Schlösser, die im Monde liegen

Philosophie Chat: Hier wird geplaudert über Gott und die Welt.
Nauplios
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Wie es auf dem Mond wohl zugeht? - Diese Frage stellt sich der Zukunftsforscher Fritz Steppke und da er auch Mechaniker ist und die Beweislage möglicher Antworten vom Standpunkt der Erde aus unsicher ist, baut Steppke eine Mondlandefähre, die ihn zum Sehnsuchtsort seiner Träume bringen soll. Ein großer Ballon soll für eine emissionsarme Navigation durch die Lüfte sorgen, doch in der Nacht vor der Reise hält es den Ballon nicht länger auf der Erde und nimmt Steppke und seine beiden Co-Träumer, Schneidermeister Lämmermeier und den Frührentner Pannecke mit auf die Lustreise durch den Kosmos. Ziel: Mond, Ankunft: unmittelbar nach dem Aufwachen. Unglücklicherweise hat sich beim Start Frau Pusebach, Steppkes Hauswirtin, an der Gondel festgehalten und schwebt mit der illustren Gesellschaft gen Himmel. - Auf dem Mond angekommen erweist sich dieser zur Überraschung aller als Frau und anders als erwartet ist der Erdtrabant ein einziger Vergnügungspark, in dem allein die Lust Regie führt. Kurzum, es geht drunter und drüber. Irdischer Genuß ist nichts dagegen.

Paul Lincke hat mit "Frau Luna" ein Land des Lächelns und lustvoller Zügellosigkeit in Szene gesetzt, das die Träume des Menschen von fernen Welten, von Schlössern, die im Monde liegen, beflügelt. Steppke, Lämmermeier, Pannecke und Frau Pusebach gleiten zwar verklärt ins irdische Dasein zurück - genau genommen schlagen sie auf der Erde wieder auf - doch ihre Illusionen und Sehnsüchte bleiben.

All das hat sich nie ereignet. Durch Wahrheiten sind diese Phantasien nicht beeindruckbar. Sie sind Teil eines Arsenals des überbordenden Denkens, das sich für einen Moment der Disziplinierung durch Vernunft entzogen hat. - Es gibt darüber eine reiche Forschungsliteratur, aber hier sind wir ja in der Abteilung "Plauderei". Also faites vos jeux. ;)




Nauplios
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Fr 5. Jan 2024, 19:40

Ein Gelehter in Sachen Himmelfahrt war auch Abu Ali al-Husain ibn Abdallah ibn al-Hasan ibn Ali ibn Sina. Ihn zog es zwar nicht bis zum Mond, doch stand für ihn die Frage im Raum, wohin es nach dem Tod mit dem Menschen eigentlich geht. In "Frau Luna" mußte der Tod dafür nicht bemüht werden, doch Avicenna, wie er im lateinischen Westen genannt wurde, kannte seinen Aristoteles gut genug, um zu wissen, daß es jenseits des Diesseits nur nach oben gehen konnte.

Sein Gedankenexperiment des fliegenden Menschen ging der Frage nach, ob ein ins Dasein geworfener Dreißigjähriger, der mit keinerlei Sinneswahrnehmung ausgestattet wäre und der wie einst der Geist Gottes ohne Bodenhaftung über der Erde schwebte - ob ein solcher Mensch überhaupt Bewußtsein haben könnte. Avicenna war von dieser Möglichkeit überzeugt, während andere ihm aus dem Grund widersprachen, weil für sie die Erfahrung der eigenen Körperlichkeit Voraussetzung für Bewußtsein war. Das bodenlose Schweben war für sie eine akzeptable Option, aber die Extremitäten mußten sich berühren, um sich der Körperlichkeit zu vergewissern. Körper und Bewußtsein waren nur Hand in Hand denkbar.




Nauplios
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Ganz oben stand Avicenna auch im Ärzte-Ranking des 11. Jahrhunderts. Berühmt war er vor allem für die Erfolgsquote seiner Kräutertherapien. Die Medizin galt ihm als "keine schwere Wissenschaft". So kam es, daß er eines Tages in das Ärztekollegium von Buchara berufen wurde, um den dortigen Emir Nuh ibn Mansur von einer Krankheit zu heilen. Man versprach sich viel von dem neuen Arzt. Als Gegenleistung erbat sich Avicenna die kostenlose Benutzung der Bibliothek von Buchara. Natürlich wurde ihm diese Bitte gewährt und so kam es, daß Avicenna sich mit der arabischen Poesie vertraut machen konnte, mit den Büchern der Rechtswissenschaft und überhaupt mit den "Schriften der Alten". Die Bibliothek war ein unschätzbarer Fundus für die damalige gelehrte Welt und Avicenna avancierte zum bedeutenden Vermittler arabischer Philosophie und lateinischem Frühmittelalter.

