Fragen zur Sinnfeld-Ontolgie

Aspekte metaphysischer Systementwürfe und der Ontologie als einer Grunddisziplin der theoretischen Philosophie können hier diskutiert werden.
Groot
Beiträge: 45
Registriert: Di 6. Apr 2021, 17:10

Fr 30. Apr 2021, 00:48

Alethos hat geschrieben :
Do 29. Apr 2021, 22:39

Wenn Bewusstsein eine immaterielle mathematische Architektur ist, dann muss Logik es auch sein, und damit auch ganz unabhängig davon existieren, ob Menschen diese Logik entdecken oder nicht, verstehen oder nicht, denken oder nicht. Und so muss es letztlich auch mit dem Sinn sein, dass er unabhängig davon besteht, ob es Menschen gibt oder nicht, die ihn erfassen, weil dieser Sinn zur Architektur der Wirklichkeit gehört.
Wieso? Wenn die mathematische Architektur nur bewusstsein ist - und die Wirklichkeit logisch, und nicht: Mathematisch - funktioniert, dann kann die Außenwelt logisch und unmathematisch sein und gleichzeitig das Wesen in seinem Seelenkerne einen Descartes oder einen Bacon schlummern haben.

Ja, der Sinn gehört dann zur Architektur der Wirklichkeit. Indem Sinn, dass er dir so erscheint. Die Wirklichkeit aber erzeugt dann, aus der Summe all dieses Gabrielschen Sinnes, dann soziale Systeme, die eine umfassendere Sinnbestimmung haben. (Nicht aber auf "völlig anderen" Sinn verweisen!)




Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 15572
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Fr 30. Apr 2021, 07:40

Alethos hat geschrieben :
Do 29. Apr 2021, 20:18
Sinn in Sinnfeld hat nichts mit Sinn in Sinnlichkeit zu tun.
Der Begriff Sinn taucht in diversen Bedeutungen auf, ich glaube aber, dass der sprachliche Zusammenhang nicht zufällig ist, auch wenn man ihn nur verstehen kann, wenn man auch die Unterschiede sieht. Einfach gesagt: unsere Sinnlichkeit, zu der auch das Denken zählt, erlaubt uns ja die Sinne der Bereiche zu erfassen.



"Nichts ist menschlicher als der Wunsch, kein Mensch zu sein!" (Stanley Cavell)

"Die meisten Menschen würden leichter dahin zu bringen seyn, sich für ein Stück Lava im Monde, als für ein Ich zu halten." (Fichte)

Benutzeravatar
Alethos
Beiträge: 3894
Registriert: Do 17. Aug 2017, 15:35
Wohnort: Schweiz

Fr 30. Apr 2021, 13:01

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Fr 30. Apr 2021, 07:40
Alethos hat geschrieben :
Do 29. Apr 2021, 20:18
Sinn in Sinnfeld hat nichts mit Sinn in Sinnlichkeit zu tun.
Der Begriff Sinn taucht in diversen Bedeutungen auf, ich glaube aber, dass der sprachliche Zusammenhang nicht zufällig ist, auch wenn man ihn nur verstehen kann, wenn man auch die Unterschiede sieht. Einfach gesagt: unsere Sinnlichkeit, zu der auch das Denken zählt, erlaubt uns ja die Sinne der Bereiche zu erfassen.
Das ist mir durchaus bewusst, nur wollte
ich nicht zu sehr auf diese Finessen eingehen, um nicht noch mehr Verwirrung zu stiften. Ja, Sinnlichkeit hat natürlich auch mit dem Sinn-Verständnis in der SFO zu tun, da wir über sie Gegebenheitsweisen der Wirklichkeit erfahren. Sinnlichkeit fällt nur nicht ineins mit Sinn - Sinn gibt es auch, wo es (noch) keine Sinnlichkeit gibt. Ich hatte es bewusst so klar abgegrenzt, was falsch ist.



-------------------------------
Alle lächeln in derselben Sprache.

Groot
Beiträge: 45
Registriert: Di 6. Apr 2021, 17:10

Fr 30. Apr 2021, 18:38

Einfach gesagt: unsere Sinnlichkeit, zu der auch das Denken zählt, erlaubt uns ja die Sinne der Bereiche zu erfassen.
Was verstehst du unter "Sinne der Bereiche"? (Trifft es Bereich - oder Gebiet, Region, Gelände besser?)




