Schlösser, die im Monde liegen

Philosophie Chat: Hier wird geplaudert über Gott und die Welt.
1+1=3
Beiträge: 558
Registriert: Di 22. Jun 2021, 00:50

Fr 12. Jan 2024, 20:11

Narrative sind normativ, stiften Sinn u./o. Bedeutung. Ohne sie keine "Ausdeutung/en"... Auch der Informationsbegriff ist ohne Intentionalität sinnlos. (Keine Werte ohne "Interessen".)

Das nur auf die Schnelle zusammenderiliert.




Benutzeravatar
AufDerSonne
Beiträge: 1139
Registriert: Do 1. Sep 2022, 19:44

Fr 12. Jan 2024, 20:14

Ich denke, es gibt Menschen, die den Sinn (ihres Lebens) in den Naturwissenschaften gefunden haben.
Literatur und Naturwissenschaft kann man nur schwer vergleichen. Ich persönlich kenne keine einzige Geschichte von einem Buch, ich schaue mehr Filme im Fernsehen.
Dann gibt es noch Philosophiebücher. Das sind ja in der Regel auch keine Geschichten. Da habe ich schone eines oder zwei gelesen. Oder nicht? Eigentlich habe ich noch kein Buch von einem Philosophen von A bis Z durchgelesen. Mehr Bücher über Philosophiegeschichte.

Das kalte Universum. Und gross ist es auch. Vielleicht müssen wir froh sein, dass wir es erforschen können, dass es sich mathematisch erfassen lässt. Das ist etwas sehr Schönes. Der Mond ist auch schön.
Zählt eigentlich die Mathematik zu den Naturwissenschaften? Wenn ich an den Mond und die Sterne denke, denke ich mehr an Physik. Mathematik ist für mich so die Wissenschaft von der Ordnung. Oder den Mustern.



Ohne Gehirn kein Geist!

Nauplios
Beiträge: 2834
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Sa 13. Jan 2024, 18:33

AufDerSonne hat geschrieben :
Fr 12. Jan 2024, 20:14

Der Mond ist auch schön.
Im Sommernachtstraum läßt Shakespeare den Pyramus sagen:

"Sweet Moon, I thank thee for thy sunny beams;
I thank thee, Moon, for shining now so bright;
For, by thy gracious, golden, glittering gleams,
I trust to take of truest Thisby sight." (Akt 5; Szene 1)

("Ich dank dir, süßer Mond, für deine Sonnenstrahlen, die also hell und schön den Erdenball bemalen; dieweil bei deinem Gold und funkelnd süßem Licht zu kosten ich verhoff mein’r Thisben Angesicht.")

Die Wand, welche die Häuser von Thisbe und Pyramus trennt - ihre Familien sind natürlich verfeindet - und den Liebenden nur einen kleinen offenen Spalt läßt und der Mondschein haben in dieser Szene beide einen kleinen Text. Daraus geht jedoch nicht hervor, warum die Strahlen des Mondes "sunny beams" sind. Daß der Mond kein eigenes Licht erzeugt, hatte bereits Leonardo da Vinci behauptet (vor ihm bereits Anaxagoras); aber hat Shakespeare sich hier tatsächlich auf da Vinci bezogen oder ist der durch den Traum sozusagen veredelte Mond gemeint? - Vielleicht machte erst die Traumlandschaft den Mond schön?




Nauplios
Beiträge: 2834
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Sa 13. Jan 2024, 19:26

AufDerSonne hat geschrieben :
Fr 12. Jan 2024, 20:14
Ich denke, es gibt Menschen, die den Sinn (ihres Lebens) in den Naturwissenschaften gefunden haben.

(...)

