Schlösser, die im Monde liegen

Philosophie Chat: Hier wird geplaudert über Gott und die Welt.
Nauplios
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So 7. Jan 2024, 18:31

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 6. Jan 2024, 20:55
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250 Jahre würde Caspar David Friedrich in diesem Jahr.

Der Mond ist nicht die Sonne. Er strahlt nicht das Licht der Vernunft, der Aufklärung. Der Mond gehört zur dunklen Seite der Macht, er steht vor dem Schwarz der Nacht, dem Nichts. Er ist der Begleiter der Träume, der trunkenen Phantasie.
Dazu zwei Stellen aus Kants Träume eines Geistersehers:

„Das Schattenreich ist das Paradies der Phantasten. Hier finden sie ein unbegrenztes Land, wo sie sich nach Belieben anbauen können. Hypochondrische Dünste, Ammenmärchen und Klosterwunder lassen es ihnen an Bauzeug nicht fehlen." (Kant; Werke; Bd. 1; S. 923)

Die "Gemeinschaft zwischen einem Geiste und einem Körper" ist nach Kant ein "Geheimnis", das "Gestalten in der Dämmerung umgibt, mit der das schwache Licht der Metaphysik das Reich der Schatten sichtbar macht". (Kant; Werke; Bd. 1; S. 935f)




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Stefanie
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So 7. Jan 2024, 18:40

Hmm.
Es gibt den Ausspruch "Du lebst wohl hinter dem Mond." Das bedeutet, jemand ist rückständig, hat was nicht mitbekommen usw.
Das ist aber unfair gegenüber dem Mond, finde ich.
Wahrscheinlich kommt dieser Spruch daher, dass man den Mond nicht mit Vernunft und Aufklärung in Verbindung bringt.
Wieso eigentlich? Weil der Mond nicht immer so hell ist, wie bei Vollmond?



Das Land, das die Fremden nicht beschützt, geht bald unter.
Goethe

Nauplios
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So 7. Jan 2024, 18:57

Was natürlich auf keinen Fall fehlen darf:

https://m.youtube.com/watch?v=6zzWnxuQP ... VuZQ%3D%3D

Augen schließen (hm, vielleicht doch nicht) und dann sich HINGEBEN. Und seine Rührung nicht zurückhalten.




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Jörn Budesheim
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So 7. Jan 2024, 19:12

Meine wenigen Zeilen beanspruchen keine gültige Darstellung des Mondverständnisses der Aufklärung und der Romantik :) die Dinge dürften sicherlich etwas ambivalenter und komplexer liegen, das war mehr meine Privatsache.




Nauplios
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Stefanie hat geschrieben :
So 7. Jan 2024, 18:40

Hmm.
Es gibt den Ausspruch "Du lebst wohl hinter dem Mond." Das bedeutet, jemand ist rückständig, hat was nicht mitbekommen usw.
Das ist aber unfair gegenüber dem Mond, finde ich.
Wahrscheinlich kommt dieser Spruch daher, dass man den Mond nicht mit Vernunft und Aufklärung in Verbindung bringt.
Wieso eigentlich? Weil der Mond nicht immer so hell ist, wie bei Vollmond?
"Zum Teil haben die Toten das Böse der Nacht verschuldet, zum anderen Teil Schlaf und Liebe. Für was ist der Schläfer nicht alles verantwortlich! Welcherart Umgang pflegt er, und mit wem? Mit seiner Nelly legt er sich nieder und findet sich schlafend im Arm seines Gretchens wieder. Tausende kommen an sein Bett, ungebeten. Und dennoch: wie erkennt man die Wahrheit, wenn sie nicht unter den Anwesenden weilt? Mädchen, die der Schläfer niemals begehrt hat, streuen ihre Gliedmaßen um ihn unter des Morpheus Fuchtel. So sehr ist der Schlaf zur Gewohnheit geworden, daß mit den Jahren der Traum seine eigenen Grenzen verzehrt und das Geträumte ihm zu lieber Gewohnheit wird; ein Gelage, wo Stimmen sich mischen, einander lautlos bekämpfen. Der Schläfer ist Eigentümer eines unerforschten Landes."

(Djuna Barnes - Nachtschattengewächs)




Nauplios
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So 7. Jan 2024, 19:40

"Licht kann der gerichtete Strahl, die wegweisende Leuchte im Dunkel, die vordringende Entmachtung der Finsternis, aber auch die blendende Überfülle, ebenso wie die unbestimmbar allgegenwärtige Helle sein, in der alles darinsteht: das selbst nicht erscheinende Erscheinenlassen, die unzugängliche Zugänglichkeit der Dinge. Licht und Finsternis können die absoluten metaphysischen Gegenmächte repräsentieren, die sich ausschließen und doch das Weltgefüge zustande bringen. Oder das Licht ist die absolute Seinsmacht, die die Nichtigkeit des Dunkels enthüllt, das nicht mehr sein kann, wenn erst einmal Licht geworden ist. Licht ist das Eindringliche, es schafft in seiner Fülle jene überwältigende, unübersehbare Deutlichkeit, mit der das Wahre 'heraustritt', es erzwingt die Unentziehbarkeit der Zustimmung des Geistes. Das Licht bleibt, was es ist, während es Unendliches an sich teilhaben läßt, es ist Verschwendung ohne Schwund. Licht schafft Raum, Distanz, Orientierbarkeit, angstloses Schauen, es ist Geschenk, das nicht fordert, Erleuchtung, die ohne Gewalt zu bezwingen vermag." (Hans Blumenberg; Licht als Metapher der Wahrheit in: "Studium Generale"; Bd. 10/7; S. 140)




