Distanz haben

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AufDerSonne
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Fr 30. Sep 2022, 11:56

Ich bin in der letzten Zeit öfters auf die Formulierung gestoßen, dass man etwas aus der Distanz betrachten soll.
Oder, dass es gut ist, wenn man zu einer Sache ein wenig Distanz hat. Das finde ich interessant. Aber was bedeutet das eigentlich?

Meint ihr, es lohnt sich ein wenig darüber zu philosophieren, wie man Distanz hat zu einer Sache? Und was sich dann verändert. Das Gegenteil wäre ja, dass man keine Distanz hat zu einer Sache. Also irgendwie mittendrin ist.



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AufDerSonne
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Fr 30. Sep 2022, 18:54

Ich denke, wenn man Distanz gewinnt zu einer Sache, passiert viel mehr. Geometrische gesehen, tritt man ein paar Schritte zurück vom betrachteten Objekt. Dann sieht man etwa den Wald und nicht nur ein Baum.
Aber innerlich verändert sich das ganze Bild. Man will die Übersicht haben. Das Ganze sehen. Und vielleicht will man etwas, das gar nicht geht. Es ist ein hoher Anspruch, wenn man zu einer Sache Distanz haben will. Und ich denke, oft geht das erst im Nachhinein, zeitlich gesehen. Meistens ergibt sich Distanz, wenn man sich eingehend mit dem Problem beschäftigt hat. Man kann sie nicht wollen.



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Timberlake
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Sa 8. Okt 2022, 04:03

AufDerSonne hat geschrieben :
Fr 30. Sep 2022, 18:54
Ich denke, wenn man Distanz gewinnt zu einer Sache, passiert viel mehr. Geometrische gesehen, tritt man ein paar Schritte zurück vom betrachteten Objekt. Dann sieht man etwa den Wald und nicht nur ein Baum.
Geometrisch gesehen müsste man den Wald verlassen und ihn von oben , wie ein Vogel oder von einer Anhöhe betrachten , um den Wald als Ganzes zu sehen. Es reicht nicht, nur einfach in eine Lichtung hinaus zu treten. Gehört doch diese Lichtung auch zum Wald. So in etwa stelle ich mir jene Distanz vor , die es einem ermöglicht, die Menschheit als Ganzes zu sehen. Jenseits dessen , was Philosophen gelegentlich als "Lichtung" ansehen . Wenn gleich diese Distanz , in etwa so schwierig zu erreichen ist , wie das ein Baum dazu in der Lage wäre , aus einem Wald heraus zu treten , um selbigen als Ganzes sehen zu können. Zu fest verwurzelt ist auch der Mensch , in der Menschheit , als das er die Menschheit als Ganzes sehen könnte.
  • Wenn der große Denker die Menschen verachtet, so verachtet er ihre Faulheit: denn ihrethalben erscheinen sie als Fabrikware, als gleichgültig, des Verkehrs und der Belehrung unwürdig. Der Mensch, welcher nicht zur Masse gehören will, braucht nur aufzuhören, gegen sich bequem zu sein; er folge seinem Gewissen, welches ihm zuruft: »sei du selbst! Das bist du alles nicht, was du jetzt tust, meinst, begehrst.«
    Friedrich Nietzsche .. Unzeitgemäße Betrachtungen
Wenn man Nietzsche glauben schenken darf , so müsste man sich eigentlich nur , um aus der Masse heraus zu treten, dazu befleißigen. Beispielsweise dadurch , dass man sich ehrlich, vor sich selbst macht, auch wenn es unbequem ist.
  • Jener Reisende, der viel Länder und Völker und mehrere Erdteile gesehen hatte und gefragt wurde, welche Eigenschaft der Menschen er überall wiedergefunden habe, sagte: sie haben einen Hang zur Faulheit. Manchen wird es dünken, er hätte richtiger und gültiger gesagt: sie sind alle furchtsam. Sie verstecken sich unter Sitten und Meinungen.
    Friedrich Nietzsche .. Unzeitgemäße Betrachtungen
Ist es doch zu bequem , sich hinter den Sitten und Meinungen der Masse zu verstecken oder richtiger und gültiger gesagt , muss man doch befürchten von der Masse verstoßen zu werden , wenn man das alles in Wirklichkeit nicht ist.