Das kalte Universum. Und gross ist es auch. Vielleicht müssen wir froh sein, dass wir es erforschen können, dass es sich mathematisch erfassen lässt. Das ist etwas sehr Schönes.
Das ist ein interessanter Gedanke, AufDerSonne. Eine frühe Fassung davon gibt Platon im Gorgias: "Die Weisen aber behaupten (...), daß auch Himmel und Erde, Götter und Menschen nur durch Gemeinschaft (κοινωνία) bestehen bleiben und durch Freundschaft und Schicklichkeit (κοσμιότης) und Besonnenheit und Gerechtigkeit, und betrachten deshalb die Welt (κόσμος) als ein Ganzes, nicht als Verwirrung (ακοσμία) und Zügellosigkeit." (507e6-508a4)

Dieselben moralischen Gesetze, die in der Kosmologie (!) gelten und durch die Beobachtung des Kosmos gefunden werden, sind auch die Erklärungsprinzipien für Gerechtigkeit, Schicklichkeit usw. auf Erden. Man sieht das u.a. daran, daß das Schickliche, das, was sich gehört, der kosmischen Ordnung folgt. So erfährt das Leben auf Erden einen kosmischen Unterbau und kann sein Sinn kosmisch beglaubigt werden. - Das kann ja dann nur schön sein. ;)




Nauplios
Beiträge: 2834
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

Sa 13. Jan 2024, 19:55

Daß der Kosmos schön ist, das Universum elegant usw. - ist das eigentliche eine Ansichtssache oder beruht das auf Wissen, das aus Erfahrungen stammt, die Menschen immer schon gemacht haben? - Erfahrungen dieser Art schließen zunächst die Erkenntnise der Naturwissenschaften keineswegs aus. Man könnte die Frage auch anders stellen: Ist Schönheit eine Ableitung aus wissenschaftlicher Erfahrung oder lediglich ein subjektives Empfinden?

"Der größte Teil unseres Wissens über die Welt resultiert aus dem Umgang mit ihr, aus leiblicher, vorbegrifflicher Erfahrung, ohne daß wir es je explizit gelernt hätten." (Thomas Fuchs; Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie; S. 44)

"Vorbegriffliche Erfahrung" - vielleicht liegt darin ein Schlüssel zur Erkenntnis der Schönheit des Kosmos.




Benutzeravatar
AufDerSonne
Beiträge: 1139
Registriert: Do 1. Sep 2022, 19:44

Sa 13. Jan 2024, 20:44

@Nauplios

1. Shakespeare scheint interessante Sachen geschrieben zu haben. Etwa auch: "Der Rest ist Schweigen." Gefällt mir gut. Ich denke, man müsste genauer sagen, der Mond reflektiert das Licht der Sonne. In dem Sinn ist das Mondlicht indirekt ja Sonnenlicht. Ganz sicher kommt es von der Sonne.

2. Dass wir das Universum mathematisch erfassen können, ist ursprünglich auf Pythagoras zurückzuführen. Er hat diesen Gedanken als erster ernsthaft vertreten. Wenigstens steht das in meinem Buch zur Philosophiegeschichte.

(Ich nummeriere, weil ich nicht weiss, wie man deine Texte auftrennen kann.)

3. Viele Naturwissenschaftler brauchen das Wort "schön", wenn jemand einen bedeutenden Zusammenhang entdeckt hat. Also oft auch für eine Formel (Physik oder Mathematik). Aber ich meine, dass ist keine Vorschrift, dass man dieses Wort verwendet. Man könnte auch sagen. Wow, das ist gut! Oder: Glänzend! usw. Oder vielleicht nur ein schwaches Kopfnicken.

Also die Wissenschaft schreibt nicht vor, wie wir das Universum zu empfinden haben. Russell spricht von der strengen Schönheit der Mathematik, wie die einer Statue. Usw.
Ich glaube fast, die meisten Menschen finden einfach den Anblick der vielen Sterne am Nachthimmel als schön. Von dort kommt wahrscheinlich das Redensart. Also subjektive Empfindung vor allem.

