Stefanie hat geschrieben : ↑ Mi 24. Jun 2026, 23:14
Mein Eindruck war, dass dieser Sport wesentlich zugänglicher wurde, als Carlsen kam. Dann kam vor zwei Jahren der junge Mann und wurde Weltmeister. Eine weitere Chance für den Sport, diesen mehr Kindern und Jugendliche näher zu bringen. Jetzt wird er kritisiert, eine supermotivation für interessierte Kinder.
Der „junge Mann“ gehört zu den vielen, vielen starken indischen Spielern, die – vereinfacht gesagt – das Ergebnis des Schachbooms sind, den der Inder Viswanathan Anand ausgelöst hat, als er in die Weltspitze vordrang und schließlich Weltmeister wurde: Gukesh, Erigaisi, Praggnanandhaa, Sarin u. v. m. Ich glaube nicht, dass dieser Boom so schnell abebben wird, auch wenn Gukesh im Moment als WM nicht überzeugen kann. Anand gehört mit seinen 56 übrigens immer noch zu den Besten. In der Live-Weltrangliste steht er sogar vor seinem Landsmann Gukesh.
Schach wurde zugänglicher, als Carlsen kam. Stimmt wohl. Carlsen hat übrigens Anand entthront. Ich glaube allerdings, Schach wurde nicht nur zugänglicher, weil Carlsen kam, sondern auch wegen des Internets und vielleicht auch wegen der Computer-Revolution. Heute kann man zu jeder Zeit online einen:e Spieler:in finden und eine Partie blitzen, sei es am Handy oder am PC. Bei YouTube und Twitch gibt es sehr viele, sehr erfolgreiche Schachkanäle, in Deutschland zum Beispiel den Kanal von Georgios Souleidis „The Big Greek“. Auf dem Kanal gibt es täglich (!) kommentierte Partien der Top-Großmeister der Welt, manchmal auch historische Partien. Souleidis ist selbst ein sehr starker Spieler (Internationaler Meister) und im „Team“ mit dem stärksten Schachprogramm „Stockfish“ werden profunde und unterhaltsame Analysen geboten.
Unübertroffen sind heute – dank Internet und modernen Technologien – die Übertragungen der absoluten Topereignisse, zum Beispiel vom Saint Louis Chess Club, der von den Sinquefields, die Millionäre oder gar Milliardäre sind, gesponsert wird. Das Format ist großartig: Eine starke Spielerin, zum Beispiel die Internationale Meisterin Paikidze, und der ehemalige Weltklassespieler Seirawan (der immer für eine unterhaltsame Anekdote aus seiner langen Schachkarriere gut ist) führen die Zuschauer durch die Partien, begleitet (u.a.) von dem achtfachen russischen Meister Svidler, der die Computeranalysen erläutert. Dazu Liveaufnahmen von den Spielern sowie Interviews nach den Partien. Zusätzlich gibt es oft kleine, schalldicht abgetrennte Kommentarbereiche, in denen die Spieler:innen ihre Stellung und Pläne live erklären! Das ist natürlich kein Vergleich zu dem, was in der Vorinternet-Ära möglich war.
In Deutschland könnte es eigentlich auch einen Boom geben, denn wir sind im Weltschach ziemlich gut vertreten. Vincent Keymer hat sich ziemlich fest in den Top Ten etabliert, im Moment steht er in der Live-Rangliste auf Platz 5. Außerdem haben wir mit Matthias Bluebaum einen weiteren Spieler in der "erweiterten Weltspitze". Er steht gerade auf Platz 36 der Weltrangliste. Hinzukommen drei oder vier weitere Spieler in den Top 100. Aber nach meinem Gefühl haben die deutschen Funktionäre diese Chance bisher verschlafen. Ich mag mich aber (hoffentlich!) irren.
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