Unmittelbar nach der Kräuterbehandlung verstarb der Emir. Ein Kirchenfenster des Mailänder Doms zeugt von der Anerkennung der ärztlichen Kunst Avicennas - gestiftet von der örtlichen Apothekerzunft.




Timberlake
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Fr 5. Jan 2024, 23:42

Nauplios hat geschrieben :
Fr 5. Jan 2024, 19:40
Körper und Bewußtsein waren nur Hand in Hand denkbar.
.. und genau darauf und zwar das Körper und Bewußtsein nur Hand in Hand denkbar waren , habe ich heute in den Beiträgen 72406, 72423 , 72425 unter zur Hilfenahme eines Zitats von Hegel aufmerksam mache wollen. Offenbar nur mäßigen Erfolg.




Nauplios
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Timberlake hat geschrieben :
Fr 5. Jan 2024, 23:42


... und genau darauf und zwar das Körper und Bewußtsein nur Hand in Hand denkbar waren, habe ich heute in den Beiträgen 72406, 72423 , 72425 unter zur Hilfenahme eines Zitats von Hegel aufmerksam mache wollen. Offenbar nur mäßigen Erfolg.
Dem systemtheoretisch geschulten Auge fällt hier eine unscheinbare Redensart auf, die ja auch ich verwendet habe: "Hand in Hand". Das ist natürlich Spencer Browns "re-entry" unter der Maske einer Floskel: der Eintritt einer Unterscheidung in die Unterscheidung. "Hand in Hand" ist etwas anderes als "Hand und Hand" oder "Hand oder Hand". "Hand in Hand" vermeidet Unterscheidungen wie "Innen/Aussen", die immer das Problem der Vermittlung (bei Hegel "Aufhebung") einschleppen. Etwas kann dann nur auf die eine oder andere Seite der Unterscheidung verbucht werden.

Vergnügungsfahrten zum Mond und Systemtheorie gehen also Hand in Hand. ;)




Nauplios
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Da Jörg Lenau vorhin in seinem Thread Kants Verständnis von "Geist" angesprochen hat: In Träume eines Geistersehers schreibt Kant:

"Dagegen bei einer geistigen Substanz, die mit der Materie in Vereinigung sein soll, wie zum Beispiel der menschlichen Seele, äußert sich die Schwierigkeit, daß ich eine wechselseitige Verknüpfung derselben mit körperlichen Wesen zu einem Ganzen denken und dennoch die einzige bekannte Art der Verbindung, welche unter materiellen Wesen stattfindet, aufheben soll." (2. Anm; V 2, 8)

Von der "Schwierigkeit" der "wechselseitigen Verknüpfung" von Geist und Materie zu einem "Ganzen" heißt es weiterhin, sie sei "geheimnisvoll". (V 2, 15)

Kant hat die "Schwierigkeit", Geist und Materie "zu einem Ganzen" zu verküpfen natürlich gesehen. Die Lösung war: Man kann diese Verknüpfung zwar "denken", aber nicht "nach Art der Verbindung" wie sie bei materiellen Wesen vorliegt.




Nauplios
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Sa 6. Jan 2024, 12:18

Nur um es kurz zu notieren:

"Der bodenlose Abgrund der Metaphysik ist ein finsterer Ozean ohne Ufer und ohne Leuchtürme, wo man es wie der See­fahrer auf einem unbeschifften Meere anfangen muß, welcher, so bald er ir­gendwo Land betritt, seine Fahrt prüft und untersucht, ob nicht etwa unbemerkte Seeströme seinen Lauf verwirrt haben, aller Behutsamkeit ungeachtet, die die Kunst zu schiffen nur immer gebieten mag" (Der einzig mögliche Beweisgrund zu einer De­mon­stration des Daseins Gottes"; Vorrede, A 5).

Der Philosoph der Vernunft und des gestelzten Kanzleistil im metaphorischen Taumel.