Nauplios:
"Der größte Teil unseres Wissens über die Welt resultiert aus dem Umgang mit ihr, aus leiblicher, vorbegrifflicher Erfahrung, ohne daß wir es je explizit gelernt hätten." (Thomas Fuchs; Verteidigung des Menschen. Grundfragen einer verkörperten Anthropologie; S. 44)

Matthias:
Das Leben geht von selbst.

Dieser Spruch ist von mir, aber er ist ein bisschen gewagt. Er soll vor allem nicht bedeuten, dass das Leben problemlos sei. Ist mir aber in den Sinn gekommen als ich dein bzw. Thomas Fuchs' Zitat las.
Ich denke, auf vieles haben wir einfach keinen Einfluss. Wenn nicht ein grosser Teil des Lebens von selbst gehen würde, dann wäre es uns einfach unmöglich zu leben. Manchmal darf man darauf vertrauen, dass die Natur das Nötige zur Verfügung stellt, dass man sich nicht immer um alles kümmern muss.

Dann machst du offenbar noch eine Verknüpfung zwischen der Ordnung im Universum und der Ordnung in der Moral. Mir kommt Albert Einstein in den Sinn, der gesagt hat, dass die Wissenschaft uns die moralischen Entscheidungen nicht abnehmen kann.
Hier das ganze Zitat von Einstein: "“Science has provided the possibility of liberation for human beings from hard labor, but science itself is not a liberator. It creates means not goals. Man should use [Science] for reasonable goals. When the ideals of humanity are war and conquest, those tools become as dangerous as a razor in the hands of a child of three. We must not condemn man’s inventiveness and patient conquest of the forces of nature because they are being used wrongly and disobediently now. The fate of humanity is entirely dependent upon its moral development.”

Ich habe den Teil, den ich wichtig finde, fett gemacht.



Ohne Gehirn kein Geist!

Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 22863
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

So 14. Jan 2024, 09:28

Vor einigen Jahren habe ich in einem kleinen Rahmen einen Vortrag über Schönheit gehalten. Ein Plädoyer für ihre Realität und Objektivität.

Bei der Vorbereitung in der Universitätsbibliothek ist mir aufgefallen, dass viele Naturwissenschaftler mit dem Begriff Schönheit sehr unbefangen umgehen. Schönheit ist in den Naturwissenschaften im Grunde sogar ein Wahrheitskriterium für eine Theorie und auch ein Begriff, der sich wunderbar zur Beschreibung des Universums eignet.

Wissenschaftler hingegen, die sich mit Kunst und Ästhetik beschäftigen, sind viel vorsichtiger mit dem Begriff, für viele ist er sogar eine Art Tabu, scheint mir.

Das sind natürlich keine Daten, die ich statistisch exakt erhoben habe, sondern sie spiegeln nur meine damalige Leseerfahrungen wider.




Nauplios
Beiträge: 2834
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

So 14. Jan 2024, 10:53

AufDerSonne hat geschrieben :
Sa 13. Jan 2024, 20:44

Dann machst du offenbar noch eine Verknüpfung zwischen der Ordnung im Universum und der Ordnung in der Moral.
Diese Verknüpfung findet sich beispielsweise im Timaios. Darin stellt Platon die Bedeutung des Kosmos als eine harmonische Ordnung heraus, als Schmuck. Der Kosmos ist nicht nur Zusammenhang, sondern auch Zusammenklang. Platons Demiurg ist ja im engeren Sinne kein Schöpfer wie der biblische Gott; er ist in erster Linie ein Handwerker, wenngleich auch ein göttlicher, ein Baumeister. Der Kosmos ist ein Stück Handwerkerkunst, vergleichbar dem Schmuckstück eines Goldschmieds. Der Kosmos ist für Platon also kein "aufs geratewohl hingeschütteter Kehrrichthaufen" wie bei Heraklit, sondern ein wohlgeordneter, wohlgeformter und vor allem harmonischer Zusammenhang.