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Jörn Budesheim
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AndreaH
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So 7. Jan 2024, 22:08

Eines der schönsten Märchen "Peterchens Mondfahrt"

]




Nauplios
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Andrea! :!: ;)

Sag', hast Du diese alte Verfilmung gesehen? Also nicht 1959, aber vielleicht später.
Oder hast Du ihn soeben im Netz aufgespürt?




Nauplios
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AufDerSonne hat geschrieben :
So 7. Jan 2024, 18:09

Was ich noch interessant finde. Der Mond leuchtet selbst nicht. Er wird von der Sonne beleuchtet und deshalb können wir ihn in der Nacht sehen. Diese erzeugt tatsächlich Licht und Wärme. Auch die anderen Planeten, man kann sie fast alle sehen in der Nacht, wenn man weiss wo suchen, leuchten selbst nicht. Irgendwie lustig, oder?
Ja, der Mond hat, wie auch die anderen Planeten, nur geliehenes Licht. (Mit bloßem Auge läßt sich auch die Venus noch gut erkennen, manchmal auch der Mars.) Dieser Umstand ist wissenschaftlich gesichert. Eine mythologische, poetische, ästhetische Sicht auf den Mond ist dadurch nicht eingetrübt. Das gilt für den Kosmos insgesamt. Der Mond, die anderen Planeten, die Sterne - das Selbstbewußtsein des Menschen war davon nie unberührt.




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Stefanie
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Mo 8. Jan 2024, 11:17

Nauplios hat geschrieben :
So 7. Jan 2024, 19:25
Stefanie hat geschrieben :
So 7. Jan 2024, 18:40

Hmm.
Es gibt den Ausspruch "Du lebst wohl hinter dem Mond." Das bedeutet, jemand ist rückständig, hat was nicht mitbekommen usw.
Das ist aber unfair gegenüber dem Mond, finde ich.
Wahrscheinlich kommt dieser Spruch daher, dass man den Mond nicht mit Vernunft und Aufklärung in Verbindung bringt.
Wieso eigentlich? Weil der Mond nicht immer so hell ist, wie bei Vollmond?
"Zum Teil haben die Toten das Böse der Nacht verschuldet, zum anderen Teil Schlaf und Liebe. Für was ist der Schläfer nicht alles verantwortlich! Welcherart Umgang pflegt er, und mit wem? Mit seiner Nelly legt er sich nieder und findet sich schlafend im Arm seines Gretchens wieder. Tausende kommen an sein Bett, ungebeten. Und dennoch: wie erkennt man die Wahrheit, wenn sie nicht unter den Anwesenden weilt? Mädchen, die der Schläfer niemals begehrt hat, streuen ihre Gliedmaßen um ihn unter des Morpheus Fuchtel. So sehr ist der Schlaf zur Gewohnheit geworden, daß mit den Jahren der Traum seine eigenen Grenzen verzehrt und das Geträumte ihm zu lieber Gewohnheit wird; ein Gelage, wo Stimmen sich mischen, einander lautlos bekämpfen. Der Schläfer ist Eigentümer eines unerforschten Landes."

(Djuna Barnes - Nachtschattengewächs)
Nauplios, hier muss ich passen. Das verstehe ich nicht, nicht in Bezug zu meinem Sätzen. Wirklich nicht.



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Du fragtest ja danach, warum man "den Mond nicht mit Vernunft und Aufklärung in Verbindung bringt". Damit ist die Metaphorik von Licht und Dunkelheit angesprochen, die sich im Wechsel von Tag und Nacht zeigt. "Aufklärung" - das Wort hat seine Wurzeln in der Meteorologie - steht für die taghelle Vernunft. Diese läßt die Dinge in klaren Konturen sehen, zeigt deren Ordnung, sorgt für Klarheit und Deutlichkeit der Erkenntnis (Descartes: clare et distincte). Aufklärung, Helligkeit, Licht, Tag u.ä. bannen die Schatten der Nacht, denen wir im Schlaf ausgeliefert sind. Der Traum in der Nacht ist nicht kontrollierbar. Im Traum sind wir nicht mehr Herr des Verfahrens. Hypnos, der Schlaf, ist in der griechischen Mythologie der Bruder von Thanatos, dem Tod.