Nauplios
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Sa 6. Jan 2024, 12:38

"Was zum Teufel soll ich damit? (...) Sie sagen, wir kreisen um die Sonne. Und wenn wir um den Mond kreisten - für mich und für meine Arbeit würde das nicht den geringsten Unterschied machen." (Sherlock Holmes zu Doktor Watson in: Eine Studie in Scharlachrot; Kap. 2)

Aber betrifft das auch die Stellung des Menschen im Kosmos? Paulus fragt im 1. Korintherbrief:

"Hat nicht Gott die Weltweisheit (σοφία τοῦ κόσμου τούτου) als Torheit kundgemacht?" (1 Kor. 3, 19)

Wenn nicht zu den Sternen, wohin schauen wir dann?




Nauplios
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Sa 6. Jan 2024, 18:27

Den Konstruktivismus hält man im allgemeinen für ein erkenntnistheoretisches Paradigma der Moderne, gar der Postmoderne. Ideengeschichtlich schreibt man ihm Vorläufer zu, die bis zur kopernikanischen Wende Kants zurückreichen: "Man versuche es daher einmal, ob wir nicht in den Aufgaben der Metaphysik damit besser fortkommen, daß wir annehmen, die Gegenstände müssen sich nach unserem Erkenntnis richten." (Zweite Vorrede zur Kritik der reinen Vernunft; B, XVI, 6)

Jan Assman und vor ihm schon Eric Voegelin haben anhand der Begriffsgeschichte des altägyptischen ma'at, der sowohl die "Gerechtigkeit" (des Staates) als auch die "Weltordnung" bedeutet, die These vertreten, daß dem griechischen Kosmos-Gedanken die Vorstellung vorausging, daß die Harmonie des Universums nicht etwa eine metaphysische Vorlage für dessen Ordnungsstruktur ist, sondern umgekehrt die Ordnung des Kosmos eine abkünftige ist - weniger auf seinen Schöpfer bezogen als mehr auf die vom König repräsentierte Gerechtigkeit auf Erden. Ungerechtigkeit und menschliches Fehlverhalten "konstruieren" eine aus den Fugen geratene kosmische Harmonie. Das Universum leidet gleichsam an der Unvernunft der Menschen und ihren staatlichen Repräsentanten.

Das wußte man schon im Mesopotamien des zweiten Jahrtausends vor Christi. Heute weiß es die "Letzte Generation".




Nauplios
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Sa 6. Jan 2024, 19:10

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Man darf nicht glauben, daß Steppke, Lämmermeier, Pannecke und Frau Pusebach die letzten Mondreisenden der Operette und Oper waren. In Andrew Norman's Oper "A Trip to the moon" (2017) ist das Gefährt, das die Protagonisten zum Mond bringt zwar kein Ballon mehr, sondern eine Rakete. Die Vorlage war ein Stummfilm aus dem Jahre 1902: Georges Méliès: "Eine Reise zum Mond". Darin gibt es ein Mondvolk, dessen Sprache "Mondisch" ist und im wesentlichen aus Vokalen besteht. Man kann sich die Schwierigkeiten denken, die auf fünf Erdlinge zukommen, die sich mit einem Nebelmonster konfrontiert sehen und bei der Instandsetzung ihrer defekten Rakete auf das Know-how der Mondlinge angewiesen sind.

Was macht den Mond zum Projektionsort menschlicher Sehnsüchte? Ist es - vergleichbar der Südseeinsel - das Fehlen der Zivilisationszwänge? Die pure Abgelegenheit kann es eigentlich nicht sein; man will doch schließlich auch was erleben.




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Stefanie
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Sa 6. Jan 2024, 19:29

Mit nachträglich eingefügten Musik



Ohne Ton



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Nauplios
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Sa 6. Jan 2024, 19:31

Kennt eigentlich noch jemand die Shadoks? - Die Shadoks waren nach meiner Erinnerung nicht auf dem Mond. Sie bauten sich ihren Planeten lieber selber. Auch sie hatten ein sprachliches Handicap, denn sie beherrschten nur vier Silben und deren Kombinationen. Die französische Zeichentrickserie lief Anfang der 70er Jahre in den Dritten Programmen der ARD und verlangte den Zuschauern einiges an Einfühlungsvermögen ab, soweit sie die Sprache der Shadoks nicht beherrschten. Würde eine solche Serie im Öffentlich-Rechtlichen (von den Privaten erst gar nicht zu reden) Fernsehen heute noch ausgestrahlt werden? Über Jahre! - Vielleicht bei arte. Ich stelle mir die verstörten Gesichter vor. :)




Nauplios
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Sa 6. Jan 2024, 19:49

Danke für die eingefügten YouTube-Videos, Stefanie. PHANTASTISCH! ;)