Er ist ein Organismus, den der Weltbaumeister nach der höchsten geistigen Wirklichkeit geschaffen hat, d.h. in ihn ist das Wahre, Schöne und Gute eingegangen; es kommt in ihm zum Ausdruck. Und die Weisheit besteht nun darin, im Ein-klang mit diesem kosmischen Zusammen-klang, in Harmonie mit dem Kosmos zu leben. Wie sein Urheber ist auch der Kosmos gut. Natürlich ist er auch schön. Deswegen kommt es hier zu einer "Verknüpfung" von Ethik und Ästhetik - ein Zusammenhang, den der Weise erkennt.




Benutzeravatar
AufDerSonne
Beiträge: 1139
Registriert: Do 1. Sep 2022, 19:44

So 14. Jan 2024, 12:42

Nauplios hat geschrieben :
So 14. Jan 2024, 10:53
Er ist ein Organismus, den der Weltbaumeister nach der höchsten geistigen Wirklichkeit geschaffen hat, d.h. in ihn ist das Wahre, Schöne und Gute eingegangen; es kommt in ihm zum Ausdruck.
Ist es richtig, dass Platon und allgemein die alten Griechen das Gute als oberstes Prinzip setzen, ohne es weiter zu hinterfragen? Also eine Art Axiom daraus machen: Alles strebt nach dem Guten.
Ist der Kosmos das Gegenteil vom Chaos? Oder ist die Ordnung das Gegenteil von Chaos? Bei der Ästhetik kenne ich mich zu wenig aus. Ist sie die Lehre vom Schönen?

Für die Physik ist die Ordnung das oberste Prinzip, für die Philosophie das Gute. Es stellt sich die Frage, wo sich Ordnung und das Gute berühren. Du meinst also, dass sei der Fall bei Ästhetik und Ethik? Interessant.
Als Diskussionsgrundlage wären Ordnung und das Gute vielleicht geeigneter als Naturwissenschaft und Philosophie. Kausalität ist das A und O der Physik. Aber Ordnung steht eigentlich noch darüber nach meiner Meinung. Auch die Kausalität ist eine Eigenschaft der Ordnung.
Könnte man sich Gedanken über Ordnung und das Gute machen, anstatt den alten Streit zwischen Physik und Philosophie immer wieder wachzurütteln?



Ohne Gehirn kein Geist!

Nauplios
Beiträge: 2834
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

So 14. Jan 2024, 16:17

AufDerSonne hat geschrieben :
So 14. Jan 2024, 12:42

Bei der Ästhetik kenne ich mich zu wenig aus. Ist sie die Lehre vom Schönen?
Der Ausdruck "Ästhetik" geht zurück auf Alexander Gottlieb Baumgarten (1750); damit meinte Baumgarten die "sinnliche Erkenntnis", also diejenige Erkenntnis, die sich dem Vermögen der Sinne verdankt. An dieser Erkenntnis sind die Sinne beteiligt, mit deren Hilfe wir zum Beispiel etwas wahrnehmen. Kant hat dieses "Vermögen" in seiner Kritik der reinen Vernunft dann aufgegriffen (als "Vermögen der Anschauung") und stellt ihm ein zweites Vermögen zur Seite: den Verstand als das Vermögen, die Anschauungen auf Begriffe zu bringen. Ein drittes Vermögen ist das der Vernunft, das uns befähigt, nach Prinzipien zu denken. -

Bei Platon ist von Ästhetik im Sinne einer systematischen Ordnung (wie bei Baumgarten und Kant und später Hegel) nicht die Rede. Ihm geht es - etwa im Symposion - um das Schöne als den höchsten Wert. Schön kann ein Gegenstand (s. Handwerkskunst) sein, aber auch die Gerechtigkeit ist schön. Ähnlich verhält es sich mit dem Guten und dem Wahren. - Im Kosmos drückt sich diese platonische Dreifaltigkeit des Wahren, Schönen und Guten aus.