Aber eben dieses Verstoßenwerden schafft genau die Distanz , die Notwendig ist , um die Menschheit als Ganzes sehen zu können.!


Das ist wenn man so will ein Dilemma ..
Lucian Wing hat geschrieben :
Do 6. Okt 2022, 20:32


Ich weiß nicht, ob man dich als Mensch überhaupt noch erreichen kann: Es gibt Momente, da dein Auftritt einfach nur monströs ist.

Obwohl du immer die "Menschheit" thematisierst, sind solche Beiträge in solchen Momenten Anlass, dass ich mich frage, ob eigentlich dein Begriff "Menschheit" nur eine Metapher ist für ein völlig ochsenfroschmäßig überdehntes Ego. Mir scheint, es geht immer nur um dich. Die Erkenntnis, dass du letztlich in beiden Foren, in denen wir miteinander geschrieben haben, gescheitert bist, ist dir vermutlich noch nie auch nur ansatzweise gekommen.
Ein Dilemma , das "Lucian Wing hier , mich betreffend , sicherlich ungewollt , sehr schön auf den Punkt gebracht hat. "Bequem" ist das alles für mich sicherlich nicht , ganz im Gegenteil. Wenn ich es denn bequem haben will , sollte ich solche Beiträge wie Nauplios posten. Der muss ganz sicher nicht befürchten verstoßen zu werden. Übrigens .. wenn es tatsächlich nur um mich ginge , dann würde ich mich ja wohl kaum mit "monströsen Auftritten" unbeliebt machen bzw. das Risiko eingehen , zu scheitern.


Nur mal zum Vergleich , was Kant zur Faulheit und Feigheit bzw. zur Bequemlichkeit geschrieben hat ..


  • "Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein. Habe ich ein Buch, das für mich Verstand hat, einen Seelsorger, der für mich Gewissen hat, einen Arzt, der für mich die Diät beurteilt, u.s.w.: so brauche ich mich ja nicht selbst zu bemühen. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann; andere werden das verdrießliche Geschäft schon für mich übernehmen."
    Immanuel Kant .. Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?


Wenn Nietzsche sagt "Sei du selbst" , so macht das einen insofern mündig , dass man erkennt , wie unmündig man im Grunde SELBST! ist.

Wir reden hier also von einer Faulheit und Feigheit vor der Selbst! - erkenntnis.

"weil die Natur ihn längst von fremder Leitung freigesprochen hat" , geht Kant davon aus , dass der Mensch , in jedem Falle mündig ist. Er will nur gerne zeitlebens unmündig bleiben, weil es so bequem ist. Diese , von Hause aus , vorausgesetzte Mündigkeit, das unterscheidet Kant von Nietzsche.




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AufDerSonne
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Sa 8. Okt 2022, 08:37

Timberlake hat geschrieben :
Sa 8. Okt 2022, 04:03

Ist es doch zu bequem , sich hinter den Sitten und Meinungen der Masse zu verstecken oder richtiger und gültiger gesagt , muss man doch befürchten von der Masse verstoßen zu werden , wenn man das alles in Wirklichkeit nicht ist.
Unterscheiden muss man Faulheit und Müßiggang. Das ist ein kleiner aber wichtiger Unterschied.
Und dann habe ich immer Mühe, wenn man Aussagen über die ganze Menschheit macht. Es gibt sicher viele Menschen, die hart arbeiten und nicht bequem sind. Auch der große Denker darf nicht davon ausgehen, dass die ganze Menschheit faul ist.



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Lucian Wing
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Sa 8. Okt 2022, 11:51

Timberlake hat geschrieben :
Sa 8. Okt 2022, 04:03

Wir reden hier also von einer Faulheit und Feigheit vor der Selbst! - erkenntnis.
Was die Frage nach der Distanz aber nicht aufhebt. Wie viel Nacktheit will man sich und den anderen in der Selbsterkenntnis, die immer auch einer Selbstentblößung entspricht, nun zumuten?