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Sa 6. Jan 2024, 19:52

Jetzt, wo ich es (auf YouTube - s.u.) wiedersehen, kann ich mich dunkel daran erinnern. Ich war damals aber wohl noch nicht "weit" genug, dass ich es inhaltlich nachverfolgen konnte (oder noch eher: was das "eigentlich sollte"). Ich meine, es würde auch heutzutage (auf arte) gut "passen", auch wenn die Machart altmodisch anmutet. Genau das könnte aber gerade gut sein, von wegen "retro"... 😉





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Stefanie
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Sa 6. Jan 2024, 20:24

Der Mond wird oft verwendet. In Filmen, bei dunkler Nacht der Vollmond, mal nur als Lichtquelle, mal in Gruselfilmen, als Nebenschauspieler. Der Film "Mondsüchtig". Die berühmte Szene aus ET, in der die Kinder mit den Fahrrädern ET in den Wald fliegen, im Hintergrund der Vollmond.
Das Logo der Produktionsfirma für Filme dreamworks, mit dem Jungen auf der Mondsichel mit der Angel. Julis Verne. Das Video von Queen zu Heaven for everyone. In Liedern wird er besungen.

Der Mond ist neben der Sonne der einzige Planet, den wir mit bloßen Augen sehen können. Den Vollmond, kommt er als Supermond daher, ist unglaublich hell und bei guten Wetter sieht man auch die Struktur der Oberfläche.
Früher wussten wir Menschen noch nicht, was der Mond für uns tut, wie bei den Gezeiten. Lichtgeber in dunkler Nacht, Orientierungspunkt. Der Mann im Mond. Oder die Auswirkungen auf unseren Schlaf und auch auf Träume.
Wird sind neugierige Wesen, ergo muss er auch erkundet werden. Zumal er ja unser Nachbar ist. Ein zuverlässiger Nachbar, er ist immer da. Im Gegensatz zur Sonne ist er auch nicht gefährlich. Er regt die Phantasie an.

Ist doch kein Wunder, warum er so beliebt ist.



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Jörn Budesheim
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Sa 6. Jan 2024, 20:55

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250 Jahre würde Caspar David Friedrich in diesem Jahr.

Der Mond ist nicht die Sonne. Er strahlt nicht das Licht der Vernunft, der Aufklärung. Der Mond gehört zur dunklen Seite der Macht, er steht vor dem Schwarz der Nacht, dem Nichts. Er ist der Begleiter der Träume, der trunkenen Phantasie.




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Sa 6. Jan 2024, 21:41

Als "Zwischenhappen" hier einiges an Legenden und Mythen über den Mond:

https://www.ardalpha.de/wissen/weltall/ ... n-102.html




Nauplios
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1+1=3 hat geschrieben :
Sa 6. Jan 2024, 19:52

Jetzt, wo ich es (auf YouTube - s.u.) wiedersehe, kann ich mich dunkel daran erinnern. Ich war damals aber wohl noch nicht "weit" genug, dass ich es inhaltlich nachverfolgen konnte (oder noch eher: was das "eigentlich sollte"). Ich meine, es würde auch heutzutage (auf arte) gut "passen", auch wenn die Machart altmodisch anmutet. Genau das könnte aber gerade gut sein, von wegen "retro"... 😉
Genauso hab' ich es auch empfunden! ;)

Als die Serie 1969 im "Regionalprogramm" WDR anlief, war ich 16 Jahre alt und ein Schulfreund von mir und ich saßen abends vor dem Fernseher und fragten uns: "Was soll uns damit gesagt werden?". Einerseits wurden die Zuschauer*innen mit Sie angesprochen, andererseits galten "Zeichentrickfilmchen" als Programm für Kinder.

"Rechts vom Himmel" lebten die Gibis auf einem Planeten, der wie eine Wippe aussah, von der die Gibis herunterfallen konnten; "links vom Himmel" lebten die Shadoks auf einem Planeten, der ständig seine Form änderte; in der Mitte zwischen ihnen die Erde. Um ihren deformierten Heimatplaneten verlassen zu können, entwickelten die Gibis den Raketentreibstoff "Cosmogol 999". :)

Das klang alles für uns "schräg" und ohne jede Intention. Wir waren damals in der Obertertia (oder Untersekunda) und im Zuge der 68er-Bewegung waren wir frisch politisiert; im Klassenraum war das Kruzifix durch ein Poster von Karl Marx ersetzt worden - ein Skandal für die katholisch-konservative Bevölkerung der Kleinstadt. Anstatt zur Schulmesse zu gehen saßen wir im Café und lasen Lenins Proletarische Revolution und der Renegat Kautsky und Trotzkis Permanente Revolution.