Djuna Barnes spielt in dem kleinen Passus aus Nachtschattengewächs nach Art des von ihr bewunderten James Joyce mit diesen Versatzstück aus der Mythologie. Morpheus, der Gott der Träume, ist der Sohn des Hypnos. Der Schläfer "ist der Eigentümer eines unerforschten Landes", eine Art Schattenreich, in dem nichts "aufgeklärt" ist, das sich durch das Licht der Vernunft nicht erhellen läßt und die Wahrheit, die wir der taghellen Vernunft verdanken nicht clare et distincte zu erkennen ist. Wie erkennen wir in diesem Nachtschattenreich die "Wahrheit, wenn sie nicht unter den Anwesenden weilt?"

Als Begleiter der Nacht ist der Mond für eine "Verbindung mit Vernunft und Aufklärung" also ungeeignet. "Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer" (Goya).




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Jörn Budesheim
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Mo 8. Jan 2024, 13:53

Hinter dem Mond sein: Der Mond zeigt uns immer dasselbe Gesicht. Wer hinter dem Mond lebt, ist von den Dingen auf der Erde abgewandt, er nimmt sie nicht wahr. So verstehe ich das.




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Jörn Budesheim
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Mo 8. Jan 2024, 18:04

Angeregt durch diesen Thread hatte ich gestern überlegt, ob ich nicht mal einen Mondkönig im Unterschied zum Sonnenkönig zeichnen sollte. Beim Recherchieren, man weiß ja nie, musste ich lesen, dass König Ludwig gelegentlich auch Mondkönig genannt wurde: "Vielleicht um die Hungerjahre seiner Kindheit zu vergessen, lässt er sich erlesene Speisen und Süßigkeiten servieren. Als Nachtmensch bzw. "Mondkönig" frühstückt er oft um Mitternacht und nimmt morgens ein üppiges Mittagessen ein."




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Mo 8. Jan 2024, 19:34

Spielten sie vorhin im Radio ...





Nauplios
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Mo 8. Jan 2024, 19:42

In dem großen Josephroman von Thomas Mann gibt es ein Kapitel mit der Überschrift "Mondgrammatik" (S. 89f). Darin heißt es: "Des Erzählers Gestirn – ist es nicht der Mond, der Herr des Weges, der Wanderer, der in seinen Stationen zieht, aus jeder sich wieder lösend?" Die Sonne läßt alles in Klarheit erstrahlen; ihr wird die Klarheit des Mondes entgegengesetzt, "die damals und dort dem Geist als wahre Klarheit erschien." - Damals und dort meint die Zeit Abrahams. Der Mond ist eine Art Wappentier von Hirt und Herde. Mit "seinem" Licht ist er der Weichzeichner des biblischen Geschehens.

(Seinen Wegweiser durch den Josephroman betitelt Herrmann Kurzke mit "Mondwanderungen".)




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AufDerSonne
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Mo 8. Jan 2024, 19:52

Ich würde sagen, der Mond hat mit der Nacht zu tun, die Sonne mit dem Tag.
Die Sonne bringt es an den Tag. Gibt glaube ich so ein Spruch.
Die Nacht ist dunkel, der Tag ist hell.

Wie auch immer. Der Mond ist sowieso ein lustiger Geselle.



Ohne Gehirn kein Geist!

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Mo 8. Jan 2024, 19:53

Dieses Wandern des Mondes hat Debussy übrigens in den Anfangstakten von "Clair de Lune" durch das Absteigen über mehrere Oktaven ausgedrückt. Zu Beginn gibt es nur hohe Töne ohne ein Bass-Fundament. Und ganz allmählich "wandert" die Musik dann abwärts. Dieses Motiv wiederholt sich.




Nauplios
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Mo 8. Jan 2024, 20:02

AufDerSonne hat geschrieben :
Mo 8. Jan 2024, 19:52

Wie auch immer. Der Mond ist sowieso ein lustiger Geselle.
Ja, man kann die Sonne eigentlich nicht ansehen ohne Gefahr für die Augen. Den Mond schon, er ist augenfreundlich. Das macht ihn auch interessant für die Verliebten, die weite Entfernungen trennt. Der Mond kann dann von beiden betrachtet werden; er ermöglicht gleichsam eine Triangulation. So geschieht es etwa im "Vetter aus Dingsda", in dem Julia sich mit ihrem geliebten Roderich, durch gemeinsame Betrachtung des Mondes "verbunden" weiß. Der Mond steht in Komplizenschaft mit den beiden Liebenden.




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Quk
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Di 9. Jan 2024, 08:44

Stefanie hat geschrieben :
Sa 6. Jan 2024, 20:24
Der Mond ist neben der Sonne der einzige Planet, den wir mit bloßen Augen sehen können.
Als ehemaliger Hobby-Astronom muss ich kurz klugscheißern. Das ist auch zu Deinem Guten, Stefanie, falls Du mal in einem Quiz drauf antworten musst :-)

• Der Mond ist kein Planet, sondern ein Mond. Monde umlaufen Planeten. Planeten umlaufen Sonnen.

• Die Sonne ist kein Planet, sondern ein Stern, beziehungsweise eine Sonne.

• Neptun ist der einzige Planet, der mit bloßem Auge nicht sichtbar ist. Uranus ist gerade noch sichtbar. Die anderen sind sehr hell und stechen geradezu ins Auge. Die Venus kann man bisweilen sogar am Taghimmel sehen.




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