Nauplios
Beiträge: 2834
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

So 14. Jan 2024, 16:42

AufDerSonne hat geschrieben :
So 14. Jan 2024, 12:42

Ist es richtig, dass Platon und allgemein die alten Griechen das Gute als oberstes Prinzip setzen, ohne es weiter zu hinterfragen? Also eine Art Axiom daraus machen: Alles strebt nach dem Guten.
Ist der Kosmos das Gegenteil vom Chaos? Oder ist die Ordnung das Gegenteil von Chaos?
Für Platon ist das Gute tatsächlich die höchste und wichtigste Idee überhaupt. In seinem Ideenhimmel ist das Gute die "Sonne", welche die anderen Ideen beleuchtet. Für uns Menschen ist es allerdings nicht möglich, direkt in die Sonne zu schauen; der Mensch hat keinen Platz AufderSonne, sondern UnterderSonne. Die Idee des Guten läßt sich eigentlich nur mit Hilfe von Gleichnissen spiegeln.

In der Genealogie des Mythos folgt auf das Chaos der Kosmos. Das eine ist das Gegenteil des anderen. Aber natürlich ist dieser Kosmos nicht nur ein bloßes Sammelsurium von Sternen, Sonnen, Planeten ... sondern es steckt eine Ordung darin. Der Weltenbaumeister hat sich etwas gedacht dabei. An die Stelle des ungeordneten Chaos tritt also der geordnete Kosmos. Und Ordnung ist ja auch was Schönes. Die Übersetzer sprechen deswegen gerne von einer Schmuckordnung.

Ein später Reflex davon liegt noch in der "Kosmetik". κοσμέω bedeutet: ich ordne, ich schmücke. Da hat man bis heute beide Aspekte, den der Ordnung und den des Schmückens.-




Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 22863
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

So 14. Jan 2024, 17:23

AufDerSonne hat geschrieben :
So 14. Jan 2024, 12:42
Ist sie [die Ästhetik] die Lehre vom Schönen?
Einfach gesagt: die Philosophie der Kunst.




Nauplios
Beiträge: 2834
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

So 14. Jan 2024, 17:58

AufDerSonne hat geschrieben :
So 14. Jan 2024, 12:42

Könnte man sich Gedanken über Ordnung und das Gute machen, anstatt den alten Streit zwischen Physik und Philosophie immer wieder wachzurütteln?
Gibt es denn da einen "alten Streit"? - φύσις meint ja eigentlich nur die natürliche Beschaffenheit, die Natur, all das, was von sich aus wächst (φύειν) und die φυσικὴ τέχνη ist die Erforschung der Natur. (Φυσικὴ ist übrigens das substantivierte Femininum des Adjektivs φυσικός, das soviel bedeutet wie "von der Natur hervorgebracht".)

τὰ μετὰ τὰ φυσικά ist dagegen dasjenige, was "neben" beziehungsweise "hinter" der Physik liegt und das nicht mehr Gegenstand der Physik, sondern der Meta-Physik ist. Der Wortschöpfung Metaphysik liegt eine ganz profane Geschichte zugrunde:

Strabon (der Schielende) war ein Geschichtsschreiber, in dessen Keller Andronikos von Rhodos, ein glühender Anhänger der Lehre des Aristoteles, einst dessen Werke aufspürte. Wie jeder Keller war auch Strabons Keller ein heilloses Durcheinander. Aristoteles' Schriften lag wild umher und so machte sich Andronikos erst mal daran, aufzuräumen, Ordnung zu schaffen. Er sortierte die Schriften des Aristoteles fein säuberlich in Untergruppen: hier die logischen Schriften, dort die ethischen, hier die Poetik, dort die Physik. Schließlich - und jeder, der schon mal seine eigenen Bücher in eine Ordnung zu bringen versucht hat, kennt dies Ärgernis - blieben einige Schriften übrig, die sich partout nicht in das vorhandene Ordnungssystem einsortieren ließen. Andronikos macht aus der Not eine Tugend, er hatte auch keine Lust mehr und stellte diese Schriften einfach neben die Schriften über Physik. Fertig. -

Daß die Metaphysik ursprünglich nur eine räumliche Bedeutung hatte, die aus einer bibliothekarischen Verlegenheit erwuchs, ist uns heute kaum bewußt. Wir verstehen darunter ein beeindruckendes Gedankengebäude, das vom Sein, vom Absoluten u.ä. handelt, aber im Keller dieses Gedankengebäudes geht es immer noch ein wenig ungeordnet zu. Und das verdanken wir einem schielenden Geschichtenerzähler und einem übereilten Bibliothekar.