Es gibt auch ein sehr reflektiertes Verschwinden in der viel verachteten Masse. Den inzwischen inflationären Selbstfindungs-, Selbstbeschäftigungs- und Selbsterkenntniszwang könnte man durchaus auch als eine kollektive Neurose analysieren, und ob der Originalität der neuen Klasse der Singularitäten nicht auch schon wieder ein kollektiver Meinungs- und Sittenzwang ist, wäre herauszufinden. Tritt er doch durchaus im Gewand des neuen moralischen Rigorismus und Dystopismus auf, dem du einen nietzscheanischen Saum verpasst.

Faulheit ist übrigens keine hinreichende Bedingung für Müßiggang. Und man sollte den Begriff aufschlüsseln und analysieren, welche Rolle Indifferenz, Gleichgültigkeit, Überdruss, Erschöpfung, Ennui, Gelangweiltsein, Sich-entziehen und einige mehr beim Faulen spielen. Faulheit ist in aller Regel auch ein moralisch aufgeladener Begriff, während der Müßiggang eher ästhetischer Herkunft ist.



Zur gleichen Zeit wie die Modernen die bequeme Neigung der barbarischen und wilden Völker entdeckten, alles nach ihren Normen zu beurteilen, ließen sie ihren eigenen Ethnozentrismus hinter einer rationalen Suche nach Erkenntnis verschwinden ...

Timberlake
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So 9. Okt 2022, 00:04

Lucian Wing hat geschrieben :
Sa 8. Okt 2022, 11:51
Timberlake hat geschrieben :
Sa 8. Okt 2022, 04:03

Wir reden hier also von einer Faulheit und Feigheit vor der Selbst! - erkenntnis.
Was die Frage nach der Distanz aber nicht aufhebt. Wie viel Nacktheit will man sich und den anderen in der Selbsterkenntnis, die immer auch einer Selbstentblößung entspricht, nun zumuten?

Gute Frage .. nur leider muss man , damit einem die Antwort nicht zu "monströs" erscheint , sich mit der Methode der Selbstentblößung, schon ein gutes Stück von der Menschheit "distanziert" haben.

Ich verweise dazu ich einmal "vorsichtshalber" auf folgendes Zitat von Hegel ...
  • "Realität kann ein vieldeutiges Wort zu sein scheinen, weil es von verschiedenen, ja entgegengesetzten Bestimmungen gebraucht wird. Im philosophischen Sinne wird etwa von bloß empirischer Realität als einem wertlosen Dasein gesprochen. Wenn aber von Gedanken, Begriffen, Theorien gesagt wird, sie haben keine Realität, so heißt dies, daß ihnen keine Wirklichkeit zukomme; an sich oder im Begriffe könne die Idee einer Platonischen Republik z.B. wohl wahr sein. Der Idee wird hier ihr Wert nicht abgesprochen und sie neben der Realität auch belassen. Aber gegen sogenannte bloße Ideen, gegen bloße Begriffe gilt das Reelle als das allein Wahrhafte"
    Hegel ... Wissenschaft der Logik
Man muss sich soviel Nacktheit zumuten , dass eine "bestimmte" Idee nicht nur bloß neben der Realität belassen wird , sondern diese Idee, in dem sie diese Realität negiert, selbst zur Realität wird. Das diese sogenannte bloße Idee, bloßer Begriffe, also fürderhin selbst als das Reelle, als das allein Wahrhafte gilt. Nur soviel will ich dazu andeuten, die Idee von der ich Rede , hat rein gar nichts mit der Idee einer Platonischen Republik zu tun. Eine Idee , mit der Platon übrigens seiner Zeit auf Syrakus bekanntlich gescheitert ist. Nur um sich an dieser Stelle einmal von Platons Idee zu distanzieren.
AufDerSonne hat geschrieben :
Fr 30. Sep 2022, 11:56
Ich bin in der letzten Zeit öfters auf die Formulierung gestoßen, dass man etwas aus der Distanz betrachten soll.
Oder, dass es gut ist, wenn man zu einer Sache ein wenig Distanz hat. Das finde ich interessant. Aber was bedeutet das eigentlich?
Insofern es tatsächlich gut wäre , zu "meiner Sache" nur ein wenig Distanz zu haben. Aber wie gesagt , dazu muss allerdings schon ein gehörige Distanz zur Menscheit aufgebaut haben. Das Eine bedingt das Andere .




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