Timberlake hat geschrieben : ↑ Sa 4. Apr 2026, 22:04
Consul hat geschrieben : ↑ Di 13. Mai 2025, 21:49
Der Politologe David Miller unterscheidet interessanter- und relevanterweise zwischen unterschiedlichen Formen von Integration:
1. soziale Integration
1.1 formelle soziale Integration (z.B. Kindergarten, Schule, Arbeitsplatz, Vereine)
1.2 informelle soziale Integration
2. zivile Integration
3. kulturelle Integration
Daran schließt sich die Frage an, welche Art von und welches Maß an Integration die Einheimischen/Eingeborenen von Einwanderern verlangen oder erwarten dürfen. Darf es mehr sein als die Forderung nach Gesetzestreue und Teilnahme am Arbeitsleben (bei Erwachsenen) oder öffentlichen Schulleben (bei Kindern & Jugendlichen)?
Sicherlich darf es mehr sein , als die Forderung nach Gesetzestreue und Teilnahme am Arbeitsleben (bei Erwachsenen) oder öffentlichen Schulleben (bei Kindern & Jugendlichen) ! Muss es aber meiner Ansicht nach nicht. Erinnert sei dazu an das Zeitalter der Aufklärung und den „alten Fritz“ ...
Welches Integrationsniveau (vor allem eingebürgerte) Einwanderer erreichen sollen, ist eine sehr umstrittene Frage, die von linken Multikulturalisten und rechten Ethnonationalisten ganz unterschiedlich beantwortet wird.
Ich denke, eine über die reine Gesetzestreue hinausgehende
zivile Integration darf zumindest erwartet werden, insbesondere von Einwanderern aus demokratiefernen Ländern.
"Sehen wir uns als Nächstes die zivile Integration an. Ich beziehe mich dabei auf Menschen, die dazu kommen, eine Reihe von Prinzipien und Normen zu teilen, die ihr gesellschaftliches und politisches Leben leiten. So eint sie beispielsweise nicht nur ihr Bekenntnis zur Demokratie als eines abstrakten Prinzips, sondern auch ihr gemeinsames Verständnis davon, was »sich wie ein Demokrat zu verhalten« bedeutet – wie man von seinem Wahlrecht Gebrauch macht, auf welche Weise politische Debatten geführt werden sollten und so weiter. Dieses Verständnis erstreckt sich von einfachen Verhaltensregeln wie denen, die das Anstehen für Kinokarten betreffen, bis hin zu komplexeren Fragen wie der, wie mit einem Streit in einer Nachbarschaft um die Nutzung einer Gemeinschaftseinrichtung wie etwa eines Saals oder eines öffentlichen Parks umzugehen ist. Die zivile Integration dreht sich nicht darum, dass Menschen die gleichen substantiellen Ziele verfolgen (ob in politischen oder sonstigen Lebensbereichen), sondern darum, wie und unter welchen Rahmenbedingungen diese Ziele verfolgt werden sollen. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass die soziale Integration vermutlich zur zivilen führen wird – denn wenn Menschen in regelmäßigem Kontakt miteinander stehen, werden sie sich normalerweise an das Verhalten des jeweils anderen anpassen und praktikable Regeln für die Gestaltung ihres Umgangs miteinander finden. Dennoch sind sie eindeutig nicht dasselbe und können auch, wie wir gleich sehen werden, aus verschiedenen Gründen wichtig sein."
(Miller, David. Fremde in unserer Mitte: Politische Philosophie der Einwanderung. Übers. v. Frank Lachmann. Berlin: Suhrkamp, 2017. S. 204-5)
Die AfDler erwarten oder fordern zusätzlich eine
kulturelle Integration, die einer
Assimilation an die deutsche Ethnonation gleichkommt.