Die Shadoks waren in dieser Phase, die bei mir bis in die ersten Semester anhielt und durch die Vorlesungen Blumenbergs fast schlagartig beendet wurde, etwas, das am Vorabend der Revolution nicht einzuordnen war. Es oszillierte zwischen Konterrevolution und Anarchie. Hatte die Bourgeoisie damit einen weiteren Versuch der Entpolitisierung unternommen?

Die Weltgeschichte ist die Antwort bis heute schuldig geblieben.




Nauplios
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So 7. Jan 2024, 17:59

Stefanie hat geschrieben :
Sa 6. Jan 2024, 20:24
Der Mond wird oft verwendet. In Filmen, bei dunkler Nacht der Vollmond, mal nur als Lichtquelle, mal in Gruselfilmen, als Nebenschauspieler. Der Film "Mondsüchtig". Die berühmte Szene aus ET, in der die Kinder mit den Fahrrädern ET in den Wald fliegen, im Hintergrund der Vollmond.
Das Logo der Produktionsfirma für Filme dreamworks, mit dem Jungen auf der Mondsichel mit der Angel. Julis Verne. Das Video von Queen zu Heaven for everyone. In Liedern wird er besungen.

Der Mond ist neben der Sonne der einzige Planet, den wir mit bloßen Augen sehen können. Den Vollmond, kommt er als Supermond daher, ist unglaublich hell und bei guten Wetter sieht man auch die Struktur der Oberfläche.
Früher wussten wir Menschen noch nicht, was der Mond für uns tut, wie bei den Gezeiten. Lichtgeber in dunkler Nacht, Orientierungspunkt. Der Mann im Mond. Oder die Auswirkungen auf unseren Schlaf und auch auf Träume.
Wird sind neugierige Wesen, ergo muss er auch erkundet werden. Zumal er ja unser Nachbar ist. Ein zuverlässiger Nachbar, er ist immer da. Im Gegensatz zur Sonne ist er auch nicht gefährlich. Er regt die Phantasie an.

Ist doch kein Wunder, warum er so beliebt ist.
Der Mond ist der einzige Himmelskörper, der süchtig machen kann. Die Sonne betet man an, aber süchtig wird man nach dem Mond. Man hat ja lange Zeit im Schlafwandeln eine Form des Lunatismus gesehen; das wird heute wohl nicht mehr wissenschaftlich vertreten.

Berühmt sind die langgezogenen nächtlichen Waldkauz-Schreie in den alten Edgar Wallace-Filmen, die das fahle Mondlicht, garniert mit künstlichem Nebel, zur schaurigen Kulisse machten.

"Der Mond hält seine Wacht", sang 1955 Peter Alexander und an Weihnachten 1959 wurde "Peterchens Mondfahrt" zum ersten Mal ausgestrahlt. Wir Kinder saßen wie gebannt vor dem Schwarz-Weiss-Fernseher, erlebten mitfühlend die Trauer von Herrn Sumsemann, der auf einem Blatt saß und auf seiner gläsernen Geige spielte. Der Film zeigt viel über den Zeitgeist der 50er Jahre.

In Arnold Schönbergs "Pierrot Lunaire" heißt es:

"Der Mond, ein blankes Türkenschwert
Auf einem schwarzen Seidenkissen,
Gespenstisch groß - dräut er hinab
Durch schmerzendunkle Nacht.
Pierrot irrt ohne Rast umher
Und starrt empor in Todesängsten
Zum Mond, dem blanken Türkenschwert
Auf einem schwarzen Seidenkissen.
Es schlottern unter ihm die Knie,
Ohnmächtig bricht er jäh zusammen.
Er wähnt: es sause strafend schon
Auf seinen Sünderhals hernieder
Der Mond, das blanke Türkenschwert."
(Hermeneuticus hat vor langer Zeit dazu etwas geschrieben.) "Blankes Türkenschwert". :o

Titel des symbolistischen Gedichts: "Enthauptung". :( Der Mond hat auch seine dunklen Seiten.




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AufDerSonne
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So 7. Jan 2024, 18:09

Was ich noch interessant finde. Der Mond leuchtet selbst nicht. Er wird von der Sonne beleuchtet und deshalb können wir ihn in der Nacht sehen. Diese erzeugt tatsächlich Licht und Wärme. Auch die anderen Planeten, man kann sie fast alle sehen in der Nacht, wenn man weiss wo suchen, leuchten selbst nicht. Irgendwie lustig, oder?



Ohne Gehirn kein Geist!

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