Benutzeravatar
Alethos
Beiträge: 3894
Registriert: Do 17. Aug 2017, 15:35
Wohnort: Schweiz

Fr 30. Apr 2021, 22:25

Groot hat geschrieben :
Fr 30. Apr 2021, 18:38
Einfach gesagt: unsere Sinnlichkeit, zu der auch das Denken zählt, erlaubt uns ja die Sinne der Bereiche zu erfassen.
Was verstehst du unter "Sinne der Bereiche"? (Trifft es Bereich - oder Gebiet, Region, Gelände besser?)
Jeder Gegenstand hat ein Gegebensein. Es gibt ihn. „Es gibt ihn“ heisst soviel wie, dass er existiert. Was bedeutet es aber für die Existenz eines Gegenstands, dass sie zusammenfällt mit seinem Gegebensein?
Dann ist sein Gegebensein wörtlich zu verstehen: Dass er existiert, weil er gegeben wird. Aber durch wen oder was? Durch sein Vorkommen in der Gemeinsamkeit mit anderen Dinge, die einen Bereich bilden. Die Existenz eines Gegenstands ergibt sich vor dem Hintergrund eines Bereichs. Wo Dinge gemeinsam existieren, bilden sie einen Bereich. Dass sie einen Bereich bilden können, ergibt sich durch die Eigenschaftsstruktur des Bereichs. Diese ist dessen Sinn.

Ein Gegenstand erscheint vor einem Hintergrund, weil er sonst kein Gegebensein hätte. Diese Hintergründe, nennen wir sie Bereiche, sind vielgestaltig. In einem Bereich gibt es bspw. nur Gegenstände, die durch sich selbst teilbar sind. Das ist der Bereich der Zahlen. In diesem Bereich wiederum gibt es Zahlen, die eine ganze Zahl ergeben, wenn man sie durch eine ganze Zahl teilt. Das gilt für alle ganzen Zahlen, weshalb sie den Bereich bilden, in dem sich alle ganzen Zahlen vereinen: die Reihe der ganzen Zahlen. Das ist der Bereich.

In diesem Bereich, vor dem Hintergrund von Gegenständen, die ganze Zahlen sind, kann die Zahl 1.2 nicht existieren, denn der (unendliche und nichträumliche) Bereich der ganzen Zahlen gibt uns keine 1.2. Es gibt keine 1.2 im Bereich der ganzen Zahlen - der Gegenstand 1.2 hat kein Gegebensein in diesem Bereich - er existiert nicht. Aber warum? Es gibt doch offenbar die 1.2, aber warum nicht dort in diesem Bereich? Weil es offenbar die Struktur des Bereichs nicht zulässt. Das ist der Sinn des Bereichs: dasjenige, was Existenz hervorbringt resp. restringiert.



-------------------------------
Alle lächeln in derselben Sprache.

Benutzeravatar
Jörn Budesheim
Beiträge: 15572
Registriert: Mi 19. Jul 2017, 09:24
Wohnort: Kassel
Kontaktdaten:

Sa 1. Mai 2021, 07:10

Groot hat geschrieben :
Fr 30. Apr 2021, 18:38
Einfach gesagt: unsere Sinnlichkeit, zu der auch das Denken zählt, erlaubt uns ja die Sinne der Bereiche zu erfassen.
Was verstehst du unter "Sinne der Bereiche"? (Trifft es Bereich - oder Gebiet, Region, Gelände besser?)
Unter Sinn verstehe ich mit Markus Gabriel das Folgende.
Markus Gabriel, Sinn und Existenz hat geschrieben : Was einen Bereich im Unterschied zu anderen Bereichen individuiert, sind die Anordnungsregeln, denen Gegenstände unterstehen, sofern sie ihm angehören. Ich nenne die Anordnungsregeln »Sinn« und die Relation, die zwischen einem Bereich und den in ihm vorkommenden Gegenständen besteht, »Erscheinung«. Gegenstände erscheinen in Sinnfeldern, das heißt in Bereichen, die durch verschiedene Sinne gegeneinander bestimmt sind.
Markus Gabriel hat geschrieben : "Zu erscheinen bedeutet hierbei nicht im Allgemeinen, Gegenstand eines Subjekts (Objekt) zu sein. Der Ausdruck »Erscheinung« benennt vielmehr die Relation zwischen einem Sinnfeld und seinen Gegenständen, die darin besteht, dass diese in jenem wirklich sind. Erscheinung ist eine Einrichtungsfunktion, d. ‌h. die Zuordnung von Gegenständen zu Feldern. Diese Funktion kann so handgreiflich sein wie die Kräfte, die das Universum zusammenhalten, oder so diskursiv verhandelbar wie die Mitgliedschaft in einem Fitnessstudio."
Markus Gabriel, Warum es die Welt nicht gibt hat geschrieben : Sinnfeld: Eine Anordnung von Gegenständen, in der diese auf eine bestimmte Weise zusammenhängen. Die Art und Weise des Zusammenhangs von Gegenständen nenne ich einen Sinn.
In dem Ausdruck "Sinn" fließt (nach meinem Verständnis) bei Markus Gabriel verschiedenes zusammen. Zwei wichtige Aspekte davon hat Alethos bereits genannt, zum einen der Ausdruck "Sinn", wie ihn Gottlob Frege im Unterschied zur "Bedeutung" verwendet. Und der - damit natürlich verwandte - Ausdruck Richtung, nämlich die Richtung, aus der etwas kommt. Die berühmten "Sinnesdaten" - um ein Beispiel zu geben - sind "da draußen" und wir empfangen sie. Mit "da draußen" ist gemeint, dass sie nicht irgendwo in unserem "Bewusstseins-Zimmer" existieren.

[Das ist vielleicht etwas off-topic: aber die altertümliche Idee, dass die Bilder irgendwo im Künstler oder der Künstlerin schlummern und diese sie dann "ausdrücken" ist ja mit dieser überkommenen Epistemologie - bzw. Metaphysik verknüpft. Der Psychologismus ist aber natürlich auch in der Kunst falsch, soweit ich das bisher verstanden habe, ist das auch einer der Gedanken von Hans-Georg Gadamer.]



"Nichts ist menschlicher als der Wunsch, kein Mensch zu sein!" (Stanley Cavell)

"Die meisten Menschen würden leichter dahin zu bringen seyn, sich für ein Stück Lava im Monde, als für ein Ich zu halten." (Fichte)

Benutzeravatar
NaWennDuMeinst
Beiträge: 1628
Registriert: Sa 30. Mai 2020, 12:37

Mo 3. Mai 2021, 17:36

Zahlenbereiche:

Natürliche Zahlen
Ganze Zahlen
Gebrochene Zahlen
Rationale Zahlen
Reelle Zahlen
Komplexe Zahlen

All diese Bereiche existieren in einem einzigen großen Bereich, dem Reich der Zahlen.

Was ist denn nun analog dazu das "Reich der Sinnfelder"?
Ist das nicht die Welt, die es angeblich nicht gibt?



But I, being poor, have only my dreams; I have spread my dreams under your feet;
Tread softly because you tread on my dreams.
(William Butler Yeats)

Benutzeravatar
transfinitum
Beiträge: 102
Registriert: Mi 12. Aug 2020, 07:10
Kontaktdaten:

Mo 3. Mai 2021, 21:49

Jörn Budesheim hat geschrieben :
Sa 1. Mai 2021, 07:10
Anordnungsregeln
die Beschreibung der Anordnungsregeln ist ausgesprochen nützlich, um Bereiche, die sich sehr ähneln, dennoch zu unterscheiden. Als Ergänzung zu den obigen Zitaten habe ich noch folgendes gefunden:
Wenn zu existieren bedeutet, in einem Bereich zu erscheinen, impliziert dies freilich, dass auch nur dann Bereiche existieren können, wenn sie in einem weiteren Bereich erscheinen. Folglich können Gegenstände nicht von Bereichen isoliert existieren. Sie sind keine Absoluta, sondern Relata. Gegenstande existieren relativ zu ihrem Bereich, und Bereiche sind umgekehrt auch nur relativ zu ihren Gegenständen individuiert, sofern die Sinne, die einen Bereich individuieren, bestimmte Gegenstande erscheinen lassen. (Markus Gabriel, Sinn und Existenz, $4)
wir hatten zuvor bereits auf die Dynamik und Beweglichkeit der Sinnfelder hingewiesen und dabei spielt wahrscheinlich gerade das Fettgedruckte eine nicht zu vernachlässigende Rolle.



summonsound.wordpress.com

Antworten