"[Joseph] Carens unterscheidet in seiner Beschäftigung mit der Integration von Einwanderern zwischen Forderungen [requirements], Erwartungen [expectations] und Wünschen [aspirations]. Forderungen sind Bedingungen, die durchgesetzt werden können; um ein banales Beispiel zu nennen, kann man sagen: Von den Einwanderern kann gefordert werden, dass sie die Gesetze einhalten. Erwartungen sind Normen, und ihre Einhaltung wird durch informelle soziale Sanktionen forciert, weshalb zu vermuten stehen dürfte, dass Einwanderer, die die Landessprache nicht sprechen, wenigstens ihr Kinder dazu anhalten werden, sie zu erlernen; und sowohl staatliche Beamte als auch andere werden ihr Missfallen gegenüber Eltern zum Ausdruck bringen, die dies nicht tun. Wünsche sind Hoffnungen auf das Verhalten der Einwanderer, die nicht einmal informell durchsetzbar sind; und für Carens ist die soziale Integration das beste Beispiel dafür:
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Die Menschen mögen zu der Annahme neigen, dass der Prozess nur dann wirklich gut läuft, wenn es zwischen Einwanderern und ihren Nachkommen einerseits und der restlichen Bevölkerung auf der anderen Seite zu einem hohen Grad an Vermischung sowohl im Hinblick auf den Wohnort als auch auf den sozialen Austausch generell kommt – allerdings ohne dabei auch der Auffassung zu sein, dass es angebracht sei, besondere Erwartungen an sie dahingehend zu richten, wo sie wohnen und mit wem sie sich umgeben sollen. ["The Integration of Immigrants", Journal of Moral Philosophy 2, 2005]
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Carens sagt nicht ausdrücklich, warum die Integration nicht in den Rang einer Erwartung oder einer Forderung erhoben werden sollte, doch impliziert er, dies würde der persönlichen Freiheit auf nicht gerechtfertigte Weise in die Quere kommen. Ist der Staat also moralisch unfähig dazu, gesellschaftlich nach dem »Imperativ der Integration« zu handeln? Dem scheint nicht so zu sein, weil es indirekte Möglichkeiten dafür geben könnte, die Integration zu fördern, ohne dabei Menschen Befehle darüber zu erteilen, wo sie wohnen oder mit wem sie sich umgeben sollten. Eine einfache Methode dafür ist eine Antidiskriminierungsgesetzgebung, die sich nicht nur klaren Fällen wie nach Rasse oder Religion getrennten Arbeitsstätten widmet, sondern auch Praktiken wie denen, dass Immobilienmakler ihre Klienten unter der Hand in ethnisch »passenden« Nachbarschaften unterbringen oder die »weiße Flucht« durch Techniken wie die des »blockbusting« bestärken. Die Wohnungspolitik generell kann darauf abzielen, Nachbarschaften dadurch zu integrieren, dass sie von den Bauherren verlangt, verschiedene Typen von Behausungen (und damit verschiedene Einkommensgruppen) miteinander zu vermischen. Die finanzielle Unterstützung für Gemeinschaftsorganisationen kann auf Vereine und sonstige Zusammenschlüsse zugeschnitten werden, deren Mitgliederschaft sich aus Angehörigen von Einwanderergruppen und Nichteinwanderergruppen zusammensetzen. Solche Politiken mögen sich als recht kontrovers erweisen, da einzelne Personen es möglicherweise vorziehen würden, sich nur mit Menschen aus ihrer eigenen religiösen oder ethnischen Gruppe zu verbinden; der Punkt ist aber der: Wird die soziale Integration für wichtig erachtet, dann kann sie auf eine Weise betrieben werden, durch die nicht dem Bürger als Einzelperson eine Pflicht zur Integration auferlegt wird (obwohl sie von Arbeitgebern und öffentlichen Beschäftigten die Einhaltung entsprechender Richtlinien fordert)."
(Miller, David. Fremde in unserer Mitte: Politische Philosophie der Einwanderung. Übers. v. Frank Lachmann. Berlin: Suhrkamp, 2017. S. 207-9)