neuen Möglichkeiten des Ausdrucks, seine Jugend- und Erwachsenenphase erlebt.
Du machst schon eine richtige Feststellung: Püttman analysiert den Rechtspopulismus als Erscheinungsform einer Kulturkrise. Die Kultur verwelkt, weil individuelle Ansprüche, Selbstbezogenheit und das Gefühl, zu kurz zu kommen, stärker werden. Püttmanns Kritik ist schon selbstentlarvend. Sie geht nämlich von vorneherein davon aus, dass individuelle Ansprüche und Gemeinsinn in einem Gegensatz sich befinden. Und damit ist Püttmans Kritik bereits ein Geständnis, dass unsere Gesellschaft uns anscheinend eine Einschränkung unserer individuellen Ansprüche abverlangt, also nicht in unserem Interesse ist.
Abgesehen davon wird Püttmanns Analyse von demselben falschen Narrativ getragen, welches ich hier die ganze Zeit kritisiere:
Püttmann analysiert den Rechtspopulismus als moralische Krise:
Andreas Püttmann hat geschrieben :
Zugleich kommt den westlichen Gesellschaften mit dem Schwund christlichen Glaubens und entsprechender Erziehung auch allmählich ein Ethos abhanden, das zur moralischen Dezentrierung von eigenen Interessen und Ansprüchen und zur Zügelung von Affekten und Ressentiments rät und anleitet.
Dabei übersieht er, dass das Anspruchsdenken der Rechtspopulisten genauso einen ideellen Kern hat wie der christliche Glauben, nur eben einen anderen:
Andreas Püttmann hat geschrieben :
Insofern liegt es nahe, dass weniger die reale eigene wirtschaftliche Lage als »neoliberale Denkstrukturen für die Ausprägungen von Anspruchsdenken verantwortlich sind. [...] Exkludierende Gedanken gegenüber Gruppen, deren Mitgliedern vermeintlich weniger zusteht als der eigenen Gruppe, verdeutlichen einen relativen Anspruch nicht zuletzt im Einklang mit grundlegend populistischen Positionen«.
Es geht hier also um die Rechtfertigung von Ansprüchen. Es geht um die Rechtfertigung, dass einem etwas
zusteht (vgl. den von mir rot markierten Teil aus dem Zitat). Um Dinge zu rechtfertigen, braucht man einen Idealismus. Sonst rechtfertigt man sich nicht, sondern man eignet sich die Dinge mit Gewalt an und kümmert sich nicht darum, ob einem etwas zusteht oder nicht.
Ein weiteres Problem in Püttmanns Argumentation besteht darin, dass er das Gefühl, dass man zu kurz kommt, als Narzissmus abtut. Dabei ist der Kapitalismus ein krisenanfälliges System. Zum Beispiel die Wirtschaftskrise 2007/2008 oder die aufgrund der Schließung der Hormus-Straße schon eingetretene Krise, all das schafft Verunsicherung. Es ist daher nicht verwunderlich, dass manche Menschen sich auf ihre individuellen Ansprüche besinnen und sich Gedanken darüber machen, wie die Politik damit im Einklang gebracht werden kann. Das ist kein "Narzissmus", sondern Interesse an Selbsterhaltung. Leider bieten die Rechtspopulisten darauf die falsche Antwort. Genauso ist es aber auch eine falsche Antwort die Wähler anderer Parteien zu loben, weil diese sich so fleißig einer "moralischen Dezentrierung von eigenen Interessen und Ansprüchen" widmen. Die richtige Frage wäre eher, wie wir die Gesellschaft so organisieren, dass wir nicht ständig eine "Dezentrierung von eigenen Interessen und Ansprüchen" betreiben müssen, damit der Laden weiter läuft. Ich habe vorhin schon in dieser Diskussion versucht auf diese Frage aufmerksam zu machen:
Dynamis hat geschrieben : ↑ Do 18. Jun 2026, 10:41
RosiG2 hat geschrieben : ↑ Mi 17. Jun 2026, 23:26
Weil sich Gedeihlichkeit ja nicht aus dem Maximalwert an individueller Gedeihlichkeit ergibt
Das ist doch überhaupt nicht logisch. Wenn es mir gut geht, heißt das doch nicht, dass es den anderen schlecht gehen muss.
Eine Zeit lang schien es so, als ob wir uns in dieser Diskussion endlich einmal dieser Frage widmen würden, aber dann kam das Faschismus-Thema auf und von da an ging es nur noch darum, dass Faschisten ihren Frust durch Gewalt kompensieren. Das ist schade, denn die Gewaltkompensation der Faschisten hat ihre Wurzel genau in der von mir gestellten Frage: Faschisten haben die Hoffnung aufgegeben, dass man die eigenen Ansprüche durch Kooperation verwirklichen kann, und greifen deswegen zur Gewalt. Die eigenen Ansprüche werden dabei in die Ansprüche des Kollektivs übersetzt und untergeordnet.
Wie dem auch sei, jetzt kann ich doch einen Bezug zu einem Schwengler-Zitat herstellen:
Oswald Schwengler hat geschrieben :
Der Geschichte des höhern Menschentums gegenüber aber herrscht ein zügelloser, alle historische und also organische Erfahrung verachtender Optimismus in bezug auf den Gang der Zukunft, so daß jedermann im zufällig Gegenwärtigen die »Ansätze« zu einer ganz besonders hervorragenden linienhaften »Weiterentwicklung« feststellt, nicht weil sie wissenschaftlich bewiesen ist, sondern weil er sie wünscht.
Mir ist ein solcher "Optimismus in bezug auf den Gang der Zukunft" jedenfalls nicht vorzuwerfen. Der Kapitalismus ist ein krisenanfälliges System, daher gibt es im Kapitalismus keine "»Ansätze« zu einer ganz besonders hervorragenden linienhaften »Weiterentwicklung«". Der Kapitalismus ist aber auch kein Organismus, hier irrt sich Schwengler. Er ist ein menschengemachtes System und daher kann man dieses System auch ändern. Ob es jemals zu einer tiefgreifenden Änderung und nicht nur zu einer oberflächlichen Reform kommen wird? Ich weiß es nicht. Ich bin mir nur sicher, dass es verändert werden kann, weil es ein menschengemachtes System ist und nicht vom Himmel fällt.