Benutzeravatar
AufDerSonne
Beiträge: 1139
Registriert: Do 1. Sep 2022, 19:44

So 14. Jan 2024, 18:38

Nauplios hat geschrieben :
So 14. Jan 2024, 17:58
Gibt es denn da einen "alten Streit"?
Aber es gibt einen Streit zwischen Physik und Metaphysik oder?
Denn die erste Frage, die ich mir stelle in diesem Zusammenhang ist. Gibt es Dinge, die nicht Physik sind?

Und das mit der Ordnung und dem Guten meine ich so. Ohne Ordnung keine Physik. Sind wir uns da einig? Und. Ohne das Gute keine Philosophie oder Metaphysik. Ok? Also kann man die Diskussion Physik-Metaphysik auf die andere überlagern, Ordnung-das Gute.

Die Physik braucht die Mathematik, die definitiv ohne Ordnung nicht existieren würde. Also wenigstes indirekt braucht die Physik Ordnung. Die immer noch wichtige Philosophie Platons kommt ohne das Gute nicht aus. Das Gute kommt aber in der Physik nicht vor. In dem Sinne sehe ich einen Streit zwischen Physik und Metaphysik. Es geht in die Richtung materiell und nicht-materiell. Physik wäre materiell, das Gute wäre nicht-materiell. Weisst du, der Punkt ist, dass ich nicht so recht glaube, dass das Gute existiert (als höchstes Prinzip).
Oder so: Ich kann mir unter Ordnung mehr vorstellen als unter dem Guten.



Ohne Gehirn kein Geist!

Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 22863
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

So 14. Jan 2024, 18:45

AufDerSonne hat geschrieben :
So 14. Jan 2024, 18:38
Aber es gibt einen Streit zwischen Physik und Metaphysik oder?
Nicht unbedingt, denn die Physik ist schließlich selbst eine Metaphysik und sicherlich eine der dominantesten überhaupt. Eine einfache Daumenregel lautet: Wer eine Sichtweise der Form "Alles ist X" vertritt, betreibt Metaphysik. Wer also glaubt, dass alles raumzeitlich ist und den Naturgesetzen folgt, ist ebenso ein Metaphysiker wie jemand, der glaubt, dass alles Wasser oder Information ist.




Benutzeravatar
AufDerSonne
Beiträge: 1139
Registriert: Do 1. Sep 2022, 19:44

So 14. Jan 2024, 18:52

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 14. Jan 2024, 18:45
Wer eine Sichtweise der Form "Alles ist X" vertritt, betreibt Metaphysik.
Aha ok. Ich neige immer mehr einem Dualismus zu: Leben, leblos. Das Leblose wäre auch Physik, und alles, was mit Menschen zu tun hat, würde zum Leben gehören. Alles ist entweder lebendig oder leblos.
Ich habe das Gefühl, dass alle Logik und die Naturgesetze etc. meistens bei lebendigen Dingen nicht anwendbar sind.



Ohne Gehirn kein Geist!

Nauplios
Beiträge: 2834
Registriert: Mo 27. Mai 2019, 16:12
Kontaktdaten:

So 14. Jan 2024, 18:53

AufDerSonne hat geschrieben :
So 14. Jan 2024, 12:42

Du meinst also, dass sei der Fall bei Ästhetik und Ethik? Interessant.
Als Diskussionsgrundlage wären Ordnung und das Gute vielleicht geeigneter als Naturwissenschaft und Philosophie. Kausalität ist das A und O der Physik.
Ich bin ja hier bis auf weiteres nur ein Briefmarkensammler, der einige philosophische Fundstücke zeigt. Die meisten tragen einen Stempel, was sie als Postwertzeichen entwertet. Briefe und Postkarten kann man damit nicht mehr frankieren.

