Primär-, Sekundär oder was?

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Jörn Budesheim
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Di 8. Okt 2019, 10:46

Alethos hat geschrieben :
Sa 5. Okt 2019, 17:30
Mein Wintervorrat ist da!

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Wie eignet ihr euch Philosophen bzw. philosophische Literatur an. Alethos (so scheint es) setzt primär auf Primärlektüre :-) Bei mir wechselt das von Autor zu Autor.

Bei Luhmann hab ich sogar wesentlich auf Sekundär-Literatur gesetzt. Verrückterweise gibt es zu Luhmann Sekundärliteratur von ihm selbst. Es gibt eine Einführung in sein Denken von ihm selbst. War sehr lesenswert und zeigte nebenbei, dass er seine Philosophie/Soziologe auch ganz gut allgemeinverständlich darlegen kann.

Bei Rorty hingegen hab ich fast nur die Originale gelesen und etwas Sekundär-Literatur zur Begleitung. Sehr gut: Zu seinem Denken gibt es bei StW ein Buch, wo renommierte Philosophen seine Arbeit kritisch beleuchten und er selbst darauf geantwortet hat.

Bei Davidson hab ich viel Original gelesen und auch Sekundärtexte: vielleicht 50% 50% :-)

Bei John McDowell hab ich im wesentlichen auf begleitende Lektüre gesetzt, die Originale sind für mich schwer zugänglich.

Bei Markus Gabriel dürfte es noch keine Sekundär-Literatur geben - aber er hat drei Bücher für ein breites Publikum geschrieben, das dürfte auf etwas ähnliches hinaus laufen. Zudem gibt es zu "Warum es die Welt nicht gibt" auch einen "Diskussionsband" mit Einwänden und Antworten darauf. So etwas ist natürlich immer sehr instruktiv.



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Stefanie
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Di 8. Okt 2019, 19:48

Am Anfang nur Sekundärliteratur. Bücher mit Darstellungen von verschiedenen Philosophen usw. Dann Sekundärliteratur über einzelne Philosophen z.B. Popper, Arendt, Kant, Levinas. Dann auch die Originale, Popper und hauptsächlich Arendt, aber längst nicht alles von den beiden.. Das Internet macht es mittlerweile einfacher, an Aufsätze etc. verschiedener Philosophen zu kommen. Die Klassiker gibt es nahezu komplett beim Gutenberg Projekt. Es kommt darauf an, was gerade für Themen hier auftauchen.
Ich persönlich finde Sekundärliteratur sehr hilfreich.



Nur Prinzessinnen richten ihr Krönchen.
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(Unbekannt)

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Jörn Budesheim
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Di 8. Okt 2019, 19:50

Interviews! Sehr gut sind auch Interviews!



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Alethos
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Di 8. Okt 2019, 22:23

Der Grund, warum ich Primärtexte bevorzuge, ist der, dass ich mir einen unverstellten Zugang zum Gedanken erhoffe. Sekundärliteratur kommt bei mir wirklich meistens erst in einem zweiten Schritt vor. Die Regel hat Ausnahmen, wie bspw. gerade jetzt, wo ich von Matthias Wille eine Einführung zu Frege lese. Das nächste Kapitel lautet: "Die Erfindung des Abstraktionsverfahrens" und ich freue mich drauf, auch mit Seitenblick auf deinen Beitrag, Jörn, über "Abstraktion", wo du mit Äpfeln hantierst, als wären sie platonische Kleinwelten :)



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Mi 9. Okt 2019, 10:59

Hegel soll mal gesagt haben, was in seinen Werken von ihm selbst sei, das sei falsch. Das finde ich bemerkenswert. Es geht um die Sache. Wenn der Autor etwas findet, was aber ein Sekundär-Autor in bessere Worte packt, dann greife ich lieber zu zweiterem. Es gibt noch einen anderen Punkt: In einem systematischen Werk wird eine Idee ja nicht nur vorgestellt, sondern auch ausgeführt. In der Sekundärliteratur liegt das Augenmerk wohl eher auf der Idee, weniger auf ihrer Ausführung und Durcharbeitung im Detail. Das heißt, wenn es einem nur um die grundlegenden Ideen geht, muss man nicht unbedingt 1000 Seiten wälzen.



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Alethos
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Mi 9. Okt 2019, 12:35

Durchaus hat Sekundärliteratur grosse Vorteile. Ein weiterer ist, dass man, eben weil man auf die Idee konzentriert liest, schneller vorankommt. Gutes Beispiel ist dabei Husserl. Die ganze Husserliana habe ich mir runtergeladen, mehrere Tausend Seiten. Nach den ersten 1000 muss ich feststellen: Sehr vieles ist Wiederholung in anderem Gewand.

Wollte man alle voll entwickelten Systeme lesen, wäre man 3-4 Menschenleben damit beschäftigt und das kann es es, bei aller Liebe zur Philosophie, dann auch nicht sein. :o



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Sa 14. Dez 2019, 15:29

Markus Gabriel ist der übrigens ganz auf der Seite :)
Markus Gabriel hat geschrieben : [es ist] zum Beispiel eine Unsitte, zu glauben, man könnte philosophische Texte so lesen, dass man sozusagen die neuste Sekundärliteratur zur Kenntnis nimmt und dann Aristoteles’ Metaphysik liest. Das geht nicht, man muss Aristoteles’ Metaphysik schon selber lesen, es gibt da keine Abkürzung. Keine Sekundärliteratur ist auch nur ansatzweise so gut oder so verständlich wie Aristoteles selber; das ist nur Illusion, wenn man glaubt, die Aristoteles-»Forschung« könne den Aristoteles besser verstehen als er sich selber ...



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Do 19. Nov 2020, 06:10

Ich glaube nicht, dass Gabriel hier völlig recht hat. Ich denke, dass die meisten philosophischen Bücher so etwas wie eine oder eine Handvoll Grundideen haben. Und diese Grundideen werden in den Büchern entwickelt, hergeleitet und so weiter. Und die Grundgedanken kann man sicherlich auch guter Sekundärliteratur entnehmen.



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Alethos
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Sa 28. Nov 2020, 10:28

Vielleicht erfassen wir über Sekundärliteratur einen grundlegenden Gedanken, aber es ist dann schon etwas anderes, im Gedanken des originalen Verfassers sozusagen „drin zu stecken“. Die Nuancen seines ausformulierten Gedankens erfassen wir durch den Vollzug dieses Gedankens beim Lesen. Das ist fast so, als dächten wir ihn selbst.

Es hat schon eine ganz andere Qualität, wenn man den Aristoteles im Original liest, weshalb es ja noch schöner wäre, Altgriechisch zu beherrschen. Schon eine Übersetzung ins Deutsche ist in gewissem Sinne Sekundärliterarur.



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Sa 28. Nov 2020, 11:23

Dass der Primärtext etwas anderes ist als jeder Sekundär- oder Tertiärtext, das würde ich natürlich nicht bezweifeln :)



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