Wenn ich es richtig sehe, AufDerSonne, ist Deine leitende Frage, die Du an die Philosophie heranträgst: Stimmt das Geschriebene überhaupt? - Für mich stimmt das Geschriebene, weil es das Geschriebene ist. ;) Als Geschriebenes hat es eine Wirkung gehabt, manchmal über Jahrhunderte hinweg.

Betrachte es mal als eine Vergügungsfahrt mit der Kutsche an einem strahlenden Sommernachmittag. Die Herren tragen Gehröcke und halten zierliche Spazierstöckchen in der Hand, die Damen allerliebste Sonnenschirmchen. Die Fahrt geht vorbei an üppige Felder der Phantasie, an kleine murmelnde Bächlein der Poesie. Der betörende Duft von Jasmin liegt in der Luft, edle Blüten und wertvolle Hölzer liegen am Wegesrand und aus der Ferne erklingt das Abendgeläut von St. Philologos. Das Vergnügen einer solchen Fahrt besteht auch darin, daß man nicht weiß, wohin es geht. Das Gespann nimmt Umwege, vorbei an stillgelegten Steinbrüchen der Theorie und den blauen Seen und Lagunen, auf denen die Boote der Lebenskünstler und Genußlinge ins beginnende Abendrot segeln.

Wer möchte da noch wissen, ob etwas stimmt? ;)




Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 22863
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

So 14. Jan 2024, 18:56

Demokrit (460 v. Chr. in bis 370 v. Chr.) hat geschrieben : „Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter, in Wirklichkeit gibt es nur Atome im leeren Raum.“
Der Vorläufer dieser Physik als Metaphysik ist schließlich ein Grieche gewesen, diese Sichtweise ist also ein paar tausend Jahre alt.




Benutzeravatar
AufDerSonne
Beiträge: 1139
Registriert: Do 1. Sep 2022, 19:44

So 14. Jan 2024, 19:05

Jörn Budesheim hat geschrieben :
So 14. Jan 2024, 18:56
Demokrit (460 v. Chr. in bis 370 v. Chr.) hat geschrieben : „Nur scheinbar hat ein Ding eine Farbe, nur scheinbar ist es süß oder bitter, in Wirklichkeit gibt es nur Atome im leeren Raum.“
Der Vorläufer dieser Physik als Metaphysik ist schließlich ein Grieche gewesen, diese Sichtweise ist also ein paar tausend Jahre alt.
Ich bin mit Demokrit einverstanden. Aber ich würde unbedingt die Bewegung dazunehmen. In Wirklichkeit gibt es nur bewegte Atome im leeren Raum.



Ohne Gehirn kein Geist!

Benutzeravatar
AufDerSonne
Beiträge: 1139
Registriert: Do 1. Sep 2022, 19:44

So 14. Jan 2024, 19:08

Nauplios hat geschrieben :
So 14. Jan 2024, 18:53
Wenn ich es richtig sehe, AufDerSonne, ist Deine leitende Frage, die Du an die Philosophie heranträgst: Stimmt das Geschriebene überhaupt? - Für mich stimmt das Geschriebene, weil es das Geschriebene ist. ;) Als Geschriebenes hat es eine Wirkung gehabt, manchmal über Jahrhunderte hinweg.
Du magst recht haben. Mich dünkt im Moment eher, ich kämpfe mit einem sonderbaren Dualismus, der so in die Richtung von Descartes Geist-Materie-Problem geht.
Nauplios? Was vertrittst du eigentlich für eine Philosophie? Bist du Realist oder Materialist oder Idealist oder...?



Ohne Gehirn kein Geist!

Antworten